Vermischte Meinungen und Sprueche
Menschliches, Allzumenschliches, II: Vermischte Meinungen und Sprueche
1
Man soll nur reden, wo man nicht schweigen darf;
und nur von dem reden, was man überwunden
hat, - alles andere ist Geschwätz, "Literatur", Mangel an
Zucht. Meine Schriften reden nur von meinen
Überwindungen: "ich" bin darin, mit allem, was mir feind war, ego
ipsissimus, ja sogar, wenn ein stolzerer Ausdruck erlaubt
wird, ego ipsissimum. Man errät: ich habe schon viel
- unter mir... Aber es bedurfte immer erst der Zeit,
der Genesung, der Ferne, der Distanz, bis die Lust bei
mir sich regte, etwas Erlebtes und Überlebtes, irgend
ein eigenes Faktum oder Fatum nachträglich für die
Erkenntnis abzuhäuten, auszubeuten, bloßzulegen, "darzustellen"
(oder wie man's heißen will). Insofern sind
alle meine Schriften, mit einer einzigen, allerdings wesentlichen
Ausnahme, zurückzudatieren - sie reden
immer von einem "Hinter-mir" -: einige sogar, wie die
drei ersten Unzeitgemäßen Betrachtungen, noch zurück
hinter die Entstehungs- und Erlebniszeit eines vorher
herausgegebenen Buches (der "Geburt der Tragödie" im
gegebenen Falle: wie es einem feineren Beobachter und
Vergleicher nicht verborgen bleiben darf). Jener zornige
Ausbruch gegen die Deutschtümelei, Behäbigkeit und
Sprach-Verlumpung des alt gewordenen David Strauß,
der Inhalt der ersten Unzeitgemäßen, machte Stimmungen
Luft, mit denen ich lange vorher, als Student, inmitten
deutscher Bildung und Bildungsphilisterei gesessen hatte
(ich mache Anspruch auf die Vaterschaft des jetzt viel
gebrauchten und mißbrauchten Wortes "Bildungsphilister" -);
und was ich gegen die "historische
Krankheit" gesagt habe, das sagte ich als einer, der von
ihr langsam, mühsam genesen lernte und ganz und gar
nicht willens war, fürderhin auf "Historie" zu verzichten,
weil er einstmals an ihr gelitten hatte. Als ich
sodann, in der dritten Unzeitgemäßen Betrachtung, meine
Ehrfurcht vor meinem ersten und einzigen Erzieher, vor
dem großen Arthur Schopenhauer zum Ausdruck brachte
- ich würde sie jetzt noch viel stärker, auch persönlicher
ausdrücken -, war ich für meine eigne Person schon
mitten in der moralistischen Skepsis und Auflösung drin,
das heißt ebenso sehr in der Kritik als der Vertiefung
alles bisherigen Pessimismus -, und
glaubte bereits "an gar nichts mehr", wie das Volk sagt,
auch an Schopenhauer nicht: eben in jener Zeit entstand
ein geheim gehaltenes Schriftstück "über Wahrheit und
Lüge im außermoralischen Sinne". Selbst meine Sieges-
und Festrede zu Ehren Richard Wagners, bei Gelegenheit
seiner Bayreuther Siegesfeier 1876 - Bayreuth bedeutet
den größten Sieg, den je ein Künstler errungen
hat -, ein Werk, welches den stärksten Anschein der
"Aktualität" an sich trägt, war im Hintergrunde eine
Huldigung und Dankbarkeit gegen ein Stück Vergangenheit
von mir, gegen die schönste, auch gefährlichste
Meeresstille meiner Fahrt... und tatsächlich eine Loslösung,
ein Abschiednehmen. (Täuschte Richard Wagner
sich vielleicht selbst darüber? Ich glaube es nicht. Solange
man noch liebt, malt man gewiß keine solchen Bilder;
man "betrachtet" noch nicht, man stellt sich nicht
dergestalt in die Ferne, wie es der Betrachtende tun muß.
"Zum Betrachten gehört schon eine geheimnisvolle Gegnerschaft,
die des Entgegenschauens" - heißt es auf
Seite 342 der genannten Schrift selbst [Kap. 7, Anf.], mit
einer verräterischen und schwermütigen Wendung, welche
vielleicht nur für wenige Ohren war.) Die Gelassenheit,
um über lange Zwischenjahre innerlichsten Alleinseins
und Entbehrens reden zu können, kam mir erst mit dem
Buche "Menschliches, Allzumenschliches", dem auch dies
zweite Für- und Vorwort gewidmet sein soll. Auf ihm,
als einem Buche "für freie Geister", liegt etwas von der
beinahe heiteren und neugierigen Kälte des Psychologen,
welche eine Menge schmerzlicher Dinge, die er unter
sich hat, hinter sich hat, nachträglich für sich noch
feststellt und gleichsam mit irgend einer Nadelspitze
fest sticht: - was Wunders, wenn, bei einer so spitzen
und kitzlichen Arbeit, gelegentlich auch etwas Blut
fließt, wenn der Psychologe Blut dabei an den Fingern
und nicht immer nur - an den Fingern hat?...
2
Die Vermischten Meinungen und Sprüche sind, ebenso
wie der Wanderer und sein Schatten, zuerst einzeln
als Fortsetzungen und Anhänge jenes eben genannten
menschlich-allzumenschlichen "Buchs für freie Geister"
herausgegeben worden: zugleich als Fortsetzung und Verdoppelung
einer geistigen Kur, nämlich der antiromantischen
Selbstbehandlung, wie sie mir mein gesund gebliebener
Instinkt wider eine zeitweilige Erkrankung an
der gefährlichsten Form der Romantik selbst erfunden,
selbst verordnet hatte. Möge man sich nunmehr, nach
sechs Jahren der Genesung, die gleichen Schriften vereinigt
gefallen lassen, als zweiten Band von Menschliches,
Allzumenschliches: vielleicht lehren sie, zusammen
betrachtet, ihre Lehre stärker und deutlicher, - eine
Gesundheitslehre, welche den geistigeren Naturen des
eben heraufkommenden Geschlechts zur disciplina voluntatis
empfohlen sein mag. Aus ihnen redet ein Pessimist,
der oft genug aus der Haut gefahren, aber immer wieder
in sie hineingefahren ist, ein Pessimist also mit dem
guten Willen zum Pessimismus, - somit jedenfalls kein
Romantiker mehr: wie? sollte ein Geist, der sich auf
diese Schlangenklugheit versteht, die Haut zu wechseln,
nicht den heutigen Pessimisten eine Lektion geben
dürfen, welche allesamt noch in der Gefahr der Romantik
sind? Und ihnen zum mindesten zeigen, wie man das
- macht?...
3
- Es war in der Tat damals die höchste Zeit, Abschied
zu nehmen: alsbald schon bekam ich den Beweis
dafür. Richard Wagner, scheinbar der Siegreichste, in
Wahrheit ein morsch gewordener, verzweifelter Romantiker,
sank plötzlich, hilflos und zerbrochen, vor dem
christlichen Kreuze nieder... Hat denn kein Deutscher
für dieses schauerliche Schauspiel damals Augen im
Kopfe, Mitgefühl in seinem Gewissen gehabt? War ich
der einzige, der an ihm - litt? Genug, mir selbst gab
dies unerwartete Ereignis wie ein Blitz Klarheit über
den Ort, den ich verlassen hatte, - und auch jenen nachträglichen
Schrecken, wie ihn jeder empfindet, der unbewußt
durch eine ungeheure Gefahr gelaufen ist. Als
ich allein weiterging, zitterte ich; nicht lange darauf,
und ich war krank, mehr als krank, nämlich müde, aus
der unaufhaltsamen Enttäuschung über alles, was uns
modernen Menschen zur Begeisterung übrigblieb, über die
allerorts vergeudete Kraft, Arbeit, Hoffnung, Jugend,
Liebe; müde aus Ekel vor dem Femininischen und
Schwärmerisch-Zuchtlosen dieser Romantik, vor der ganzen
idealistischen Lügnerei und Gewissens-Verweichlichung, die
hier wieder einmal den Sieg über einen der Tapfersten
davongetragen hatte; müde endlich, und nicht am wenigsten,
aus dem Gram eines unerbittlichen Argwohns, -
daß ich, nach dieser Enttäuschung, verurteilt sei, tiefer
zu mißtrauen, tiefer zu verachten, tiefer allein zu sein
als je vorher. Meine Aufgabe - wohin war sie? Wie?
schien es jetzt nicht, als ob sich meine Aufgabe von mir
zurückziehe, als ob ich nun für lange kein Recht mehr
auf sie habe? Was tun, um diese größte Entbehrung
auszuhalten? - Ich begann damit, daß ich mir gründlich
und grundsätzlich alle romantische Musik verbot,
diese zweideutige, großtuerische, schwüle Kunst, welche
den Geist um seine Strenge und Lustigkeit bringt und
jede Art unklarer Sehnsucht, schwammichter Begehrlichkeit
wuchern macht. "Cave musicam" ist auch heute noch
mein Rat an alle, die Mannes genug sind, um in Dingen
des Geistes auf Reinlichkeit zu halten; solche Musik
entnervt, erweicht, verweiblicht, ihr "Ewig-Weibliches"
zieht uns - hinab !... Gegen die romantische Musik
wendete sich damals mein erster Argwohn, meine nächste
Vorsicht; und wenn ich überhaupt noch etwas von der
Musik hoffte, so war es in der Erwartung, es möchte ein
Musiker kommen, kühn, fein, boshaft, südlich, übergesund
genug, um an jener Musik auf eine unsterbliche
Weise Rache zu nehmen.-
4
Einsam nunmehr und schlimm mißtrauisch gegen mich,
nahm ich, nicht ohne Ingrimm, dergestalt Partei gegen
mich und für alles, was gerade mir wehe tat und hart
fiel: - so fand ich den Weg zu jenem tapferen Pessimismus
wieder, der der Gegensatz aller romantischen Verlogenheit
ist, und auch, wie mir heute scheinen will, den
Weg zu "mir" selbst, zu meiner Aufgabe. Jenes verborgene
und herrische Etwas, für das wir lange keinen
Namen haben, bis es sich endlich als unsre Aufgabe
erweist, - dieser Tyrann in uns nimmt eine schreckliche
Wiedervergeltung für jeden Versuch, den wir machen,
ihm auszuweichen oder zu entschlüpfen, für jede vorzeitige
Bescheidung, für jede Gleichsetzung mit solchen,
zu denen wir nicht gehören, für jede noch so achtbare
Tätigkeit, falls sie uns von unsrer Hauptsache ablenkt,
ja für jede Tugend selbst, welche uns gegen die Härte
der eigensten Verantwortlichkeit schützen möchte. Krankheit
ist jedesmal die Antwort, wenn wir an unsrem Rechte
auf unsre Aufgabe zweifeln wollen, - wenn wir anfangen,
es uns irgendworin leichter zu machen. Sonderbar
und furchtbar zugleich ! Unsre Erleichterungen
sind es, die wir am härtesten büßen müssen! Und wollen
wir hinterdrein zur Gesundheit zurück, so bleibt uns
keine Wahl: wir müssen uns schwerer belasten, als
wir je vorher belastet waren...
5
- Damals lernte ich erst jenes einsiedlerische Reden,
auf welches sich nur die Schweigendsten und Leidendsten
verstehn: ich redete, ohne Zeugen oder vielmehr gleichgültig
gegen Zeugen, um nicht am Schweigen zu leiden,
ich sprach von lauter Dingen, die mich nichts angingen,
aber so, als ob sie mich etwas angingen. Damals lernte
ich die Kunst, mich heiter, objektiv, neugierig, vor allem
gesund und boshaft zu geben, - und bei einem Kranken
ist dies, wie mir scheinen will, sein "guter Geschmack"?
Einem feineren Auge und Mitgefühl wird es trotzdem
nicht entgehn, was vielleicht den Reiz dieser Schriften
ausmacht, - daß hier ein Leidender und Entbehrender
redet, wie als ob er nicht ein Leidender und Entbehrender
sei. Hier soll das Gleichgewicht, die Gelassenheit,
sogar die Dankbarkeit gegen das Leben aufrechterhalten
werden, hier waltet ein strenger, stolzer, beständig
wacher, beständig reizbarer Wille, der sich die Aufgabe
gestellt hat, das Leben wider den Schmerz zu verteidigen
und alle Schlüsse abzuknicken, welche aus Schmerz, Enttäuschung,
Überdruß, Vereinsamung und andrem Moorgrunde
gleich giftigen Schwämmen aufzuwachsen pflegen.
Dies gibt vielleicht gerade unsern Pessimisten Fingerzeige
zur eignen Prüfung? - denn damals war es, wo
ich mir den Satz abgewann: "ein Leidender hat auf Pessimismus
noch kein Recht!", damals führte ich mit
mir einen langwierig-geduldigen Feldzug gegen den unwissenschaftlichen
Grundhang jedes romantischen Pessimismus,
einzelne persönliche Erfahrungen zu allgemeinen
Urteilen, ja Welt-Verurteilungen aufzubauschen, auszudeuten...
kurz, damals drehte ich meinen Blick herum.
Optimismus, zum Zweck der Wiederherstellung,
um irgendwann einmal wieder Pessimist sein zu dürfen:
versteht ihr das? Gleich wie ein Arzt seinen Kranken
in eine völlig fremde Umgebung stellt, damit er seinem
ganzen "Bisher", seinen Sorgen, Freunden, Briefen,
Pflichten, Dummheiten und Gedächtnismartern entrückt
wird und Hände und Sinne nach neuer Nahrung, neuer
Sonne, neuer Zukunft ausstrecken lernt, so zwang ich
mich, als Arzt und Kranker in einer Person, zu einem
umgekehrten, unerprobten Klima der Seele, und namentlich
zu einer abziehenden Wanderung in die Fremde,
in das Fremde, zu einer Neugierde nach aller Art von
Fremdem... Ein langes Herumziehn, Suchen, Wechseln
folgte hieraus, ein Widerwille gegen alles Festbleiben,
gegen jedes plumpe Bejahen und Verneinen;
ebenfalls eine Diätetik und Zucht, welche es dem Geiste
so leicht als möglich machen wollte, weit zu laufen, hoch
zu fliegen, vor allem immer wieder; fortzufliegen. Tatsächlich
ein minimum von Leben, eine Loskettung von
allen gröberen Begehrlichkeiten, eine Unabhängigkeit inmitten
aller Art äußerer Ungunst, samt dem Stolze, leben
zu können unter dieser Ungunst; etwas Zynismus vielleicht,
etwas "Tonne", aber ebenso gewiß viel Grillen-Glück,
Grillen-Munterkeit, viel Stille, Licht, feinere Torheit,
verborgenes Schwärmen - das alles ergab zuletzt
eine große geistige Erstarkung, eine wachsende Lust und
Fülle der Gesundheit. Das Leben selbst belohnt uns
für unsern zähen Willen zum Leben, für einen solchen
langen Krieg, wie ich ihn damals mit mir gegen den
Pessimismus der Lebensmüdigkeit führte, schon für jeden
aufmerksamen Blick unsrer Dankbarkeit, der sich die
kleinsten, zartesten, flüchtigsten Geschenke des Lebens
nicht entgehn läßt. Wir bekommen endlich dafür seine
großen Geschenke, vielleicht auch sein größtes, das es
zu geben vermag, - wir bekommen unsre Aufgabe
wieder zurück. - -
6
- Sollte mein Erlebnis - die Geschichte einer Krankheit
und Genesung, denn es lief auf eine Genesung hinaus -
nur mein persönliches Erlebnis gewesen sein?
Und gerade nur mein "Menschliches-Allzumenschliches"?
Ich möchte heute das Umgekehrte glauben; das Zutrauen
kommt mir wieder und wieder dafür, daß meine Wanderbücher
doch nicht nur für mich aufgezeichnet waren, wie
es bisweilen den Anschein hatte -. Darf ich nunmehr,
nach sechs Jahren wachsender Zuversicht, sie von neuem
zu einem Versuche auf die Reise schicken? Darf ich sie
denen sonderlich ans Herz und Ohr legen, welche mit
irgend einer "Vergangenheit" behaftet sind und Geist
genug übrig haben, um auch noch am Geiste ihrer
Vergangenheit zu leiden? Vor allem aber euch, die ihr es
am schwersten habt, ihr Seltenen, Gefährdetsten, Geistigsten,
Mutigsten, die ihr das Gewissen der modernen
Seele sein müßt und als solche ihr Wissen haben müßt,
in denen, was es nur heute von Krankheit, Gift und Gefahr
geben kann, zusammenkommt, - deren Los es will,
daß ihr kränker sein müßt als irgend ein einzelner, weil
ihr nicht "nur einzelne" seid..., deren Trost es ist,
den Weg zu einer neuen Gesundheit zu wissen, ach! und
zu gehen, einer Gesundheit von Morgen und Übermorgen,
ihr Vorherbestimmten, ihr Siegreichen, ihr Zeit-Überwinder,
ihr Gesündesten, ihr Stärksten, ihr guten
Europäer! - -
7
- Daß ich schließlich meinen Gegensatz gegen den
romantischen Pessimismus, das heißt zum Pessimismus
der Entbehrenden, Mißglückten, Überwundenen, noch
in eine Formel bringe: es gibt einen Willen zum Tragischen
und zum Pessimismus, der das Zeichen ebenso sehr
der Strenge als der Stärke des Intellektes (Geschmacks,
Gefühls, Gewissens) ist. Man fürchtet, mit
diesem Willen in der Brust, nicht das Furchtbare und
Fragwürdige, das allem Dasein eignet; man sucht es
selbst auf. Hinter einem solchen Willen steht der Mut,
der Stolz, das Verlangen nach einem großen Feinde. -
Dies war meine pessimistische Perspektive von Anbeginn,
eine neue Perspektive, wie mich dünkt? eine
solche, die auch heute noch neu und fremd ist? Bis zu
diesem Augenblicke halte ich an ihr fest, und, wenn man
mir glauben will, ebensowohl für mich als, gelegentlich
wenigstens, gegen mich... Wollt ihr dies erst bewiesen?
Aber was sonst wäre mit dieser langen Vorrede
- bewiesen?
Sils-Maria, Oberengadin,
im September 1886
1
An die Enttäuschten der Philosophie. -
Wenn ihr bisher an den höchsten Wert des Lebens
geglaubt habt und euch nun enttäuscht seht, müßt ihr es
denn jetzt zum niedrigsten Preise losschlagen?
2
Verwöhnt. - Man kann sich auch in bezug auf die
Helligkeit der Begriffe verwöhnen: wie ekelhaft wird da
der Verkehr mit den Halbklaren, Dunstigen, Strebenden,
Ahnenden! Wie lächerlich und doch nicht erheiternd wirkt
ihr ewiges Flattern und Haschen und doch nicht Fliegen-
und Fangen-können!
3
Die Freier der Wirklichkeit. - Wer endlich
merkt, wie sehr und wie lange er genarrt worden ist,
umarmt aus Trotz selbst die häßlichste Wirklichkeit: so
daß dieser, den Verlauf der Welt im ganzen gesehen,
zu allen Zeiten die allerbesten Freier zugefallen sind, -
denn die Besten sind immer am besten und längsten getäuscht worden.
4
Fortschritt der Freigeisterei. - Man kann
den Unterschied der früheren und der gegenwärtigen
Freigeisterei nicht besser verdeutlichen, als wenn man jenes
Satzes gedenkt, den zu erkennen und auszusprechen die
ganze Unerschrockenheit des vorigen Jahrhunderts nötig
war und der dennoch, von der jetzigen Einsicht aus bemessen,
zu einer unfreiwilligen Naivität herabsinkt, -
ich meine den Satz Voltaires: "croyez-moi, mon ami,
l'erreur aussi a son mérite."
5
Eine Erbsünde der Philosophen. - Die Philosophen
haben zu allen Zeiten die Sätze der Menschenprüfer
(Moralisten) sich angeeignet und verdorben dadurch,
daß sie dieselben unbedingt nahmen und das als
notwendig beweisen wollten, was von jenen nur als ungefährer
Fingerzeig oder gar als land- oder stadtsässige
Wahrheit eines Jahrzehnts gemeint war, - während sie
gerade dadurch sich über jene zu erheben meinten. So
wird man als Grundlage der berühmten Lehren Schopenhauers
vom Primat des Willens vor dem Intellekt, von
der Unveränderlichkeit des Charakters, von der Negativität
der Lust - welche alle, so wie er sie versteht,
Irrtümer sind - populäre Weisheiten finden, welche
Moralisten aufgestellt haben. Schon das Wort "Wille",
welches Schopenhauer zur gemeinsamen Bezeichnung
vieler menschlichen Zustände umbildete und in eine
Lücke der Sprache hineinstellte, zum großen Vorteil für
ihn selber, soweit er Moralist war - da es ihm nun
freistand, vom "Willen" zu reden, wie Pascal von ihm
geredet hatte -, schon der "Wille" Schopenhauers ist
unter den Händen seines Urhebers, durch die Philosophen-Wut
der Verallgemeinerung, zum Unheil für die Wissenschaft
ausgeschlagen: denn dieser Wille ist zu einer
poetischen Metapher gemacht, wenn behauptet wird, alle
Dinge in der Natur hätten Willen; endlich ist er, zum
Zwecke einer Verwendung bei allerhand mystischem Unfuge,
zu einer falschen Verdinglichung gemißbraucht
worden - und alle Modephilosophen sagen es nach und
scheinen es ganz genau zu wissen, daß alle Dinge einen
Willen hätten, ja dieser eine Wille wären (was, nach
der Abschilderung, die man von diesem All-Eins-Willen
macht, so viel bedeutet, als ob man durchaus den dummen
Teufel zum Gotte haben wolle).
6
Wider die Phantasten. - Der Phantast verleugnet
die Wahrheit vor sich, der Lügner nur vor andern.
7
Licht-Feindschaft. - Macht man jemandem klar,
daß er, streng verstanden, nie von Wahrheit, sondern
immer nur von Wahrscheinlichkeit und deren Graden
reden könne, so entdeckt man gewöhnlich an der unverhohlenen
Freude des also Belehrten, wieviel lieber den
Menschen die Unsicherheit des geistigen Horizontes ist
und wie sie die Wahrheit im Grunde ihrer Seele wegen
ihrer Bestimmtheit hassen. - Liegt es daran, daß sie
alle insgeheim selber Furcht davor haben, daß man einmal
das Licht der Wahrheit zu hell auf sie fallen lasse?
Sie wollen etwas bedeuten, folglich darf man nicht genau
wissen, was sie sind? Oder ist es nur die Scheu vor dem
allzu hellen Licht, an welches ihre dämmernden, leicht
zu blendenden Fledermaus-Seelen nicht gewöhnt sind, so
daß sie es hassen müssen.
8
Christen-Skepsis. - Pilatus, mit seiner Frage: was
ist Wahrheit!, wird jetzt gern als Advokat Christi eingeführt,
um alles Erkannte und Erkennbare als Schein zu
verdächtigen und auf dem schauerlichen Hintergrunde
des Nichts-wissen-könnens das Kreuz aufzurichten.
9
"Naturgesetz" ein Wort des Aberglaubens. -
Wenn ihr so entzückt von der Gesetzmäßigkeit in der
Natur redet, so müßt ihr doch entweder annehmen, daß
aus freiem, sich selbst unterwerfendem Gehorsam alle
natürlichen Dinge ihrem Gesetze folgen - in welchem
Falle ihr also die Moralität der Natur bewundert -;
oder euch entzückt die Vorstellung eines schaffenden
Mechanikers, der die kunstvollste Uhr, mit lebenden
Wesen als Zierat daran, gemacht hat. - Die Notwendigkeit
in der Natur wird durch den Ausdruck "Gesetzmäßigkeit"
menschlicher und ein letzter Zufluchtswinkel
der mythologischen Träumerei.
10
Der Historie verfallen. - Die Schleier-Philosophen
und Welt-Verdunkler, also alle Metaphysiker feineren
und gröberen Korns, ergreift Augen-, Ohren- und
Zahnschmerz, wenn sie zu argwöhnen beginnen, daß es mit
dem Satze: die ganze Philosophie sei von jetzt ab der
Historie verfallen, seine Richtigkeit habe. Es ist ihnen,
ihrer Schmerzen wegen, zu verzeihen, daß sie nach
jenem, der so spricht, mit Steinen und Unflat werfen: die
Lehre selbst kann aber dadurch eine Zeitlang schmutzig
und unansehnlich werden und an Wirkung verlieren.
11
Der Pessimist des Intellekts. - Der wahrhaft
Freie im Geiste wird auch über den Geist selber frei
denken und sich einiges Furchtbare in Hinsicht auf Quelle
und Richtung desselben nicht verhehlen. Deshalb werden
ihn die andern vielleicht als den ärgsten Gegner der Freigeisterei
bezeichnen und mit dem Schimpf- und Schreckwort
"Pessimist des Intellekts" belegen: gewohnt, wie sie
sind, jemanden nicht nach seiner hervorragenden Stärke
und Tugend zu nennen, sondern nach dem, was ihnen am
fremdesten an ihm ist.
12
Schnappsack der Metaphysiker. - Allen denen,
welche so großtuerisch von der Wissenschaftlichkeit ihrer
Metaphysik reden, soll man gar nicht antworten; es genügt,
sie an dem Bündel zu zupfen, welches sie, einigermaßen
scheu, hinter ihrem Rücken verborgen halten; gelingt es,
dasselbe zu lüpfen, so kommen die Resultate
jener Wissenschaftlichkeit, zu ihrem Erröten, ans Licht:
ein kleiner lieber Herrgott, eine artige Unsterblichkeit,
vielleicht etwas Spiritismus und jedenfalls ein ganzer
verschlungener Haufen von Armen-Sünder-Elend und
Pharisäer-Hochmut.
13
Gelegentliche Schädlichkeit der Erkenntnis.
- Die Nützlichkeit, welche die unbedingte Erforschung des
Wahren mit sich bringt, wird fortwährend so hundertfach
neu bewiesen, daß man die feinere und seltnere
Schädlichkeit, an der Einzelne ihrethalben zu leiden
haben, unbedingt mit in den Kauf nehmen muß. Man
kann es nicht verhindern, daß der Chemiker bei seinen
Versuchen sich gelegentlich vergiftet und verbrennt. -
Was vom Chemiker gilt, gilt von unsrer gesamten Kultur:
woraus sich, nebenbei gesagt, deutlich ergibt, wie
sehr dieselbe für Heilsalben bei Verbrennungen und für
das stete Vorhandensein von Gegengiften zu sorgen hat.
14
Philister-Notdurft. - Der Philister meint einen
Purpurfetzen oder Turban von Metaphysik am nötigsten
zu haben und will ihn durchaus nicht schlüpfen lassen:
und doch würde man ihn ohne diesen Putz weniger
lächerlich finden.
15
Die Schwärmer. - Mit allem, was Schwärmer zugunsten
ihres Evangeliums oder ihres Meisters sagen,
verteidigen sie sich selbst, so sehr sie sich auch als
Richter (und nicht als Angeklagte) gebärden, weil sie
unwillkürlich und fast in jedem Augenblick daran erinnert
werden, daß sie Ausnahmen sind, die sich legitimieren müssen.
16
Das Gute verführt zum Leben. - Alle guten
Dinge sind starke Reizmittel zum Leben, selbst jedes gute
Buch, das gegen das Leben geschrieben ist.
17
Glück des Historikers. - "Wenn wir die spitzfindigen
Metaphysiker und Hinterweltler reden hören,
fühlen wir anderen freilich, daß wir die `Armen im
Geist' sind, aber auch, daß unser das Himmelreich des
Wechsels, mit Frühling und Herbst, Winter und Sommer,
und jener die Hinterwelt ist - mit ihren grauen, frostigen,
unendlichen Nebeln und Schatten." - So sprach
einer zu sich bei einem Gange in der Morgensonne: einer,
dem bei der Historie nicht nur der Geist, sondern auch
das Herz sich immer neu verwandelt und der, im Gegensatze
zu den Metaphysikern, glücklich darüber ist, nicht
"eine unsterbliche Seele", sondern viele sterbliche
Seelen in sich zu beherbergen.
18
Drei Arten von Denkern. - Es gibt strömende,
fließende, tröpfelnde Mineralquellen; und dementsprechend
drei Arten von Denkern. Der Laie schätzt sie
nach der Masse des Wassers, der Kenner nach dem Gehalt
des Wassers ab, also nach dem, was eben nicht Wasser
in ihnen ist.
19
Das Bild des Lebens. - Die Aufgabe, das Bild
des Lebens zu malen, so oft sie auch von Dichtern und
Philosophen gestellt wurde, ist trotzdem unsinnig: auch
unter den Händen der größten Maler-Denker sind immer
nur Bilder und Bildchen aus einem Leben, nämlich aus
ihrem Leben, entstanden - und nichts anderes ist auch
nur möglich. Im Werdenden kann sich ein Werdendes
nicht als fest und dauernd, nicht als ein "das" spiegeln.
20
Wahrheit will keine Götter neben sich. - Der
Glaube an die Wahrheit beginnt mit dem Zweifel an
allen bis dahin geglaubten Wahrheiten.
21
Worüber Schweigen verlangt wird. - Wenn
man von der Freigeisterei wie von einer höchst gefährlichen
Gletscher- und Eismeer-Wanderung redet, so sind die,
welche jenen Weg nicht gehen wollen, beleidigt, als ob
man ihnen Zaghaftigkeit und schwache Knie zum Vorwurf
gemacht hätte. Das Schwere, dem wir uns nicht
gewachsen fühlen, soll nicht einmal vor uns genannt
werden.
22
Historia in nuce. - Die ernsthafteste Parodie, die
ich je hörte, ist diese: "im Anfang war der Unsinn, und
der Unsinn war bei Gott!, und Gott (göttlich) war der
Unsinn."
23
Unheilbar. - Ein Idealist ist unverbesserlich: wirft
man ihn aus seinem Himmel, so macht er sich aus der
Hölle ein Ideal zurecht. Man enttäuschte ihn und siehe!
- er wird die Enttäuschung nicht minder brünstig umarmen,
als er noch jüngst die Hoffnung umarmt hat. Insofern
sein Hang zu den großen unheilbaren Hängen der
menschlichen Natur gehört, kann er tragische Schicksale
herbeiführen und später Gegenstand von Tragödien werden:
als welche es eben mit dem Unheilbaren, Unabwendbaren,
Unentfliehbaren in Menschenlos und -Charakter
zu tun haben.
24
Der Beifall selber als Fortsetzung des
Schauspiels. - Strahlende Augen und ein wohlwollendes
Lächeln ist die Art des Beifalls, welcher der ganzen
großen Welt- und Daseinskomödie gezollt wird, - aber
zugleich eine Komödie in der Komödie, welche die andern
Zuschauer zum "plaudite amici" verführen soll.
25
Mut zur Langweiligkeit. - Wer den Mut nicht
hat, sich und sein Werk langweilig finden zu lassen, ist
gewiß kein Geist ersten Ranges, sei es in Künsten oder
Wissenschaften. - Ein Spötter, der ausnahmsweise auch
ein Denker wäre, könnte, bei einem Blick auf Welt und
Geschichte, hinzufügen: "Gott hatte diesen Mut nicht;
er hat die Dinge insgesamt zu interessant machen wollen
und gemacht."
26
Aus der innersten Erfahrung des Denkers.
- Nichts wird dem Menschen schwerer, als eine Sache
unpersönlich zu fassen: ich meine, in ihr eben eine Sache
und keine Person zu sehen: ja man kann fragen, ob
es ihm überhaupt möglich ist, das Uhrwerk seines personenbildenden,
personendichtenden Triebes auch nur
einen Augenblick auszuhängen. Verkehrt er doch selbst
mit Gedanken, und seien es die abstraktesten, so, als
wären es Individuen, mit denen man kämpfen, an die
man sich anschließen, welche man behüten, pflegen, aufnähren
müsse. Belauern und belauschen wir uns nur
selber, in jenen Minuten, wo wir einen uns neuen Satz
hören oder finden. Vielleicht mißfällt er uns, weil er
so trotzig, so selbstherrlich dasteht: unbewußt fragen
wir uns, ob wir ihm nicht einen Gegensatz als Feind
zur Seite ordnen, ob wir ihm ein "Vielleicht", ein
"Mitunter" anhängen können; selbst das Wörtchen
"wahrscheinlich" gibt uns eine Genugtuung, weil es die
persönlich lästige Tyrannei des Unbedingten bricht. Wenn
dagegen jener neue Satz in milder Form einherzieht, fein
duldsam und demütig und dem Widerspruche gleichsam
in die Arme sinkend, so versuchen wir es mit einer andern
Probe unsrer Selbstherrlichkeit: wie, können wir diesem
schwachen Wesen nicht zu Hilfe kommen, es streicheln
und nähren, ihm Kraft und Fülle, ja Wahrheit und selbst
Unbedingtheit geben? Ist es möglich, uns elternhaft oder
ritterlich oder mitleidig gegen dasselbe zu benehmen? -
Dann wieder sehen wir hier ein Urteil und dort ein Urteil
entfernt voneinander, ohne sich anzusehen, ohne sich
aufeinander zuzubewegen: da kitzelt uns der Gedanke, ob
hier nicht eine Ehe zu stiften, ein Schluß zu ziehen
sei, mit dem Vorgefühle, daß im Falle sich eine Folge
aus diesem Schlusse ergibt, nicht nur die beiden ehelich
verbundenen Urteile, sondern auch die Ehestifter die Ehre
davon haben. Kann man aber weder auf dem Wege des
Trotzes und Übelwollens, noch auf dem des Wohlwollens
jenem Gedanken etwas anhaben (hält man ihn für wahr
-), dann unterwirft man sich und huldigt ihm als einem
Führer und Herzoge, gibt ihm einen Ehrenstuhl und
spricht nicht ohne Gepränge und Stolz von ihm; denn
in seinem Glanze glänzt man mit. Wehe dem, der diesen
verdunkeln will; es sei denn, daß er selber uns eines
Tages bedenklich wird: - dann stoßen wir, die unermüdlichen
"Königsmacher" (king-makers) der Geschichte des
Geistes, ihn vom Throne und heben flugs seinen Gegner
hinauf. Dies erwäge man und denke noch ein Stück
weiter: gewiß wird niemand dann von einem "Erkenntnistriebe
an und für sich" reden! - Weshalb zieht also
der Mensch das Wahre dem Unwahren vor, in diesem
heimlichen Kampfe mit Gedanken-Personen, in dieser
meist versteckt bleibenden Gedanken-Ehestiftung,
Gedanken-Staatenbegründung, Gedanken-Kinderzucht,
Gedanken-Armen- und Krankenpflege? Aus dem gleichen
Grunde, aus dem er die Gerechtigkeit im Verkehre mit
wirklichen Personen übt: jetzt aus Gewohnheit,
Vererbung und Anerziehung, ursprünglich, weil das
Wahre - wie auch das Billige und Gerechte - nützlicher
und ehrbringender ist als das Unwahre. Denn
im Reiche des Denkens sind Macht und Ruf schlecht
zu behaupten, die sich auf dem Irrtum oder der Lüge
aufbauen: das Gefühl, daß ein solcher Bau irgend einmal
zusammenbrechen könne, ist demütigend für das
Selbstbewußtsein seines Baumeisters; er schämt sich der
Zerbrechlichkeit seines Materials und möchte, weil er
sich selber wichtiger als die übrige Welt nimmt, nichts
tun, was nicht dauernder als die übrige Welt wäre.
Im Verlangen nach der Wahrheit umarmt er den Glauben
an die persönliche Unsterblichkeit, das heißt den
hochmütigsten und trotzigsten Gedanken, den es gibt,
verschwistert wie er ist mit dem Hintergedanken "pereat
mundus, dum ego salvus sim!" Sein Werk ist ihm zu
seinem ego geworden, er schafft sich selber ins Unvergängliche,
allem Trotz Bietende um. Sein unermeßlicher
Stolz ist es, der nur die besten härtesten Steine zum
Werke verwenden will, Wahrheiten also oder das, was
er dafür hält. Mit Recht hat man zu allen Zeiten als
"das Laster des Wissenden" den Hochmut genannt -
doch würde es ohne dieses triebkräftige Laster erbärmlich
um die Wahrheit und deren Geltung auf Erden bestellt
sein. Darin, daß wir uns vor unsern eigenen Gedanken,
Begriffen, Worten fürchten, daß wir aber auch in
ihnen uns selber ehren, ihnen unwillkürlich die Kraft
zuschreiben, uns belohnen, verachten, loben und tadeln
zu können, darin, daß wir also mit ihnen wie mit freien
geistigen Personen, mit unabhängigen Mächten verkehren,
als Gleiche mit Gleichen - darin hat das seltsame Phänomen
seine Wurzel, welches ich "intellektuales Gewissen"
genannt habe. - So ist auch hier etwas Moralisches
höchster Gattung aus einer Schwarzwurzel herausgeblüht.
27
Die Obskuranten. - Das Wesentliche an der schwarzen
Kunst des Obskurantismus ist nicht, daß er die Köpfe
verdunkeln will, sondern daß er das Bild der Welt anschwärzen,
unsere Vorstellung vom Dasein verdunkeln
will. Dazu dient ihm zwar häufig jenes Mittel,
die Aufhellung der Geister zu hintertreiben: mitunter
aber gebraucht er gerade das entgegengesetzte Mittel
und sucht durch die höchste Verfeinerung des Intellekts
einen Überdruß an dessen Früchten zu erzeugen.
Spitzfindige Metaphysiker, welche die Skepsis vorbereiten und
durch ihren übermäßigen Scharfsinn zum Mißtrauen
gegen den Scharfsinn auffordern, sind gute Werkzeuge
eines feineren Obskurantismus. - Ist es möglich, daß
selbst Kant in dieser Absicht verwendet werden kann?
ja daß er, nach seiner eignen berüchtigten Erklärung,
etwas Derartiges, wenigstens zeitweilig, gewollt hat:
dem Glauben Bahn machen dadurch, daß er dem
Wissen seine Schranken wies? - was ihm nun freilich nicht
gelungen ist, ihm sowenig wie seinen Nachfolgern auf
den Wolfs- und Fuchsgängen dieses höchst verfeinerter
und gefährlichen Obskurantismus, ja des gefährlichsten:
denn die schwarze Kunst erscheint hier in einer Lichthülle.
28
An welcher Art von Philosophie die Kunst
verdirbt. - Wenn es den Nebeln einer metaphysisch-mystischen
Philosophie gelingt, alle ästhetischen Phänomene
undurchsichtbar zu machen, so folgt dann, daß sie
auch untereinander unabschätzbar sind, weil jedes
einzelne unerklärlich wird. Dürfen sie aber nicht einmal
mehr miteinander zum Zwecke der Abschätzung verglichen
werden, so entsteht zuletzt eine vollständige Unkritik,
ein blindes Gewährenlassen: daraus aber wiederum
eine stetige Abnahme des Genusses an der Kunst
(welcher nur durch ein höchst verschärftes Schmecken
und Unterscheiden sich von der rohen Stillung eines
Bedürfnisses unterscheidet). Je mehr aber der Genuß abnimmt,
um so mehr wandelt sich das Kunstverlangen
zum gemeinen Hunger um und zurück, dem nun der
Künstler durch immer gröbere Kost abzuhelfen sucht.
29
Auf Gethsemane. - Das Schmerzlichste, was der
Denker zu den Künstlern sagen kann, lautet: "könnt ihr
denn nicht eine Stunde mit mir wachen?
30
Am Webstuhle. - Den wenigen, welche eine Freude
daran haben, den Knoten der Dinge zu lösen und sein
Gewebe aufzutrennen, arbeiten viele entgegen (zum Beispiel
alle Künstler und Frauen), ihn immer wieder neu
zu knüpfen und zu verwickeln und so das Begriffne ins
Unbegriffne, womöglich Unbegreifliche umzubilden. Was
dabei auch sonst herauskomme - das Gewebte und Verknotete
wird immer etwas unreinlich aussehen müssen,
weil zu viele Hände daran arbeiten und ziehen.
31
In der Wüste der Wissenschaft. - Dem
wissenschaftlichen Menschen erscheinen auf seinen bescheidenen
und mühsamen Wanderungen, die oft genug Wüstenreisen
sein müssen, jene glänzenden Lufterscheinungen,
die man "philosophische Systeme" nennt: sie zeigen mit
zauberischer Kraft der Täuschung die Lösung aller
Rätsel und den frischesten Trunk wahren Lebenswassers
in der Nähe; das Herz schwelgt, und der Ermüdete berührt
das Ziel aller wissenschaftlichen Ausdauer und
Not beinahe schon mit den Lippen, so daß er wie unwillkürlich
vorwärts drängt. Freilich bleiben andere Naturen,
von der schönen Täuschung wie betäubt, stehen: die
Wüste verschlingt sie, für die Wissenschaft sind sie tot.
Wieder andere Naturen, welche jene subjektiven Tröstungen
schon öfter erfahren haben, werden wohl aufs
äußerste mißmutig und verfluchen den Salzgeschmack,
welchen jene Erscheinungen im Munde hinterlassen und
aus dem ein rasender Durst entsteht - ohne daß man
nur einen Schritt damit irgend einer Quelle näher
gekommen wäre.
32
Die angebliche "wirkliche Wirklichkeit".
- Der Dichter stellt sich so, wenn er die einzelnen
Berufsarten, z. B. die des Feldherrn, des Seidenwebers, des
Seemanns schildert, als ob er diese Dinge von Grund aus
kenne und ein Wissender sei; ja bei der Auseinandersetzung
menschlicher Handlungen und Geschicke benimmt
er sich, wie als ob er beim Ausspinnen des ganzen Weltennetzes
zugegen gewesen sei; insofern ist er ein Betrüger.
Und zwar betrügt er vor lauter Nichtwissenden -
und deshalb gelingt es ihm: diese bringen ihm das Lob
seines echten und tiefen Wissens entgegen und verleiten
ihn endlich zu dem Wahne, er wisse die Dinge wirklich
so gut wie der einzelne Kenner und Macher, ja wie die
große Welten-Spinne selber. Zuletzt also wird der Betrüger
ehrlich und glaubt an seine Wahrhaftigkeit. Ja
die empfindenden Menschen sagen es ihm sogar ins Gesicht,
er habe die höhere Wahrheit und Wahrhaftigkeit,
- sie sind nämlich der Wirklichkeit zeitweilig
müde und nehmen den dichterischen Traum als eine wohltätige
Ausspannung und Nacht für Kopf und Herz. Was
dieser Traum ihnen zeigt, erscheint ihnen jetzt mehr
wert, weil sie es, wie gesagt, wohltätiger empfinden:
und immer haben die Menschen gemeint, das wertvoller
Scheinende sei das Wahrere, Wirklichere. Die Dichter,
die sich dieser Macht bewußt sind, gehen absichtlich
darauf aus, das, was für gewöhnlich Wirklichkeit genannt
wird, zu verunglimpfen und zum Unsichern, Scheinbaren,
Unechten, Sünd-, Leid- und Trugvollen umzubilden;
sie benutzen alle Zweifel über die Grenzen der
Erkenntnis, alle skeptischen Ausschreitungen, um die
faltigen Schleier der Unsicherheit über die Dinge zu breiten:
damit dann, nach dieser Verdunkelung, ihre Zauberei und
Seelenmagie recht unbedenklich als Weg zur "wahren
Wahrheit", zur "wirklichen Wirklichkeit" verstanden
werde.
33
Gerecht sein wollen und Richter sein wollen.
- Schopenhauer, dessen große Kennerschaft für Menschliches
und Allzumenschliches, dessen ursprünglicher Tatsachen-Sinn
nicht wenig durch das bunte Leoparden-Fell
seiner Metaphysik beeinträchtigt worden ist (welches man
ihm erst abziehen muß, um ein wirkliches Moralisten-Genie
darunter zu entdecken) - Schopenhauer macht jene
treffliche Unterscheidung, mit der er viel mehr recht
behalten wird, als er sich selber eigentlich zugestehen
durfte: "die Einsicht in die strenge Notwendigkeit der
menschlichen Handlungen ist die Grenzlinie, welche die
philosophischen Köpfe von den andern scheidet."
Dieser mächtigen Einsicht, welcher er zuzeiten offen
stand, wirkte er bei sich selber durch jenes Vorurteil
entgegen, welches er mit den moralischen Menschen (nicht
mit den Moralisten) noch gemein hatte und das er ganz
harmlos und gläubig so ausspricht: "der letzte und wahre
Aufschluß über das innere Wesen des Ganzen der Dinge
muß notwendig eng zusammenhängen mit dem über die
ethische Bedeutsamkeit des menschlichen Handelns" -
was eben durchaus nicht "notwendig" ist, vielmehr durch
jenen Satz von der strengen Notwendigkeit der menschlichen
Handlungen, das heißt der unbedingten Willens-Unfreiheit
und -Unverantwortlichkeit, eben abgelehnt
wird. Die philosophischen Köpfe werden sich also von
den andern durch den Unglauben an die metaphysische
Bedeutsamkeit der Moral unterscheiden: und das dürfte
eine Kluft zwischen sie legen, von deren Tiefe und
Unüberbrückbarkeit die so beklagte Kluft zwischen "Gebildet"
und "Ungebildet", wie sie jetzt existiert, kaum
einen Begriff gibt. Freilich muß noch manche Hintertüre,
welche sich die "philosophischen Köpfe", gleich
Schopenhauern selbst, gelassen haben, als nutzlos erkannt
werden: keine führt ins Freie, in die Luft des freien
Willens; jede, durch welche man bisher geschlüpft ist,
zeigte dahinter wieder die ehern blinkende Mauer des
Fatums: wir sind im Gefängnis, frei können wir uns
nur träumen, nicht machen. Daß dieser Erkenntnis
nicht lange mehr widerstrebt werden kann, das zeigen
die verzweifelten und unglaublichen Stellungen und Verzerrungen
derer an, welche gegen sie andringen, mit ihr
noch den Ringkampf fortsetzen. - So ungefähr geht es
bei ihnen jetzt zu: "also kein Mensch verantwortlich?
Und alles voll Schuld und Schuldgefühl? Aber irgendwer
muß doch der Sünder sein: ist es unmöglich und nicht
mehr erlaubt, den einzelnen, die arme Welle im notwendigen
Wellenspiele des Werdens anzuklagen und zu
richten - nun denn: so sei das Wellenspiel selbst, das
Werden, der Sünder: hier ist der freie Wille, hier darf
angeklagt, verurteilt, gebüßt und gesühnt werden: so sei
Gott der Sünder und der Mensch sein Erlöser: so
sei die Weltgeschichte Schuld, Selbstverurteilung und
Selbstmord; so werde der Missetäter zum eigenen Richter,
der Richter zum eigenen Henker." - Dieses auf den
Kopf gestellte Christentum - was ist es denn sonst?
- ist der letzte Fechter-Ausfall im Kampfe der Lehre
von der unbedingten Moralität mit der von der
unbedingten Unfreiheit - ein schauerliches Ding, wenn es
mehr wäre als eine logische Grimasse, mehr als eine
häßliche Gebärde des unterliegenden Gedankens - etwa
der Todeskrampf des verzweifelnden und heilsüchtigen
Herzens, dem der Wahnsinn zuflüstert: "Siehe, du bist
das Lamm, das Gottes Sünde trägt". - Der Irrtum steckt
nicht nur im Gefühle "ich bin verantwortlich", sondern
ebenso in jenem Gegensatze "ich bin es nicht, aber irgendwer
muß es doch sein". - Dies ist eben nicht wahr: der
Philosoph hat also zu sagen, wie Christus, "richtet
nicht!", und der letzte Unterschied zwischen den
philosophischen Köpfen und den andern wäre der, daß die
ersten gerecht sein wollen, die andern Richter
sein wollen.
34
Aufopferung. - Ihr meint, das Kennzeichen der
moralischen Handlung sei die Aufopferung? - Denkt
doch nach, ob nicht bei jeder Handlung, die mit
Überlegung getan wird, Aufopferung dabei ist, bei der
schlechtesten wie bei der besten.
35
Gegen die Nierenprüfer der Sittlichkeit.
- Man muß das Beste und das Schlechteste kennen, dessen
ein Mensch fähig ist, im Vorstellen und Ausführen, um
zu beurteilen, wie stark seine sittliche Natur ist und
wurde. Aber jenes zu erfahren ist unmöglich.
36
Schlangenzahn. - Ob man einen Schlangenzahn
habe oder nicht, weiß man nicht eher, als bis jemand
die Ferse auf uns gesetzt hat. Eine Frau oder Mutter
würde sagen: bis jemand die Ferse auf unsern Liebling,
unser Kind gesetzt hat. - Unser Charakter wird noch
mehr durch den Mangel gewisser Erlebnisse als durch
das, was man erlebt, bestimmt.
37
Der Betrug in der Liebe. - Man vergißt manches
aus seiner Vergangenheit und schlägt es sich absichtlich
aus dem Sinn: das heißt, man will, daß unser Bild, welches
von der Vergangenheit her uns anstrahlt, uns belüge.
unserm Dünkel schmeichele - wir arbeiten fortwährend
an diesem Selbstbetruge. - Und nun meint ihr, die ihr
so viel vom "Sichselbstvergessen in der Liebe", vom "Aufgehen
des Ich in der anderen Person" redet und rühmt,
dies sei etwas wesentlich anderes? Also man zerbricht
den Spiegel, dichtet sich in eine Person hinein, die man
bewundert, und genießt nun das neue Bild seines Ich, ob
man es schon mit dem Namen der andern Person nennt -
und dieser ganze Vorgang soll nicht Selbstbetrug, nicht
Selbstsucht sein, ihr - Wunderlichen! - Ich denke, die,
welche etwas von sich vor sich verhehlen und die, welche
sich als Ganzes vor sich verhehlen, sind darin gleich, daß
sie in der Schatzkammer der Erkenntnis einen Diebstahl
verüben: woraus sich ergibt, vor welchem Vergehen der
Satz "erkenne dich selbst" warnt.
38
An den Leugner seiner Eitelkeit. - Wer die
Eitelkeit bei sich leugnet, besitzt sie gewöhnlich in so
brutaler Form, daß er instinktiv vor ihr das Auge
schließt, um sich nicht verachten zu müssen.
39
Weshalb die Dummen so oft boshaft werden.
- Auf Einwände des Gegners, gegen welche sich unser
Kopf zu schwach fühlt, antwortet unser Herz durch
Verdächtigung der Motive seiner Einwände.
40
Die Kunst der moralischen Ausnahmen. -
Einer Kunst, welche die Ausnahmefälle der Moral zeigt
und verherrlicht - dort, wo das Gute schlecht, das
Ungerechte gerecht wird -, darf man nur selten Gehör
geben: wie man von Zigeunern ab und zu etwas kauft,
doch mit Scheu, daß sie nicht viel mehr entwenden, als
der Gewinn beim Kaufe ist.
41
Genuß und Nicht-Genuß von Giften. - Das
einzige entscheidende Argument, welches zu allen Zeiten
die Menschen abgehalten hat, ein Gift zu trinken, ist
nicht, daß es tötete, sondern daß es schlecht schmeckte.
42
Die Welt ohne Sündengefühle. - Wenn nur
solche Taten getan würden, welche kein schlechtes
Gewissen erzeugen, so sähe die menschliche Welt immer
noch schlecht und schurkenhaft genug aus: aber nicht
so kränklich und erbärmlich wie jetzt. - Es lebten genug
Böse ohne Gewissen zu allen Zeiten: und vielen Guten
und Braven fehlt das Lustgefühl des guten Gewissens.
43
Die Gewissenhaften. - Seinem Gewissen folgen
ist bequemer als seinem Verstande: denn es hat bei jedem
Mißerfolg eine Entschuldigung und Aufheiterung in sich.
Darum gibt es immer noch so viele Gewissenhafte gegen
so wenig Verständige.
44
Entgegengesetzte Mittel, das Bitterwerden zu
verhüten. - Dem einen Temperament ist es von Nutzen,
seinen Verdruß in Worten auslassen zu können: im Reden
versüßt es sich. Ein anderes Temperament kommt erst
durch Aussprechen zu seiner vollen Bitterkeit: ihm ist
es rätlicher, etwas hinunterschlucken zu müssen: der
Zwang, den Menschen solcher Art sich vor Feinden oder
Vorgesetzten antun, verbessert ihren Charakter und verhütet,
daß er allzu scharf und sauer wird.
45
Nicht zu schwer nehmen. - Sich wund liegen
ist unangenehm, aber doch kein Beweis gegen die Güte
der Kur, nach der man bestimmt wurde, sich zu Bett zu
legen. - Menschen, die lange außer sich lebten und endlich
sich dem philosophischen Innen- und Binnenleben
zuwandten, wissen, daß es auch ein Sich-wund-liegen von
Gemüt und Geist gibt. Dies ist also kein Argument gegen
die gewählte Lebensweise im ganzen, macht aber einige
kleine Ausnahmen und scheinbare Rückfälligkeiten nötig.
46
Das menschliche "Ding an sich". - Das verwundbarste
Ding und doch das unbesiegbarste ist die menschliche
Eitelkeit: ja, durch die Verwundung wächst seine
Kraft und kann zuletzt riesengroß werden.
47
Die Posse vieler Arbeitsamen. - Sie erkämpfen
durch ein Übermaß von Anstrengung sich freie Zeit und
wissen nachher nichts mit ihr anzufangen als die Stunden
abzuzählen, bis sie abgelaufen sind.
48
Viel Freude haben. - Wer viel Freude hat, muß
ein guter Mensch sein: aber vielleicht ist er nicht der
klügste, obwohl er gerade das erreicht, was der Klügste
mit aller seiner Klugheit erstrebt.
49
Im Spiegel der Natur. - Ist ein Mensch nicht
ziemlich genau beschrieben, wenn man hört, daß er gern
zwischen gelben hohen Kornfeldern geht, daß er die
Waldes- und Blumenfarben des abglühenden und vergilbten
Herbstes allen andern vorzieht, weil sie auf
Schöneres hindeuten als der Natur je gelingt, daß er
unter großen fettblättrigen Nußbäumen sich ganz heimisch
wie unter Blutsverwandten fühlt, daß im Gebirge
seine größte Freude ist, jenen kleinen abgelegenen Seen
zu begegnen, aus denen ihn die Einsamkeit selber mit
ihren Augen anzusehen scheint, daß er jene graue Ruhe
der Nebel-Dämmerung liebt, welche an Herbst- und
Frühwinter-Abenden an die Fenster heranschleicht und jedes
seelenlose Geräusch wie mit Samtvorhängen ausschließt,
daß er unbehauenes Gestein als übrig gebliebene, der
Sprache begierige Zeugen der Vorzeit empfindet und von
Kind an verehrt, und zuletzt, daß ihm das Meer mit seiner
beweglichen Schlangenhaut und Raubtier-Schönheit fremd
ist und bleibt? - Ja, etwas von diesem Menschen ist
allerdings damit beschrieben: aber der Spiegel der Natur
sagt nichts darüber, daß derselbe Mensch, bei aller seiner
idyllischen Empfindsamkeit (und nicht einmal "trotz
ihrer"), ziemlich lieblos, knauserig und eingebildet sein
könnte. Horaz, der sich auf dergleichen Dinge verstand,
hat das zarteste Gefühl für das Landleben einem römischen
Wucherer in Mund und Seele gelegt, in dem
berühmten "beatus ille qui procul negotiis".
50
Macht ohne Siege. - Die stärkste Erkenntnis (die
von der völligen Unfreiheit des menschlichen Willens)
ist doch die ärmste an Erfolgen: denn sie hat immer den
stärksten Gegner, die menschliche Eitelkeit.
51
Lust und Irrtum. - Der eine teilt sich unwillkürlich
durch sein Wesen an seine Freunde wohltätig mit,
der andere willkürlich durch einzelne Handlungen. Ob
gleich das erstere als das Höhere gilt, so ist doch nur
das zweite mit dem guten Gewissen und der Lust verknüpft -
nämlich mit der Lust der Werkheiligkeit,
welche auf dem Glauben an die Willkür unsres Gut- und
Schlimmtuns, das heißt auf einem Irrtum ruht.
52
Es ist töricht, Unrecht zu tun. - Eignes Unrecht,
das man zugefügt hat, ist viel schwerer zu tragen als
fremdes, das einem zugefügt wurde (nicht gerade aus
moralischen Gründen, wohlgemerkt -); der Täter ist
eigentlich immer der Leidende, wenn er nämlich
entweder den Gewissensbissen zugänglich ist oder der Einsicht,
daß er die Gesellschaft gegen sich durch seine
Handlung bewaffnet und sich isoliert habe. Deshalb
sollte man sich, schon seines inneren Glückes wegen, also
um seines Wohlbehagens nicht verlustig zu gehen, ganz
abgesehen von allem, was Religion und Moral gebieten, vor
dem Unrecht-Tun in acht nehmen, mehr noch als vor dem
Unrecht-Erfahren: denn letzteres hat den Trost des guten
Gewissens, der Hoffnung auf Rache, auf Mitleiden und
Beifall der Gerechten, ja der ganzen Gesellschaft, welche
sich vor dem Übeltäter fürchtet. - Nicht wenige verstehen
sich auf die unsaubere Selbstüberlistung, jedes
eigne Unrecht in ein fremdes, ihnen zugefügtes umzumünzen
und für das, was sie selber getan haben, sich das
Ausnahmerecht der Notwehr zur Entschuldigung vorzubehalten:
um auf diese Weise viel leichter an ihrer Last
zu tragen.
53
Neid mit oder ohne Mundstück. - Der gewöhnliche
Neid pflegt zu gackern, sobald das beneidete Huhn
ein Ei gelegt hat: er erleichtert sich dabei und wird
milder. Es gibt aber einen noch tieferen Neid: der wird
in solchem Falle totenstill, und wünschend, daß jetzt
jeder Mund versiegelt würde, immer wütender darüber,
daß dies gerade nicht geschieht. Der schweigende Neid
wächst im Schweigen.
54
Der Zorn als Spion. - Der Zorn schöpft die Seele
aus und bringt selbst den Bodensatz ans Licht. Man muß
deshalb, wenn man sonst sich nicht Klarheit zu schaffen
weiß, seine Umgebung, seine Anhänger und Gegner in
Zorn zu versetzen wissen, um zu erfahren, was im Grunde
alles wider uns geschieht und gedacht wird.
55
Die Verteidigung moralisch schwieriger als
der Angriff. - Das wahre Helden- und Meisterstück
des guten Menschen liegt nicht darin, daß er die Sache
angreift und die Person fortfährt zu lieben, sondern in
dem viel schwereren, seine eigne Sache zu verteidigen,
ohne daß man der angreifenden Person bitteres Herzeleid
mache und machen wolle. Das Schwert des Angriffs ist
ehrlich und breit, das der Verteidigung läuft gewöhnlich
in eine Nadel aus.
56
Ehrlich gegen die Ehrlichkeit. - Einer, der
gegen sich öffentlich ehrlich ist, bildet sich zu allerletzt
etwas auf diese Ehrlichkeit ein: denn er weiß nur zu
gut, warum er ehrlich ist - aus demselben Grunde, aus
dem ein anderer den Schein und die Verstellung vorzieht.
57
Glühende Kohlen. - Glühende Kohlen auf des
andern Haupt sammeln wird gewöhnlich mißverstanden
und schlägt fehl, weil der andere sich ebenfalls im Besitze
des Rechts weiß und auch seinerseits an das Kohlensammeln
gedacht hat.
58
Gefährliche Bücher. - Da sagt einer "ich merke
es an mir selber: dies Buch ist schädlich". Aber er warte
nur ab und vielleicht gesteht er sich eines Tages, daß
dasselbe Buch ihm einen großen Dienst erwies, indem
es die versteckte Krankheit seines Herzens hervortrieb
und in die Sichtbarkeit brachte. - Veränderte Meinungen
verändern den Charakter eines Menschen nicht (oder ganz
wenig); wohl aber beleuchten sie einzelne Seiten des Gestirns
seiner Persönlichkeit, welche bisher, bei einer
andern Konstellation von Meinungen, dunkel und unerkennbar
geblieben waren.
59
Geheucheltes Mitleiden. - Man heuchelt Mitleiden,
wenn man über das Gefühl der Feindseligkeit sich
erhaben zeigen will: aber gewöhnlich umsonst. Dies
bemerkt man nicht ohne ein starkes Zunehmen jener
feindseligen Empfindung.
60
Offner Widerspruch oft versöhnend. - Im
Augenblick, wo einer seine Differenz der Lehrmeinung
in Hinsicht auf einen berühmten Parteiführer oder Lehrer
öffentlich zu erkennen gibt, glaubt alle Welt, er müsse
ihm gram sein. Mitunter hört er aber gerade da auf,
ihm gram zu sein: er wagt es, sich selber neben ihn
aufzustellen, und ist die Qual der unausgesprochenen
Eifersucht los.
61
Sein Licht leuchten sehen. - Im verfinsterten Zustande
von Trübsal, Krankheit, Verschuldung sehen wir
es gern, wenn wir anderen noch leuchten und sie an uns
die helle Mondesscheibe wahrnehmen. Auf diesem Umwege
nehmen wir an unserer eigenen Fähigkeit zu erhellen Anteil.
62
Mitfreude. - Die Schlange, die uns sticht, meint
uns wehe zu tun und freut sich dabei; das niedrigste Tier
kann sich fremden Schmerz vorstellen. Aber fremde
Freude sich vorstellen und sich dabei freuen ist das
höchste Vorrecht der höchsten Tiere und wieder unter
ihnen nur den ausgesuchtesten Exemplaren zugänglich
- also ein seltenes humanum: so daß es Philosophen
gegeben hat, welche die Mitfreude geleugnet haben.
63
Nachträgliche Schwangerschaft. - Die, welche
zu ihren Werken und Taten gekommen sind, sie wissen
nicht wie, gehen gewöhnlich hinterher um so mehr mit
ihnen schwanger: wie, um nachträglich zu beweisen, daß
es ihre Kinder und nicht die des Zufalls sind.
64
Aus Eitelkeit hartherzig. - Wie Gerechtigkeit
so häufig der Deckmantel der Schwäche ist, so greifen
billig denkende, aber schwache Menschen mitunter aus
Ehrgeiz zur Verstellung und benehmen sich ersichtlich
ungerecht und hart, um den Eindruck der Stärke zu
hinterlassen.
65
Demütigung. - Findet jemand in einem geschenkten
Sack Vorteil auch nur ein Korn Demütigung, so macht
er doch noch eine böse Miene zum guten Spiele.
66
Äußerstes Herostratentum. - Es könnte
Herostrate geben, welche den eignen Tempel anzündeten,
in dem ihre Bilder verehrt werden.
67
Die Diminutiv-Welt. - Der Umstand, daß alles
Schwache und Hilfsbedürftige zu Herzen spricht, bringt
die Gewohnheit mit sich, daß wir alles, was uns zu Herzen
spricht, mit Verkleinerungs- und Abschwächungsworten bezeichnen - also, für unsere Empfindung
schwach und hilfsbedürftig machen.
68
Üble Eigenschaft des Mitleidens. - Das
Mitleiden hat eine eigene Unverschämtheit als Gefährtin:
denn weil es durchaus helfen möchte, ist es weder über
die Mittel der Heilung, noch über Art und Ursache der
Krankheit in Verlegenheit und quacksalbert mutig auf
die Gesundheit und den Ruf seines Patienten los.
69
Zudringlichkeit. - Es gibt auch eine Zudringlichkeit
gegen Werke; und sich als Jüngling schon nachahmend
zu den erlauchtesten Werken aller Zeiten mit der
Vertraulichkeit des Du und Du zu gesellen, beweist einen
völligen Mangel an Scham. - Andre sind nur aus Ignoranz
zudringlich: sie wissen nicht, mit wem sie es zu
tun haben - so nicht selten junge und alte Philologen
im Verhältnis zu den Werken der Griechen.
70
Der Wille schämt sich des Intellektes. - Mit
aller Kälte machen wir vernünftige Entwürfe gegen unsre
Affekte: dann aber begehen wir die gröbsten Fehler dagegen,
weil wir uns häufig im Augenblick, wo der Vorsatz
ausgeführt werden sollte, jener Kälte und Besonnenheit
schämen, mit der wir ihn faßten. Und so tut man
dann gerade das Unvernünftige, aus jener Art trotziger
Großherzigkeit, welche jeder Affekt mit sich bringt.
71
Warum die Skeptiker der Moral mißfallen.
- Wer seine Moralität hoch und schwer nimmt, zürnt den
Skeptikern auf dem Gebiete der Moral: denn dort, wo
er alle seine Kraft aufwendet, soll man staunen, aber
nicht untersuchen und zweifeln. - Dann gibt es Naturen,
deren letzter Rest von Moralität eben der Glaube an
Moral ist: sie benehmen sich ebenso gegen die Skeptiker,
womöglich noch leidenschaftlicher.
72
Schüchternheit. - Alle Moralisten sind schüchtern,
weil sie wissen, daß sie mit Spionierern und Verrätern
verwechselt werden, sobald man ihren Hang ihnen anmerkt.
Sodann sind sie sich überhaupt bewußt, im Handeln
unkräftig zu sein: denn mitten im Werke ziehen
die Motive ihres Tuns ihre Aufmerksamkeit fast vom
Werke ab.
73
Eine Gefahr für die allgemeine Moralität.
- Menschen, die zugleich edel und ehrlich sind, bringen es
zu Wege, jede Teufelei, welche ihre Ehrlichkeit ausheckt,
zu vergöttlichen und die Waage des moralischen Urteils
eine Zeitlang stillzustellen.
74
Bitterster Irrtum. - Es beleidigt unversöhnlich,
zu entdecken, daß man dort, wo man überzeugt war geliebt
zu sein nur als Hausgerät und Zimmerschmuck betrachtet
wurde, an dem der Hausherr vor Gästen seine
Eitelkeit auslassen kann.
75
Liebe und Zweiheit. - Was ist denn Liebe anders
als verstehen und sich darüber freuen, daß ein andrer in
andrer und entgegengesetzter Weise als wir lebt, wirkt
und empfindet? Damit die Liebe die Gegensätze durch
Freude überbrücke, darf sie dieselben nicht aufheben,
nicht leugnen. - Sogar die Selbsthilfe enthält die unvermischbare
Zweiheit (oder Vielheit) in einer Person als
Voraussetzung.
76
Aus dem Traume deuten. - Was man mitunter
im Wachen nicht genau weiß und fühlt - ob man gegen
eine Person ein gutes oder ein schlechtes Gewissen habe -
darüber belehrt völlig unzweideutig der Traum.
77
Ausschweifung. Die Mutter der Ausschweifung
ist nicht die Freude, sondern die Freudlosigkeit.
78
Strafen und belohnen. - Niemand klagt an,
ohne den Hintergedanken an Strafe und Rache zu haben
- selbst wenn man sein Schicksal, ja sich selber anklagt.
- Alles Klagen ist Anklagen, alles Sich-freuen ist Loben:
wir mögen das eine oder das andere tun, immer machen
wir jemanden verantwortlich.
79
Zweimal ungerecht. - Wir fördern mitunter die
Wahrheit durch eine doppelte Ungerechtigkeit, dann
nämlich, wenn wir die beiden Seiten einer Sache, die wir nicht
imstande sind zusammen zu sehen, hintereinander sehen
und darstellen, doch so, daß wir jedesmal die andre Seite
verkennen oder leugnen, im Wahne, das, was wir sehen,
sei die ganze Wahrheit.
80
Mißtrauen. - Das Mißtrauen an sich selber geht
nicht mehr unsicher und scheu daher, sondern mitunter
wie tollwütig: es hat sich berauscht, um nicht zu zittern.
81
Philosophie des Parvenu. - Will man einmal
eine Person sein, so muß man auch seinen Schatten in Ehren
halten.
82
Sich rein zu waschen verstehen. - Man muß
lernen, aus unreinlichen Verhältnissen reinlicher
hervorzugehen, und sich, wenn es not tut, auch mit schmutzigem
Wasser waschen.
83
Sich gehen lassen. - Je mehr sich einer gehen läßt
um so weniger lassen ihn die andern gehen.
84
Der unschuldige Schuft. - Es gibt einen langsamen
schrittweisen Weg zu Laster und Schurkenhaftigkeit
jeder Art. Am Ende desselben haben den, welcher ihn
geht, die Insekten-Schwärme des schlechten Gewissens
völlig verlassen, und er wandelt, obschon ganz verrucht,
doch in Unschuld.
85
Pläne machen. - Pläne machen und Vorsätze fassen
bringt viel gute Empfindungen mit sich; und wer die
Kraft hätte, sein ganzes Leben lang nichts als ein
Pläne-Schmiedender zu sein, wäre ein sehr glücklicher Mensch;
aber er wird sich gelegentlich von dieser Tätigkeit ausruhen
müssen dadurch, daß er einen Plan ausführt - und
da kommt der Ärger und die Ernüchterung.
86
Womit wir das Ideal sehen. - Jeder tüchtige
Mensch ist verrannt in seine Tüchtigkeit und kann aus
ihr nicht frei hinausblicken. Hätte er sonst nicht sein gut
Teil von Unvollkommenheit, er könnte seiner Tugend
halber zu keiner geistig-sittlichen Freiheit kommen.
Unsre Mängel sind die Augen, mit denen wir das Ideal
sehen.
87
Unehrliches Lob. - Unehrliches Lob macht
hinterdrein viel mehr Gewissensbisse als unehrlicher Tadel,
wahrscheinlich nur deshalb, weil wir durch zu starkes Loben
unsere Urteilsfähigkeit viel stärker bloßgestellt haben
als durch zu starkes, selbst ungerechtes Tadeln.
88
Wie man stirbt, ist gleichgültig. - Die
ganze Art, wie ein Mensch während seines vollen Lebens,
seiner blühenden Kraft an den Tod denkt, ist freilich sehr
sprechend und zeugnisgebend für das, was man seinen
Charakter nennt; aber die Stunde des Sterbens selber,
seine Haltung auf dem Totenbette ist fast gleichgültig
dafür. Die Erschöpfung des ablaufenden Daseins, namentlich
wenn alte Leute sterben, die unregelmäßige oder
unzureichende Ernährung des Gehirns während dieser letzten
Zeit, das gelegentlich sehr Gewaltsame des Schmerzes,
das Unerprobte und Neue des ganzen Zustandes und gar
zu häufig der An- und Rückfall von abergläubischen Eindrücken
und Beängstigungen, als ob am Sterben viel gelegen
sei und hier Brücken schauerlichster Art überschritten
würden, - dies alles erlaubt es nicht, das Sterben
als Zeugnis über den Lebenden zu benutzen. Auch ist
es nicht wahr, daß der Sterbende im allgemeinen ehrlicher
wäre als der Lebende: vielmehr wird fast jeder
durch die feierliche Haltung der Umgebenden, die
zurückgehaltnen oder fließenden Tränen- und Gefühlsbäche
zu einer bald bewußten, bald unbewußten Komödie der
Eitelkeit verführt. Der Ernst, mit dem jeder Sterbende
behandelt wird, ist gewiß gar manchem armen verachteten
Teufel der feinste Genuß seines ganzen Lebens und
eine Art Schadenersatz und Abschlagszahlung für viele
Entbehrungen gewesen.
89
Die Sitte und ihr Opfer. - Der Ursprung der
Sitte geht auf zwei Gedanken zurück: "die Gemeinde ist
mehr wert als der einzelne" und "der dauernde Vorteil ist
dem flüchtigen vorzuziehen"; woraus sich der Schluß ergibt,
daß der dauernde Vorteil der Gemeinde unbedingt
dem Vorteile des einzelnen, namentlich seinem momentanen
Wohlbefinden, aber auch seinem dauernden Vorteile
und selbst seinem Weiterleben voranzustellen sei. Ob nun
der einzelne von einer Einrichtung leide, die dem Ganzen
frommt, ob er an ihr verkümmre, ihretwegen zugrunde
gehe - die Sitte muß erhalten, das Opfer gebracht werden.
Eine solche Gesinnung entsteht aber nur in denen,
welche nicht das Opfer sind - denn dieses macht in
seinem Falle geltend, daß der einzelne mehr wert sein
könne als viele, ebenso daß der gegenwärtige Genuß, der
Augenblick im Paradiese vielleicht höher anzuschlagen
sei als eine matte Fortdauer von leidlichen oder wohlhäbigen
Zuständen. Die Philosophie des Opfertiers wird
aber immer zu spät laut: und so bleibt es bei der Sitte
und der Sittlichkeit: als welche eben nur die
Empfindung für den ganzen Inbegriff von Sitten ist, unter
denen man lebt und erzogen wurde - und zwar erzogen
nicht als einzelner, sondern als Glied eines Ganzen, als
Ziffer einer Majorität. - So kommt es fortwährend vor,
daß der einzelne sich selbst, vermittels seiner Sittlichkeit,
majorisiert.
90
Das Gute und das gute Gewissen. - Ihr
meint, alle guten Dinge hätten zu aller Zeit ein gutes
Gewissen gehabt? - Die Wissenschaft, also gewißlich etwas
sehr Gutes, ist ohne ein solches und ganz bar alles Pathos
in die Welt getreten, vielmehr heimlich, auf Umwegen,
mit verhülltem oder maskiertem Haupte einherziehend,
gleich einer Verbrecherin, und immer mindestens mit
dem Gefühle einer Schleichhändlerin. Das gute Gewissen
hat als Vorstufe das böse Gewissen - nicht als Gegensatz:
denn alles Gute ist einmal neu, folglich ungewohnt, wider
die Sitte, unsittlich gewesen und nagte im Herzen des
glücklichen Erfinders wie ein Wurm.
91
Der Erfolg heiligt die Absichten. - Man
scheue sich nicht, den Weg zu einer Tugend zu gehen, selbst
wenn man deutlich einsieht, daß nichts als Egoismus -
also Nutzen, persönliches Behagen, Furcht, Rücksicht auf
Gesundheit, auf Ruf oder Ruhm - die dazu treibenden
Motive sind. Man nennt diese Motive unedel und selbstisch:
gut, aber wenn sie uns zu einer Tugend, zum Beispiel
Entsagung, Pflichttreue, Ordnung, Sparsamkeit, Maß
und Mitte anreizen, so höre man ja auf sie, wie auch ihre
Beiworte lauten mögen! Erreicht man nämlich das, wozu
sie rufen, so veredelt die erreichte Tugend,
vermöge der reinen Luft, die sie atmen läßt, und des
seelischen Wohlgefühls, das sie mitteilt, immerfort die ferneren
Motive unseres Handelns, und wir tun dieselben
Handlungen später nicht mehr aus den gleichen gröbern
Motiven, welche uns früher dazu führten. - Die Erziehung
soll deshalb die Tugenden, so gut es geht, erzwingen,
je nach der Natur des Zöglings: die Tugend
selber, als die Sonnen- und Sommerluft der Seele, mag
dann ihr eigenes Werk daran tun und Reife und Süßigkeit
hinzuschenken.
92
Christentümler, nicht Christen. - Das
wäre also euer Christentum! - Um Menschen zu ärgern,
preist ihr "Gott und seine Heiligen", und wiederum, wenn
ihr Menschen preisen wollt, so treibt ihr es so weit, daß
Gott und seine Heiligen sich ärgern müssen. - Ich
wollte, ihr lerntet wenigstens die christlichen Manieren,
da es euch so an der Manierlichkeit des christlichen
Herzens gebricht.
93
Natureindruck der Frommen und Unfrommen. -
Ein ganz frommer Mensch muß uns ein
Gegenstand der Verehrung sein: aber ebenso ein ganzer
aufrichtiger durchdrungener Unfrommer. Ist man bei Menschen
der letzteren Art wie in der Nähe des Hochgebirges,
wo die kräftigsten Ströme ihren Ursprung haben, so bei
den Frommen wie unter saftvollen, breitschattigen,
ruhigen Bäumen.
94
Justizmorde. - Die zwei größten Justizmorde in
der Weltgeschichte sind, ohne Umschweife gesprochen, verschleierte
und gut verschleierte Selbstmorde. In beiden
Fällen wollte man sterben; in beiden Fällen ließ man
sich das Schwert durch die Hand der menschlichen Ungerechtigkeit
in die Brust stoßen.
95
"Liebe". - Der feinste Kunstgriff, welchen das
Christentum vor den übrigen Religionen voraushat, ist
ein Wort: es redete von Liebe. So wurde es die
lyrische Religion (während in seinen beiden anderen
Schöpfungen das Semitentum der Welt heroisch-epische Religionen
geschenkt hat). Es ist in dem Worte Liebe etwas
so Vieldeutiges, Anregendes, zur Erinnerung, zur Hoffnung
Sprechendes, daß auch die niedrigste Intelligenz
und das kälteste Herz noch etwas von dem Schimmer
dieses Wortes fühlt. Das klügste Weib und der gemeinste
Mann denken dabei an die verhältnismäßig uneigennützigsten
Augenblicke ihres gesamten Lebens, selbst wenn
Eros nur einen niedrigen Flug bei ihnen genommen hat;
und jene Zahllosen, welche Liebe vermissen, von seiten
der Eltern, Kinder oder Geliebten, namentlich aber die
Menschen der sublimierten Geschlechtlichkeit, haben im
Christentum ihren Fund gemacht.
96
Das erfüllte Christentum. - Es gibt auch
innerhalb des Christentums eine epikureische Gesinnung,
ausgehend von dem Gedanken, daß Gott von dem Menschen,
seinem Geschöpf und Ebenbilde, nur verlangen
könne, was diesem zu erfüllen möglich sein müsse, daß
also christliche Tugend und Vollkommenheit erreichbar
und oft erreicht sei. Nun macht zum Beispiel der Glaube,
seine Feinde zu lieben - selbst wenn es eben nur
Glaube, Einbildung und durchaus keine psychologische
Wirklichkeit (also keine Liebe) ist -, unbedingt glücklich,
solange er wirklich geglaubt wird (warum? darüber
werden freilich Psycholog und Christ verschieden denken).
Und so möchte das irdische Leben durch den Glauben,
ich meine die Einbildung, nicht nur jenem Anspruche,
seine Feinde zu lieben, sondern allen übrigen christlichen
Ansprüchen zu genügen und die göttliche Vollkommenheit
nach der Aufforderung "seid vollkommen, wie euer Vater
im Himmel vollkommen ist" wirklich sich angeeignet und
einverleibt zu haben, in der Tat zu einem seligen Leben
werden. Der Irrtum kann also die Verheißung
Christi zur Wahrheit machen.
97
Von der Zukunft des Christentums. -
Über das Verschwinden des Christentums und darüber, in
welchen Gegenden es am langsamsten weichen wird, kann
man sich eine Vermutung gestatten, wenn man erwägt, aus
welchen Gründen und wo der Protestantismus so
ungestüm um sich griff. Er verhieß bekanntlich alles dasselbe
weit billiger zu leisten, was die alte Kirche leistete,
also ohne kostspielige Seelenmessen, Wallfahrten, Priester-Prunk
und Üppigkeit; er verbreitete sich namentlich
bei den nördlichen Nationen, welche nicht so tief in
der Symbolik und Formenlust der alten Kirche eingewurzelt
waren als die des Südens: bei diesen lebte ja
im Christentum das viel mächtigere religiöse Heidentum
fort, während im Norden das Christentum einen Gegensatz
und Bruch mit dem Altheimischen bedeutete und
deshalb mehr gedankenhaft als sinnfällig von Anfang an
war, eben deshalb aber auch, zu Zeiten der Gefahr,
fanatischer und trotziger. Gelingt es, vom Gedanken
aus das Christentum zu entwurzeln, so liegt auf der Hand,
wo es anfangen wird, zu verschwinden: also gerade dort,
wo es auch am allerhärtesten sich wehren wird. Anderwärts
wird es sich beugen, aber nicht brechen, entblättert
werden, aber wieder Blätter ansetzen - weil dort
die Sinne und nicht die Gedanken für dasselbe Partei
genommen haben. Die Sinne aber sind es, welche auch
den Glauben unterhalten, daß mit allem Kostenaufwand
der Kirche doch immer noch billiger und bequemer
gewirtschaftet werde als mit den strengen Verhältnissen
von Arbeit und Lohn: denn welches Preises hält
man die Muße (oder die halbe Faulheit) für wert, wenn
man sich erst an sie gewöhnt hat! Die Sinne wenden
gegen eine entchristlichte Welt ein, daß in ihr zu viel
gearbeitet werden müsse, und der Ertrag an Muße zu
klein sei: sie nehmen die Partei der Magie, daß heißt -
sie lassen lieber Gott für sich arbeiten (oremus nos,
deus laborabit!).
98
Schauspielerei und Ehrlichkeit der Ungläubigen. -
Es gibt kein Buch, welches das, was jedem
Menschen gelegentlich wohltut, - schwärmerische,
opfer- und todbereite Glücks-Innigkeit im Glauben und
Schauen seiner "Wahrheit" - so reichlich enthielte, so
treuherzig ausdrückte als das Buch, welches von Christus
redet: aus ihm kann ein Kluger alle Mittel lernen, wodurch
ein Buch zum Weltbuch, zum Jedermanns-Freund
gemacht werden kann, namentlich jenes Meister-Mittel,
alles als gefunden, nichts als kommend und ungewiß hinzustellen.
Alle wirkungsvollen Bücher versuchen, einen
ähnlichen Eindruck zu hinterlassen, als ob der weiteste geistige
und seelische Horizont hier umschrieben sei und um
die hier laufende Sonne sich jedes gegenwärtige und
zukünftige Gestirn drehen müsse. - Muß also nicht aus
demselben Grunde, aus dem solche Bücher wirkungsvoll
sind, jedes rein wissenschaftliche Buch
wirkungsarm sein? Ist es nicht verurteilt, niedrig und unter
Niedrigen zu leben, um endlich gekreuzigt zu werden
und nie wieder aufzuerstehen? Sind im Verhältnis
zu dem, was die Religiösen von ihrem "Wissen", von
ihrem "heiligen" Geiste verkünden, nicht alle Redlichen
der Wissenschaft "arm im Geiste"? Kann irgend eine
Religion mehr Entsagung verlangen, unerbittlicher den
Selbstsüchtigen aus sich hinausziehen als die Wissenschaft?
- - So und ähnlich und jedenfalls mit einiger
Schauspielerei mögen wir reden, wenn wir uns vor den
Gläubigen zu verteidigen haben; denn es ist kaum möglich,
eine Verteidigung ohne etwas Schauspielerei zu führen.
Unter uns aber muß die Sprache ehrlicher sein: wir
bedienen uns da einer Freiheit, welche jene nicht einmal,
ihres eigenen Interesses halber, verstehen dürfen. Weg
also mit der Kapuze der Entsagung! der Miene der Demut!
Viel mehr und viel besser: so klingt unsere Wahrheit!
Wenn die Wissenschaft nicht an die Lust der
Erkenntnis, an den Nutzen des Erkannten geknüpft wäre,
was läge uns an der Wissenschaft? Wenn nicht ein wenig
Glaube, Liebe und Hoffnung unsere Seele zur Erkenntnis
hinführte, was zöge uns sonst zur Wissenschaft? Und wenn
zwar in der Wissenschaft das Ich nichts zu bedeuten hat,
so bedeutet das erfinderische glückliche Ich, ja selbst schon
jedes redliche und fleißige Ich, sehr viel in der Republik
der Wissenschafts-Menschen. Achtung der Achtung-Gebenden,
Freude solcher, welchen wir wohlwollen oder
die wir verehren, unter Umständen Ruhm und eine
mäßige Unsterblichkeit der Person ist der persönliche
Preis für jene Entpersönlichung, von geringeren Aussichten
und Belohnungen hier zu schweigen, obschon gerade
ihrethalben die meisten den Gesetzen jener Republik
und überhaupt der Wissenschaft zugeschworen haben
und immerfort zuzuschwören pflegen. Wenn wir nicht in
irgend einem Maße unwissenschaftliche Menschen
geblieben wären, was könnte uns auch nur an der
Wissenschaft liegen! Alles in allem genommen und rund
glatt und voll ausgesprochen: für ein rein erkennendes
Wesen wäre die Erkenntnis gleichgültig. -
Von den Frommen und Gläubigen unterscheidet
uns nicht die Qualität, sondern die Quantität Glaubens
und Frommseins; wir sind mit wenigerem zufrieden. Aber
werden jene uns zurufen - so seid auch zufrieden und
gebt euch auch als zufrieden! - worauf wir leicht antworten
dürften: "In der Tat, wir gehören nicht zu den
Unzufriedensten. Ihr aber, wenn euer Glaube euch selig
macht, so gebt euch auch als selig! Eure Gesichter sind
immer eurem Glauben schädlicher gewesen als unsere
Gründe! Wenn jene frohe Botschaft eurer Bibel euch ins
Gesicht geschrieben wäre, ihr brauchtet den Glauben
an die Autorität dieses Buches nicht so halsstarrig zu
fordern: eure Worte, eure Handlungen sollte die Bibel
fortwährend überflüssig machen, eine neue Bibel sollte durch
euch fortwährend entstehen! So aber hat alle eure Apologie
des Christentums ihre Wurzel in eurem Unchristentum;
mit eurer Verteidigung schreibt ihr eure eigne
Anklageschrift. Solltet ihr aber wünschen, aus diesem
eurem Ungenügen am Christentum herauszukommen, so
bringt euch doch die Erfahrung von zwei Jahrtausenden
zur Erwägung: welche, in bescheidene Frageform gekleidet,
so klingt: "wenn Christus wirklich die Absicht
hatte, die Welt zu erlösen, sollte es ihm nicht mißlungen
sein?"
99
Der Dichter als Wegzeiger für die Zukunft.
- So viel noch überschüssige dichterische Kraft unter den
jetzigen Menschen vorhanden ist, welche bei der Gestaltung
des Lebens nicht verbraucht wird, so viel sollte, ohne
jeden Abzug, einem Ziele sich weihen, nicht etwa der
Abmalung des Gegenwärtigen, der Wiederbeseelung und
Verdichtung der Vergangenheit, sondern dem Wegweisen
für die Zukunft: - und dies nicht in dem Verstande,
als ob der Dichter gleich einem phantastischen Nationalökonomen
günstigere Volks- und Gesellschafts-Zustände
und deren Ermöglichung im Bilde vorwegnehmen sollte.
Vielmehr wird er, wie früher die Künstler an den Götterbildern
fortdichteten, so an dem schönen Menschenbilde
fortdichten und jene Fälle auswittern, wo mitten
in unserer modernen Welt und Wirklichkeit, wo ohne jede
künstliche Abwehr und Entziehung von derselben, die
schöne große Seele noch möglich ist, dort wo sie sich auch
jetzt noch in harmonische, ebenmäßige Zustände einzuverleiben
vermag, durch sie Sichtbarkeit, Dauer und Vorbildlichkeit
bekommt und also, durch Erregung von Nachahmung
und Neid, die Zukunft schaffen hilft. Dichtungen
solcher Dichter würden dadurch sich auszeichnen, daß
sie gegen die Luft und Glut der Leidenschaften
abgeschlossen und verwahrt erschienen: der unverbesserliche
Fehlgriff, das Zertrümmern des ganzen menschlichen
Saitenspiels, Hohnlachen und Zähneknirschen und alles
Tragische und Komische im alten gewohnten Sinne würde
in der Nähe dieser neuen Kunst als lästige archaisierende
Vergröberung des Menschen-Bildes empfunden werden.
Kraft, Güte, Milde, Reinheit und ungewolltes, eingeborenes
Maß in den Personen und deren Handlungen:
ein geebneter Boden, welcher dem Fuße Ruhe und Lust
gibt: ein leuchtender Himmel auf Gesichtern und Vorgängen
sich abspiegelnd: das Wissen und die Kunst zu
neuer Einheit zusammengeflossen: der Geist ohne Anmaßung
und Eifersucht mit seiner Schwester, der Seele,
zusammenwohnend und aus dem Gegensätzlichen die Grazie
des Ernstes, nicht die Ungeduld des Zwiespaltes herauslockend:
- dies alles wäre das Umschließende, Allgemeine,
Goldgrundhafte, auf dem jetzt erst die zarten
Unterschiede der verkörperten Ideale das eigentliche
Gemälde - das der immer wachsenden menschlichen
Hoheit - machen würden. - Von Goethe aus führt
mancher Weg in diese Dichtung der Zukunft: aber es
bedarf guter Pfadfinder und vor allem einer weit größern
Macht, als die jetzigen Dichter, das heißt die unbedenklichen
Darsteller des Halbtiers und der mit Kraft und
Natur verwechselten Unreife und Unmäßigkeit, besitzen.
100
Die Muse als Penthesilea. - "Lieber verwesen
als ein Weib sein, das nicht reizt." Wenn die Muse erst
einmal so denkt, so ist das Ende ihrer Kunst wieder in der
Nähe. Aber es kann ein Tragödien- und auch ein
Komödien-Ausgang sein.
101
Was der Umweg zum Schönen ist. - Wenn
das Schöne gleich dem Erfreuenden ist - und so sangen
es ja einmal die Musen -, so ist das Nützliche der oftmals
notwendige Umweg zum Schönen und kann den
kurzsichtigen Tadel der Augenblicks-Menschen, die nicht
warten wollen und alles Gute ohne Umwege zu erreichen
denken, mit gutem Rechte zurückweisen.
102
Zur Entschuldigung mancher Schuld. -
Das unablässige Schaffen-Wollen und Nach-außen-Spähen
des Künstlers hält ihn davon ab, als Person schöner und
besser zu werden, also sich selber zu schaffen -
es sei denn, daß seine Ehrsucht groß genug ist, um ihn zu
zwingen, daß er sich auch im Leben mit andern der wachsenden
Schönheit und Größe seiner Werke immer entsprechend
gewachsen zeige. In allen Fällen hat er nur ein
bestimmtes Maß von Kraft: was er davon auf sich verwendet
- wie könnte dies noch seinem Werke zugute
kommen? - Und umgekehrt.
103
Den Besten genug tun. - Wenn man mit seiner
Kunst "den Besten seiner Zeit genug-getan", so ist dies
ein Anzeichen davon, daß man den Besten der nächsten
Zeit mit ihr nicht genug-tun wird: "gelebt" freilich
"hat man für alle Zeiten" - der Beifall der Besten sichert
den Ruhm.
104
Aus einem Stoffe. - Ist man aus einem Stoffe
mit einem Buche oder Kunstwerk, so meint man ganz innerlich,
es müsse vortrefflich sein, und ist beleidigt, wenn
andere es häßlich, überwürzt oder großtuerisch finden.
105
Sprache und Gefühl. - Daß die Sprache uns
nicht zur Mitteilung des Gefühls gegeben ist, sieht man
daraus, daß alle einfachen Menschen sich schämen, Worte
für ihre tieferen Erregungen zu suchen: die Mitteilung
derselben äußert sich nur in Handlungen, und selbst hier
gibt es ein Erröten darüber, wenn der andere ihre Motive
zu erraten scheint. Unter den Dichtern, welchen im allgemeinen
die Gottheit diese Scham versagte, sind doch die
edleren in der Sprache des Gefühls einsilbiger und lassen
einen Zwang merken: während die eigentlichen Gefühls-Dichter
im praktischen Leben meistens unverschämt sind.
106
Irrtum über eine Entbehrung. - Wer sich
nicht von einer Kunst lange Zeit völlig entwöhnt hat,
sondern immer in ihr zu Hause ist, kann nicht von ferne
begreifen, wie wenig man entbehrt, wenn man ohne diese
Kunst lebt.
107
Dreiviertelskraft. - Ein Werk, das den Eindruck
des Gesunden machen soll, darf höchstens mit Dreiviertel
der Kraft seines Urhebers hervorgebracht sein. Ist
er dagegen bis an seine äußerste Grenze gegangen, so regt
das Werk den Betrachtenden auf und ängstigt ihn durch
seine Spannung. Alle guten Dinge haben etwas Lässiges
und liegen wie Kühe auf der Wiese.
108
Den Hunger als Gast abweisen. - Weil dem
Hungrigen die feinere Speise so gut und um nichts besser
als die gröbste dient, so wird der anspruchvollere Künstler
nicht darauf denken, den Hungrigen zu seiner Mahlzeit
einzuladen.
109
Ohne Kunst und Wein leben. - Mit den Werken
der Kunst steht es wie mit dem Weine: noch besser ist
es, wenn man beide nicht nötig hat, sich an Wasser hält
und das Wasser aus innerem Feuer, innerer Süße der Seele
immer wieder von selber in Wein verwandelt.
110
Das Raub-Genie. - Das Raub-Genie in den Künsten,
das selbst feine Geister zu täuschen weiß, entsteht,
wenn jemand unbedenklich von jung an alles Gute, welches
nicht geradezu vom Gesetz als Eigentum einer bestimmten
Person in Schutz genommen ist, als freie Beute
betrachtet. Nun liegt alles Gute vergangener Zeiten und
Meister frei umher, eingehegt und behütet durch die verehrende
Scheu der wenigen, die es erkennen: diesen wenigen
bietet jenes Genie, kraft seines Mangels an Scham,
Trotz und häuft sich einen Reichtum auf, der selber wieder
Verehrung und Scheu erzeugt.
111
An die Dichter der großen Städte. - Den
Gärten der heutigen Poesie merkt man es an, daß die
großstädtischen Kloaken zu nahe dabei sind: mitten in den
Blütengeruch mischt sich etwas, das Ekel und Fäulnis verrät.
- Mit Schmerz frage ich: habt ihr es so nötig, ihr
Dichter, den Witz und den Schmutz immer zu Gevatter
zu bitten, wenn irgend eine unschuldige schöne Empfindung
von euch getauft werden soll? Müßt ihr durchaus
eurer edlen Göttin eine Fratzen- und Teufelskappe aufsetzen?
Woher aber diese Not, dieses Müssen? - Eben
daher, daß ihr den Kloaken zu nahe wohnt.
112
Vom Salz der Rede. - Niemand hat noch erklärt,
warum die griechischen Schriftsteller von den Mitteln des
Ausdrucks, welche ihnen in unerhörter Fülle und Kraft
zu Gebote standen, nur so übersparsamen Gebrauch gemacht
haben, daß jedes nachgriechische Buch dagegen grell,
bunt und überspannt erscheint. - Man hört, daß dem Nordpol-Eise
zu ebenso wie in den heißesten Ländern der
Gebrauch des Salzes spärlicher werde, daß dagegen die
Ebenen- und Küstenanwohner im Erdgürtel der mäßigeren
Sonnenwärme am reichlichsten Gebrauch von ihm
machen. Sollten die Griechen aus doppelten Gründen, weil
zwar ihr Intellekt kälter und klarer, ihre leidenschaftliche
Grundnatur aber um vieles tropischer war als die unsrige,
des Salzes und Gewürzes nicht in dem Maße nötig
gehabt haben als wir?
113
Der freieste Schriftsteller. - Wie dürfte in
einem Buche für freie Geister Lorenz Sterne ungenannt
bleiben, er, den Goethe als den freiesten Geist seines
Jahrhunderts geehrt hat! Möge er hier mit der Ehre fürlieb
nehmen, der freieste Schriftsteller aller Zeiten genannt zu
werden, in Vergleich mit welchem alle anderen steif, vierschrötig,
unduldsam und bäurisch-geradezu erscheinen. An
ihm dürfte nicht die geschlossene klare, sondern die
"unendliche Melodie" gerühmt werden: wenn mit diesem
Worte ein Stil der Kunst zu einem Namen kommt,
bei dem die bestimmte Form fortwährend gebrochen,
verschoben, in das Unbestimmte zurückübersetzt wird,
so daß sie das eine und zugleich das andere bedeutet.
Sterne ist der große Meister der Zweideutigkeit
- dies Wort billigerweise viel weiter genommen als man
gemeinhin tut, wenn man dabei an geschlechtliche Beziehungen
denkt. Der Leser ist verloren zu geben, der jederzeit
genau wissen will, was Sterne eigentlich über eine
Sache denkt, ob er bei ihr ein ernsthaftes oder ein
lächelndes Gesicht macht: denn er versteht sich auf beides
in einer Faltung seines Gesichts; er versteht es ebenfalls
und will es sogar, zugleich recht und unrecht zu
haben, den Tiefsinn und die Posse zu verknäueln. Seine
Abschweifungen sind zugleich Forterzählungen und Weiterentwicklungen
der Geschichte; seine Sentenzen enthalten
zugleich eine Ironie auf alles Sentenziöse, sein Widerwille
gegen das Ernsthafte ist einem Hange angeknüpft,
keine Sache nur flach und äußerlich nehmen zu können.
So bringt er bei dem rechten Leser ein Gefühl von Unsicherheit
darüber hervor, ob man gehe, stehe oder liege:
ein Gefühl, welches dem des Schwebens am verwandtesten
ist. Er, der geschmeidigste Autor, teilt auch seinem
Leser etwas von dieser Geschmeidigkeit mit. Ja, Sterne
verwechselt unversehens die Rollen und ist bald ebenso
Leser, als er Autor ist; sein Buch gleicht einem Schauspiel
im Schauspiel, einem Theaterpublikum vor einem
andern Theaterpublikum. Man muß sich der Sternischen
Laune auf Gnade und Ungnade ergeben - und kann
übrigens erwarten, daß sie gnädig, immer gnädig ist. -
Seltsam und belehrend ist es, wie ein so großer Schriftsteller
wie Diderot sich zu dieser allgemeinen Zweideutigkeit
Sternes gestellt hat: nämlich ebenfalls zweideutig -
und das eben ist echt Sternischer Überhumor. Hat er jenen,
in seinem Jacques le fataliste, nachgeahmt, bewundert,
verspottet, parodiert? - man kann es nicht völlig herausbekommen, -
und vielleicht hat gerade dies sein Autor
gewollt. Gerade dieser Zweifel macht die Franzosen gegen
das Werk eines ihrer ersten Meister (der sich vor keinem
Alten und Neuen zu schämen braucht) ungerecht. Die
Franzosen sind eben zum Humor - und namentlich zu
diesem Humoristischnehmen des Humors selber - zu
ernsthaft. - Sollte es nötig sein hinzuzufügen, daß Sterne
unter allen großen Schriftstellern das schlechteste Muster
und der eigentlich unvorbildliche Autor ist, und daß selbst
Diderot sein Wagnis büßen mußte? Das, was die guten
Franzosen und vor ihnen einzelne Griechen als Prosaiker
wollten und konnten, ist genau das Gegenteil von dem,
was Sterne will und kann: er erhebt sich eben als meisterhafte
Ausnahme über, das, was alle schriftstellerischen
Künstler von sich fordern: Zucht, Geschlossenheit, Charakter,
Beständigkeit der Absichten, Überschaulichkeit,
Schlichtheit, Haltung in Gang und Miene. - Leider
scheint der Mensch Sterne mit dem Schriftsteller Sterne
nur zu verwandt gewesen zu sein: seine Eichhorn-Seele
sprang mit unbeständiger Unruhe von Zweig zu Zweig;
was nur zwischen Erhaben und Schuftig liegt, war ihm
bekannt; auf jeder Stelle hatte er gesessen, immer mit dem
unverschämten wäßrigen Auge und dem empfindsamen
Mienenspiele. Er war, wenn die Sprache von einer solchen
Zusammenstellung nicht erschrecken wollte, von einer
hartherzigen Gutmütigkeit und hatte in den Genüssen
einer barocken, ja verderbten Einbildungskraft fast die
blöde Anmut der Unschuld. Eine solche fleisch- und seelenhafte
Zweideutigkeit, eine solche Freigeisterei bis in jede
Faser und Muskel des Leibes hinein, wie er diese
Eigenschaften hatte, besaß vielleicht kein anderer Mensch.
114
Gewählte Wirklichkeit. - Wie der gute
Prosaschriftsteller nur Worte nimmt, welche der Umgangssprache
angehören, doch lange nicht alle Worte derselben
- wodurch eben der gewählte Stil entsteht -, so wird
der gute Dichter der Zukunft nur Wirkliches darstellen
und von allen phantastischen, abergläubischen,
halbredlichen, abgeklungenen Gegenständen, an denen frühere
Dichter ihre Kraft zeigten, völlig absehen. Nur Wirklichkeit,
aber lange nicht jede Wirklichkeit! - sondern
eine gewählte Wirklichkeit!
115
Abarten der Kunst. - Neben den echten Gattungen
der Kunst, der der großen Ruhe und der der großen
Bewegung, gibt es Abarten - die ruhesüchtige, blasierte
Kunst und die aufgeregte Kunst: beide wünschen, daß
man ihre Schwäche für Stärke nehme und sie mit den
echten Gattungen verwechsele.
116
Zum Heros fehlt jetzt die Farbe. - Die
eigentlichen Dichter und Künstler der Gegenwart lieben es,
ihre Gemälde auf einen rot, grün, grau und goldig flackernden
Grund aufzutragen, auf den Grund der nervösen
Sinnlichkeit: auf diese verstehen sich ja die
Kinder dieses Jahrhunderts. Dies hat den Nachteil -
wenn man nämlich nicht mit den Augen des Jahrhunderts
auf jene Gemälde sieht -, daß die größten Gestalten,
welche jene hinmalen, etwas Flimmerndes, Zitterndes, Wirbelndes
an sich zu haben scheinen: so daß man ihnen heroische
Taten eigentlich nicht zutraut, sondern höchstens
herorisierende, prahlerische Untaten.
117
Stil der Überladung. - Der überladene Stil in
der Kunst ist die Folge einer Verarmung der organisierenden
Kraft bei verschwenderischem Vorhandensein von Mitteln
und Absichten. - In den Anfängen der Kunst findet
sich mitunter das gerade Gegenstück dazu.
118
Pulchrum est paucorum hominum. - Die
Historie und die Erfahrung sagt uns, daß die bedeutsame
Ungeheuerlichkeit, welche die Phantasie geheimnisvoll anregt
und über das Wirkliche und Alltägliche fortträgt,
älter ist und reichlicher wächst als das Schöne in der
Kunst und dessen Verehrung - und daß es sofort wieder
in Überfülle ausschlägt, wenn der Sinn für Schönheit sich
verdunkelt. Es scheint für die Mehr- und Überzahl der
Menschen ein höheres Bedürfnis zu sein als das Schöne:
wohl deshalb, weil es das gröbere Narcoticum enthält.
119
Ursprünge des Geschmacks an Kunstwerken. -
Denkt man an die anfänglichen Keime des künstlerischen
Sinnes und fragt sich, welche verschiedentlichen
Arten der Freude durch die Erstlinge der Kunst, zum Beispiel
bei wilden Völkerschaften, hervorgebracht werden, so
findet man zuerst die Freude, zu verstehen, was ein
andrer meint; die Kunst ist hier eine Art Rätselaufgeben,
das dem Erratenden Genuß am eigenen Schnell- und
Scharfsinn verschafft. - Sodann erinnert man sich beim
rohesten Kunstwerk an das, was einem in der Erfahrung
angenehm war und hat insofern Freude, zum Beispiel
wenn der Künstler auf Jagd, Sieg, Hochzeit hingedeutet
hat. - Wiederum kann man sich durch das Dargestellte
erregt, gerührt, entflammt fühlen, beispielsweise bei
Verherrlichung von Rache und Gefahr. Hier liegt der Genuß
in der Erregung selber, im Siege über die Langeweile.
- Auch die Erinnerung an das Unangenehme, insofern es
überwunden ist, oder insofern es uns selber als Gegenstand
der Kunst vor dem Zuhörer interessant erscheinen
läßt (wie wenn der Sänger die Unfälle eines verwegenen
Seefahrers beschreibt), kann große Freude machen,
welche man dann der Kunst zugute rechnet. - Feinerer
Art ist schon jene Freude, welche beim Anblick alles
Regelmäßigen und Symmetrischen, in Linien, Punkten
Rhythmen, entsteht; denn durch eine gewisse Ähnlichkeit
wird die Empfindung für alles Geordnete und Regelmäßige
im Leben, dem man ja ganz allein alles Wohlbefinden
zu danken hat, wachgerufen: im Kultus des
Symmetrischen verehrt man also unbewußt die Regel und
das Gleichmaß als Quelle seines bisherigen Glücks; die
Freude ist eine Art Dankgebet. Erst bei einer gewissen
Übersättigung an dieser letzterwähnten Freude entsteht
das noch feinere Gefühl, daß auch im Durchbrechen des
Symmetrischen und Geregelten Genuß liegen könne; wenn
es zum Beispiel anreizt, Vernunft in der scheinbaren
Unvernunft zu suchen: wodurch es dann, als eine Art
ästhetischen Rätselratens, wie eine höhere Gattung der zuerst
erwähnten Kunstfreude dasteht. - Wer dieser Betrachtung
weiter nachhängt, wird wissen, auch welche Art
von Hypothesen hier zur Erklärung der ästhetischen
Erscheinungen grundsätzlich verzichtet wird.
120
Nicht zu nahe. - Es ist ein Nachteil für gute
Gedanken, wenn sie zu rasch aufeinander folgen; sie verdecken
sich gegenseitig die Aussicht. - Deshalb haben
die größten Künstler und Schriftsteller reichlichen
Gebrauch vom Mittelmäßigen gemacht.
121
Roheit und Schwäche. - Die Künstler aller
Zeiten haben die Entdeckung gemacht, daß in der Roheit
eine gewisse Kraft liegt und daß nicht jeder roh sein kann,
der es wohl sein möchte; ebenso daß manche Arten von
Schwäche stark auf das Gefühl wirken. Hieraus sind
nicht wenig Kunstmittel-Surrogate abgeleitet worden,
deren sich völlig zu enthalten selbst den größten und
gewissenhaftesten Künstlern schwer wird.
122
Das gute Gedächtnis. - Mancher wird nur deshalb
kein Denker, weil sein Gedächtnis zu gut ist.
123
Hungermachen statt Hungerstillen. -
Große Künstler wähnen, sie hätten durch ihre Kunst eine
Seele völlig in Besitz genommen und ausgefüllt: in Wahrheit,
und oft zu ihrer schmerzlichen Enttäuschung, ist jene
Seele dadurch nur um so umfänglicher und unausfüllbarer
geworden, so daß zehn größere Künstler sich nur in ihre
Tiefe hinabstürzen könnten, ohne sie zu sättigen.
124
Künstler-Angst. - Die Angst, man möchte ihren
Figuren nicht glauben, daß sie leben, kann Künstler
des absinkenden Geschmacks verführen, diese so zu bilden,
daß sie sich wie toll benehmen: wie andererseits aus
derselben Angst griechische Künstler des ersten Aufgangs
selbst Sterbenden und Schwerverwundeten jenes Lächeln
geben, welches sie als lebhaftestes Zeichen des Lebens
kannten, - unbekümmert darum, was die Natur in
solchem Falle des Noch-Lebens, des Fast-nicht-mehr-Lebens
bildet.
125
Der Kreis soll fertig werden. - Wer einer
Philosophie oder Kunstart bis an das Ende ihrer Bahn und
um das Ende herum nachgegangen ist, begreift aus einem
innern Erlebnis, warum die nachfolgenden Meister und
Lehrer sich von ihr, oft mit abschätziger Miene, zu einer
neuen Bahn fortwandten. Der Kreis muß eben umschrieben
werden - aber der Einzelne, und sei es der Größte, sitzt
auf seinem Punkte der Peripherie fest, mit einer unerbittlichen
Miene der Hartnäckigkeit, als ob der Kreis nie
geschlossen werden dürfe.
126
Ältere Kunst und die Seele der Gegenwart. -
Weil jede Kunst zum Ausdruck seelischer Zustände,
der bewegteren, zarteren, drastischeren,
leidenschaftlicheren, immer befähigter wird, so empfinden die
späteren Meister, durch diese Ausdrucks-Mittel verwöhnt,
ein Unbehagen bei den Kunstwerken der älteren Zeit, wie
als ob es den Alten eben nur an den Mitteln gefehlt habe,
ihre Seele deutlich reden zu lassen, vielleicht gar an einigen
technischen Vorbedingungen; und sie meinen hier nachhelfen
zu müssen - denn sie glauben an die Gleichheit
ja Einheit aller Seelen. In Wahrheit ist aber die Seele jener
Meister selber noch eine andere gewesen, größer
vielleicht, aber kälter und dem Reizvoll-Lebendigen noch
abhold: das Maß, die Symmetrie, die Geringachtung des
Holden und Wonnigen, eine unbewußte Herbe und Morgenkühle,
ein Ausweichen vor der Leidenschaft, wie als
ob an ihr die Kunst zugrunde gehen werde, - dies macht
die Gesinnung und Moralität aller älteren Meister aus,
welche ihre Ausdrucks-Mittel nicht zufällig, sondern notwendig
mit der gleichen Moralität wählten und durchgeisteten.
- Soll man aber, bei dieser Erkenntnis, den
später Kommenden das Recht versagen, die älteren Werke
nach ihrer Seele zu beseelen? Nein, denn nur dadurch,
daß wir ihnen unsere Seele geben, vermögen sie fortzuleben:
erst unser Blut bringt sie dazu, zu uns zu reden.
Der wirklich "historische" Vortrag würde gespenstisch zu
Gespenstern reden. - Man ehrt die großen Künstler der
Vergangenheit weniger durch jene unfruchtbare Scheu,
welche jedes Wort, jede Note so liegen läßt, wie sie
gestellt ist, als durch tätige Versuche, ihnen immer von
neuem wieder zum Leben zu verhelfen. - Freilich: dächte
man sich Beethoven plötzlich wiederkommend und eins
seiner Werke gemäß der modernsten Beseeltheit und
Nerven-Verfeinerung, welche unsern Meistern des Vortrags
zum Ruhme dient, vor ihm ertönend: er würde wahrscheinlich
lange stumm sein, schwankend, ob er die Hand
zum Fluchen oder Segnen erheben solle, endlich aber vielleicht
sprechen: "Nun! Nun! Das ist weder Ich noch
Nicht-Ich, sondern etwas Drittes - es scheint mir auch
etwas Rechtes, wenn es gleich nicht das Rechte ist.
Ihr mögt aber zusehen, wie ihr's treibt, da ihr ja jedenfalls
zuhören müßt, - und der Lebende hat recht, sagt
ja unser Schiller. So habt denn recht und laßt mich
wieder hinab."
127
Gegen die Tadler der Kürze. - Etwas Kurz-Gesagtes
kann die Frucht und Ernte von vielem Lang-Gedachten
sein: aber der Leser, der auf diesem Felde
Neuling ist und hier noch gar nicht nachgedacht hat, sieht
in allem Kurz-Gesagten etwas Embryonisches, nicht ohne
einen tadelnden Wink an den Autor, daß er dergleichen
Unausgewachsenes, Ungereiftes ihm zur Mahlzeit mit auf
den Tisch setze.
128
Gegen die Kurzsichtigen. - Meint ihr denn,
es müsse Stückwerk sein, weil man es euch in Stücken
gibt (und geben muß)?
129
Sentenzen-Leser. - Die schlechtesten Leser von
Sentenzen sind die Freunde ihres Urhebers, im Fall sie
beflissen sind, aus dem Allgemeinen wieder auf das
Besondere zurückzuraten, dem die Sentenz ihren Ursprung
verdankt: denn durch diese Topfguckerei machen sie die
ganze Mühe des Autors zunichte, so daß sie nun
verdientermaßen anstatt einer philosophischen Stimmung
und Belehrung besten- oder schlimmstenfalls nichts als
die Befriedigung der gemeinen Neugierde zum Gewinn
erhalten.
130
Unarten des Lesers. - Die doppelte Unart des
Lesers gegen den Autor besteht darin, das zweite Buch
desselben auf Unkosten des ersten zu loben (oder
umgekehrt) und dabei zu verlangen, daß der Autor ihm
dankbar sei.
131
Das Aufregende in der Geschichte der
Kunst. - Verfolgt man die Geschichte einer Kunst, zum
Beispiel die der griechischen Beredsamkeit, so gerät man,
von Meister zu Meister fortgehend, bei dem Anblick dieser
immer gesteigerten Besonnenheit, um den alten und neu
hinzugefügten Gesetzen und Selbstbeschränkungen insgesamt
zu gehorchen, zuletzt in eine peinliche Spannung:
man begreift, daß der Bogen brechen muß und daß die
sogenannte unorganische Komposition, mit den wundervollsten
Mitteln des Ausdrucks überhängt und maskiert -
in jenem Falle der Barockstil des Asianismus -, einmal eine
Notwendigkeit und fast eine Wohltat war.
132
An die Großen der Kunst. - Jene Begeisterung
für eine Sache, welche du Großer in die Welt hineinträgst,
läßt den Verstand vieler verkrüppeln, dies zu wissen
demütigt. Aber der Begeisterte trägt seinen Höcker mit
Stolz und Lust: insofern hast du den Trost, daß durch
dich das Glück in der Welt vermehrt ist.
133
Die ästhetisch Gewissenlosen. - Die eigentlichen
Fanatiker einer künstlerischen Partei sind jene völlig
unkünstlerischen Naturen, welche selbst in die Elemente
der Kunstlehre und des Kunstkönnens nicht eingedrungen
sind, aber auf das stärkste von allen elementarischen
Wirkungen einer Kunst ergriffen werden. Für sie
gibt es kein ästhetisches Gewissen - und daher nichts,
was sie vom Fanatismus zurückhalten könnte.
134
Wie nach der neueren Musik sich die Seele
bewegen soll. - Die künstlerische Absicht, welche die
neuere Musik in dem verfolgt, was jetzt, sehr stark aber
undeutlich, als "unendliche Melodie" bezeichnet wird,
kann man sich dadurch klarmachen, daß man ins Meer
geht, allmählich den sicheren Schritt auf dem Grunde verliert
und sich endlich dem wogenden Elemente auf Gnade
und Ungnade übergibt: man soll schwimmen. In der
bisherigen älteren Musik mußte man, im zierlichen oder
feierlichen oder feurigen Hin und Wieder, Schneller und
Langsamer, tanzen: wobei das hierzu nötige Maß, das
Einhalten bestimmter gleichwiegender Zeit- und Kraftgrade
von der Seele des Zuhörers eine fortwährende Besonnenheit
erzwang: auf dem Widerspiele dieses kühleren
Luftzuges, welcher von der Besonnenheit herkam,
und des durchwärmten Atems musikalischer Begeisterung
ruhte der Zauber jener Musik. - Richard Wagner wollte
eine andere Art Bewegung der Seele, welche, wie
gesagt, dem Schwimmen und Schweben verwandt ist. Vielleicht
ist dies das wesentlichste seiner Neuerungen. Sein
berühmtes Kunstmittel, diesem Wollen entsprungen und
angepaßt - die "unendliche Melodie" - bestrebt sich,
alle mathematische Zeit- und Kraft-Ebenmäßigkeit zu
brechen, mitunter selbst zu verhöhnen; und er ist überreich
in der Erfindung solcher Wirkungen, welche dem
älteren Ohre wie rhythmische Paradoxien und Lästerreden
klingen. Er fürchtet die Versteinerung, die Kristallisation,
den Übergang der Musik in das Architektonische
- und so stellt er dem zweitaktigen Rhythmus einen
dreitaktigen entgegen, führt nicht selten den Fünf- und
Siebentakt ein, wiederholt dieselbe Phrase sofort, aber
mit einer Dehnung, daß sie die doppelte und dreifache
Zeitdauer bekommt. Aus einer bequemen Nachahmung
solcher Kunst kann eine große Gefahr für die Musik
entstehen: immer hat neben der Überreife des rhythmischen
Gefühls die Verwilderung, der Verfall der
Rhythmik im Versteck gelauert. Sehr groß wird zumal
diese Gefahr, wenn eine solche Musik sich immer enger
an eine ganz naturalistische, durch keine höhere Plastik
erzogene und beherrschte Schauspielerkunst und Gebärdensprache
anlehnt, - welche in sich kein Maß hat und
dem sich ihr anschmiegenden Elemente, dem allzuweiblichen
Wesen der Musik, auch kein Maß mitzuteilen
vermag.
135
Dichter und Wirklichkeit. - Die Muse des
Dichters, der nicht in die Wirklichkeit verliebt ist, wird
eben nicht die Wirklichkeit sein und ihm hohläugige und
allzu zartknochichte Kinder gebären.
136
Mittel und Zweck. - In der Kunst heiligt der
Zweck die Mittel nicht: aber heilige Mittel können hier
den Zweck heiligen.
137
Die schlechtesten Leser. - Die schlechtesten
Leser sind die, welche wie plündernde Soldaten verfahren:
sie nehmen sich einiges, was sie brauchen können, heraus,
beschmutzen und verwirren das übrige und lästern auf
das Ganze.
138
Merkmale des guten Schriftstellers. - Die
guten Schriftsteller haben zweierlei gemeinsam; sie
ziehen vor, lieber verstanden als angestaunt zu werden;
und sie schreiben nicht für die spitzen und überscharfen
Leser.
139
Die gemischten Gattungen. - Die gemischten
Gattungen in den Künsten legen Zeugnis über das Mißtrauen
ab, welches ihre Urheber gegen ihre eigne Kraft
empfanden; sie suchten Hilfsmächte, Anwälte, Verstecke
- so der Dichter, der die Philosophie, der Musiker, der
das Drama, der Denker, der die Rhetorik zu Hilfe ruft.
140
Mundhalten. - Der Autor hat den Mund zu halten,
wenn sein Werk den Mund auftut.
141
Abzeichen des Ranges. - Alle Dichter und
Schriftsteller, welche in den Superlativ verliebt sind, wollen
mehr als sie können.
142
Kalte Bücher. - Der gute Denker rechnet auf
Leser, welche das Glück nachempfinden, das im guten Denken
liegt: so daß ein Buch, welches sich kalt und nüchtern
ausnimmt, durch die rechten Augen gesehen, vom Sonnenscheine
der geistigen Heiterkeit umspielt und als ein rechter
Seelentrost erscheinen kann.
143
Kunstgriff der Schwerfälligen. - Der
schwerfällige Denker wählt gewöhnlich die Geschwätzigkeit
oder die Feierlichkeit zur Bundesgenossin: durch die
erstere meint er sich Beweglichkeit und leichten Fluß anzueignen,
durch die letztere erweckt er den Schein, als ob
seine Eigenschaft eine Wirkung des freien Willens, der
künstlerischen Absicht sei, zum Zwecke der Würde, welche
Langsamkeit der Bewegung fordert.
144
Vom Barockstile. - Wer sich als Denker und
Schriftsteller zur Dialektik und Auseinanderfaltung der
Gedanken nicht geboren oder erzogen weiß, wird unwillkürlich
nach dem Rhetorischen und Dramatischen
greifen: denn zuletzt kommt es ihm darauf an,
sich verständlich zu machen und dadurch Gewalt zu
gewinnen, gleichgültig ob er das Gefühl auf ebenem Pfade
zu sich leitet oder unversehens überfällt - als Hirt oder
als Räuber. Dies gilt auch in den bildenden wie musischen
Künsten; wo das Gefühl mangelnder Dialektik oder
des Ungenügens in Ausdruck und Erzählung, zusammen
mit einem überreichen, drängenden Formentriebe, jene
Gattung des Stiles zutage fördert, welche man Barockstil
nennt. - Nur die Schlechtunterrichteten und Anmaßenden
werden übrigens bei diesem Wort sogleich eine
abschätzige Empfindung haben. Der Barockstil entsteht
jedesmal beim Abblühen jeder großen Kunst, wenn die
Anforderungen in der Kunst des klassischen Ausdrucks
allzu groß geworden sind, als ein Natur-Ereignis, dem
man wohl mit Schwermut, - weil es der Nacht voranläuft -
zusehen wird, aber zugleich mit Bewunderung
für die ihm eigentümlichen Ersatzkünste des Ausdrucks
und der Erzählung. Dahin gehört schon die Wahl von
Stoffen und Vorwürfen höchster dramatischer Spannung,
bei denen auch ohne Kunst das Herz zittert, weil Himmel
und Hölle der Empfindung allzu nahe sind: dann die
Beredsamkeit der starken Affekte und Gebärden, des
Häßlich-Erhabenen, der großen Massen, überhaupt der
Quantität an sich - wie dies sich schon bei Michelangelo,
dem Vater oder Großvater der italienischen Barockkünstler,
ankündigt -: die Dämmerungs-, Verklärungs- oder
Feuerbrunstlichter auf so starkgebildeten Formen: dazu
fortwährend neue Wagnisse in Mitteln und Absichten,
vom Künstler für die Künstler kräftig unterstrichen, während
der Laie wähnen muß, das beständige unfreiwillige
Überströmen aller Füllhörner einer ursprünglichen Natur-Kunst
zu sehen: diese Eigenschaften alle, in denen
jener Stil seine Größe hat, sind in den früheren, vorklassischen
und klassischen Epochen einer Kunstart nicht
möglich, nicht erlaubt: solche Köstlichkeiten hängen
lange als verbotene Früchte am Baume. - Gerade jetzt,
wo die Musik in diese letzte Epoche übergeht, kann
man das Phänomen des Barockstils in einer besonderen
Pracht kennenlernen und vieles durch Vergleichung daraus
für frühere Zeiten lernen: denn es hat von den
griechischen Zeiten ab schon oftmals einen Barockstil gegeben,
in der Poesie, Beredsamkeit, im Prosastile, in der
Skulptur ebensowohl als bekanntermaßen in der Architektur -
und jedesmal hat dieser Stil, ob es ihm gleich
am höchsten Adel, an dem einer unschuldigen, unbewußten,
sieghaften Vollkommenheit gebricht, auch vielen
von den Besten und Ernstesten seiner Zeit wohlgetan:
- weshalb es, wie gesagt, anmaßend ist, ohne
weiteres ihn abschätzig zu beurteilen; so sehr sich jeder
glücklich preisen darf, dessen Empfindung durch ihn
nicht für den reineren und größeren Stil unempfindlich
gemacht wird.
145
Wert ehrlicher Bücher. - Ehrliche Bücher machen
den Leser ehrlich, wenigstens indem sie seinen Haß
und Widerwillen herauslocken, welchen die verschmitzte
Klugheit sonst am besten zu verstecken weiß. Gegen ein
Buch aber läßt man sich gehen, wenn man sich auch noch
so sehr gegen Menschen zurückhält.
146
Wodurch die Kunst Partei macht. - Einzelne
schöne Stellen, ein erregender Gesamtverlauf und
hinreißende erschütternde Schlußstimmungen - soviel
wird auch den meisten Laien von einem Kunstwerk noch
zugänglich sein: und in einer Periode der Kunst, in der
man die große Masse der Laien auf die Seite der Künstler
hinüberziehen, also eine Partei, vielleicht zur
Erhaltung der Kunst überhaupt, machen will, wird der
Schaffende gut tun, auch nicht mehr zu geben: damit er
nicht zum Verschwender seiner Kraft werde auf Gebieten,
wo niemand ihm Dank weiß. Das übrige nämlich zu leisten -
die Natur in ihrem organischen Bilden und
Wachsenlassen nachzuahmen - hieße in jenem Falle: auf
Wasser säen.
147
Zum Schaden der Historie groß werden.
- Jeder spätere Meister, welcher den Geschmack der Kunst-Genießenden
in seine Bahn lenkt, bringt unwillkürlich
eine Auswahl und Neu-Abschätzung der älteren Meister
und ihrer Werke hervor: das ihm Gemäße und Verwandte,
das ihn Vorschmeckende und Ankündigende in
jenen gilt von jetzt ab als das eigentlich Bedeutende
an ihnen und ihren Werken - eine Frucht, in der gewöhnlich
ein großer Irrtum als Wurm verborgen steckt.
148
Wie ein Zeitalter zur Kunst geködert
wird. - Man lerne mit Hilfe aller Künstler- und
Denker-Zaubereien die Menschen an, vor ihren Mängeln, ihrer
geistigen Armut, ihren unsinnigen Verblendungen und
Leidenschaften Verehrung zu empfinden - und dies ist
möglich -, man zeige vom Verbrechen und vom Wahne
nur die erhabene Seite, von der Schwäche der Willenlosen
und Blind-Ergebnen nur das Rührende und Zu-Herzen-Sprechende
eines solchen Zustandes - auch dies ist oft
genug geschehen -: so hat man das Mittel angewendet,
auch einem ganz unkünstlerischen und unphilosophischen
Zeitalter schwärmerische Liebe zu Philosophie und Kunst
(namentlich zu den Künstlern und Denkern als Personen)
einzuflößen, und, in schlimmen Umständen, vielleicht das
einzige Mittel, die Existenz so zarter und gefährdeter
Gebilde zu wahren.
149
Kritik und Freude. - Kritik, einseitige und
ungerechte ebensogut wie verständige, macht dem, der sie
übt, so viel Vergnügen, daß die Welt jedem Werk, jeder
Handlung Dank schuldig ist, welche viel und viele zur
Kritik auffordert: denn hinter ihr her zieht sich ein
blitzender Schweif von Freude, Witz, Selbstbewunderung,
Stolz, Belehrung, Vorsatz zum Bessermachen. - Der Gott
der Freude schuf das Schlechte und Mittelmäßige aus dem
gleichen Grunde, aus dem er das Gute schuf.
150
Über seine Grenze hinaus. - Wenn ein Künstler
mehr sein will als ein Künstler, zum Beispiel der moralische
Erwecker seines Volkes, so verliebt er sich, zur Strafe,
zuletzt in ein Ungetüm von moralischem Stoff - und die
Muse lacht dazu: denn diese so gutherzige Göttin kann
aus Eifersucht auch boshaft werden. Man denke an Milton
und Klopstock.
151
Gläsernes Auge. - Die Richtung des Talentes auf
moralische Stoffe, Personen, Motive, auf die schöne
Seele des Kunstwerks ist mitunter nur das gläserne Auge,
welches der Künstler, dem es an der schönen Seele gebricht,
sich einsetzt: mit dem sehr seltenen Erfolge, daß
dies Auge zuletzt doch lebendige Natur wird, wenn auch
etwas verkümmert blickende Natur, - aber mit dem gewöhnlichen
Erfolge, daß alle Welt Natur zu sehen meint,
wo kaltes Glas ist.
152
Schreiben und Siegen-wollen. - Schreiben
sollte immer einen Sieg anzeigen, und zwar eine Überwindung
seiner selbst, welche anderen zum Nutzen mitgeteilt
werden muß; aber es gibt dyspeptische Autoren,
welche gerade nur schreiben, wenn sie etwas nicht verdauen
können, ja wenn dies ihnen schon in den Zähnen hängengeblieben
ist: sie suchen unwillkürlich mit ihrem Ärger
auch dem Leser Verdruß zu machen und so eine Gewalt
über ihn auszuüben, das heißt: auch sie wollen siegen,
aber über andere.
153
"Gut Buch will Weile haben." - Jedes gute
Buch schmeckt herb, wenn es erscheint: es hat den Fehler
der Neuheit. Zudem schadet ihm sein lebender Autor, falls
er bekannt ist und manches von ihm verlautet: denn alle
Welt pflegt den Autor und sein Werk zu verwechseln.
Was in diesem an Geist, Süße und Goldglanz ist, muß sich
erst mit den Jahren entwickeln, unter der Pflege wachsender,
dann alter, zuletzt überlieferter Verehrung. Manche
Stunde muß darüber hinlaufen, manche Spinne ihr Netz
daran gewoben haben. Gute Leser machen ein Buch immer
besser und gute Gegner klären es ab.
154
Maßlosigkeit als Kunstmittel. - Künstler
verstehen wohl, was es sagen will: die Maßlosigkeit als
Kunstmittel zu benutzen, um den Eindruck des Reichtums
hervorzubringen. Es gehört das zu den unschuldigen
Listen der Seelenverführung, auf welche sich die Künstler
verstehen müssen: denn in ihrer Welt, in der es auf Schein
abgesehen ist, brauchen auch die Mittel des Scheins nicht
notwendig echt zu sein.
155
Der versteckte Leierkasten. - Die Genies
verstehen sich besser als die Talente darauf, den Leierkasten
zu verstecken, vermöge ihres umfänglicheren Faltenwurfs;
aber im Grunde können sie auch nicht mehr, als ihre
alten sieben Stücke wieder spielen.
156
Der Name auf dem Titelblatt. - Daß der
Name des Autors auf dem Buche steht, ist zwar jetzt Sitte
und fast Pflicht; doch ist es eine Hauptursache davon, daß
Bücher so wenig wirken. Sind sie nämlich gut, so sind sie
mehr wert als die Personen, als deren Quintessenzen; sobald
aber der Autor sich durch den Titel zu erkennen gibt,
wird die Quintessenz wieder von seiten des Lesers mit dem
Persönlichen, ja Persönlichsten diluiert und somit der Zweck
des Buches vereitelt. Es ist der Ehrgeiz des Intellektes,
nicht mehr individuell zu erscheinen.
157
Schärfste Kritik. - Man kritisiert einen Menschen,
ein Buch am schärfsten, wenn man das Ideal desselben hinzeichnet.
158
Wenig und ohne Liebe. - Jedes gute Buch ist
für einen bestimmten Leser und dessen Art geschrieben und
wird eben deshalb von allen übrigen Lesern, der großen
Mehrzahl, ungünstig angesehn: weshalb sein Ruf auf
schmaler Grundlage ruht und nur langsam aufgebaut
werden kann.-- Das mittelmäßige und schlechte Buch
ist es eben dadurch, daß es vielen zu gefallen sucht und
auch gefällt.
159
Musik und Krankheit. - Die Gefahr in der
neuen Musik liegt darin, daß sie uns den Becher des Wonnigen
und Großartigen so hinreißend und mit einem Anscheine
von sittlicher Ekstase an die Lippen setzt, daß auch
der Mäßige und Edle immer einige Tropfen zu viel von
ihr trinkt. Diese Minimal-Ausschweifung, fortwährend
wiederholt, kann aber zuletzt eine tiefere Erschütterung
und Untergrabung der geistigen Gesundheit zuwege bringen,
als irgend ein großer Exzeß es vermöchte: so daß
nichts übrigbleibt, als eines Tages die Nymphengrotte zu
fliehen und, durch Meereswogen und Gefahren, nach dem
Rauch von Ithaka und nach den Umarmungen der schlichteren
und menschlicheren Gattin sich den Weg zu bahnen.
160
Vorteil für die Gegner. - Ein Buch voller
Geist teilt auch an seine Gegner davon mit.
161
Jugend und Kritik. - Ein Buch kritisieren -
das heißt für die Jungen nur: keinen einzigen produktiven
Gedanken desselben an sich herankommen lassen und sich,
mit Händen und Füßen, seiner Haut wehren. Der Jüngling
lebt gegen alles Neue, das er nicht in Bausch und
Bogen lieben kann, im Stande der Notwehr und begeht
jedesmal dabei, so oft er nur kann, ein überflüssiges Verbrechen.
162
Wirkung der Quantität. - Die größte Paradoxie
in der Geschichte der Dichtkunst liegt darin, daß in
allem, worin die alten Dichter ihre Größe haben, einer
ein Barbar, nämlich fehlerhaft und verwachsen vom Wirbel
bis zur Zehe, sein kann und dennoch der größte
Dichter bleibt. So steht es ja mit Shakespeare, der, mit
Sophokles zusammengehalten, einem Bergwerke voll einer
Unermeßlichkeit an Gold, Blei und Geröll gleicht, während
jener nicht nur Gold, sondern Gold in der edelsten
Gestaltung ist, die seinen Wert als Metall fast vergessen
macht. Aber die Quantität, in ihren höchsten Steigerungen,
wirkt als Qualität. Das kommt Shakespeare
zugute.
163
Aller Anfang ist Gefahr. - Der Dichter hat
die Wahl, entweder das Gefühl von einer Stufe zur andern
zu heben und es so zuletzt sehr hoch zu steigern - oder
es mit einem Überfalle zu versuchen und gleich von Beginn
an mit aller Gewalt am Glockenstrang zu ziehn. Beides