Menschliches Allzumenschliches
Ein Buch für freie Geister
Inhaltsverzeichnis
Erster Band
Vorrede
Erstes Hauptstück: Von den ersten und letzten Dingen
Zweites Hauptstück: Zur Geschichte der moralischen Empfindungen
Drittes Hauptstück: Das religiöse Leben
Viertes Hauptstück: Aus der Seele der Künstler und Schriftsteller
Fünftes Hauptstück: Anzeichen höherer und niederer Kultur
Sechstes Hauptstück: Der Mensch im Verkehr
Siebentes Hauptstück: Weib und Kind
Achtes Hauptstück: Ein Blick auf den Staat
Neuntes Hauptstück: Der Mensch mit sich allein
Unter Freunden. Ein Nachspiel
Zweiter Band
Vorrede
Erste Abteilung: Vermischte Meinungen und Sprüche
Zweite Abteilung: Der Wanderer und sein Schatten
Erster Band
Vorrede
1
Es ist mir oft genug und immer mit großem Befremden
ausgedrückt worden, daß es etwas Gemeinsames
und Auszeichnendes an allen meinen Schriften gäbe, von der
"Geburt der Tragödie" an bis zum letzthin veröffentlichten
"Vorspiel einer Philosophie der Zukunft": sie enthielten
allesamt, hat man mir gesagt, Schlingen und Netze für
unvorsichtige Vögel und beinahe eine beständige unvermerkte
Aufforderung zur Umkehrung gewohnter Wertschätzungen
und geschätzter Gewohnheiten. Wie? A l l e s
nur - menschlich-allzumenschlich? Mit diesem Seufzer
komme man aus meinen Schriften heraus, nicht ohne eine
Art Scheu und Mißtrauen selbst gegen die Moral, ja nicht
übel versucht und ermutigt, einmal den Fürsprecher der
schlimmsten Dinge zu machen: wie als ob sie vielleicht
nur die bestverleumdeten seien? Man hat meine Schriften
eine Schule des Verdachts genannt, noch mehr der Verachtung,
glücklicherweise auch des Mutes, ja der Verwegenheit.
In der Tat, ich selbst glaube nicht, daß
jemals jemand mit einem gleich tiefen Verdachte in die
Welt gesehen hat, und nicht nur als gelegentlicher Anwalt
des Teufels, sondern ebenso sehr, theologisch zu reden, als
Feind und Vorforderer Gottes; und wer etwas von den
Folgen errät, die in jedem tiefen Verdachte liegen, etwas
von den Frösten und Ängsten der Vereinsamung, zu denen
jede unbedingte V e r s c h i e d e n h e i t des Blicks den mit
ihr Behafteten verurteilt, wird auch verstehn, wie oft ich
zur Erholung von mir, gleichsam zum zeitweiligen Selbstvergessen,
irgendwo unterzutreten suchte - in irgend
einer Verehrung oder Feindschaft oder Wissenschaftlichkeit
oder Leichtfertigkeit oder Dummheit; auch warum
ich, wo ich nicht fand, was ich b r a u c h t e, es mir künstlich
erzwingen, zurechtfälschen, zurechtdichten mußte
(- und was haben Dichter je anderes getan? und wozu
wäre alle Kunst in der Welt da?). Was ich aber immer
wieder am nötigsten brauchte, zu meiner Kur und Selbst-Wiederherstellung,
das war der Glaube, nicht dergestalt
einzeln zu sein, einzeln zu s e h n, - ein zauberhafter
Argwohn von Verwandtschaft und Gleichheit in Auge
und Begierde, ein Ausruhen im Vertrauen der Freundschaft,
eine Blindheit zu zweien ohne Verdacht und
Fragezeichen, ein Genuß an Vordergründen, Oberflächen,
Nahem, Nächstem, an allem, was Farbe, Haut und Scheinbarkeit
hat. Vielleicht, daß man mir in diesem Betrachte
mancherlei "Kunst", mancherlei feinere Falschmünzerei
vorrücken könnte: zum Beispiel, daß ich wissentlich-willentlich
die Augen vor Schopenhauers blindem Willen
zur Moral zugemacht hätte, zu einer Zeit, wo ich über
Moral schon hellsichtig genug war; insgleichen daß ich
mich über Richard Wagners unheilbare Romantik betrogen
hätte, wie als ob sie ein Anfang und nicht ein
Ende sei; insgleichen über die Griechen, insgleichen über
die Deutschen und ihre Zukunft - und es gäbe vielleicht
noch eine ganze lange Liste solcher Insgleichen? - gesetzt
aber, dies alles wäre wahr und mit gutem Grunde
mir vorgerückt, was wißt i h r davon, was k ö n n t e t ihr
davon wissen, wieviel List der Selbst-Erhaltung, wieviel
Vernunft und höhere Obhut in solchem Selbst-Betruge
enthalten ist, - und wieviel Falschheit mir noch
n o t t u t, damit ich mir immer wieder den Luxus m e i n e r
Wahrhaftigkeit gestatten darf? ! ... Genug, ich lebe
noch; und das Leben ist nun einmal nicht von der Moral
ausgedacht: es w i l l Täuschung, es l e b t von der
Täuschung ... aber nicht wahr? da beginne ich bereits
wieder und tue, was ich immer getan habe, ich alter Immoralist
und Vogelsteller - und rede unmoralisch, außermoralisch,
"jenseits von Gut und Böse"? -
2
- So habe ich denn einstmals, als ich es nötig hatte,
mir auch die "freien Geister" e r f u n d e n, denen dieses
schwermütig-mutige Buch mit dem Titel: "Menschliches,
Allzumenschliches" gewidmet ist: dergleichen "freie
Geister" gibt es nicht, gab es nicht, - aber ich hatte sie
damals, wie gesagt, zur Gesellschaft nötig, um guter
Dinge zu bleiben inmitten schlimmer Dinge (Krankheit,
Vereinsamung, Fremde, acedia, Untätigkeit): als tapfere
Gesellen und Gespenster, mit denen man schwätzt und
lacht, wenn man Lust hat zu schwätzen und zu lachen,
und die man zum Teufel schickt, wenn sie langweilig
werden, - als ein Schadenersatz für mangelnde Freunde.
Daß es dergleichen freie Geister einmal geben könnte,
daß unser Europa unter seinen Söhnen von Morgen und
Übermorgen solche muntere und verwegene Gesellen
haben w i r d, leibhaft und handgreiflich und nicht nur,
wie in meinem Falle, als Schemen und Einsiedler-Schattenspiel:
daran möchte ich am wenigsten zweifeln. Ich
sehe sie bereits k o m m e n, langsam, langsam; und vielleicht
tue ich etwas, um ihr Kommen zu beschleunigen,
wenn ich zum voraus beschreibe, unter welchen Schicksalen
ich sie entstehn, auf welchen Wegen ich sie kommen
s e h e ? - -
3
Man darf vermuten, daß ein Geist, in dem der Typus
"freier Geist" einmal bis zur Vollkommenheit reif und
süß werden soll, sein entscheidendes Ereignis in einer
g r o ß e n L o s l ö s u n g gehabt hat, und daß er vorher um
so mehr ein gebundener Geist war und für immer an
seine Ecke und Säule gefesselt schien. Was bindet am
festesten? welche Stricke sind beinahe unzerreißbar? Bei
Menschen einer hohen und ausgesuchten Art werden es
die Pflichten sein: jene Ehrfurcht, wie sie der Jugend
eignet, jene Scheu und Zartheit vor allem Altverehrten
und Würdigen, jene Dankbarkeit für den Boden, aus dem
sie wuchsen, für die Hand, die sie führte, für das Heiligtum,
wo sie anbeten lernten, - ihre höchsten Augenblicke
selbst werden sie am festesten binden, am dauerndsten
verpflichten. Die große Loslösung kommt für solchermaßen
Gebundene plötzlich, wie ein Erdstoß: die
junge Seele wird mit e i n e m Male erschüttert, losgerissen,
herausgerissen, - sie selbst versteht nicht, was sich
begibt. Ein Antrieb und Andrang waltet und wird über
sie Herr wie ein Befehl; ein Wille und Wunsch erwacht,
fortzugehn, irgendwohin, um jeden Preis; eine heftige
gefährliche Neugierde nach einer unentdeckten Welt
flammt und flackert in allen ihren Sinnen. "Lieber sterben,
als h i e r leben" - so klingt die gebieterische Stimme
und Verführung: und dies "hier", dies "zu Hause" ist
alles, was sie bis dahin geliebt hatte! Ein plötzlicher
Schrecken und Argwohn gegen das, was sie liebte, ein
Blitz von Verachtung gegen das, was ihr "Pflicht" hieß,
ein aufrührerisches, willkürliches, vulkanisch stoßendes
Verlangen nach Wanderschaft, Fremde, Entfremdung,
Erkältung, Ernüchterung, Vereisung, ein Haß auf die
Liebe, vielleicht ein tempelschänderischer Griff und Blick
r ü c k w ä r t s, dorthin, wo sie bis dahin anbetete und
liebte, vielleicht eine Glut der Scham über das, was sie
eben tat, und ein Frohlocken zugleich, d a ß sie es tat, ein
trunkenes, inneres, frohlockendes Schaudern, in dem sich
ein Sieg verrät - ein Sieg? über was? über wen? ein
rätselhafter, fragenreicher, fragwürdiger Sieg, aber der
e r s t e Sieg immerhin: - dergleichen Schlimmes und
Schmerzliches gehört zur Geschichte der großen Loslösung.
Sie ist eine Krankheit zugleich, die den Menschen
zerstören kann, dieser erste Ausbruch von Kraft
und Willen zur Selbstbestimmung, Selbst-Wertsetzung,
dieser Wille zum f r e i e n Willen: und wieviel Krankheit
drückt sich an den wilden Versuchen und Seltsamkeiten
aus, mit denen der Befreite, Losgelöste sich nunmehr
seine Herrschaft über die Dinge zu beweisen sucht!
Er schweift grausam umher, mit einer unbefriedigten
Lüsternheit; was er erbeutet, muß die gefährliche Spannung
seines Stolzes abbüßen; er zerreißt, was ihn reizt.
Mit einem bösen Lachen dreht er um, was er verhüllt,
durch irgend eine Scham geschont findet: er versucht,
wie diese Dinge aussehn, w e n n man sie umkehrt. Es
ist Willkür und Lust an der Willkür darin, wenn er
vielleicht nun seine Gunst dem zuwendet, was bisher
in schlechtem Rufe stand, - wenn er neugierig und
versucherisch um das Verbotenste schleicht. Im Hintergrunde
seines Treibens und Schweifens - denn er ist unruhig
und ziellos unterwegs wie in einer Wüste - steht
das Fragezeichen einer immer gefährlicheren Neugierde.
"Kann man nicht a l l e Werte umdrehn? und ist Gut
vielleicht Böse? und Gott nur eine Erfindung und Feinheit
des Teufels? Ist alles vielleicht im letzten Grunde falsch?
Und wenn wir Betrogene sind, sind wir nicht ebendadurch
auch Betrüger? m ü s s e n wir nicht auch Betrüger sein?"
- solche Gedanken führen und verführen ihn, immer
weiter fort, immer weiter ab. Die Einsamkeit umringt
und umringelt ihn, immer drohender, würgender, herzzuschnürender,
jene furchtbare Göttin und mater saeva
cupidinum - aber wer weiß es heute, was E i n s a m k e i t
ist? ...
4
Von dieser krankhaften Vereinsamung, von der Wüste
solcher Versuchs-Jahre ist der Weg noch weit bis zu
jener ungeheuren überströmenden Sicherheit und Gesundheit,
welche der Krankheit selbst nicht entraten mag, als
eines Mittels und Angelhakens der Erkenntnis, bis zu
jener r e i f e n Freiheit des Geistes, welche ebenso sehr
Selbstbeherrschung und Zucht des Herzens ist und die
Wege zu vielen und entgegengesetzten Denkweisen erlaubt -,
bis zu jener inneren Umfänglichkeit und Verwöhnung
des Überreichtums, welche die Gefahr ausschließt,
daß der Geist sich etwa selbst in die eignen
Wege verlöre und verliebte und in irgend einem Winkel
berauscht sitzen bliebe, bis zu jenem Überschuß an
plastischen, ausheilenden, nachbildenden und wiederherstellenden
Kräften, welcher eben das Zeichen der g r o ß e n
Gesundheit ist, jener Überschuß, der dem freien Geiste
das gefährliche Vorrecht gibt, a u f d e n V e r s u c h hin
leben und sich dem Abenteuer anbieten zu dürfen: das
Meisterschafts-Vorrecht des freien Geistes! Dazwischen
mögen lange Jahre der Genesung liegen, Jahre voll
vielfarbiger, schmerzlich-zauberhafter Wandlungen,
beherrscht und am Zügel geführt durch einen zähen W i l l e n
z u r G e s u n d h e i t, der sich oft schon als Gesundheit
zu kleiden und zu verkleiden wagt. Es gibt einen
mittleren Zustand darin, dessen ein Mensch solchen
Schicksals später nicht ohne Rührung eingedenk ist: ein
blasses, feines Licht- und Sonnenglück ist ihm zu eigen,
ein Gefühl von Vogel-Freiheit, Vogel-Umblick, Vogel-Übermut,
etwas Drittes, in dem sich Neugierde und zarte
Verachtung gebunden haben. Ein "freier Geist" - dies
kühle Wort tut in jenem Zustande wohl, es wärmt beinahe.
Man lebt, nickt mehr in den Fesseln von Liebe und
Haß, ohne Ja, ohne Mein, freiwillig nahe, freiwillig ferne,
am liebsten entschlüpfend, ausweichend, fortflatternd,
wieder weg, wieder emporfliegend; man ist verwöhnt,
wie jeder, der einmal ein ungeheures Vielerlei u n t e r
sich gesehn hat, - und man ward zum Gegenstück derer,
welche sich um Dinge bekümmern, die sie nichts angehn.
In der Tat, den freien Geist gehen nunmehr lauter Dinge
an - und wie viele Dinge! - welche ihn nicht mehr
b e k ü m m e r n ...
5
Ein Schritt weiter in der Genesung: und der freie
Geist nähert sich wieder dem Leben, langsam freilich,
fast widerspenstig, fast mißtrauisch. Es wird wieder
wärmer um ihn, gelber gleichsam; Gefühl und Mitgefühl
bekommen Tiefe, Tauwinde aller Art gehen über ihn
weg. Fast ist ihm zu Mute, als ob ihm jetzt erst die
Augen für das N a h e aufgingen. Er ist verwundert und
sitzt stille: wo w a r er doch? Diese nahen und nächsten
Dinge: wie scheinen sie ihm verwandelt! welchen Flaum
und Zauber haben sie inzwischen bekommen! Er blickt
dankbar zurück, - dankbar seiner Wanderschaft, seiner
Härte und Selbstentfremdung, seinen Fernblicken und
Vogelflügen in kalte Höhen. Wie gut, daß er nicht wie
ein zärtlicher dumpfer Eckensteher immer "zu Hause",
immer "bei sich" geblieben ist! Er war a u ß e r sich:
es ist kein Zweifel. Jetzt erst sieht er sich selbst -,
und welche Überraschungen findet er dabei! Welche unerprobten
Schauder! Welches Glück noch in der Müdigkeit,
der alten Krankheit, den Rückfällen des Genesenden!
Wie es ihm gefällt, leidend stillzusitzen, Geduld zu
spinnen, in der Sonne zu liegen! Wer versteht sich
gleich ihm auf das Glück im Winter, auf die Sonnenflecke
an der Mauer! Es sind die dankbarsten Tiere
von der Welt, auch die bescheidensten, diese dem Leben
wieder halb zugewendeten Genesenden und Eidechsen:
- es gibt solche unter ihnen, die keinen Tag von sich
lassen, ohne ihm ein kleines Loblied an den nachschleppenden
Saum zu hängen. Und ernstlich geredet: es ist
eine gründliche K u r gegen allen Pessimismus (den
Krebsschaden alter Idealisten und Lügenbolde, wie bekannt -),
auf die Art dieser freien Geister krank zu werden, eine
gute Weile krank zu bleiben und dann, noch länger,
noch länger, gesund, ich meine "gesünder" zu werden.
Es ist Weisheit darin, Lebens-Weisheit, sich die Gesundheit
selbst lange Zeit nur in kleinen Dosen zu verordnen.
-
6
Um jene Zeit mag es endlich geschehn, unter den plötzlichen
Lichtern einer noch ungestümen, noch wechselnden
Gesundheit, daß dem freien, immer freieren Geiste sich
das Rätsel jener großen Loslösung zu entschleiern beginnt,
welches bis dahin dunkel, fragwürdig, fast unberührbar
in seinem Gedächtnisse gewartet hatte. Wenn
er sich lange kaum zu fragen wagte "warum so abseits?
so allein? allem entsagend, was ich verehrte? der Verehrung
selbst entsagend? warum diese Härte, dieser Argwohn,
dieser Haß auf die eigenen Tugenden?" - jetzt
wagt und fragt er es laut und hört auch schon etwas
wie Antwort darauf. "Du solltest Herr über dich werden,
Herr auch über die eigenen Tugenden. Früher waren
s i e deine Herren; aber sie dürfen nur deine Werkzeuge
neben andren Werkzeugen sein. Du solltest Gewalt über
dein Für und Wider bekommen und es verstehn lernen,
sie aus- und wieder einzuhängen, je nach deinem höheren
Zwecke. Du solltest das Perspektivische in jeder Wertschätzung
begreifen lernen - die Verschiebung, Verzerrung
und scheinbare Teleologie der Horizonte und
was alles zum Perspektivischen gehört; auch das Stück
Dummheit in bezug auf entgegengesetzte Werte und die
ganze intellektuelle Einbuße, mit der sich jedes Für,
jedes Wider bezahlt macht. Du solltest die n o t w e n d i g e
Ungerechtigkeit in jedem Für und Wider begreifen lernen,
die Ungerechtigkeit als unablösbar vom Leben, das
Leben selbst als b e d i n g t durch das Perspektivische und
seine Ungerechtigkeit. Du solltest vor allem mit Augen
sehn, wo die Ungerechtigkeit immer am größten ist: dort
nämlich, wo das Leben am kleinsten, engsten, dürftigsten,
anfänglichsten entwickelt ist und dennoch nicht
umhin kann, sich als Zweck und Maß der Dinge zu
nehmen und seiner Erhaltung zuliebe das Höhere,
Größere, Reichere heimlich und kleinlich und unablässig
anzubröckeln und in Frage zu stellen, - du solltest das
Problem der R a n g o r d n u n g mit Augen sehn, und wie
Macht und Recht und Umfänglichkeit der Perspektive
miteinander in die Höhe wachsen. Du solltest" - genug,
der freie Geist w e i ß nunmehr, welchem "du sollst" er
gehorcht hat, und auch, was er jetzt k a n n, was er jetzt
erst - d a r f ...
7
Dergestalt gibt der freie Geist in bezug auf jenes
Rätsel von Loslösung sich Antwort und endet damit,
indem er seinen Fall verallgemeinert, sich über sein Erlebnis
also zu entscheiden. "Wie es mir erging", sagt er
sich, muß es jedem ergehn, in dem eine Aufgabe leibhaft
werden und "zur Welt kommen" will. Die heimliche
Gewalt und Notwendigkeit dieser Aufgabe wird
unter und in seinen einzelnen Schicksalen walten gleich
einer unbewußten Schwangerschaft, - lange, bevor er
diese Aufgabe selbst ins Auge gefaßt hat und ihren
Namen weiß. Unsere Bestimmung verfügt über uns, auch
wenn wir sie noch nicht kennen; es ist die Zukunft, die
unserm Heute die Regel gibt. Gesetzt, daß es d a s P r o b l e m
d e r R a n g o r d n u n g ist, von dem wir sagen dürfen,
daß es u n s e r Problem ist, wir freien Geister: jetzt, in
dem Mittage unseres Lebens, verstehn wir es erst, was
für Vorbereitungen, Umwege, Proben, Versuchungen,
Verkleidungen das Problem nötig hatte, ehe es vor uns
aufsteigen d u r f t e, und wie wir erst die vielfachsten und
widersprechendsten Not- und Glücksstände an Seele und
Leib erfahren mußten, als Abenteurer und Weltumsegler
jener inneren Welt, die "Mensch" heißt, als Ausmesser
jedes "Höher" und "Übereinander", das gleichfalls
"Mensch" heißt - überallhin dringend, fast ohne Furcht,
nichts verschmähend, nichts verlierend, alles auskostend,
alles vom Zufälligen reinigend und gleichsam aussiebend,
- bis wir endlich sagen durften, wir freien Geister:
"Hier - ein n e u e s Problem! Hier eine lange Leiter,
auf deren Sprossen wir selbst gesessen und gestiegen sind,
- die wir selbst irgendwann g e w e s e n sind! Hier ein
Höher, ein Tiefer, ein Unter-uns, eine ungeheure lange
Ordnung, eine Rangordnung, die w i r sehen: hier -
u n s e r Problem!" - -
8
- Es wird keinem Psychologen und Zeichendeuter
einen Augenblick verborgen bleiben, an welche Stelle der
eben geschilderten Entwicklung das vorliegende Buch gehört
(oder g e s t e l l t ist -). Aber wo gibt es heute Psychologen?
In Frankreich, gewiß; vielleicht in Rußland;
sicherlich nicht in Deutschland. Es fehlt nicht an Gründen,
weshalb sich dies die heutigen Deutschen sogar noch
zur Ehre anrechnen könnten: schlimm genug für e i n e n,
der in diesem Stücke undeutsch geartet und geraten ist!
Dies d e u t s c h e Buch, welches in einem weiten Umkreis
von Ländern und Völkern seine Leser zu finden gewußt
hat - es ist ungefähr zehn Jahre unterwegs - und sich
auf irgend welche Musik und Flötenkunst verstehn m u ß,
durch die auch spröde Ausländerohren zum Horchen verführt
werden, - gerade in Deutschland ist dies Buch am
nachlässigsten gelesen, am schlechtesten g e h ö r t worden:
woran liegt das? - "Es verlangt zu viel", hat man mir
geantwortet, "es wendet sich an Menschen ohne die
Drangsal grober Pflichten, es will feine und verwöhnte
Sinne, es hat Überfluß nötig, Überfluß an Zeit, an Helligkeit
des Himmels und Herzens, an otium im verwegensten
Sinne: - lauter gute Dinge, die wir Deutschen von
heute nicht haben und also auch nicht geben können."
- Nach einer so artigen Antwort rät mir meine Philosophie,
zu schweigen und nicht mehr weiter zu fragen;
zumal man in gewissen Fällen, wie das Sprichwort andeutet,
nur dadurch Philosoph b l e i b t, daß man -
schweigt.
N i z z a, im Frühling 1886
Erstes Hauptstück:Von den ersten und letzten
Dingen
1
C h e m i e d e r B e g r i f f e u n d E m p f i n d u n g e n.
- Die philosophischen Probleme nehmen jetzt wieder
fast in allen Stücken dieselbe Form der Frage an wie vor
zweitausend Jahren: wie kann etwas aus seinem Gegensatz
entstehen, zum Beispiel Vernünftiges aus Vernunftlosem,
Empfindendes aus Totem, Logik aus Unlogik, interesseloses
Anschauen aus begehrlichem Wollen, Leben für
andere aus Egoismus, Wahrheit aus Irrtümern? Die
metaphysische Philosophie half sich bisher über diese
Schwierigkeit hinweg, insofern sie die Entstehung des
einen aus dem andern leugnete und für die höher gewerteten
Dinge einen Wunder-Ursprung annahm, unmittelbar
aus dem Kern und Wesen des "Dinges an sich" heraus.
Die historische Philosophie dagegen, welche gar
nicht mehr getrennt von der Naturwissenschaft zu denken
ist, die allerjüngste aller philosophischen Methoden, ermittelte
in einzelnen Fällen (und vermutlich wird dies in
allen ihr Ergebnis sein), daß es keine Gegensätze sind,
außer in der gewohnten Übertreibung der populären oder
metaphysischen Auffassung, und daß ein Irrtum der Vernunft
dieser Gegenüberstellung zugrunde liegt: nach
ihrer Erklärung gibt es, streng gefaßt, weder ein
unegoistisches Handeln, noch ein völlig interesseloses
Anschauen, es sind beides nur Sublimierungen, bei denen
das Grundelement fast verflüchtigt erscheint und nur
noch für die feinste Beobachtung sich als vorhanden erweist. -
Alles, was wir brauchen und was erst bei der
gegenwärtigen Höhe der einzelnen Wissenschaften uns
gegeben werden kann, ist eine Chemie der moralischen,
religiösen, ästhetischen Vorstellungen und Empfindungen,
ebenso aller jener Regungen, welche wir im Groß- und
Kleinverkehr der Kultur und Gesellschaft, ja in der
Einsamkeit an uns erleben: wie, wenn diese Chemie mit dem
Ergebnis abschlösse, daß auch auf diesem Gebiete die
herrlichsten Farben aus niedrigen, ja verachteten Stoffen
gewonnen sind? Werden viele Lust haben, solchen Untersuchungen
zu folgen? Die Menschheit liebt es, die Fragen
über Herkunft und Anfänge sich aus dem Sinne zu schlagen:
muß man nicht fast entmenscht sein, - um den
entgegengesetzten Hang in sich zu spüren? -
2
E r b f e h l e r d e r P h i l o s o p h e n. - Alle Philosophen
haben den gemeinsamen Fehler an sich, daß sie vom
gegenwärtigen Menschen ausgehen und durch eine Analyse
desselben ans Ziel zu kommen meinen. Unwillkürlich
schwebt ihnen "der Mensch" als eine aeterna veritas,
als ein Gleichbleibendes in allem Strudel, als ein sichres
Maß der Dinge vor. Alles, was der Philosoph über den
Menschen aussagt, ist aber im Grunde nicht mehr als ein
Zeugnis über den Menschen eines s e h r b e s c h r ä n k t e n
Zeitraums. Mangel an historischem Sinn ist der Erbfehler
aller Philosophen; manche sogar nehmen unversehens
die allerjüngste Gestaltung des Menschen, wie
eine solche unter dem Eindruck bestimmter Religionen,
ja bestimmter politischer Ereignisse entstanden ist, als
die feste Form, von der man ausgehen müsse. Sie wollen
nicht lernen, daß der Mensch geworden ist, daß auch das
Erkenntnisvermögen geworden ist; während einige von
ihnen sogar die ganze Welt aus diesem Erkenntnisvermögen
sich herausspinnen lassen. - Nun ist alles
W e s e n t l i c h e der menschlichen Entwicklung in Urzeiten
vor sich gegangen, lange vor jenen 4000 Jahren, die wir
ungefähr kennen; in diesen mag sich der Mensch nicht
viel mehr verändert haben. Da sieht aber der Philosoph
"Instinkte" am gegenwärtigen Menschen und nimmt an,
daß diese zu den unveränderlichen Tatsachen des Menschen
gehören und insofern einen Schlüssel zum Verständnis
der Welt überhaupt abgeben können: die ganze Teleologie
ist darauf gebaut, daß man vom Menschen der
letzten vier Jahrtausende als von einem e w i g e n redet,
zu welchem hin alle Dinge in der Welt von ihrem Anbeginne
eine natürliche Richtung haben. Alles aber ist
geworden; es gibt k e i n e e w i g e n T a t s a c h e n : so wie
es keine absoluten Wahrheiten gibt. - Demnach ist das
h i s t o r i s c h e P h i l o s o p h i e r e n von jetzt ab nötig und
mit ihm die Tugend der Bescheidung.
3
S c h ä t z u n g d e r u n s c h e i n b a r e n W a h r h e i t e n.
Es ist das Merkmal einer höheren Kultur, die kleinen
unscheinbaren Wahrheiten, welche mit strenger Methode
gefunden wurden, höher zu schätzen als die beglückenden
und blendenden Irrtümer, welche metaphysischen und
künstlerischen Zeitaltern und Menschen entstammen.
Zunächst hat man gegen erstere den Hohn auf den Lippen,
als könne hier gar nichts Gleichberechtigtes gegeneinander
stehen: so bescheiden, schlicht, nüchtern, ja scheinbar
entmutigend stehen diese, so schön, prunkend, berauschend,
ja vielleicht beseligend stehen jene da. Aber das
Mühsam-Errungene, Gewisse, Dauernde und deshalb für jede
weitere Erkenntnis noch Folgenreiche ist doch das Höhere;
zu ihm sich zu halten ist männlich und zeigt Tapferkeit,
Schlichtheit, Enthaltsamkeit an. Allmählich wird nicht
nur der einzelne, sondern die gesamte Menschheit zu
dieser Männlichkeit emporgehoben werden, wenn sie sich
endlich an die höhere Schätzung der haltbaren, dauerhaften
Erkenntnisse gewöhnt und allen Glauben an Inspiration
und wundergleiche Mitteilung von Wahrheiten
verloren hat. - Die Verehrer der F o r m e n freilich, mit
ihrem Maßstabe des Schönen und Erhabenen, werden zunächst
gute Gründe zu spotten haben, sobald die Schätzung
der unscheinbaren Wahrheiten und der wissenschaftliche
Geist anfängt zur Herrschaft zu kommen: aber nur
weil entweder ihr Auge sich noch nicht dem Reiz der
s c h l i c h t e s t e n Form erschlossen hat oder weil die in
jenem Geiste erzogenen Menschen noch lange nicht völlig
und innerlich von ihm durchdrungen sind, so daß sie
immer noch gedankenlos alte Formen nachmachen (und
dies schlecht genug, wie es jemand tut, dem nicht mehr
viel an einer Sache liegt). Ehemals war der Geist nicht
durch strenges Denken in Anspruch genommen, da lag
sein Ernst im Ausspinnen von Symbolen und Formen.
Das hat sich verändert; jener Ernst des Symbolischen ist
zum Kennzeichen der niederen Kultur geworden. Wie
unsere Künste selber immer intellektualer, unsre Sinne
geistiger werden, und wie man zum Beispiel jetzt ganz
anders darüber urteilt, was sinnlich wohltönend ist, als
vor 100 Jahren: so werden auch die Formen unseres
Lebens immer g e i s t i g e r, für das Auge älterer Zeiten
vielleicht h ä ß l i c h e r, aber nur weil es nicht zu sehen
vermag, wie das Reich der inneren, geistigen Schönheit
sich fortwährend vertieft und erweitert und inwiefern
uns allen der geistreiche Blick jetzt mehr gelten darf als
der schönste Gliederbau und das erhabenste Bauwerk.
4
A s t r o l o g i e u n d V e r w a n d t e s. - Es ist wahrscheinlich,
daß die Objekte des religiösen, moralischen und
ästhetischen Empfindens ebenfalls nur zur Oberfläche der
Dinge gehören, während der Mensch gern glaubt, daß er
hier wenigstens an das Herz der Welt rühre; er täuscht
sich, weil jene Dinge ihn so tief beseligen und so tief
unglücklich machen, und zeigt also hier denselben Stolz
wie bei der Astrologie. Denn diese meint, der Sternenhimmel
drehe sich um das Los des Menschen; der moralische
Mensch aber setzt voraus, das, was ihm wesentlich
am Herzen liege, müsse auch Wesen und Herz der Dinge
sein.
5
M i ß v e r s t ä n d n i s d e s T r a u m e s. - Im Traum
glaubte der Mensch in den Zeitaltern roher uranfänglicher
Kultur eine z w e i t e r e a l e W e l t kennen zu lernen;
hier ist der Ursprung aller Metaphysik. Ohne den Traum
hätte man keinen Anlaß zu einer Scheidung der Welt
gefunden. Auch die Zerlegung in Seele und Leib hängt
mit der ältesten Auffassung des Traumes zusammen,
ebenso die Annahme eines Seelenscheinleibes, also die
Herkunft alles Geisterglaubens und wahrscheinlich auch
des Götterglaubens. "Der Tote lebt fort; d e n n er
erscheint dem Lebenden im Traume": so schloß man ehedem,
durch viele Jahrtausende hindurch.
6
D e r G e i s t d e r W i s s e n s c h a f t i m T e i l, n i c h t i m
G a n z e n m ä c h t i g. - Die abgetrennten k l e i n s t e n
Gebiete der Wissenschaft werden rein sachlich behandelt:
die allgemeinen großen Wissenschaften dagegen legen, als
Ganzes betrachtet, die Frage - eine recht unsachliche
Frage freilich - auf die Lippen, wozu? zu welchem
Nutzen? Wegen dieser Rücksicht auf den Nutzen werden
sie, als Ganzes, weniger unpersönlich als in ihren Teilen
behandelt. Bei der Philosophie nun gar, als bei der Spitze
der gesamten Wissenspyramide, wird unwillkürlich die
Frage nach dem Nutzen der Erkenntnis überhaupt aufgeworfen,
und jede Philosophie hat unbewußt die Absicht,
ihr den h ö c h s t e n Nutzen zuzuschreiben. Deshalb
gibt es in allen Philosophien soviel hochfliegende Metaphysik
und eine solche Scheu vor den unbedeutend erscheinenden
Lösungen der Physik; denn die Bedeutsamkeit
der Erkenntnis für das Leben s o l l so groß als
möglich erscheinen. Hier ist der Antagonismus zwischen den
wissenschaftlichen Einzelgebieten und der Philosophie.
Letztere will, was die Kunst will, dem Leben und Handeln
möglichste Tiefe und Bedeutung geben; in ersteren
sucht man Erkenntnis und nichts weiter - was dabei
auch herauskomme. Es hat bis jetzt noch keinen Philosophen
gegeben, unter dessen Händen die Philosophie
nicht zu einer Apologie der Erkenntnis geworden wäre;
in diesem Punkte wenigstens ist ein jeder Optimist,
daß dieser die höchste Nützlichkeit zugesprochen werden
müsse. Sie alle werden von der Logik tyrannisiert: und
diese ist ihrem Wesen nach Optimismus.
7
D e r S t ö r e n f r i e d i n d e r W i s s e n s c h a f t. - Die
Philosophie schied sich von der Wissenschaft, als sie die
Frage stellte: welches ist diejenige Erkenntnis der Welt
und des Lebens, bei welcher der Mensch am glücklichsten
lebt? Dies geschah in den sokratischen Schulen: durch
den Gesichtspunkt des G l ü c k s unterband man die Blutadern
der wissenschaftlichen Forschung - und tut es
heute noch.
8
P n e u m a t i s c h e E r k l ä r u n g d e r N a t u r. - Die
Metaphysik erklärt die Schrift der Natur gleichsam
p n e u m a t i s c h, wie die Kirche und ihre Gelehrten es ehemals
mit der Bibel taten. Es gehört sehr viel Verstand dazu,
um auf die Natur dieselbe Art der strengen Erklärungskunst
anzuwenden, wie jetzt die Philologen sie für alle
Bücher geschaffen haben: mit der Absicht, schlicht zu
verstehen, was die Schrift sagen will, aber nicht einen
d o p p e l t e n Sinn zu wittern, ja vorauszusetzen. Wie aber
selbst in betreff der Bücher die schlechte Erklärungskunst
keineswegs völlig überwunden ist und man in der
besten gebildeten Gesellschaft noch fortwährend auf
Überreste allegorischer und mystischer Ausdeutung stößt:
so steht es auch in betreff der Natur - ja noch viel
schlimmer.
9
M e t a p h y s i s c h e W e l t. - Es ist wahr, es k ö n n t e
eine metaphysische Welt geben; die absolute Möglichkeit
davon ist kaum zu bekämpfen. Wir sehen alle Dinge
durch den Menschenkopf an und können diesen Kopf
nicht abschneiden; während doch die Frage übrig bleibt,
was von der Welt noch da wäre, wenn man ihn doch
abgeschnitten hätte. Dies ist ein rein wissenschaftliches
Problem und nicht sehr geeignet, den Menschen Sorge
zu machen; aber alles, was ihnen bisher metaphysische
Annahmen w e r t v o l l, s c h r e c k e n v o l l, l u s t v o l l gemacht,
was sie erzeugt hat, ist Leidenschaft, Irrtum
und Selbstbetrug; die allerschlechtesten Methoden der
Erkenntnis, nicht die allerbesten, haben daran glauben
lehren. Wenn man diese Methoden, als das Fundament
aller vorhandenen Religionen und Metaphysiken aufgedeckt
hat, hat man sie widerlegt. Dann bleibt immer
noch jene Möglichkeit übrig; aber mit ihr kann man gar
nichts anfangen, geschweige denn, daß man Glück, Heil
und Leben von den Spinnenfäden einer solchen Möglichkeit
abhängen lassen dürfte. - Denn man könnte von
der metaphysischen Welt gar nichts aussagen als ein
Anderssein, ein uns unzugängliches unbegreifliches
Anderssein; es wäre ein Ding mit negativen Eigenschaften.
- Wäre die Existenz einer solchen Welt noch so gut bewiesen,
so stünde doch fest, daß die gleichgültigste aller
Erkenntnisse eben ihre Erkenntnis wäre: noch gleichgültiger
als dem Schiffer in Sturmesgefahr die Erkenntnis
von der chemischen Analysis des Wassers sein muß.
10
H a r m l o s i g k e i t d e r M e t a p h y s i k i n d e r Z u k u n f t.
- Sobald die Religion, Kunst und Moral in ihrer
Entstehung so beschrieben sind, daß man sie vollständig
sich erklären kann, ohne zur Annahme m e t a p h y s i s c h e r
E i n g r i f f e am Beginn und im Verlaufe der Bahn seine
Zuflucht zu nehmen, hört das stärkste Interesse an dem
rein theoretischen Problem vom "Ding an sich" und der
"Erscheinung" auf. Denn wie es hier auch stehe: mit
Religion, Kunst und Moral rühren wir nicht an das
"Wesen der Welt an sich"; wir sind im Bereiche der
Vorstellung, keine "Ahnung" kann uns weitertragen. Mit
voller Ruhe wird man die Frage, wie unser Weltbild so
stark sich von dem erschlossenen Wesen der Welt unterscheiden
könne, der Physiologie und der Entwicklungsgeschichte
der Organismen und Begriffe überlassen.
11
D i e S p r a c h e a l s v e r m e i n t l i c h e W i s s e n s c h a f t.
Die Bedeutung der Sprache für die Entwicklung der
Kultur liegt darin, daß in ihr der Mensch eine eigne
Welt neben die andere stellte, einen Ort, welchen er für
so fest hielt, um von ihm aus die übrige Welt aus den
Angeln zu heben und sich zum Herren derselben zu
machen. Insofern der Mensch an die Begriffe und Namen
der Dinge als an a e t e r n a e v e r i t a t e s durch lange
Zeitstrecken hindurch geglaubt hat, hat er sich jenen
Stolz angeeignet, mit dem er sich über das Tier erhob:
er meinte wirklich in der Sprache die Erkenntnis der
Welt zu haben. Der Sprachbildner war nicht so bescheiden
zu glauben, daß er den Dingen eben nur Bezeichnungen
gebe, er drückte vielmehr, wie er wähnte, das
höchste Wissen über die Dinge mit den Worten aus; in
der Tat ist die Sprache die erste Stufe der Bemühung
um die Wissenschaft. Der G l a u b e a n d i e g e f u n d e n e
W a h r h e i t ist es auch hier, aus dem die mächtigsten
Kraftquellen geflossen sind. Sehr nachträglich - jetzt
erst - dämmert es den Menschen auf, daß sie einen
ungeheuren Irrtum in ihrem Glauben an die Sprache propagiert
haben. Glücklicherweise ist es zu spät, als daß
es die Entwicklung der Vernunft, die auf jenem Glauben
beruht, wieder rückgängig machen könnte. - Auch die
L o g i k beruht auf Voraussetzungen, denen nichts in der
wirklichen Welt entspricht, z. B. auf der Voraussetzung
der Gleichheit von Dingen, der Identität desselben Dings
in verschiedenen Punkten der Zeit: aber jene Wissenschaft
entstand durch den entgegengesetzten Glauben
(daß es dergleichen in der wirklichen Welt allerdings
gebe). Ebenso steht es mit der M a t h e m a t i k, welche
gewiß nicht entstanden wäre, wenn man von Anfang an
gewußt hätte, daß es in der Natur keine exakt gerade Linie,
keinen wirklichen Kreis, kein absolutes Größenmaß
gebe.
12
T r a u m u n d K u l t u r. - Die Gehirnfunktion, welche
durch den Schlaf am meisten beeinträchtigt wird, ist
das Gedächtnis: nicht daß es ganz pausierte - aber es
ist auf einen Zustand der Unvollkommenheit zurückgebracht,
wie es in Urzeiten der Menschheit bei jedermann
am Tage und im Wachen gewesen sein mag. Willkürlich
und verworren, wie es ist, verwechselt es fortwährend
die Dinge auf Grund der flüchtigsten Ähnlichkeiten:
aber mit derselben Willkür und Verworrenheit
dichteten die Völker ihre Mythologien, und noch jetzt
pflegen Reisende zu beobachten, wie sehr der Wilde zur
Vergeßlichkeit neigt, wie sein Geist nach kurzer
Anspannung des Gedächtnisses hin und her zu taumeln
beginnt und er, aus bloßer Erschlaffung, Lügen und Unsinn
hervorbringt. Aber wir alle gleichen im Traume diesem
Wilden; das schlechte Wiedererkennen und irrtümliche
Gleichsetzen ist der Grund des schlechten Schließens,
dessen wir uns im Traume schuldig machen: so daß wir,
bei deutlicher Vergegenwärtigung eines Traumes, vor uns
erschrecken, weil wir soviel Narrheit in uns bergen. -
Die vollkommene Deutlichkeit aller Traumvorstellungen,
welche den unbedingten Glauben an ihre Realität zur
Voraussetzung hat, erinnert uns wieder an Zustände
früherer Menschheit, in der die Halluzination
außerordentlich häufig war und mitunter ganze Gemeinden,
ganze Völker gleichzeitig ergriff. Also: im Schlaf und
Traum machen wir das Pensum früheren Menschentums
noch einmal durch.
13
L o g i k d e s T r a u m e s. - Im Schlafe ist fortwährend
unser Nervensystem durch mannigfache innere Anlässe in
Erregung, fast alle Organe sezernieren und sind in Tätigkeit,
das Blut macht seinen ungestümen Kreislauf, die
Lage des Schlafenden drückt einzelne Glieder, seine Decken
beeinflussen die Empfindung verschiedenartig, der
Magen verdaut und beunruhigt mit seinen Bewegungen
andere Organe, die Gedärme winden sich, die Stellung
des Kopfes bringt ungewöhnliche Muskellagen mit sich,
die Füße, unbeschuht, nicht mit den Sohlen den Boden
drückend, verursachen das Gefühl des Ungewöhnlichen
ebenso wie die andersartige Bekleidung des ganzen Körpers,
- alles dies, nach seinem täglichen Wechsel und
Grade, erregt durch seine Außergewöhnlichkeit das gesamte
System bis in die Gehirnfunktion hinein: und so
gibt es hundert Anlässe für den Geist, um sich zu
verwundern und nach G r ü n d e n dieser Erregung zu suchen:
der Traum aber ist das S u c h e n u n d V o r s t e l l e n d e r
U r s a c h e n für jene erregten Empfindungen, das heißt
der vermeintlichen Ursachen. Wer zum Beispiel seine
Füße mit zwei Riemen umgürtet, träumt wohl, daß zwei
Schlangen seine Füße umringeln: dies ist zuerst eine
Hypothese, sodann ein Glaube, mit einer begleitenden
bildlichen Vorstellung und Ausdichtung: "diese Schlangen
müssen die causa jener Empfindung sein, welche ich,
der Schlafende, habe", - so urteilt der Geist des Schlafenden.
Die so erschlossene nächste Vergangenheit wird
durch die erregte Phantasie ihm zur Gegenwart. So weiß
jeder aus Erfahrung, wie schnell der Träumende einen
starken an ihn dringenden Ton, zum Beispiel Glockenläuten,
Kanonenschüsse in seinen Traum verflicht, das
heißt aus ihm h i n t e r d r e i n erklärt, so daß er zuerst
die veranlassenden Umstände, dann jenen Ton zu erleben
m e i n t. - Wie kommt es aber, daß der Geist des Träumenden
immer so fehl greift, während derselbe Geist im
Wachen so nüchtern, behutsam und in bezug auf Hypothesen
so skeptisch zu sein pflegt? - so daß ihm die
erste beste Hypothese zur Erklärung eines Gefühls genügt,
um sofort an ihre Wahrheit zu glauben? (Denn
wir glauben im Traume an den Traum, als sei er Realität,
das heißt wir halten unsre Hypothese für völlig
erwiesen.) - Ich meine: wie jetzt noch der Mensch im
Traume schließt, schloß die Menschheit a u c h i m
W a c h e n viele Jahrtausende hindurch: die erste causa, die
dem Geiste einfiel, um irgend etwas, das der Erklärung
bedurfte, zu erklären, genügte ihm und galt als Wahrheit.
(So verfahren nach den Erzählungen der Reisenden
die Wilden heute noch.) Im Traum übt sich dieses uralte
Stück Menschentum in uns fort, denn es ist die Grundlage,
auf der die höhere Vernunft sich entwickelte und
in jedem Menschen sich noch entwickelt: der Traum
bringt uns in ferne Zustände der menschlichen Kultur
wieder zurück und gibt ein Mittel an die Hand, sie
besser zu verstehen. Das Traumdenken wird uns jetzt so
leicht, weil wir in ungeheuren Entwicklungsstrecken der
Menschheit gerade auf diese Form des phantastischen und
wohlfeilen Erklärens aus dem ersten beliebigen Einfalle
heraus so gut eingedrillt worden sind. Insofern ist der
Traum eine Erholung für das Gehirn, welches am Tage
den strengeren Anforderungen an das Denken zu genügen
hat, wie sie von der höheren Kultur gestellt werden. -
Einen verwandten Vorgang können wir geradezu als
Pforte und Vorhalle des Traumes noch bei wachem Verstande
in Augenschein nehmen. Schließen wir die Augen,
so produziert das Gehirn eine Menge von Lichteindrücken
und Farben, wahrscheinlich als eine Art Nachspiel und
Echo aller jener Lichtwirkungen, welche am Tage auf dasselbe
eindringen. Nun verarbeitet aber der Verstand (mit
der Phantasie im Bunde) diese an sich formlosen Farbenspiele
sofort zu bestimmten Figuren, Gestalten, Landschaften,
belebten Gruppen. Der eigentliche Vorgang dabei
ist wiederum eine Art Schluß von der Wirkung auf
die Ursache; indem der Geist fragt: woher diese Lichteindrücke
und Farben, supponiert er als Ursachen jene
Figuren, Gestalten: sie gelten ihm als die Veranlassungen
jener Farben und Lichter, weil er, am Tage, bei offenen
Augen, gewohnt ist, zu jeder Farbe, jedem Lichteindruck
eine veranlassende Ursache zu finden. Hier also schiebt
ihm die Phantasie fortwährend Bilder vor, indem sie an
die Gesichtseindrücke des Tages sich in ihrer Produktion
anlehnt, und geradeso macht es die Traumphantasie: -
das heißt die vermeintliche Ursache wird aus der Wirkung
erschlossen und n a c h der Wirkung vorgestellt:
alles dies mit außerordentlicher Schnelligkeit, so daß hier
wie beim Taschenspieler eine Verwirrung des Urteils
entstehen und ein Nacheinander sich wie etwas Gleichzeitiges,
selbst wie ein umgedrehtes Nacheinander ausnehmen kann. -
Wir können aus diesen Vorgängen entnehmen,
w i e s p ä t das schärfere logische Denken, das
Strengnehmen von Ursache und Wirkung entwickelt worden
ist, wenn unsere Vernunft- und Verstandesfunktionen
j e t z t n o c h unwillkürlich nach jenen primitiven Formen
des Schließens zurückgreifen und wir ziemlich die Hälfte
unseres Lebens in diesem Zustande leben. - Auch der
Dichter, der Künstler s c h i e b t seinen Stimmungen und
Zuständen Ursachen u n t e r, welche durchaus nicht die
wahren sind; er erinnert insofern an älteres Menschentum
und kann uns zum Verständnisse desselben verhelfen.
14
M i t e r k l i n g e n. - Alle s t ä r k e r e n Stimmungen
bringen ein Miterklingen verwandter Empfindungen und
Stimmungen mit sich: sie wühlen gleichsam das Gedächtnis
auf. Es erinnert sich bei ihnen etwas in uns und
wird sich ähnlicher Zustände und deren Herkunft bewußt.
So bilden sich angewöhnte rasche Verbindungen
von Gefühlen und Gedanken, welche zuletzt, wenn sie
blitzschnell hintereinander erfolgen, nicht einmal mehr
als Komplexe, sondern als E i n h e i t e n empfunden
werden. In diesem Sinne redet man vom moralischen Gefühle,
vom religiösen Gefühle, wie als ob dies lauter Einheiten
seien: in Wahrheit sind sie Ströme mit hundert Quellen
und Zuflüssen. Auch hier, wie so oft, verbürgt die
Einheit des Wortes nichts für die Einheit der
Sache.
15
K e i n I n n e n u n d A u ß e n i n d e r W e l t. - Wie
Demokrit die Begriffe Oben und Unten auf den unendlichen
Raum übertrug, wo sie keinen Sinn haben, so die Philosophen
überhaupt den Begriff "Innen und Außen" auf
Wesen und Erscheinung der Welt; sie meinen, mit tiefen
Gefühlen komme man tief ins Innere, nahe man sich dem
Herzen der Natur. Aber diese Gefühle sind nur insofern
tief, als mit ihnen, kaum bemerkbar, gewisse komplizierte
Gedankengruppen regelmäßig erregt werden, welche wir
tief nennen; ein Gefühl ist tief, weil wir den begleitenden
Gedanken für tief halten. Aber der "tiefe" Gedanke
kann dennoch der Wahrheit sehr fern sein, wie zum Beispiel
jeder metaphysische; rechnet man vom tiefen Gefühle
die beigemischten Gedankenelemente ab, so bleibt
das s t a r k e Gefühl übrig und dieses verbürgt nichts für
die Erkenntnis als sich selbst, ebenso wie der starke
Glaube nur seine Stärke, nicht die Wahrheit
des Geglaubten beweist.
16
E r s c h e i n u n g u n d D i n g a n s i c h. - Die Philosophen
pflegen sich vor das Leben und die Erfahrung
- vor das, was sie die Welt der Erscheinung nennen -
wie vor ein Gemälde hinzustellen, das ein für allemal
entrollt ist und unveränderlich fest denselben Vorgang
zeigt: diesen Vorgang, meinen sie, müsse man richtig
ausdeuten, um damit einen Schluß auf das Wesen zu
machen, welches das Gemälde hervorgebracht habe: also
auf das Ding an sich, das immer als der zureichende
Grund der Welt der Erscheinung angesehen zu werden
pflegt. Dagegen haben strengere Logiker, nachdem sie
den Begriff des Metaphysischen scharf als den des Unbedingten,
folglich auch Unbedingenden festgestellt hatten,
jeden Zusammenhang zwischen dem Unbedingten
(der metaphysischen Welt) und der uns bekannten Welt
in Abrede gestellt: so daß in der Erscheinung eben durchaus
n i c h t das Ding an sich erscheine, und von jener auf
dieses jeder Schluß abzulehnen sei. Von beiden Seiten ist
aber die Möglichkeit übersehen, daß jenes Gemälde -
das, was jetzt uns Menschen Leben und Erfahrung heißt
- allmählich g e w o r d e n ist, ja noch völlig im W e r d e n
ist und deshalb nicht als feste Größe betrachtet werden
soll, von welcher aus man einen Schluß über den Urheber
(den zureichenden Grund) machen oder auch nur ablehnen
dürfte. Dadurch, daß wir seit Jahrtausenden mit moralischen,
ästhetischen, religiösen Ansprüchen, mit blinder
Neigung, Leidenschaft oder Furcht in die Welt geblickt
und uns in den Unarten des unlogischen Denkens recht
ausgeschwelgt haben, ist diese Welt allmählich so wundersam
bunt, schrecklich, bedeutungstief, seelenvoll g e w o r d e n,
sie hat Farbe bekommen, - aber wir sind die
Koloristen gewesen: der menschliche Intellekt hat die
Erscheinung erscheinen lassen und seine irrtümlichen
Grundauffassungen in die Dinge hineingetragen. Spät, sehr
spät - besinnt er sich: und jetzt scheinen ihm die Welt
der Erfahrung und das Ding an sich so außerordentlich
verschieden und getrennt, daß er den Schluß von jener
auf dieses ablehnt - oder auf eine schauerlich geheimnisvolle
Weise zum A u f g e b e n unseres Intellektes, unseres
persönlichen Willens auffordert: um d a d u r c h zum
Wesenhaften zu kommen, daß man w e s e n h a f t w e r d e.
Wiederum haben andere alle charakteristischen Züge
unserer Welt der Erscheinung - das heißt der aus
intellektuellen Irrtümern herausgesponnenen und uns
angeerbten Vorstellung von der Welt - zusammengelesen
und, s t a t t d e n I n t e l l e k t a l s S c h u l d i g e n a n z u k l a g e n,
das Wesen der Dinge als Ursache dieses tatsächlichen,
sehr unheimlichen Weltcharakters angeschuldigt
und die Erlösung vom Sein gepredigt. - Mit all
diesen Auffassungen wird der stetige und mühsame Prozeß
der Wissenschaft, welcher zuletzt einmal in einer
E n t s t e h u n g s g e s c h i c h t e d e s D e n k e n s seinen höchsten
Triumph feiert, in entscheidender Weise fertig werden,
dessen Resultat vielleicht auf diesen Satz hinauslaufen
dürfte: Das, was wir jetzt die Welt nennen, ist
das Resultat einer Menge von Irrtümern und Phantasien,
welche in der gesamten Entwicklung der organischen
Wesen allmählich entstanden, ineinander verwachsen sind
und uns jetzt als aufgesammelter Schatz der ganzen Vergangenheit
vererbt werden, - als Schatz: denn der W e r t
unseres Menschentums ruht darauf. Von dieser Welt der
Vorstellung vermag uns die strenge Wissenschaft
tatsächlich nur in geringem Maße zu lösen - wie es auch
gar nicht zu wünschen ist -, insofern sie die Gewalt uralter
Gewohnheiten der Empfindung nicht wesentlich zu
brechen vermag: aber sie kann die Geschichte der Entstehung
jener Welt als Vorstellung ganz allmählich und
schrittweise aufhellen - und uns wenigstens für Augenblicke
über den ganzen Vorgang hinausheben. Vielleicht
erkennen wir dann, daß das Ding an sich eines homerischen
Gelächters wert ist: daß es so viel, ja alles s c h i e n
und eigentlich leer, nämlich bedeutungsleer
ist.
17
M e t a p h y s i s c h e E r k l ä r u n g e n. - Der junge Mensch
schätzt metaphysische Erklärungen, weil sie ihm in Dingen,
welche er unangenehm oder verächtlich fand, etwas
höchst Bedeutungsvolles aufweisen; und ist er mit sich
unzufrieden, so erleichtert sich dies Gefühl, wenn er das
innerste Welträtsel oder Weltelend in dem wiedererkennt,
was er so sehr an sich mißbilligt. Sich unverantwortlicher
fühlen und die Dinge zugleich interessanter finden
- das gilt ihm als die doppelte Wohltat, welche er der
Metaphysik verdankt. Später freilich bekommt er Mißtrauen
gegen die ganze metaphysische Erklärungsart;
dann sieht er vielleicht ein, daß jene Wirkungen auf
einem anderen Wege ebensogut und wissenschaftlicher
zu erreichen sind: daß physische und historische Erklärungen
mindestens ebenso sehr jenes Gefühl der Unverantwortlichkeit
herbeiführen, und daß jenes Interesse
am Leben und seinen Problemen vielleicht noch mehr
dabei entflammt wird.
18
G r u n d f r a g e n d e r M e t a p h y s i k. - Wenn einmal
die Entstehungsgeschichte des Denkens geschrieben ist, so
wird auch der folgende Satz eines ausgezeichneten Logikers
von einem neuen Lichte erhellt dastehen: "Das ursprüngliche
allgemeine Gesetz des erkennenden Subjekts
besteht in der inneren Notwendigkeit, jeden Gegenstand
an sich, in seinem eigenen Wesen als einen mit sich selbst
identischen, also selbstexistierenden und im Grunde stets
gleichbleibenden und unwandelbaren, kurz als eine Substanz
zu erkennen." Auch dieses Gesetz, welches hier
"ursprünglich" genannt wird, ist geworden: es wird einmal
gezeigt werden, wie allmählich, in den niederen Organismen,
dieser Hang entsteht: wie die blöden Maulwurfsaugen
dieser Organisationen zuerst nichts als immer
das gleiche sehen; wie dann, wenn die verschiedenen Erregungen
von Lust und Unlust bemerkbarer werden, allmählich
verschiedene Substanzen unterschieden werden,
aber jede mit e i n e m Attribut, das heißt einer einzigen
Beziehung zu einem solchen Organismus. - Die erste
Stufe des Logischen ist das Urteil: dessen Wesen besteht,
nach der Feststellung der besten Logiker, im Glauben.
Allem Glauben zugrunde liegt die E m p f i n d u n g d e s
A n g e n e h m e n o d e r S c h m e r z h a f t e n in bezug auf das
empfindende Subjekt. Eine neue dritte Empfindung als
Resultat zweier vorangegangenen einzelnen Empfindungen
ist das Urteil in seiner niedrigsten Form. - Uns
organische Wesen interessiert ursprünglich nichts an
jedem Dinge, als sein Verhältnis zu u n s in bezug auf
Lust und Schmerz. Zwischen den Momenten, wo wir uns
dieser Beziehung bewußt werden, den Zuständen des Empfindens,
liegen solche der Ruhe, des Nichtempfindens: da
ist die Welt und jedes Ding für uns interesselos, wir bemerken
keine Veränderung an ihm (wie jetzt noch ein
heftig Interessierter nicht merkt, daß jemand an ihm
vorbeigeht). Für die Pflanze sind gewöhnlich alle Dinge
ruhig, ewig, jedes Ding sich selbst gleich. Aus der Periode
der niederen Organismen her ist dem Menschen der
Glaube vererbt, daß es g l e i c h e D i n g e gibt (erst die
durch höchste Wissenschaft ausgebildete Erfahrung
widerspricht diesem Satze). Der Urglaube alles Organischen
von Anfang an ist vielleicht sogar, daß die ganze
übrige Welt eins und unbewegt ist. - Am fernsten liegt
für jene Urstufe des Logischen der Gedanke an K a u s a l i t ä t :
ja jetzt noch meinen wir im Grunde, alle Empfindungen
und Handlungen seien Akte des freien Willens;
wenn das fühlende Individuum sich selbst betrachtet,
so hält es jede Empfindung, jede Veränderung für etwas
I s o l i e r t e s, das heißt Unbedingtes, Zusammenhangloses:
es taucht aus uns auf, ohne Verbindung mit Früherem
oder Späterem. Wir haben Hunger, aber meinen ursprünglich
nicht, daß der Organismus erhalten werden
will, sondern jenes Gefühl scheint sich o h n e G r u n d
u n d Z w e c k geltend zu machen, es isoliert sich und hält
sich für w i l l k ü r l i c h. Also: der Glaube an die Freiheit
des Willens ist ein ursprünglicher Irrtum alles Organischen,
so alt, als die Regungen des Logischen in ihm existieren;
der Glaube an unbedingte Substanzen und an gleiche
Dinge ist ebenfalls ein ursprünglicher, ebenso alter Irrtum
alles Organischen. Insofern aber alle Metaphysik
sich vornehmlich mit Substanz und Freiheit des Willens
abgegeben hat, so darf man sie als die Wissenschaft bezeichnen,
welche von den Grundirrtümern des Menschen
handelt - doch so, als wären es Grundwahrheiten.
19
D i e Z a h l. - Die Erfindung der Gesetze der Zahlen
ist auf Grund des ursprünglich schon herrschenden Irrtums
gemacht, daß es mehrere gleiche Dinge gebe (aber
tatsächlich gibt es nichts Gleiches), mindestens daß es
Dinge gebe (aber es gibt kein "Ding"). Die Annahme der
Vielheit setzt immer schon voraus, daß es e t w a s gebe,
was vielfach vorkommt: aber gerade hier schon waltet
der Irrtum, schon da fingieren wir Wesen, Einheiten, die
es nicht gibt. - Unsere Empfindungen von Raum und
Zeit sind falsch, denn sie führen, konsequent geprüft,
auf logische Widersprüche. Bei allen wissenschaftlichen
Feststellungen rechnen wir unvermeidlich immer mit
einigen falschen Größen: aber weil diese Größen wenigstens
konstant sind, wie zum Beispiel unsere Zeit- und
Raumempfindung, so bekommen die Resultate der Wissenschaft
doch eine vollkommene Strenge und Sicherheit
in ihrem Zusammenhange miteinander; man kann auf
ihnen fortbauen - bis an jenes letzte Ende, wo die
irrtümliche Grundannahme, jene konstanten Fehler, in
Widerspruch mit den Resultaten treten, zum Beispiel in
der Atomenlehre. Da fühlen wir uns immer noch zur Annahme
eines "Dinges" oder stofflichen "Substrats", das
bewegt wird, gezwungen, während die ganze wissenschaftliche
Prozedur eben die Aufgabe verfolgt hat, alles
Dingartige (Stoffliche) in Bewegungen aufzulösen: wir
scheiden auch hier noch mit unserer Empfindung Bewegendes
und Bewegtes und kommen aus diesem Zirkel nicht
heraus, weil der Glaube an Dinge mit unserem Wesen von
alters her verknotet ist. - Wenn Kant sagt, "der Verstand
schöpft seine Gesetze nicht aus der Natur, sondern
schreibt sie dieser vor", so ist dies in Hinsicht auf den
B e g r i f f d e r N a t u r völlig wahr, welchen wir genötigt
sind mit ihr zu verbinden (Natur = Welt als Vorstellung,
das heißt als Irrtum), welcher aber die Aufsummierung
einer Menge von Irrtümern des Verstandes ist. - Auf
eine Welt, welche nicht unsere Vorstellung ist, sind die
Gesetze der Zahlen gänzlich unanwendbar: diese gelten
allein in der Menschen-Welt.
20
E i n i g e S p r o s s e n z u r ü c k. - Die eine, gewiß sehr
hohe Stufe der Bildung ist erreicht, wenn der Mensch
über abergläubische und religiöse Begriffe und Ängste
hinauskommt und zum Beispiel nicht mehr an die lieben
Englein oder die Erbsünde glaubt, auch vom Heil der
Seelen zu reden verlernt hat: ist er auf dieser Stufe der
Befreiung, so hat er auch noch mit höchster Anspannung
seiner Besonnenheit die Metaphysik zu überwinden. D a n n
aber ist eine r ü c k l ä u f i g e B e w e g u n g nötig: er muß
die historische Berechtigung, ebenso die psychologische
in solchen - Vorstellungen begreifen, er muß erkennen,
wie die größte Förderung der Menschheit von dorther
gekommen sei und wie man sich, ohne eine solche rückläufige
Bewegung, der besten Ergebnisse der bisherigen
Menschheit berauben würde. - In betreff der philosophischen
Metaphysik sehe ich jetzt immer mehrere, welche
an das negative Ziel (daß jede positive Metaphysik Irrtum
ist) gelangt sind, aber noch wenige, welche einige
Sprossen rückwärts steigen; man soll nämlich über die
letzte Sprosse der Leiter wohl hinausschauen, aber nicht
auf ihr stehen wollen. Die Aufgeklärtesten bringen es
nur so weit, sich von der Metaphysik zu befreien und mit
Überlegenheit auf sie zurückzusehen: während es doch
auch hier, wie im Hippodrom, not tut, um das Ende der
Bahn herumzubiegen.
21
M u t m a ß l i c h e r S i e g d e r S k e p s i s. - Man lasse
einmal den skeptischen Ausgangspunkt gelten: gesetzt es
gäbe keine andere, metaphysische Welt und alle aus der
Metaphysik genommenen Erklärungen der uns einzig bekannten
Welt wären unbrauchbar für uns, mit welchem
Blick würden wir dann auf Menschen und Dinge sehen?
Dies kann man sich ausdenken, es ist nützlich, selbst
wenn die Frage, ob etwas Metaphysisches wissenschaftlich
durch Kant und Schopenhauer bewiesen sei, einmal
abgelehnt würde. Denn es ist, nach historischer Wahrscheinlichkeit,
sehr gut möglich, daß die Menschen einmal
in dieser Beziehung im ganzen und allgemeinen
s k e p t i s c h werden; da lautet also die Frage: wie wird
sich dann die menschliche Gesellschaft, unter dem Einfluß
einer solchen Gesinnung, gestalten? Vielleicht ist
der w i s s e n s c h a f t l i c h e B e w e i s irgend einer metaphysischen
Welt schon so s c h w i e r i g, daß die Menschheit
ein Mißtrauen gegen ihn nicht mehr los wird. Und wenn
man gegen die Metaphysik Mißtrauen hat, so gibt es im
ganzen und großen dieselben Folgen, wie wenn sie direkt
widerlegt wäre und man nicht mehr an sie glauben
d ü r f t e. Die historische Frage in betreff einer
unmetaphysischen Gesinnung der Menschheit bleibt in beiden
Fällen dieselbe.
22
U n g l a u b e a n d a s " m o n u m e n t u m a e r e p e r e n n i u s ".
- Ein wesentlicher Nachteil, welchen das Aufhören
metaphysischer Ansichten mit sich bringt, liegt
darin, daß das Individuum zu streng seine kurze Lebenszeit
ins Auge faßt und keine stärkeren Antriebe empfängt,
an dauerhaften, für Jahrhunderte angelegten Institutionen
zu bauen; es will die Frucht selbst vom
Baume pflücken, den es pflanzt, und deshalb mag es jene
Bäume nicht mehr pflanzen, welche eine jahrhundertlange
gleichmäßige Pflege erfordern und welche lange Reihenfolgen
von Geschlechtern zu überschatten bestimmt sind.
Denn metaphysische Ansichten geben den Glauben, daß
in ihnen das letzte endgültige Fundament gegeben sei,
auf welchem sich nunmehr alle Zukunft der Menschheit
niederzulassen und anzubauen genötigt sei; der einzelne
fördert sein Heil, wenn er zum Beispiel eine Kirche, ein
Kloster stiftet, es wird ihm, so meint er, im ewigen Fortleben
der Seele angerechnet und vergolten, es ist Arbeit
am ewigen Heil der Seele. - Kann die Wissenschaft
auch solchen Glauben an ihre Resultate erwecken? In
der Tat braucht sie den Zweifel und das Mißtrauen als
treuesten Bundesgenossen; trotzdem kann mit der Zeit
die Summe der unantastbaren, das heißt alle Stürme der
Skepsis, alle Zersetzungen überdauernden Wahrheiten so
groß werden (zum Beispiel in der Diätetik der Gesundheit),
daß man sich daraufhin entschließt, "ewige" Werke
zu gründen. Einstweilen wirkt der K o n t r a s t unseres
aufgeregten Ephemeren-Daseins gegen die langatmige
Ruhe metaphysischer Zeitalter noch zu stark, weil die
beiden Zeiten noch zu nahe gestellt sind; der einzelne
Mensch selber durchläuft jetzt zu viele innere und äußere
Entwicklungen, als daß er auch nur auf seine eigene
Lebenszeit sich dauerhaft und ein für allemal einzurichten
wagt. Ein ganz moderner Mensch, der sich zum
Beispiel ein Haus bauen will, hat dabei ein Gefühl, als
ob er bei lebendigem Leibe sich in ein Mausoleum
vermauern wolle.
23
Z e i t a l t e r d e r V e r g l e i c h u n g. - Je weniger die
Menschen durch das Herkommen gebunden sind, um so
größer wird die innere Bewegung der Motive, um so
größer wiederum, dementsprechend, die äußere Unruhe,
das Durcheinanderfluten der Menschen, die Polyphonie
der Bestrebungen. Für wen gibt es jetzt noch einen
strengen Zwang, an einem Ort sich und seine Nachkommen
anzubinden? Für wen gibt es überhaupt noch etwas
streng Bindendes? Wie alle Stilarten der Künste nebeneinander
nachgebildet werden, so auch alle Stufen und
Arten der Moralität, der Sitten, der Kulturen. - Ein
solches Zeitalter bekommt seine Bedeutung dadurch, daß
in ihm die verschiedenen Weltbetrachtungen, Sitten,
Kulturen verglichen und nebeneinander durchlebt werden
können; was früher, bei der immer lokalisierten Herrschaft
jeder Kultur, nicht möglich war, entsprechend der
Gebundenheit aller künstlerischen Stilarten an Ort und
Zeit. Jetzt wird eine Vermehrung des ästhetischen Gefühls
endgültig unter so vielen der Vergleichung sich
darbietenden Formen entscheiden: sie wird die meisten
- nämlich alle, welche durch dasselbe abgewiesen werden -
absterben lassen. Ebenso findet jetzt ein Auswählen
in den Formen und Gewohnheiten der höheren
Sittlichkeit statt, deren Ziel kein anderes als der Untergang
der niedrigeren Sittlichkeiten sein kann. Es ist das
Zeitalter der Vergleichung! Das ist sein Stolz - aber
billigerweise auch sein Leiden. Fürchten wir uns vor
diesem Leiden nicht! Vielmehr wollen wir die Aufgabe,
welche das Zeitalter uns stellt, so groß verstehen, als
wir nur vermögen: so wird uns die Nachwelt darob
segnen - eine Nachwelt, die ebenso sich über die
abgeschlossenen originalen Volkskulturen hinaus weiß, als
über die Kultur der Vergleichung, aber auf beide Arten
der Kultur als auf verehrungswürdige Altertümer mit
Dankbarkeit zurückblickt.
24
M ö g l i c h k e i t d e s F o r t s c h r i t t s. - Wenn ein Gelehrter
der alten Kultur es verschwört, nicht mehr mit
Menschen umzugehn, welche an den Fortschritt glauben,
so hat er recht. Denn die alte Kultur hat ihre Größe
und Güte hinter sich und die historische Bildung zwingt
einen, zuzugestehn, daß sie nie wieder frisch werden
kann; es ist ein unausstehlicher Stumpfsinn oder ebenso
unleidliche Schwärmerei nötig, um dies zu leugnen. Aber
die Menschen können mit B e w u ß t s e i n beschließen, sich
zu einer neuen Kultur fortzuentwickeln, während sie
sich früher unbewußt und zufällig entwickelten: sie können
jetzt bessere Bedingungen für die Entstehung der
Menschen, ihre Ernährung, Erziehung, Unterrichtung
schaffen, die Erde als Ganzes ökonomisch verwalten, die
Kräfte der Menschen überhaupt gegeneinander abwägen
und einsetzen. Diese neue bewußte Kultur tötet die alte,
welche als Ganzes angeschaut ein unbewußtes Tier- und
Pflanzenleben geführt hat; sie tötet auch das Mißtrauen
gegen den Fortschritt - er ist m ö g l i c h. Ich will sagen:
es ist voreilig und fast unsinnig, zu glauben, daß der
Fortschritt n o t w e n d i g erfolgen müsse; aber wie könnte
man leugnen, daß er möglich sei? Dagegen ist ein Fortschritt
im Sinne und auf dem Wege der alten Kultur
nicht einmal denkbar. Wenn romantische Phantastik
immerhin auch das Wort "Fortschritt" von ihren Zielen
(z. B. abgeschlossenen originalen Volks-Kulturen) gebraucht:
jedenfalls entlehnt sie das Bild davon aus der
Vergangenheit; ihr Denken und Vorstellen ist auf diesem
Gebiete ohne jede Originalität.
25
P r i v a t - u n d W e l t m o r a l. - Seitdem der Glaube
aufgehört hat, daß ein Gott die Schicksale der Welt im
Großen leite und trotz aller anscheinenden Krümmungen
im Pfade der Menschheit sie doch herrlich hinausführe,
müssen die Menschen selber sich ökumenische, die ganze
Erde umspannende Ziele stellen. Die ältere Moral, namentlich
die Kants, verlangt vom einzelnen Handlungen,
welche man von allen Menschen wünscht: das war eine
schöne naive Sache; als ob ein jeder ohne weiteres wüßte,
bei welcher Handlungsweise das Ganze der Menschheit
wohlfahre, also welche Handlungen überhaupt wünschenswert
seien; es ist eine Theorie wie die vom Freihandel,
voraussetzend, daß die allgemeine Harmonie sich
nach eingebornen Gesetzen des Besserwerdens von selbst
ergeben müsse. Vielleicht läßt es ein zukünftiger Überblick
über die Bedürfnisse der Menschheit durchaus nicht
wünschenswert erscheinen, daß alle Menschen gleich handeln,
vielmehr dürften im Interesse ökumenischer Ziele
für ganze Strecken der Menschheit spezielle, vielleicht
unter Umständen sogar böse Aufgaben zu stellen sein.
- Jedenfalls muß, wenn die Menschheit sich nicht durch
eine solche bewußte Gesamtregierung zugrunde richten
soll, vorher eine alle bisherigen Grade übersteigende
K e n n t n i s d e r B e d i n g u n g e n d e r K u l t u r, als wissenschaftlicher
Maßstab für ökumenische Ziele, gefunden
sein. Hierin liegt die ungeheure Aufgabe der großen
Geister des nächsten Jahrhunderts.
26
D i e R e a k t i o n a l s F o r t s c h r i t t. - Mitunter erscheinen
schroffe, gewaltsame und fortreißende, aber
trotzdem zurückgebliebene Geister, welche eine vergangene
Phase der Menschheit noch einmal heraufbeschwören:
sie dienen zum Beweis, daß die neuen Richtungen,
welchen sie entgegenwirken, noch nicht kräftig
genug sind, daß etwas an ihnen fehlt: sonst würden sie
jenen Beschwörern bessern Widerpart halten. So zeugt
zum Beispiel Luthers Reformation dafür, daß in seinem
Jahrhundert alle Regungen der Freiheit des Geistes noch
unsicher, zart, jugendlich waren; die Wissenschaft konnte
noch nicht ihr Haupt erheben. Ja die gesamte Renaissance
erscheint wie ein erster Frühling, der fast wieder weggeschneit
wird. Aber auch in unserem Jahrhundert bewies
Schopenhauers Metaphysik, daß auch jetzt der wissenschaftliche
Geist noch nicht kräftig genug ist: so
konnte die ganze mittelalterliche christliche Weltbetrachtung
und Mensch-Empfindung noch einmal in Schopenhauers
Lehre trotz der längst errungenen Vernichtung
aller christlichen Dogmen eine Auferstehung feiern. Viel
Wissenschaft klingt in seine Lehre hinein, aber sie beherrscht
dieselbe nicht, sondern das alte wohlbekannte
"metaphysische Bedürfnis". Es ist gewiß einer der größten
und ganz unschätzbaren Vorteile, welche wir aus
Schopenhauer gewinnen, daß er unsre Empfindung zeitweilig
in ältere, mächtige Betrachtungsarten der Welt
und Menschen zurückzwingt, zu welchen sonst uns so
leicht kein Pfad führen würde. Der Gewinn für die
Historie und die Gerechtigkeit ist sehr groß: ich glaube,
daß es jetzt niemandem so leicht gelingen möchte, ohne
Schopenhauers Beihilfe dem Christentum und seinen asiatischen
Verwandten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen:
was namentlich vom Boden des noch vorhandenen Christentums
aus unmöglich ist. Erst nach diesem großen
E r f o l g e d e r G e r e c h t i g k e i t, erst nachdem wir die
historische Betrachtungsart, welche die Zeit der Aufklärung
mit sich brachte, in einem so wesentlichen Punkte
korrigiert haben, dürfen wir die Fahne der Aufklärung
- die Fahne mit den drei Namen: Petrarca, Erasmus,
Voltaire - von neuem weitertragen. Wir haben aus der
Reaktion einen Fortschritt gemacht.
27
E r s a t z d e r R e l i g i o n. - Man glaubt einer Philosophie
etwas Gutes nachzusagen, wenn man sie als Ersatz
der Religion für das Volk hinstellt. In der Tat bedarf
es in der geistigen Ökonomie gelegentlich ü b e r l e i t e n d e r
Gedankenkreise; so ist der Übergang aus Religion
in wissenschaftliche Betrachtung ein gewaltsamer
gefährlicher Sprung, etwas, das zu widerraten ist. Insofern
hat man mit jener Anempfehlung recht. Aber
endlich sollte man doch auch lernen, daß die Bedürfnisse,
welche die Religion befriedigt hat und nun die Philosophie
befriedigen soll, nicht unwandelbar sind; diese
selbst kann man s c h w ä c h e n und a u s r o t t e n. Man denke
zum Beispiel an die christliche Seelennot, das Seufzen
über die innere Verderbtheit, die Sorge um das Heil -
alles Vorstellungen, welche nur aus Irrtümern der Vernunft
herrühren und gar keine Befriedigung, sondern
Vernichtung verdienen. Eine Philosophie kann entweder
so nützen, daß sie jene Bedürfnisse auch b e f r i e d i g t
oder daß sie dieselben b e s e i t i g t; denn es sind angelernte,
zeitlich begrenzte Bedürfnisse, welche auf Voraussetzungen
beruhen, die denen der Wissenschaft widersprechen.
Hier ist, um einen Übergang zu machen, die
K u n s t viel eher zu benutzen, um das mit Empfindungen
überladne Gemüt zu erleichtern; denn durch sie werden
jene Vorstellungen viel weniger unterhalten als durch
eine metaphysische Philosophie. Von der Kunst aus kann
man dann leichter in eine wirklich befreiende philosophische
Wissenschaft übergehen.
28
V e r r u f e n e W o r t e. - Weg mit den bis zum Überdruß
verbrauchten Wörtern Optimismus und Pessimismus!
Denn der Anlaß sie zu gebrauchen, fehlt von Tag
zu Tag mehr; nur die Schwätzer haben sie jetzt noch so
unumgänglich nötig. Denn weshalb in aller Welt sollte
jemand Optimist sein wollen, wenn er nicht einen Gott
zu verteidigen hat, welcher die beste der Welten geschaffen
haben m u ß, falls er selber das Gute und Vollkommene
ist, - welcher Denkende hat aber die Hypothese
eines Gottes noch nötig? - Es fehlt aber auch
jeder Anlaß zu einem pessimistischen Glaubensbekenntnis,
wenn man nicht ein Interesse daran hat, den Advokaten
Gottes, den Theologen oder den theologisierenden
Philosophen, ärgerlich zu werden und die Gegenbehauptung
kräftig aufzustellen: daß das Böse regiere, daß die
Unlust größer sei als die Lust, daß die Welt ein Machwerk,
die Erscheinung eines bösen Willens zum Leben
sei. Wer aber kümmert sich jetzt noch um die Theologen
- außer den Theologen? - Abgesehen von aller Theologie
und ihrer Bekämpfung liegt es auf der Hand, daß
die Welt nicht gut und nicht böse, geschweige denn die
beste oder die schlechteste ist, und daß diese Begriffe
"gut" und "böse" nur in bezug auf Menschen Sinn haben,
ja vielleicht selbst hier, in der Weise, wie sie gewöhnlich
gebraucht werden, nicht berechtigt sind: der schimpfenden
und verherrlichenden Weltbetrachtung müssen wir
uns in jedem Falle entschlagen.
29
V o m D u f t e d e r B l ü t e n b e r a u s c h t. - Das Schiff
der Menschheit, meint man, hat einen immer stärkeren
Tiefgang, je mehr es belastet wird; man glaubt, je tiefer
der Mensch denkt, je zarter er fühlt, je höher er sich
schätzt, je weiter seine Entfernung von den anderen
Tieren wird - je mehr er als das Genie unter den Tieren
erscheint -, um so näher werde er dem wirklichen Wesen
der Welt und deren Erkenntnis kommen: dies tut er auch
wirklich durch die Wissenschaft, aber er m e i n t dies
noch mehr durch seine Religionen und Künste zu tun.
Diese sind zwar eine Blüte der Welt, aber durchaus nicht
d e r W u r z e l d e r W e l t n ä h e r, als der Stengel ist: man
kann aus ihnen das Wesen der Dinge gerade gar nicht
besser verstehen, obschon dies fast jedermann glaubt.
Der I r r t u m hat den Menschen so tief, zart, erfinderisch
gemacht, eine solche Blüte, wie Religionen und Künste,
herauszutreiben. Das reine Erkennen wäre dazu außerstande
gewesen. Wer uns das Wesen der Welt enthüllte,
würde uns allen die unangenehmste Enttäuschung
machen. Nicht die Welt als Ding an sich, sondern die
Welt als Vorstellung (als Irrtum) ist so bedeutungsreich,
tief, wundervoll, Glück und Unglück im Schoße tragend.
Dies Resultat führt zu einer Philosophie der l o g i s c h e n
W e l t v e r n e i n u n g : welche übrigens sich mit einer praktischen
Weltbejahung ebensogut wie mit deren Gegenteile
vereinigen läßt.
30
S c h l e c h t e G e w o h n h e i t e n i m S c h l i e ß e n. - Die
gewöhnlichsten Irrschlüsse der Menschen sind diese: eine
Sache existiert, also hat sie ein Recht. Hier wird aus
der Lebensfähigkeit auf die Zweckmäßigkeit, aus der
Zweckmäßigkeit auf die Rechtmäßigkeit geschlossen.
Sodann: eine Meinung beglückt, also ist sie die wahre,
ihre Wirkung ist gut, also ist sie selber gut und wahr.
Hier legt man der Wirkung das Prädikat beglückend,
gut im Sinne des Nützlichen, bei und versieht nun die
Ursache mit demselben Prädikat gut, aber hier im Sinne
des Logisch-Gültigen. Die Umkehrung der Sätze lautet:
eine Sache kann sich nicht durchsetzen, erhalten, also ist
sie unrecht; eine Meinung quält, regt auf, also ist sie
falsch. Der Freigeist, der das Fehlerhafte dieser Art zu
schließen nur allzu häufig kennenlernt und an ihren
Folgen zu leiden hat, unterliegt oft der Verführung, die
entgegengesetzten Schlüsse zu machen, welche im allgemeinen
natürlich ebenso sehr Irrschlüsse sind: eine Sache
kann sich nicht durchsetzen, also ist sie gut; eine Meinung
macht Not, beunruhigt, also ist sie wahr.
31
D a s U n l o g i s c h e n o t w e n d i g. - Zu den Dingen,
welche einen Denker in Verzweiflung bringen können,
gehört die Erkenntnis, daß das Unlogische für den Menschen
nötig ist, und daß aus dem Unlogischen vieles Gute
entsteht. Es steckt so fest in den Leidenschaften, in der
Sprache, in der Kunst, in der Religion und überhaupt in
allem, was dem Leben Wert verleiht, daß man es nicht
herausziehen kann, ohne damit diese schönen Dinge heillos
zu beschädigen. Es sind nur die allzu naiven Menschen,
welche glauben können, daß die Natur des Menschen
in eine rein logische verwandelt werden könne;
wenn es aber Grade der Annäherung an dieses Ziel geben
sollte, was würde da nicht alles auf diesem Wege verloren
gehen müssen! Auch der vernünftigste Mensch bedarf
von Zeit zu Zeit wieder der Natur, das heißt seiner
u n l o g i s c h e n G r u n d s t e l l u n g
z u a l l e n D i n g e n.
32
U n g e r e c h t s e i n n o t w e n d i g. - Alle Urteile über
den Wert des Lebens sind unlogisch entwickelt und deshalb
ungerecht. Die Unreinheit des Urteils liegt erstens
in der Art, wie das Material vorliegt, nämlich sehr
unvollständig, zweitens in der Art, wie daraus die Summe
gebildet wird, und drittens darin, daß jedes einzelne
Stück des Materials wieder das Resultat unreinen Erkennens
ist, und zwar dies mit voller Notwendigkeit.
Keine Erfahrung zum Beispiel über einen Menschen,
stünde er uns auch noch so nah, kann vollständig sein,
so daß wir ein logisches Recht zu einer Gesamtabschätzung
desselben hätten; alle Schätzungen sind voreilig
und müssen es sein. Endlich ist das Maß, womit wir
messen, unser Wesen, keine unabänderliche Größe, wir
haben Stimmungen und Schwankungen, und doch müßten
wir uns selbst als ein festes Maß kennen, um das Verhältnis
irgend einer Sache zu uns gerecht abzuschätzen.
Vielleicht wird aus alledem folgen, daß man gar nicht
urteilen sollte; wenn man aber nur l e b e n könnte ohne
abzuschätzen, ohne Abneigung und Zuneigung zu haben!
- denn alles Abgeneigtsein hängt mit einer Schätzung
zusammen, ebenso alles Geneigtsein. Ein Trieb zu etwas
oder von etwas weg, ohne ein Gefühl davon, daß man
das Förderliche wolle, dem Schädlichen ausweiche, ein
Trieb ohne eine Art von erkennender Abschätzung über
den Wert des Zieles existiert beim Menschen nicht. Wir
sind von vornherein unlogische und daher ungerechte
Wesen u n d k ö n n e n d i e s e r k e n n e n : dies ist eine der
größten und unauflösbarsten Disharmonien
des Daseins.
33
D e r I r r t u m ü b e r d a s L e b e n z u m L e b e n n o t w e n d i g. -
Jeder Glaube an Wert und Würdigkeit des
Lebens beruht auf unreinem Denken; er ist allein dadurch
möglich, daß das Mitgefühl für das allgemeine Leben und
Leiden der Menschheit sehr schwach im Individuum entwickelt
ist. Auch die selteneren Menschen, welche überhaupt
über sich hinaus denken, fassen nicht dieses allgemeine
Leben, sondern abgegrenzte Teile desselben ins
Auge. Versteht man es, sein Augenmerk vornehmlich
auf Ausnahmen, ich meine auf die hohen Begabungen
und die reichen Seelen zu richten, nimmt man deren Entstehung
zum Ziel der ganzen Weltentwicklung und erfreut
sich an deren Wirken, so mag man an den Wert des
Lebens glauben, weil man nämlich die anderen Menschen
dabei ü b e r s i e h t : also unrein denkt. Und ebenso, wenn
man zwar alle Menschen ins Auge faßt, aber in ihnen nur
e i n e Gattung von Trieben, die weniger egoistischen, gelten
läßt und sie in betreff der anderen Triebe entschuldigt:
dann kann man wiederum von der Menschheit im
ganzen etwas hoffen und insofern an den Wert des Lebens
glauben: also auch in diesem Falle durch Unreinheit des
Denkens. Mag man sich aber so oder so verhalten, man
ist mit diesem Verhalten eine A u s n a h m e unter den
Menschen. Nun ertragen aber gerade die allermeisten
Menschen das Leben, ohne erheblich zu murren, und
g l a u b e n somit an den Wert des Daseins, aber gerade
dadurch, daß sich jeder allein will und behauptet, und
nicht aus sich heraustritt wie jene Ausnahmen: alles
Außerpersönliche ist ihnen gar nicht oder höchstens als
ein schwacher Schatten bemerkbar. Also darauf allein
beruht der Wert des Lebens für den gewöhnlichen, alltäglichen
Menschen, daß er sich wichtiger nimmt als die
Welt. Der große Mangel an Phantasie, an dem er leidet,
macht, daß er sich nicht in andere Wesen hineinfühlen
kann und daher so wenig als möglich an ihrem Los und
Leiden teilnimmt. Wer dagegen wirklich daran teilnehmen
könnte, müßte am Werte des Lebens verzweifeln;
gelänge es ihm, das Gesamtbewußtsein der Menschheit
in sich zu fassen und zu empfinden, er würde mit einem
Fluche gegen das Dasein zusammenbrechen, - denn die
Menschheit hat im ganzen k e i n e Ziele, folglich kann
der Mensch, in Betrachtung des ganzen Verlaufs, nicht
darin seinen Trost und Halt finden, sondern seine Verzweiflung.
Sieht er bei allem, was er tut, auf die letzte
Ziellosigkeit der Menschen, so bekommt sein eignes Wirken
in seinen Augen den Charakter der Vergeudung.
Sich aber als Menschheit (und nicht nur als Individuum)
ebenso v e r g e u d e t zu fühlen, wie wir die einzelne Blüte
von der Natur vergeudet sehen, ist ein Gefühl über alle
Gefühle. - Wer ist aber desselben fähig? Gewiß nur
ein Dichter: und Dichter wissen sich immer zu trösten.
34
Z u r B e r u h i g u n g. - Aber wird so unsere Philosophie
nicht zur Tragödie? Wird die Wahrheit nicht dem
Leben, dem Besseren feindlich? Eine Frage scheint uns
die Zunge zu beschweren und doch nicht laut werden zu
wollen: ob man bewußt in der Unwahrheit bleiben
k ö n n e ? oder, wenn man dies m ü s s e, ob da nicht der
Tod vorzuziehen sei? Denn ein Sollen gibt es nicht mehr;
die Moral, insofern sie ein Sollen war, ist ja durch unsere
Betrachtungsart ebenso vernichtet wie die Religion. Die
Erkenntnis kann als Motive nur Lust und Unlust, Nutzen
und Schaden bestehen lassen: wie aber werden diese
Motive sich mit dem Sinne für Wahrheit auseinandersetzen?
Auch sie berühren sich ja mit Irrtümern (insofern,
wie gesagt, Neigung und Abneigung und ihre sehr
ungerechten Messungen unsere Lust und Unlust wesentlich
bestimmen). Das ganze menschliche Leben ist tief
in die Unwahrheit eingesenkt; der einzelne kann es nicht
aus diesem Brunnen herausziehen, ohne dabei seiner Vergangenheit
aus tiefstem Grunde gram zu werden, ohne
seine gegenwärtigen Motive, wie die der Ehre, ungereimt
zu finden und den Leidenschaften, welche zur Zukunft
und zu einem Glück in derselben hindrängen, Hohn und
Verachtung entgegenzustellen. Ist es wahr, bliebe einzig
noch eine Denkweise übrig, welche als persönliches Ergebnis
die Verzweiflung, als theoretisches eine Philosophie
der Zerstörung nach sich zöge? - Ich glaube, die
Entscheidung über die Nachwirkung der Erkenntnis wird
durch das T e m p e r a m e n t eines Menschen gegeben: ich
konnte mir ebensogut wie jene geschilderte und bei einzelnen
Naturen mögliche Nachwirkung eine andere denken,
vermöge deren ein viel einfacheres, von Affekten
reineres Leben entstünde, als das jetzige ist: so daß
zuerst zwar die alten Motive des heftigeren Begehrens
noch Kraft hätten, aus alter vererbter Gewöhnung her,
allmählich aber unter dem Einflusse der reinigenden
Erkenntnis schwächer würden. Man lebte zuletzt unter den
Menschen und mit sich wie in der N a t u r, ohne Lob,
Vorwürfe, Ereiferung, an vielem sich wie an einem S c h a u s p i e l
weidend, vor dem man sich bisher nur zu fürchten
hatte. Man wäre die Emphasis los und würde die Anstachelung
des Gedankens, daß man nicht nur Natur
oder mehr als Natur sei, nicht weiter empfinden. Freilich
gehörte hierzu, wie gesagt, ein gutes Temperament,
eine gefestete, milde und im Grunde frohsinnige Seele,
eine Stimmung, welche nicht vor Tücken und plötzlichen
Ausbrüchen auf der Hut zu sein brauchte und in ihren
Äußerungen nichts von dem knurrenden Tone und der
Verbissenheit an sich trüge - jenen bekannten lästigen
Eigenschaften alter Hunde und Menschen, die lange an
der Kette gelegen haben. Vielmehr muß ein Mensch,
von dem in solchem Maße die gewöhnlichen Fesseln des
Lebens abgefallen sind, daß er nur deshalb weiter lebt,
um immer besser zu erkennen, auf vieles, ja fast auf
alles, was bei den anderen Menschen Wert hat, ohne
Neid und Verdruß verzichten können, ihm muß als der
wünschenswerteste Zustand jenes freie, furchtlose Schweben
über Menschen, Sitten, Gesetzen und den herkömmlichen
Schätzungen der Dinge g e n ü g e n. Die Freude an
diesem Zustande teilt er gern mit, und er h a t vielleicht
nichts anderes mitzuteilen - worin freilich eine Entbehrung,
eine Entsagung mehr liegt. Will man aber
trotzdem mehr von ihm, so wird er mit wohlwollendem
Kopfschütteln auf seinen Bruder hinweisen, den freien
Menschen der Tat, und vielleicht ein wenig Spott nicht
verhehlen: denn mit dessen "Freiheit" hat es eine eigene
Bewandtnis.
------------------------------------------------------
Zweiter Band
Vorrede
1
Man soll nur reden, wo man nicht schweigen darf;
und nur von dem reden, was man ü b e r w u n d e n
hat, - alles andere ist Geschwätz, "Literatur", Mangel an
Zucht. Meine Schriften reden n u r von meinen
Überwindungen: "ich" bin darin, mit allem, was mir feind war, ego
ipsissimus, ja sogar, wenn ein stolzerer Ausdruck erlaubt
wird, ego ipsissim u m. Man errät: ich habe schon viel
- u n t e r mir... Aber es bedurfte immer erst der Zeit,
der Genesung, der Ferne, der Distanz, bis die Lust bei
mir sich regte, etwas Erlebtes und Überlebtes, irgend
ein eigenes Faktum oder Fatum nachträglich für die
Erkenntnis abzuhäuten, auszubeuten, bloßzulegen, "darzustellen"
(oder wie man's heißen will). Insofern sind
alle meine Schriften, mit einer einzigen, allerdings wesentlichen
Ausnahme, z u r ü c k z u d a t i e r e n - sie reden
immer von einem "Hinter-mir" -: einige sogar, wie die
drei ersten Unzeitgemäßen Betrachtungen, noch zurück
hinter die Entstehungs- und Erlebniszeit eines vorher
herausgegebenen Buches (der "Geburt der Tragödie" im
gegebenen Falle: wie es einem feineren Beobachter und
Vergleicher nicht verborgen bleiben darf). Jener zornige
Ausbruch gegen die Deutschtümelei, Behäbigkeit und
Sprach-Verlumpung des alt gewordenen David Strauß,
der Inhalt der ersten Unzeitgemäßen, machte Stimmungen
Luft, mit denen ich lange vorher, als Student, inmitten
deutscher Bildung und Bildungsphilisterei gesessen hatte
(ich mache Anspruch auf die Vaterschaft des jetzt viel
gebrauchten und mißbrauchten Wortes "Bildungsphilister" -);
und was ich gegen die "historische
Krankheit" gesagt habe, das sagte ich als einer, der von
ihr langsam, mühsam genesen lernte und ganz und gar
nicht willens war, fürderhin auf "Historie" zu verzichten,
weil er einstmals an ihr gelitten hatte. Als ich
sodann, in der dritten Unzeitgemäßen Betrachtung, meine
Ehrfurcht vor meinem ersten und einzigen Erzieher, vor
dem g r o ß e n Arthur Schopenhauer zum Ausdruck brachte
- ich würde sie jetzt noch viel stärker, auch persönlicher
ausdrücken -, war ich für meine eigne Person schon
mitten in der moralistischen Skepsis und Auflösung drin,
d a s h e i ß t e b e n s o s e h r i n d e r K r i t i k a l s d e r V e r t i e f u n g
a l l e s b i s h e r i g e n P e s s i m i s m u s -, und
glaubte bereits "an gar nichts mehr", wie das Volk sagt,
auch an Schopenhauer nicht: eben in jener Zeit entstand
ein geheim gehaltenes Schriftstück "über Wahrheit und
Lüge im außermoralischen Sinne". Selbst meine Sieges-
und Festrede zu Ehren Richard Wagners, bei Gelegenheit
seiner Bayreuther Siegesfeier 1876 - Bayreuth bedeutet
den größten Sieg, den je ein Künstler errungen
hat -, ein Werk, welches den stärksten A n s c h e i n der
"Aktualität" an sich trägt, war im Hintergrunde eine
Huldigung und Dankbarkeit gegen ein Stück Vergangenheit
von mir, gegen die schönste, auch gefährlichste
Meeresstille meiner Fahrt... und tatsächlich eine Loslösung,
ein Abschiednehmen. (Täuschte Richard Wagner
sich vielleicht selbst darüber? Ich glaube es nicht. Solange
man noch liebt, malt man gewiß keine solchen Bilder;
man "betrachtet" noch nicht, man stellt sich nicht
dergestalt in die Ferne, wie es der Betrachtende tun muß.
"Zum Betrachten gehört schon eine geheimnisvolle G e g n e r s c h a f t,
die des Entgegenschauens" - heißt es auf
Seite 342 der genannten Schrift selbst [Kap. 7, Anf.], mit
einer verräterischen und schwermütigen Wendung, welche
vielleicht nur für wenige Ohren war.) Die Gelassenheit,
um über lange Zwischenjahre innerlichsten Alleinseins
und Entbehrens reden zu k ö n n e n, kam mir erst mit dem
Buche "Menschliches, Allzumenschliches", dem auch dies
zweite Für- und Vorwort gewidmet sein soll. Auf ihm,
als einem Buche "für freie Geister", liegt etwas von der
beinahe heiteren und neugierigen Kälte des Psychologen,
welche eine Menge schmerzlicher Dinge, die er u n t e r
sich hat, h i n t e r sich hat, nachträglich für sich noch
feststellt und gleichsam mit irgend einer Nadelspitze
f e s t s t i c h t : - was Wunders, wenn, bei einer so spitzen
und kitzlichen Arbeit, gelegentlich auch etwas Blut
fließt, wenn der Psychologe Blut dabei an den Fingern
und nicht immer nur - an den Fingern hat?...
2
Die Vermischten Meinungen und Sprüche sind, ebenso
wie der Wanderer und sein Schatten, zuerst e i n z e l n
als Fortsetzungen und Anhänge jenes eben genannten
menschlich-allzumenschlichen "Buchs für freie Geister"
herausgegeben worden: zugleich als Fortsetzung und Verdoppelung
einer geistigen Kur, nämlich der a n t i r o m a n t i s c h e n
Selbstbehandlung, wie sie mir mein gesund gebliebener
Instinkt wider eine zeitweilige Erkrankung an
der gefährlichsten Form der Romantik selbst erfunden,
selbst verordnet hatte. Möge man sich nunmehr, nach
sechs Jahren der Gen