Der Wanderer und sein Schatten

D e r   S c h a t t e n:  Da ich dich so lange nicht reden
hörte, so möchte ich dir eine Gelegenheit geben.

D e r   W a n d e r e r:  Es redet: - wo? und wer? Fast
ist es mir, als hörte ich mich selber reden, nur mit noch
schwächerer Stimme als die meine ist.

D e r   S c h a t t e n  (nach einer Weile): Freut es dich
nicht, Gelegenheit zum Reden zu haben?

D e r   W a n d e r e r:  Bei Gott und allen Dingen, an die
ich nicht glaube, mein Schatten redet; ich höre es, aber
glaube es nicht.

D e r   S c h a t t e n:  Nehmen wir es hin und denken wir
nicht weiter darüber nach, in einer Stunde ist alles vorbei.

D e r   W a n d e r e r:  Ganz so dachte ich, als ich in einem
Walde bei Pisa erst zwei und dann fünf Kamele sah.

D e r   S c h a t t e n:  Es ist gut, daß wir beide auf gleiche
Weise nachsichtig gegen uns sind, wenn einmal unsere
Vernunft stille steht: so werden wir uns auch im Gespräche
nicht ärgerlich werden und nicht gleich dem andern
Daumenschrauben anlegen, falls sein Wort uns einmal
unverständlich klingt. Weiß man gerade nicht zu
antworten, so genügt es schon, etwas zu sagen: das ist
die billige Bedingung, unter der ich mich mit jemandem
unterrede. Bei einem längeren Gespräche wird auch der
Weiseste einmal zum Narren Und dreimal zum Tropf.

D e r   W a n d e r e r:  Deine Genügsamkeit ist nicht
schmeichelhaft für den, welchem du sie eingestehst.

D e r   S c h a t t e n:  Soll ich denn schmeicheln?

D e r   W a n d e r e r:  Ich dachte, der menschliche Schatten
sei seine Eitelkeit; diese aber würde nie fragen: "soll
ich denn schmeicheln?"

D e r   S c h a t t e n:  Die menschliche Eitelkeit, soweit
ich sie kenne, fragt auch nicht an, wie ich schon zweimal
tat, ob sie reden dürfe: sie redet immer.

D e r   W a n d e r e r:  Ich merke erst, wie unartig ich
gegen dich bin, mein geliebter Schatten: ich habe noch
mit keinem Worte gesagt, wie sehr ich mich f r e u e,  dich
zu hören und nicht bloß zu sehen. Du wirst es wissen,
ich liebe den Schatten, wie ich das Licht liebe. Damit es
Schönheit des Gesichts, Deutlichkeit der Rede, Güte und
Festigkeit des Charakters gebe, ist der Schatten so nötig
wie das Licht. Es sind nicht Gegner: sie halten sich vielmehr
liebevoll an den Händen, und wenn das Licht verschwindet,
schlüpft ihm der Schatten nach.

D e r   S c h a t t e n:  Und ich hasse dasselbe, was du
hassest, die Nacht; ich liebe die Menschen, weil sie Lichtjünger
sind und freue mich des Leuchtens, das in ihrem
Auge ist, wenn sie erkennen und entdecken, die unermüdlichen
Erkenner und Entdecker. Jener Schatten, welchen
alle Dinge zeigen, wenn der Sonnenschein der Erkenntnis
auf sie fällt, - jener Schatten bin ich auch.

D e r   W a n d e r e r:  Ich glaube dich zu verstehen, ob
du dich gleich etwas schattenhaft ausgedrückt hast.
Aber du hattest recht: gute Freunde geben einander hier
und da ein dunkles Wort als Zeichen des Einverständnisses,
welches für jeden dritten ein Rätsel sein soll. Und wir
sind gute Freunde. Deshalb genug des Vorredens! Ein
paar hundert Fragen drücken auf meine Seele, und die
Zeit, da du auf sie antworten kannst, ist vielleicht nur
kurz. Sehen wir zu, worüber wir in aller Eile und Friedfertigkeit
miteinander zusammenkommen.

D e r   S c h a t t e n:  Aber die Schatten sind schüchterner
als die Menschen: du wirst niemandem mitteilen, wie wir
zusammen gesprochen haben!

D e r   W a n d e r e r:  Wie wir zusammen gesprochen
haben? Der Himmel behüte mich vor langgesponnenen,
schriftlichen Gesprächen! Wenn Plato weniger Lust am
Spinnen gehabt hätte, würden seine Leser mehr Lust
an Plato haben. Ein Gespräch, das in der Wirklichkeit
ergötzt, ist, in Schrift verwandelt und gelesen, ein
Gemälde mit lauter falschen Perspektiven: Alles ist zu
lang oder zu kurz. - Doch werde ich vielleicht mitteilen
dürfen, w o r ü b e r  wir übereingekommen sind?

D e r   S c h a t t e n:  Damit bin ich zufrieden; denn alle
werden darin nur deine Ansichten wiedererkennen: des
Schattens wird niemand gedenken.

D e r   W a n d e r e r:  Vielleicht irrst du, Freund! Bis
jetzt hat man in meinen Ansichten mehr den Schatten
wahrgenommen als mich.

D e r   S c h a t t e n:  Mehr den Schatten als das Licht?
Ist es möglich?

D e r   W a n d e r e r:  Sei ernsthaft, lieber Narr! Gleich
meine erste Frage verlangt Ernst. -


1

V o m   B a u m   d e r   E r k e n n t n i s.  - Wahrscheinlichkeit,
aber keine Wahrheit: Freischeinlichkeit, aber
keine Freiheit, - diese beiden Früchte sind es, derentwegen
der Baum der Erkenntnis nicht mit dem Baum des
Lebens verwechselt werden kann.

2

D i e   V e r n u n f t   d e r   W e l t.  - Daß die Welt
n i c h t  der Inbegriff einer ewigen Vernünftigkeit ist,
läßt sich endgültig dadurch beweisen, daß jenes S t ü c k 
 W e l t,  welches wir kennen - ich meine unsre menschliche
Vernunft -, nicht allzu vernünftig ist. Und wenn
s i e  nicht allezeit und vollständig weise und rationell ist,
so wird es die übrige Welt auch nicht sein; hier gilt der
Schluß, und zwar
mit entscheidender Kraft.

3

" A m   A n f a n g   w a r. "  - Die Entstehung verherrlichen -
das ist der metaphysische N a c h t r i e b,  welcher
bei der Betrachtung der Historie wieder ausschlägt
und durchaus meinen macht, am Anfang aller Dinge stehe
das Wertvollste und Wesentlichste.

4

M a ß   f ü r   d e n   W e r t   d e r   W a h r h e i t.  - Für die
Höhe der Berge ist die Mühsal ihrer Besteigung durchaus
kein Maßstab. Und in der Wissenschaft soll es anders
sein! - sagen uns einige, die für eingeweiht gelten wollen -,
die Mühsal um die Wahrheit soll gerade über
den Wert der Wahrheit entscheiden! Diese tolle Moral
geht von dem Gedanken aus, daß die "Wahrheiten" eigentlich
nichts weiter seien, als Turngerätschaften,
an denen wir uns wacker müde zu arbeiten hätten,
- eine Moral für Athleten und Festturner des Geistes.

5

S p r a c h g e b r a u c h   u n d   W i r k l i c h k e i t.  - Es 
gibt eine erheuchelte Mißachtung aller der Dinge, welche
tatsächlich die Menschen am wichtigsten nehmen, a l l e r 
 n ä c h s t e n   D i n g e.  Man sagt zum Beispiel "man ißt
nur, um zu leben," - eine verfluchte L ü g e,  wie jene,
welche von der Kindererzeugung als der eigentlichen Absicht
aller Wollust redet. Umgekehrt ist die Hochschätzung
der "wichtigsten Dinge" fast niemals ganz
echt: die Priester und Metaphysiker haben uns zwar auf
diesen Gebieten durchaus an einen heuchlerisch übertreibenden
S p r a c h g e b r a u c h  gewöhnt, aber das Gefühl
doch nicht umgestimmt, welches diese wichtigsten Dinge
nicht so wichtig nimmt wie jene verachteten nächsten
Dinge. - Eine leidige Folge dieser doppelten Heuchelei
aber ist immerhin, daß man die nächsten Dinge, zum
Beispiel Essen, Wohnen, Sich-Kleiden, Verkehren, nicht
zum Objekt des stetigen unbefangenen und a l l g e m e i n e n 
Nachdenkens und Umbildens macht, sondern, weil
dies für herabwürdigend gilt, seinen intellektuellen und
künstlerischen Ernst davon abwendet; so daß hier die
Gewohnheit und die Frivolität über die Unbedachtsamen,
namentlich über die unerfahrene Jugend, leichten Sieg
haben: während andererseits unsere fortwährenden Verstöße
gegen die einfachsten Gesetze des Körpers und Geistes
uns alle, Jüngere und Ältere, in eine beschämende
Abhängigkeit und Unfreiheit bringen, - ich meine in jene
im Grunde überflüssige Abhängigkeit von Ärzten, Lehrern
und Seelsorgern, deren Druck jetzt immer noch auf
der ganzen Gesellschaft liegt.

6

D i e   i r d i s c h e   G e b r e c h l i c h k e i t   u n d   i h r e 
 H a u p t u r s a c h e.  - Man trifft, wenn man sich umsieht,
immer auf Menschen, welche ihr Lebenlang Eier gegessen
haben, ohne zu bemerken, daß die länglichten die
wohlschmeckendsten sind, welche nicht wissen, daß ein
Gewitter dem Unterleib förderlich ist, daß Wohlgerüche
in kalter, klarer Luft am stärksten riechen, daß unser
Geschmackssinn an verschiedenen Stellen des Mundes ungleich
ist, daß jede Mahlzeit, bei der man gut spricht
oder gut hört, dem Magen Nachteil bringt. Man mag
mit diesen Beispielen für den Mangel an Beobachtungssinn
nicht zufrieden sein, um so mehr möge man zugestehen,
daß die a l l e r n ä c h s t e n   D i n g e  von den
meisten sehr schlecht gesehen, sehr selten beachtet werden.
Und ist dies gleichgültig? - Man erwäge doch, daß aus diesem
Mangel sich f a s t   a l l e   l e i b l i c h e n   u n d   s e e l i s c h e n 
 G e b r e c h e n  der einzelnen ableiten: nicht zu
wissen, was uns förderlich, was uns schädlich ist, in der
Einrichtung der Lebensweise, Verteilung des Tages, Zeit
und Auswahl des Verkehres, in Beruf und Muße, Befehlen
und Gehorchen, Natur- und Kunstempfinden,
Essen, Schlafen und Nachdenken; im K l e i n s t e n   u n d 
 A l l t ä g l i c h s t e n   u n w i s s e n d  zu sein und keine
scharfen Augen zu haben - das ist es, was die Erde für
so viele zu einer "Wiese des Unheils" macht. Man sage
nicht, es liege hier wie überall an der menschlichen U n v e r n u n f t: 
vielmehr - Vernunft genug und übergenug
ist da, aber sie wird f a l s c h   g e r i c h t e t  und k ü n s t l i c h 
von jenen kleinen und allernächsten Dingen a b g e l e n k t. 
Priester und Lehrer, und die sublime Herrschsucht
der Idealisten jeder Art, der gröberen und feineren,
reden schon dem Kinde ein, es komme auf etwas ganz
anderes an: auf das Heil der Seele den Staatsdienst, die
Förderung der Wissenschaft oder auf Ansehen und Besitz,
als die Mittel, der ganzen Menschheit Dienste zu erweisen,
während das Bedürfnis des einzelnen, seine große und
kleine Not innerhalb der vierundzwanzig Tagesstunden
etwas Verächtliches oder Gleichgültiges sei. - Sokrates
schon wehrte sich mit allen Kräften gegen diese hochmütige
Vernachlässigung des Menschlichen zugunsten des
Menschen und liebte es, mit einem Worte Homers, an
den wirklichen Umkreis und Inbegriff alles Sorgens und
Nachdenkens zu mahnen: das ist es und nur das, sagte er,
"was mir zu Hause an Gutem und Schlimmem begegnet".

7

Z w e i   T r o s t m i t t e l.  - Epikur, der Seelen-Beschwichtiger
des späteren Altertums, hatte jene wundervolle
Einsicht, die heutzutage immer noch so selten zu
finden ist, daß zur Beruhigung des Gemüts die Lösung der
letzten und äußersten theoretischen Fragen gar nicht nötig
sei. So genügte es ihm, solchen, welche "die Götterangst"
quälte, zu sagen: "wenn es Götter gibt, so bekümmern
sie sich nicht um uns", - anstatt über die letzte Frage,
ob es Götter überhaupt gebe, unfruchtbar und aus der
Ferne zu disputieren. Jene Position ist viel günstiger und
mächtiger: man gibt dem andern einige Schritte vor
und macht ihn so zum Hören und Beherzigen gutwilliger.
Sobald er sich aber anschickt das Gegenteil zu beweisen
- daß die Götter sich um uns bekümmern -, in
welche Irrsale und Dorngebüsche muß der Arme geraten,
ganz von selber, ohne die List des Unterredners,
der nur genug Humanität und Feinheit haben muß, um
sein Mitleiden an diesem Schauspiele zu verbergen. Zuletzt
kommt jener andere zum Ekel, dem stärksten Argument
gegen jeden Satz, zum Ekel an seiner eigenen Behauptung;
er wird kalt und geht fort mit derselben
Stimmung, wie sie auch der reine Atheist hat: "was
gehen mich eigentlich die Götter an! hole sie der Teufel!"
- In anderen Fällen, namentlich wenn eine halb physische,
halb moralische Hypothese das Gemüt verdüstert
hatte, widerlegte er nicht diese Hypothese, sondern gestand
ein, daß es wohl so sein könne: aber es gebe n o c h 
 e i n e   z w e i t e  Hypothese, um dieselbe Erscheinung zu
erklären; vielleicht könne es sich auch noch anders verhalten.
D i e   M e h r h e i t  der Hypothesen genügt auch
in unserer Zeit noch, zum Beispiel über die Herkunft der
Gewissensbisse, um jenen Schatten von der Seele zu nehmen,
der aus dem Nachgrübeln über eine einzige, allein
sichtbare und dadurch hundertfach überschätzte Hypothese
so leicht entsteht. - Wer also Trost zu spenden wünscht,
an Unglückliche, Übeltäter, Hypochonder, Sterbende,
möge sich der beiden beruhigenden Wendungen Epikurs
erinnern, welche auf sehr viele Fragen sich anwenden
lassen. In der einfachsten Form würden sie etwa lauten:
erstens, gesetzt es verhält sich so, so geht es uns nichts
an; zweitens: es kann so sein, es kann aber auch anders
sein.

8

I n   d e r   N a c h t.  - Sobald die Nacht hereinbricht,
verändert sich unsere Empfindung über die nächsten
Dinge. Da ist der Wind, der wie auf verbotenen Wegen
umgeht, flüsternd, wie etwas suchend, verdrossen, weil
er's nicht findet. Da ist das Lampenlicht, mit trübem rötlichem
Scheine, ermüdet blickend, der Nacht ungern widerstrebend,
ein ungeduldiger Sklave des wachen Menschen.
Da sind die Atemzüge des Schlafenden, ihr schauerlicher
Takt, zu der eine immer wiederkehrende Sorge die Melodie
zu blasen scheint, - wir hören sie nicht, aber
wenn die Brust des Schlafenden sich hebt, so fühlen wir
uns geschnürten Herzens, und wenn der Atem sinkt und
fast ins Totenstille erstirbt, sagen wir uns "ruhe ein
wenig, du armer gequälter Geist!" - wir wünschen allem
Lebenden, weil es so gedrückt lebt, eine ewige Ruhe;
die Nacht überredet zum Tode. - Wenn die Menschen
der Sonne entbehrten und mit Mondlicht und Öl den
Kampf gegen die Nacht führten, welche Philosophie
würde um sie ihren Schleier hüllen! Man merkt es ja
dem geistigen und seelischen Wesen des Menschen schon
zu sehr an, wie es durch die Hälfte Dunkelheit und Sonnen-Entbehrung,
von der das Leben umflort wird, im ganzen verdüstert ist.

9

W o   d i e   L e h r e   v o n   d e r   F r e i h e i t   d e s   W i l l e n s 
 e n t s t a n d e n   i s t.  - Über dem einen steht die
N o t w e n d i g k e i t  in der Gestalt seiner Leidenschaften,
über dem andern als Gewohnheit zu hören und zu
gehorchen, über dem dritten als logisches Gewissen, über
dem vierten als Laune und mutwilliges Behagen an Seitensprüngen.
Von diesen vieren wird aber gerade da die
Freiheit ihres Willens gesucht, wo jeder von ihnen
am festesten gebunden ist: es ist, als ob der Seidenwurm
die Freiheit seines willens gerade im Spinnen suchte. Woher
kommt dies? Ersichtlich daher, daß jeder sich dort am
meisten für frei hält, wo sein L e b e n s g e f ü h l  am
größten ist, also, wie gesagt, bald in der Leidenschaft,
bald in der Pflicht, bald in der Erkenntnis, bald im Mutwillen.
Das, wodurch der einzelne Mensch stark ist, worin
er sich belebt fühlt, meint er unwillkürlich, müsse auch
immer das Element seiner Freiheit sein: er rechnet Abhängigkeit
und Stumpfsinn, Unabhängigkeit und Lebensgefühl
als notwendige Paare zusammen. - Hier wird
eine Erfahrung, die der Mensch im gesellschaftlich-politischen
Gebiete gemacht hat, fälschlich auf das allerletzte
metaphysische Gebiet übertragen: dort ist der starke
Mann auch der freie Mann, dort ist lebendiges Gefühl
von Freude und Leid, Höhe des Hoffens, Kühnheit des
Begehrens, Mächtigkeit des Hassens das Zubehör der Herrschenden
und Unabhängigen, während der Unterworfene,
der Sklave, gedrückt und stumpf lebt. - Die Lehre von
der Freiheit des Willens ist eine Erfindung
h e r r s c h e n d e r  Stände.

10

K e i n e   n e u e n   K e t t e n   f ü h l e n.  - So lange wir
nicht f ü h l e n,  daß wir irgend wovon abhängen, halten
wir uns für unabhängig: ein Fehlschluß, welcher zeigt, wie
stolz und herrschsüchtig der Mensch ist. Denn er nimmt
hier an, daß er unter allen Umständen die Abhängigkeit,
sobald er sie erleide, merken und erkennen müsse, unter
der Voraussetzung, daß er in der Unabhängigkeit für
g e w ö h n l i c h  lebe und sofort, wenn er sie ausnahmsweise
verliere, einen Gegensatz der Empfindung spüren
werde. - Wie aber, wenn das Umgekehrte wahr wäre:
daß er i m m e r  in vielfacher Abhängigkeit lebt, sich aber
f ü r   f r e i  hält, wo er den Druck der Kette aus langer
Gewohnheit n i c h t   m e h r   s p ü r t ?  Nur an den n e u e n 
Ketten leidet er noch: - "Freiheit des Willens" heißt
eigentlich nichts weiter, als keine neuen Ketten fühlen.

11

D i e   F r e i h e i t   d e s   W i l l e n s   u n d   d i e   I s o l a t i o n   d e r 
 F a k t a.  - Unsere gewohnte ungenaue Beobachtung
nimmt eine Gruppe von Erscheinungen als eins
und nennt sie ein Faktum: zwischen ihm und einem andern
Faktum denkt sie sich einen leeren Raum hinzu, sie
i s o l i e r t  jedes Faktum. In Wahrheit aber ist all unser
Handeln und Erkennen keine Folge von Fakten und
leeren Zwischenräumen, sondern ein beständiger Fluß.
Nun ist der Glaube an die Freiheit des Willens gerade mit
der Vorstellung eines beständigen, einartigen, ungeteilten,
unteilbaren Fließens unverträglich: er setzt voraus, daß
j e d e   e i n z e l n e   H a n d l u n g   i s o l i e r t   u n d   u n t e i l b a r 
ist; er ist eine A t o m i s t i k  im Bereiche des
Wollens und Erkennens. - Gerade so wie wir Charaktere
ungenau verstehen, so machen wir es mit den Fakten:
wir sprechen von gleichen Charakteren, gleichen Fakten:
b e i d e   g i b t   e s   n i c h t.  Nun loben und tadeln wir aber
nur unter dieser falschen Voraussetzung, daß es g l e i c h e 
Fakta gebe, daß eine abgestufte Ordnung von G a t t u n g e n 
der Fakten vorhanden sei, welcher eine abgestufte
Wertordnung entspreche: also wir i s o l i e r e n 
nicht nur das einzelne Faktum, sondern auch wiederum
die Gruppen von angeblich kleinen Fakten (gute, böse,
mitleidige, (neidische Handlungen usw.) - beide Male irrtümlich.
- Das Wort und der Begriff sind der sichtbarste
Grund, weshalb wir an diese Isolation von Handlungen-Gruppen
glauben: mit ihnen b e z e i c h n e n  wir nicht
nur die Dinge, wir meinen ursprünglich durch sie das
W a h r e  derselben zu erfassen. Durch Worte und Begriffe
werden wir jetzt noch fortwährend verführt, die Dinge uns
einfacher zu denken, als sie sind, getrennt voneinander,
unteilbar, jedes an und für sich seiend. Es liegt eine
philosophische Mythologie in der S p r a c h e  versteckt, welche
alle Augenblicke wieder herausbricht, so vorsichtig man
sonst auch sein mag. Der Glaube an die Freiheit des Willens,
das heißt der gleichen F a k t e n  und der i s o l i e r t e n  Fakten,
- hat in der Sprache seinen beständigen Evangelisten und Anwalt.

12

D i e   G r u n d i r r t ü m e r.  - Damit der Mensch
irgend eine seelische Lust oder Unlust empfinde, muß er
von einer dieser beiden Illusionen beherrscht sein: e n t w e d e r 
glaubt er an die G l e i c h h e i t  gewisser Fakta,
gewisser Empfindungen: dann hat er durch die Vergleichung
jetziger Zustände mit früheren und durch Gleich-
oder Ungleichsetzung derselben (wie sie bei aller Erinnerung
stattfindet) eine seelische Lust oder Unlust; o d e r 
er glaubt an die W i l l e n s - F r e i h e i t,  etwa wenn er
denkt "dies hätte ich nicht tun müssen", "dies hätte anders
auslaufen können", und gewinnt daraus ebenfalls Lust
oder Unlust. Ohne die Irrtümer, welche bei jeder seelischen
Lust und Unlust tätig sind, würde niemals ein
Menschentum entstanden sein - dessen Grundempfindung
ist und bleibt, daß der Mensch der Freie in der
Welt der Unfreiheit sei, der ewige W u n d e r t ä t e r, 
sei es, daß er gut oder böse handelt, die erstaunliche Ausnahme,
das Übertier, der Fast-Gott, der Sinn der Schöpfung,
der Nichthinwegzudenkende, das Lösungswort des
kosmischen Rätsels, der große Herrscher über die Natur
und Verächter derselben, das Wesen, das s e i n e  Geschichte
W e l t g e s c h i c h t e  nennt! -.

13

Z w e i m a l   s a g e n.  - Es ist gut, eine Sache sofort
doppelt auszudrücken und ihr einen rechten und einen
linken Fuß zu geben. Auf einem Bein kann die Wahrheit
zwar stehen; mit zweien aber wird sie gehen und
herumkommen.

14

D e r   M e n s c h   d e r   K o m ö d i a n t   d e r   W e l t.  -
Es müßte geistigere Geschöpfe geben, als die Menschen
sind, bloß um den Humor ganz auszukosten, der darin
liegt, daß der Mensch sich für den Zweck des ganzen
Weltendaseins ansieht und die Menschheit sich ernstlich
nur mit Aussicht auf eine Welt-Mission zufrieden gibt.
Hat ein Gott die Welt geschaffen, so schuf er den Menschen
zum A f f e n   G o t t e s,  als fortwährenden Anlaß
zur Erheiterung in seinen allzulangen Ewigkeiten. Die
Sphärenmusik um die Erde herum wäre dann wohl das
Spottgelächter aller übrigen Geschöpfe um den Menschen
herum. Mit dem Schmerz kitzelt jener gelangweilte
Unsterbliche sein Lieblingstier, um an den tragisch-stolzen
Gebärden und Auslegungen seiner Leiden, überhaupt
an der geistigen Erfindsamkeit des eitelsten Geschöpfes
seine Freude zu haben - als Erfinder dieses
Erfinders. Denn wer den Menschen zum Spaße ersann,
hatte mehr Geist als dieser, und auch mehr Freude am
Geist. - Selbst hier noch, wo sich unser Menschentum
einmal freiwillig demütigen will, spielt uns die Eitelkeit
einen Streich, indem wir Menschen wenigstens in
d i e s e r   E i t e l k e i t  etwas ganz Unvergleichliches und
Wunderhaftes sein möchten. Unsere Einzigkeit in der
Welt! ach, es ist eine gar zu unwahrscheinliche Sache! Die
Astronomen, denen mitunter wirklich ein erdentrückter
Gesichtskreis zuteil wird, geben zu verstehen, daß der
Tropfen L e b e n  in der Welt für den gesamten Charakter
des ungeheuren Ozeans von Werden und Vergehen
ohne Bedeutung ist: daß ungezählte Gestirne ähnliche Bedingungen
zur Erzeugung des Lebens haben wie die Erde,
sehr viele also, - freilich kaum eine Handvoll im Vergleich
zu den unendlich vielen, welche den lebenden Ausschlag
nie gehabt haben oder von ihm längst genesen sind:
daß das Leben auf jedem dieser Gestirne, gemessen an
der Zeitdauer seiner Existenz, ein Augenblick, - ein Aufflackern
gewesen ist, mit langen, langen Zeiträumen hinterdrein,
- also keineswegs das Ziel und die letzte Absicht
ihrer Existenz. Vielleicht bildet sich die Ameise im
Walde ebenso stark ein, daß sie Ziel und Absicht der
Existenz des Waldes ist, wie wir dies tun, wenn wir an
den Untergang der Menschheit in unserer Phantasie fast
unwillkürlich den Erduntergang anknüpfen: ja wir sind
noch bescheiden, wenn wir dabei stehnbleiben und zur
Leichenfeier des letzten Menschen nicht eine allgemeine
Welt- und Götterdämmerung veranstalten. Der unbefangenste
Astronom selber kann die Erde ohne Leben kaum
anders empfinden als wie den leuchtenden und schwebenden
Grabhügel der Menschheit.

15

B e s c h e i d e n h e i t   d e s   M e n s c h e n.  - Wie wenig
Lust genügt den meisten, um das Leben gut zu finden, wie
bescheiden ist der Mensch!

16

W o r i n   G l e i c h g ü l t i g k e i t   n o t   t u t.  - Nichts
wäre verkehrter, als abwarten wollen, was die Wissenschaft
über die ersten und letzten Dinge einmal endgültig
feststellen wird, und bis dahin auf die h e r k ö m m l i c h e 
Weise denken (und namentlich glauben!) - wie
dies so oft angeraten wird. Der Trieb, auf diesem Gebiete
durchaus n u r   S i c h e r h e i t e n  haben zu wollen, ist
ein r e l i g i ö s e r   N a c h t r i e b,  nichts Besseres, - eine
versteckte und nur scheinbar skeptische Art des "metaphysischen
Bedürfnisses", mit dem Hintergedanken verkuppelt,
daß noch lange Zeit keine Aussicht auf diese
letzten Sicherheiten vorhanden und bis dahin der "Gläubige"
im Recht ist, sich um das ganze Gebiet nicht zu
kümmern. Wir haben diese Sicherheiten um die alleräußersten
Horizonte gar nicht n ö t i g,  um ein volles und
tüchtiges Menschentum zu leben: ebensowenig als die
Ameise sie nötig hat, um eine gute Ameise zu sein.
Vielmehr müssen wir uns darüber ins Klare bringen, woher
eigentlich jene fatale Wichtigkeit kommt, die wir jenen
Dingen so lange beigelegt haben: und dazu brauchen wir
die H i s t o r i e  der ethischen und religiösen Empfindungen.
Denn nur unter dem Einfluß dieser Empfindungen
sind uns jene allerspitzesten Fragen der Erkenntnis so erheblich
und furchtbar geworden: man hat in die äußersten
Bereiche, w o h i n  noch das geistige Auge dringt, ohne i n 
 s i e  einzudringen, solche Begriffe wie Schuld und Strafe
(und zwar ewige Strafe!) hineinverschleppt: und dies um
so unvorsichtiger, je dunkler diese Bereiche waren. Man
hat seit alters mit Verwegenheit dort phantasiert, wo man
nichts feststellen konnte, und seine Nachkommen überredet,
diese Phantasien für Ernst und Wahrheit zu nehmen,
zuletzt mit dem abscheulichen Trumpfe: daß Glauben
mehr wert sei, als Wissen. Jetzt nun tut in Hinsicht
auf jene letzten Dinge nicht Wissen gegen Glauben not,
sondern G l e i c h g ü l t i g k e i t   g e g e n   G l a u b e n 
 u n d   a n g e b l i c h e s   W i s s e n  auf jenen Gebieten! -
A l l e s  andere muß uns näherstehen als das, was man
uns bisher als das Wichtigste vorgepredigt hat - ich meine
jene Fragen: wozu der Mensch? Welches Los hat er nach
dem Tode? Wie versöhnt er sich mit Gott? und wie diese
Kuriosa lauten mögen. Ebensowenig wie diese Fragen der
Religiösen gehen uns die Fragen der philosophischen Dogmatiker
an, mögen sie nun Idealisten oder Materialisten
oder Realisten sein. Sie allesamt sind darauf aus, uns zu
einer Entscheidung auf Gebieten zu drängen, wo weder
Glauben noch Wissen not tut; selbst für die größten Liebhaber
der Erkenntnis ist es nützlicher, wenn um alles Erforschbare
und der Vernunft Zugängliche ein umnebelter
trügerischer Sumpfgürtel sich legt, ein Streifen des
Undurchdringlichen, Ewig - Flüssigen und Unbestimmbaren.
Gerade durch die Vergleichung mit dem Reich des Dunkels
am Rande der Wissens-Erde s t e i g t  die helle und
nahe, nächste Welt des Wissens stets im Werte. - Wir
müssen wieder g u t e   N a c h b a r n   d e r   n ä c h s t e n 
 D i n g e  werden und nicht so verächtlich wie bisher über
sie hinweg nach Wolken und Nachtunholden hinblicken.
In Wäldern und Höhlen, in sumpfigen Strichen und unter
bedeckten Himmeln - da hat der Mensch, als auf den
Kulturstufen ganzer Jahrtausende, allzulange gelebt, und
dürftig gelebt. Dort hat er die Gegenwart und die Nachbarschaft
und das Leben und sich selbst v e r a c h t e n 
 g e l e r n t  - und wir, wir Bewohner der l i c h t e r e n 
Gefilde der Natur und des Geistes, bekommen jetzt noch,
durch Erbschaft, etwas von diesem Gift der Verachtung
gegen das Nächste in unser Blut mit.

17

T i e f e   E r k l ä r u n g e n.  - Wer die Stelle eines
Autors "tiefer erklärt", als sie gemeint war, hat den Autor
nicht erklärt, sondern v e r d u n k e l t.  So stehen unsre
Metaphysiker zum Texte der Natur; ja noch schlimmer.
Denn um ihre tiefen Erklärungen anzubringen, richten sie
sich häufig den Text erst daraufhin zu: das heißt, sie v e r d e r b e n 
ihn. Um ein kurioses Beispiel für Textverderbnis
und Verdunkelung des Autors zu geben, so mögen hier
Schopenhauers Gedanken über die Schwangerschaft der
Weiber stehen. Das Anzeichen des steten Daseins des
Willens zum Leben in der Zeit, sagt er, ist der Koitus;
das Anzeichen des diesem Willen aufs Neue zugesellten,
die Möglichkeit der Erlösung offenhaltenden Lichtes der
Erkenntnis, und zwar im höchsten Grade der Klarheit, ist
die erneuerte Menschwerdung des Willens zum Leben. Das
Zeichen dieser ist die Schwangerschaft, welche daher frank
und frei, ja stolz einhergeht, während der Koitus sich verkriecht
wie ein Verbrecher. Er behauptet, daß j e d e s 
 W e i b,  wenn beim Generationsakt überrascht, vor Scham
vergehn möchte, aber " i h r e   S c h w a n g e r s c h a f t, 
 o h n e   e i n e   S p u r   v o n   S c h a m,   j a   m i t   e i n e r   A r t 
 S t o l z,   z u r   S c h a u   t r ä g t. "  Vor allem läßt sich dieser
Zustand nicht so leicht m e h r  zur Schau tragen, als er
sich selber zur Schau trägt; indem Schopenhauer aber gerade
n u r  die Absichtlichkeit des Zur-Schau-Tragens hervorhebt,
bereitet er sich den Text vor, damit dieser zu
der bereitgehaltenen "Erklärung" passe. Sodann ist das,
was er über die Allgemeinheit des zu erklärenden Phänomens
sagt, nicht wahr: er spricht von "jedem Weibe";
viele, namentlich die jüngeren Frauen, zeigen aber in diesem
Zustande, selbst vor den nächsten Anverwandten, oft
eine peinliche Verschämtheit; und wenn Weiber reiferen
und reifsten Alters, zumal solche aus dem niederen Volke,
in der Tat sich auf jenen Zustand etwas zugute tun sollten,
so geben sie wohl damit zu verstehen, daß sie n o c h 
von ihren Männern begehrt werden. Daß bei ihrem Anblick
der Nachbar und die Nachbarin oder ein vorübergehender
Fremder sagt oder denkt: "sollte es möglich
sein -", dieses Almosen wird von der weiblichen Eitelkeit
bei geistigem Tiefstande immer noch gern angenommen.
Umgekehrt würden, wie aus Schopenhauers Sätzen zu folgern
wäre, gerade die klügsten und geistigsten Weiber am
meisten über ihren Zustand öffentlich frohlocken: sie haben
ja die meiste Aussicht, ein Wunderkind des Intellekts zu
gebären, in welchem "der Wille" sich zum allgemeinen
Besten wieder einmal "verneinen" kann; die dummen
Weiber hätten dagegen allen Grund, ihre Schwangerschaft
noch schamhafter zu verbergen als alles, was sie verbergen.
- Man kann nicht sagen, daß diese Dinge aus der
Wirklichkeit genommen sind. Gesetzt aber, Schopenhauer
hätte ganz im allgemeinen darin recht, daß die Weiber im
Zustande der Schwangerschaft eine Selbstgefälligkeit mehr
zeigen, als sie sonst zeigen, so läge doch eine Erklärung
näher zur Hand als die seinige. Man könnte sich ein Gakkern
der Henne auch vor dem Legen des Eies denken, des
Inhaltes: Seht! Seht! Ich werde ein Ei legen! Ich werde
ein Ei legen!

18

D e r   m o d e r n e   D i o g e n e s.  - Bevor man den
Menschen sucht, muß man die Laterne gefunden haben. -
Wird es die Laterne des Z y n i k e r s  sein müssen?

19

I m m o r a l i s t e n.  - Die Moralisten müssen es sich
jetzt gefallen lassen, Immoralisten gescholten zu werden,
weil sie die Moral sezieren. Wer aber sezieren will, muß
töten: jedoch nur, damit besser gewußt, besser geurteilt,
besser gelebt werde; nicht, damit alle Welt seziere. Leider
aber meinen die Menschen immer noch, daß jeder Moralist
auch durch sein gesamtes Handeln ein Musterbild sein
müsse, welches die anderen nachzuahmen hätten: sie verwechseln
ihn mit dem Prediger der Moral. Die älteren
Moralisten sezierten nicht genug und predigten allzuhäufig:
daher rührt jene Verwechslung und jene unangenehme
Folge für die jetzigen Moralisten.

20

N i c h t   z u   v e r w e c h s e l n.  - Die Moralisten,
welche die großartige, mächtige, aufopfernde Denkweise,
etwa bei den Helden Plutarchs, oder den reinen, erleuchteten,
wärmeleitenden Seelenzustand der eigentlich guten
Männer und Frauen als schwere Probleme der Erkenntnis
behandeln und der Herkunft derselben nachspüren, indem
sie das Komplizierte in der anscheinenden Einfachheit aufzeigen
und das Auge auf die Verflechtung der Motive,
auf die eingewobenen zarten Begriffs-Täuschungen und
die von alters her vererbten, langsam gesteigerten Einzel-
und Gruppen-Empfindungen richten, - diese Moralisten
sind am meisten gerade von denen v e r s c h i e d e n,  mit
denen sie doch am meisten v e r w e c h s e l t  werden: von
den kleinlichen Geistern, die an jene Denkweisen und
Seelenzustände überhaupt nicht glauben und ihre eigne
Armseligkeit hinter dem Glanze von Größe und Reinheit
versteckt wähnen. Die Moralisten sagen: "hier sind Probleme",
und die Erbärmlichen sagen: "hier sind Betrüger
und Betrügereien"; sie l e u g n e n  also die E x i s t e n z 
gerade dessen, was jene zu e r k l ä r e n  beflissen sind.

21

D e r   M e n s c h   a l s   d e r   M e s s e n d e.  - Vielleicht
hatte alle Moralität der Menschheit in der ungeheuren
inneren Aufregung ihren Ursprung, welche die Urmenschen
ergriff, als sie das Maß und das Messen, die Waage
und das Wägen entdeckten (das Wort "Mensch" bedeutet
ja den Messenden, er hat sich nach seiner größten Entdeckung
b e n e n n e n  wollen!). Mit diesen Vorstellungen
stiegen sie in Bereiche hinauf, die ganz unmeßbar und
unwägbar sind, aber es ursprünglich nicht zu sein schienen.

22

P r i n z i p   d e s   G l e i c h g e w i c h t s.  - Der Räuber
und der Mächtige, welcher einer Gemeinde verspricht, sie
gegen den Räuber zu schützen, sind wahrscheinlich im
Grunde ganz ähnliche Wesen, nur daß der zweite seinen
Vorteil anders als der erste erreicht: nämlich durch regelmäßige
Abgaben, welche die Gemeinde an ihn entrichtet,
und nicht mehr durch Brandschatzungen. (Es ist das nämliche
Verhältnis wie zwischen Handelsmann und Seeräuber,
welche lange Zeit ein und dieselbe Person sind:
wo ihr die eine Funktion nicht rätlich scheint, da übt
sie die andere aus. Eigentlich ist ja selbst jetzt noch alle
Kaufmanns-Moral nur die V e r k l ü g e r u n g  der
Seeräuber-Moral: so wohlfeil wie möglich kaufen -
womöglich für Nichts als die Unternehmungskosten -, so
teuer wie möglich verkaufen). Das Wesentliche ist:
jener Mächtige verspricht, gegen den Räuber G l e i c h g e w i c h t 
zu halten; darin sehen die Schwachen eine
Möglichkeit zu leben. Denn entweder müssen sie sich
selber zu einer g l e i c h w i e g e n d e n  Macht zusammentun
oder sich einem Gleichwiegenden unterwerfen (ihm
für seine Leistungen Dienste leisten). Dem letzteren Verfahren
wird gern der Vorzug gegeben, weil es im Grunde
z w e i  gefährliche Wesen in Schach hält: das erste durch
das zweite und das zweite durch den Gesichtspunkt des
Vorteils; letzteres hat nämlich seinen Gewinn davon,
die Unterworfenen gnädig oder leidlich zu behandeln, damit
sie nicht nur sich, sondern auch ihren Beherrscher
ernähren können. Tatsächlich kann es dabei immer noch
hart und grausam genug zugehen, aber verglichen mit
der früher immer möglichen völligen V e r n i c h t u n g 
atmen die Menschen schon in diesem Zustande auf. -
Die Gemeinde ist im Anfang die Organisation der Schwachen
zum G l e i c h g e w i c h t  mit gefahrdrohenden
Mächten. Eine Organisation zum Übergewicht wäre
rätlicher, wenn man dabei so stark würde, um die
Gegenmacht auf einmal zu v e r n i c h t e n:  und handelt es sich
um einen einzelnen mächtigen Schadentuer, so wird dies
gewiß v e r s u c h t.  Ist aber der eine ein Stammhaupt
oder hat er großen Anhang, so ist die schnelle entscheidende
Vernichtung unwahrscheinlich und die dauernde
lange F e h d e  zu gewärtigen: diese aber bringt der Gemeinde
den am wenigsten wünschbaren Zustand mit sich,
weil sie durch ihn die Zeit verliert, für ihren Lebensunterhalt
mit der nötigen Regelmäßigkeit zu sorgen, und
den Ertrag aller Arbeit jeden Augenblick bedroht sieht.
Deshalb zieht die Gemeinde vor, ihre Macht zu Verteidigung
und Angriff genau auf die Höhe zu bringen,
auf der die Macht des gefährlichen Nachbars ist, und
ihm zu verstehen zu geben, daß in ihrer Wagschale jetzt
gleich viel Erz liege: warum wolle man nicht gut Freund
miteinander sein? - G l e i c h g e w i c h t  ist also ein
sehr wichtiger Begriff für die älteste Rechts- und Morallehre;
Gleichgewicht ist die Basis der Gerechtigkeit. Wenn
diese in roheren Zeiten sagt: "Auge um Auge, Zahn um
Zahn", so setzt sie das erreichte Gleichgewicht voraus
und will es vermöge dieser Vergeltung e r h a l t e n:  so
daß, wenn jetzt der eine sich gegen den andern vergeht,
der andere keine Rache der blinden Erbitterung mehr
nimmt. Sondern vermöge des  wird das Gleichgewicht
der gestörten Machtverhältnisse w i e d e r h e r g e s t e l l t: 
denn ein Auge, ein Arm m e h r  ist in solchen
Urzuständen ein Stück Macht, ein Gewicht m e h r. 
- Innerhalb einer Gemeinde, in der alle sich als gleichgewichtig
betrachten, ist gegen Vergehungen, das heißt
gegen Durchbrechungen des Prinzips des Gleichgewichts,
S c h a n d e  und S t r a f e  da: Schande, ein Gewicht,
eingesetzt gegen den übergreifenden einzelnen, der durch
den Übergriff sich Vorteile verschafft hat, durch die
Schande nun wieder Nachteile erfährt, die den früheren
Vorteil aufheben und ü b e r w i e g e n.  Ebenso steht es
mit der Strafe: sie stellt gegen das Übergewicht, das sich
jeder Verbrecher zuspricht, ein viel größeres Gegengewicht
auf, gegen Gewalttat den Kerkerzwang, gegen Diebstahl
den Wiederersatz und die Strafsumme. So wird der
Frevler e r i n n e r t,  daß er mit seiner Handlung a u s 
der Gemeinde und deren Moral - V o r t e i l e n  ausschied:
sie behandelt ihn wie einen Ungleichen, Schwachen, außer
ihr Stehenden; deshalb ist Strafe nicht nur Wiedervergeltung,
sondern hat ein M e h r,  ein Etwas von der
H ä r t e   d e s   N a t u r z u s t a n d e s;  an d i e s e n  will
sie eben e r i n n e r n. 

23

O b   d i e   A n h ä n g e r   d e r   L e h r e   v o m   f r e i e n 
 W i l l e n   s t r a f e n   d ü r f e n ?  - Die Menschen, welche
von Berufswegen richten und strafen, suchen in jedem
Falle festzustellen, ob ein Übeltäter überhaupt für seine
Tat verantwortlich ist, ob er seine Vernunft anwenden
k o n n t e,  ob er aus Gründen handelte und nicht unbewußt
oder im Zwange. Straft man ihn, so straft man,
daß er die schlechteren Gründe den besseren vorzog:
welche er also g e k a n n t  haben muß. Wo diese Kenntnis
fehlt, ist der Mensch nach der herrschenden Ansicht
unfrei und nicht verantwortlich: es sei denn, daß seine
Unkenntnis, zum Beispiel seine, die Folge
einer absichtlichen Vernachlässigung des Erlernens ist; dann
hat er also schon damals, als er nicht lernen wollte was
er sollte, die schlechteren Gründe den besseren vorgezogen
und muß jetzt die Folge seiner schlechten Wahl büßen.
Wenn er dagegen die besseren Gründe nicht gesehen hat,
etwa aus Stumpf- und Blödsinn, so pflegt man nicht zu
strafen: es hat ihm, wie man sagt, die Wahl gefehlt, er
handelte als Tier. Die absichtliche Verleugnung der besseren
Vernunft ist jetzt die Voraussetzung, die man beim
strafwürdigen Verbrecher macht. Wie kann aber jemand
absichtlich unvernünftiger sein, als er sein muß? Woher
die Entscheidung, wenn die Wagschalen mit guten und
schlechten Motiven belastet sind? Also nicht vom Irrtum,
von der Blindheit her, nicht von einem äußeren, auch
von keinem inneren Zwange her? (Man erwäge übrigens,
daß jeder sogenannte "äußere Zwang" nichts weiter ist,
als der innere Zwang der Furcht und des Schmerzes.)
Woher? fragt man immer wieder. Die V e r n u n f t  soll
also nicht die Ursache sein, weil sie sich nicht gegen die
besseren Gründe entscheiden könnte? Hier nun ruft man
den "freien Willen" zur Hilfe: es soll das v o l l e n d e t e 
 B e l i e b e n  entscheiden, ein Moment eintreten, wo kein
Motiv wirkt, wo die Tat als W u n d e r  geschieht, aus
dem Nichts heraus. Man straft diese angebliche B e l i e b i g k e i t, 
in einem Falle, wo kein Belieben herrschen sollte:
die Vernunft, welche das Gesetz, das Verbot
und Gebot kennt, hätte gar keine Wahl lassen dürfen,
meint man, und als Zwang und höhere Macht wirken sollen.
Der Verbrecher wird also bestraft, weil er vom "freien
Willen" Gebrauch macht: das heißt, weil er ohne Grund
gehandelt hat, wo er nach Gründen hätte handeln sollen.
Aber w a r u m  tat er dies? Dies eben darf nicht einmal
mehr g e f r a g t  werden: es war eine Tat ohne "darum?"
ohne Motiv, ohne Herkunft, etwas Zweckloses und Vernunftloses.
- E i n e   s o l c h e   T a t   d ü r f t e   m a n 
 a b e r,  nach der ersten oben vorangeschickten Bedingung
aller Strafbarkeit, a u c h   n i c h t   s t r a f e n !  Auch jene
Art der Strafbarkeit darf nicht geltend gemacht werden,
als wenn hier etwas n i c h t  getan, etwas unterlassen, von
der Vernunft n i c h t  Gebrauch gemacht sei: denn unter
allen Umständen geschah die Unterlassung o h n e   A b s i c h t ! 
und nur die absichtliche Unterlassung des Gebotenen
gilt als strafbar. Der Verbrecher hat zwar die
schlechteren Gründe den besseren vorgezogen, aber o h n e 
Grund und Absicht: er hat zwar seine Vernunft nicht angewendet,
aber nicht, u m  sie nicht anzuwenden. Jene
Voraussetzung, die man beim strafwürdigen Verbrechen
macht, daß er seine Vernunft absichtlich verleugnet habe, -
gerade sie ist bei der Annahme des "freien Willens" aufgehoben.
Ihr d ü r f t  nicht strafen, ihr Anhänger der Lehre
vom "freien Willen", nach euern eigenen Grundsätzen
nicht! - Diese sind aber im Grunde nichts, als eine sehr
wunderliche Begriffs-Mythologie; und das Huhn, welches
sie ausgebrütet hat, hat abseits von aller Wirklichkeit auf
seinen Eiern gesessen.

24

Z u r   B e u r t e i l u n g   d e s   V e r b r e c h e r s   u n d 
 s e i n e s   R i c h t e r s.  - Der Verbrecher, der den ganzen
Fluß der Umstände kennt, findet seine Tat nicht so außer
der Ordnung und Begreiflichkeit, wie seine Richter und
Tadler: seine Strafe aber wird ihm gerade nach dem Grad
von E r s t a u n e n  zugemessen, welches jene beim Anblick
der Tat als einer Unbegreiflichkeit befällt. - Wenn
die Kenntnis, welche der Verteidiger eines Verbrechers
von dem Fall und seiner Vorgeschichte hat, weit genug
reicht, so m ü s s e n  die sogenannten Milderungsgründe,
welche er der Reihe nach vorbringt, endlich die ganze
Schuld hinwegmildern. Oder, noch deutlicher: der Verteidiger
wird schrittweise jenes verurteilende und strafzumessende
E r s t a u n e n   m i l d e r n  und zuletzt ganz
aufheben, indem er jeden ehrlichen Zuhörer zu dem inneren
Geständnis nötigt: "er mußte so handeln, wie er gehandelt
hat; wir würden, wenn wir straften, die ewige
Notwendigkeit bestrafen." - Den Grad der Strafe abmessen
nach dem G r a d  der K e n n t n i s,  welchen man von
der Historie eines Verbrechens hat o d e r   ü b e r h a u p t 
 g e w i n n e n   k a n n,  - streitet dies nicht wider alle Billigkeit?

25

D e r   T a u s c h   u n d   d i e   B i l l i g k e i t.  - Bei einem
Tausche würde es nur dann ehrlich und rechtlich zugehen,
wenn jeder der beiden so viel verlangte, als ihm seine
Sache wert scheint, die Mühe des Erlangens, die Seltenheit,
die aufgewendete Zeit usw. in Anschlag gebracht,
nebst dem Affektionswerte. Sobald er den Preis i n   H i n s i c h t 
 a u f   d a s   B e d ü r f n i s   d e s   a n d e r n  macht, ist
er ein feinerer Räuber und Erpresser. - Ist Geld das eine
Tauschobjekt, so ist zu erwägen, daß ein Frankentaler in
der Hand eines reichen Erben, eines Tagelöhners, eines
Kaufmannes, eines Studenten ganz verschiedene Dinge
sind: jeder wird, je nachdem er fast nichts oder viel tat,
ihn zu erwerben, wenig oder viel dafür empfangen dürfen
- so wäre es billig: in Wahrheit steht es bekanntlich
umgekehrt. In der großen Geldwelt ist der Taler des faulsten
Reichen gewinnbringender als der des Armen und Arbeitsamen.

26

R e c h t s z u s t ä n d e   a l s   M i t t e l.  - Recht, auf
Verträgen zwischen G l e i c h e n  beruhend, besteht, solange
die Macht derer, die sich vertragen haben, eben gleich
oder ähnlich ist; die Klugheit hat das Recht geschaffen,
um der Fehde und der n u t z l o s e n  Vergeudung zwischen
ähnlichen Gewalten ein Ende zu machen. Dieser
aber ist e b e n s o   e n d g ü l t i g  ein Ende gemacht, wenn
der eine Teil entschieden s c h w ä c h e r  als der andere
g e w o r d e n  ist: dann tritt Unterwerfung ein, und das
Recht h ö r t   a u f,  aber der Erfolg ist derselbe wie der,
welcher bisher durch das Recht erreicht wurde. Denn jetzt
ist es die K l u g h e i t  des Überwiegenden, welche die
Kraft des Unterworfenen zu s c h o n e n  und nicht nutzlos
zu vergeuden anrät: und oft ist die Lage des Unterworfenen
günstiger, als die des Gleichgestellten war.
- Rechtszustände sind also zeitweilige M i t t e l  welche
die Klugheit anrät, keine Ziele.

27

E r k l ä r u n g   d e r   S c h a d e n f r e u d e.  - Die
Schadenfreude entsteht daher, daß ein jeder in mancher ihm
wohl bewußten Hinsicht sich schlecht befindet, Sorge oder
Neid oder Schmerz hat: der Schaden, der den andern betrifft,
stellt diesen ihm gleich, er versöhnt seinen Neid. -
Befindet er gerade sich selber gut, so sammelt er doch
das Unglück des nächsten als ein Kapital in seinem
Bewußtsein auf, um es bei einbrechendem eigenen Unglück
gegen dasselbe einzusetzen: auch so hat er "Schadenfreude".
Die auf Gleichheit gerichtete Gesinnung wirft also
ihren Maßstab aus auf das Gebiet des Glücks und des Zufalls:
Schadenfreude ist der gemeinste Ausdruck über den
Sieg und die Wiederherstellung der Gleichheit, auch innerhalb
der höheren Weltordnung. Erst seitdem der Mensch
gelernt hat, in anderen Menschen seinesgleichen zu sehen,
also erst seit Begründung der Gesellschaft gibt es
Schadenfreude.

28

D a s   W i l l k ü r l i c h e   i m   Z u m e s s e n   d e r   S t r a f e n.  -
Die meisten Verbrecher kommen zu ihren Strafen
wie die Weiber zu ihren Kindern. Sie haben zehn-
und hundertmal dasselbe getan, ohne üble Folgen zu spüren:
plötzlich kommt eine Entdeckung und hinter ihr die
Strafe. Die Gewohnheit sollte doch die Schuld der Tat,
derentwegen der Verbrecher gestraft wird, entschuldbarer
erscheinen lassen: es ist ja ein Hang entstanden, dem
schwerer zu widerstehen ist. Anstatt dessen wird er,
wenn der Verdacht des gewohnheitsmäßigen Verbrechens
vorliegt, härter gestraft, die Gewohnheit wird als
Grund gegen alle Milderung geltend gemacht. Umgekehrt:
eine musterhafte Lebensweise, gegen welche das
Verbrechen um so fürcherlicher absticht, sollte die Schuldbarkeit
verschärft erscheinen lassen! Aber sie pflegt die
Strafe zu mildern. So wird alles nicht nach dem Verbrecher
bemessen, sondern nach der Gesellschaft und deren
Schaden und Gefahr: frühere Nützlichkeit eines Menschen
wird gegen seine einmalige Schädlichkeit eingerechnet,
frühere Schädlichkeit zur gegenwärtig entdeckten addiert,
und demnach die Strafe am höchsten zugemessen.
Wenn man aber dergestalt die Vergangenheit eines Menschen
mit straft oder mit belohnt (dies im ersten Fall, wo
das Weniger-Strafen ein Belohnen ist) so sollte man noch
weiter zurückgehn und die Ursache einer solchen oder solchen
Vergangenheit strafen und belohnen, ich meine Eltern,
Erzieher, die Gesellschaft usw.: in vielen Fällen wird man
dann die R i c h t e r  irgendwie bei der Schuld beteiligt
finden. Es ist willkürlich, beim Verbrecher stehen zu
bleiben, wenn man die Vergangenheit straft: man sollte,
falls man die absolute Entschuldbarkeit jeder Schuld nicht
zugeben will, bei jedem einzelnen Fall stehnbleiben und
nicht weiter zurückblicken: also die Schuld isolieren
und sie gar nicht mit der Vergangenheit in Verknüpfung
bringen, - sonst wird man zum Sünder gegen die Logik.
Zieht vielmehr, ihr Willens-Freien, den notwendigen
Schluß aus eurer Lehre von der "Freiheit des Willens" und
dekretiert kühnlich: " k e i n e   T a t   h a t   e i n e   V e r g a n g e n h e i t. " 

29

D e r   N e i d   u n d   s e i n   e d l e r e r   B r u d e r.  - Wo
die Gleichheit wirklich durchgedrungen und dauernd
begründet ist, entsteht jener, im ganzen als unmoralisch geltende
Hang, der im Naturzustande kaum begreiflich wäre:
der N e i d.  Der Neidische fühlt jedes Hervorragen des
anderen über das gemeinsame Maß und will ihn bis dahin
herabdrücken - oder sich bis dorthin erheben: woraus
sich zwei verschiedene Handlungsweisen ergeben, welche
Hesiod als die böse und die gute Eris bezeichnet hat.
Ebenso entsteht im Zustande der Gleichheit die Indignation
darüber, daß es einem anderen u n t e r  seiner Würde
und Gleichheit schlecht ergeht, einem zweiten ü b e r 
seiner Gleichheit gut: es sind dies Affekte e d l e r e r 
Naturen. Sie vermissen in den Dingen, welche von der Willkür
des Menschen unabhängig sind, Gerechtigkeit und Billigkeit,
das heißt: sie verlangen, daß jene Gleichheit, die
der Mensch anerkennt, nun auch von der Natur und dem
Zufall anerkannt werde; sie zürnen darüber, daß es den
Gleichen nicht gleich ergeht.

30

N e i d   d e r   G ö t t e r.  - Der "Neid der Götter" entsteht,
wenn der niedriger Geachtete sich irgend worin dem
Höheren gleichsetzt (wie Ajax) oder durch Gunst des
Schicksals ihm gleichgesetzt wird (wie Niobe als überreich
gesegnete Mutter). Innerhalb der g e s e l l s c h a f t l i c h e n 
Rangordnung stellt dieser Neid die Forderung
auf, daß ein jeder kein Verdienst ü b e r  seinem Stande
habe, auch daß sein Glück diesem gemäß sei und namentlich
daß sein Selbstbewußtsein jenen Schranken nicht entwachse.
Oft erfährt der siegreiche General den "Neid
der Götter", ebenso der Schüler, der ein meisterliches
Werk schuf.

31

E i t e l k e i t   a l s   N a c h t r i e b   d e s   u n g e s e l l s c h a f t l i c h e n   Z u s t a n d e s. 
- Da die Menschen
ihrer Sicherheit wegen sich selber als g l e i c h  gesetzt
haben, zur Gründung der Gemeinde, diese Auffassung,
aber im Grunde wider die Natur des einzelnen geht und
etwas Erzwungenes ist, so machen sich, je mehr die allgemeine
Sicherheit gewährleistet ist, neue Schößlinge des
alten Triebes nach Übergewicht geltend: in der Abgrenzung
der Stände, in dem Anspruch auf Berufs-Würden
und -Vorrechte, überhaupt in der Eitelkeit (Manieren,
Tracht, Sprache usw.). Sobald einmal die Gefahr des Gemeinwesens
wieder fühlbar wird, drücken die Zahlreicheren,
welche ihr Übergewicht nicht im Zustande der allgemeinen
Ruhe durchsetzen konnten, wieder den Zustand
der Gleichheit hervor: die absurden Sonderrechte und
Eitelkeiten verschwinden auf einige Zeit. Stürzt aber das
Gemeinwesen ganz zusammen, gerät alles in Anarchie, so
bricht sofort der Naturzustand, die unbekümmerte,
rücksichtslose Ungleichheit hervor, wie dies auf Korkyra
geschah, nach dem Berichte des Thukydides. Es gibt weder
ein Naturrecht, noch ein Naturunrecht.

32 

B i l l i g k e i t.  - Eine Fortbildung der Gerechtigkeit
ist die Billigkeit, entstehend unter solchen, welche nicht
gegen die Gemeinde-Gleichheit verstoßen: es wird auf
Fälle, wo das Gesetz nichts vorschreibt, jene feinere
Rücksicht des Gleichgewichts übertragen, welche vor- und
rückwärts blickt und deren Maxime ist "wie du mir, so ich
dir".  heißt eben "es ist g e m ä ß   u n s e r e r 
 G l e i c h h e i t;  diese mildert auch unsere kleinen
Verschiedenheiten zu einem Anschein von Gleichheit herab
und will, daß wir manches uns nachsehen, w a s   w i r 
 n i c h t   m ü ß t e n ". 

33

E l e m e n t e   d e r   R a c h e.  - Das Wort "Rache"
ist so schnell gesprochen: fast scheint es, als ob es gar
nicht mehr enthalten könne, als eine Begriffs- und Empfindungs-Wurzel.
Und so bemüht man sich immer noch
dieselbe zu finden: wie unsere Nationalökonomen noch
nicht müde geworden sind, im Worte "Wert" eine solche
Einheit zu wittern und nach dem ursprünglichen Wurzelbegriff
des Wertes zu suchen. Als ob nicht alle Worte
Taschen wären, in welche bald dies, bald jenes, bald
mehreres auf einmal gesteckt worden ist! So ist auch
"Rache" bald dies, bald jenes, bald etwas mehr Zusammengesetztes.
Man unterscheide einmal jenen abwehrenden
Zurückschlag, den man fast unwillkürlich auch gegen
leblose Gegenstände, die uns beschädigt haben (wie gegen
bewegte Maschinen), ausführt: der Sinn unserer Gegenbewegung
ist, dem Beschädigten Einhalt zu tun dadurch,
daß wir die Maschine zum Stillstand bringen. Die
Stärke des Gegenschlags muß mitunter, um dies zu erreichen,
so stark sein, daß er die Maschine zertrümmert;
wenn dieselbe aber zu stark ist, um vom einzelnen sofort
zerstört werden zu können, wird dieser doch immer
noch den heftigsten Schlag ausführen, dessen er fähig ist,
- gleichsam als einen letzten Versuch. So benimmt man
sich auch gegen schädigende Personen bei der unmittelbaren
Empfindung des Schadens selber; will man diesen
Akt einen Rache-Akt nennen, so mag es sein; nur erwäge
man, daß hier allein die S e l b s t - E r h a l t u n g 
ihr Vernunft-Räderwerk in Bewegung gesetzt hat, und
daß man im Grunde nicht an den Schädiger, sondern nur
an sich dabei denkt: wir handeln so, o h n e  wieder schaden
zu wollen, sondern nur um noch mit Leib und Leben
d a v o n z u k o m m e n.  - Man braucht Z e i t,  wenn
man von sich mit seinen Gedanken zum Gegner übergeht
und sich fragt, auf welche Weise er am empfindlichsten
zu treffen ist. Dies geschieht bei der zweiten Art von
Rache: ein Nachdenken über die Verwundbarkeit und
Leidensfähigkeit des andern ist ihre Voraussetzung: man
will wehetun. Dagegen sich selber gegen weiteren Schaden
sichern, liegt hier so wenig im Gesichtskreis des
Rache-Nehmenden, daß er fast regelmäßig den weiteren
eigenen Schaden zuwege bringt und ihm sehr oft kaltblütig
vorher entgegensieht. War es bei der ersten Art
von Rache die Angst vor dem zweiten Schlage, welche
den Gegenschlag so stark wie möglich machte: so ist hier
fast völlige Gleichgültigkeit gegen das, was der Gegner
tun wird; die Stärke des Gegenschlags wird nur durch
das, was er uns getan h a t,  bestimmt. Was hat er denn
getan? Und was nützt es uns, wenn er nun leidet, nachdem
wir durch ihn gelitten haben? Es handelt sich um
eine W i e d e r h e r s t e l l u n g:  während der Rache-Akt
erster Art nur der S e l b s t - E r h a l t u n g  dient. Vielleicht
verloren wir durch den Gegner Besitz, Rang,
Freunde, Kinder - diese Verluste werden durch die Rache
nicht zurückgekauft, die Wiederherstellung bezieht sich
allein auf einen N e b e n v e r l u s t  bei allen den erwähnten
Verlusten. Die Rache der Wiederherstellung bewahrt
nicht vor weiterem Schaden, sie macht den erlittenen Schaden
nicht wieder gut, - außer in einem Falle. Wenn
unsere E h r e  durch den Gegner gelitten hat, so vermag
die Rache sie w i e d e r h e r z u s t e l l e n.  Sie hat aber
in jedem Falle einen Schaden erlitten, wenn man uns absichtlich
ein Leid zufügte: denn der Gegner bewies damit,
daß er uns nicht f ü r c h t e t e.  Durch die Rache beweisen
wir, daß wir auch ihn nicht fürchten: darin liegt die
Ausgleichung, die Wiederherstellung. (Die Absicht, den
völligen Mangel an F u r c h t  zu zeigen, geht bei einigen
Personen so weit, daß ihnen die Gefährlichkeit der Rache
für sie selbst - Einbuße der Gesundheit oder des Lebens
oder sonstige Verluste - als eine unerläßliche Bedingung
jeder Rache gilt. Deshalb gehen sie den Weg des Duells,
obschon die Gerichte ihnen den Arm bieten, um auch so
Genugtuung für die Beleidigung zu erhalten: sie nehmen
aber die gefahrlose Wiederherstellung ihrer Ehre nicht
als genügend an, weil sie ihren Mangel an Furcht nicht
beweisen kann.) - Bei der ersterwähnten Art der Rache
ist es gerade die Furcht, die den Gegenschlag ausführt:
hier dagegen ist es die Abwesenheit der Furcht, welche,
wie gesagt, durch den Gegenschlag sich b e w e i s e n   w i l l. 
- Nichts scheint also verschiedener als die innere Motivierung
der beiden Handlungsweisen, die mit einem Wort
"Rache" benannt werden: und trotzdem kommt es sehr
häufig vor, daß der Rache-Übende in Unklarheit ist, was
ihn eigentlich zur Tat bestimmt hat; vielleicht, daß er
aus Furcht und um sich zu erhalten den Gegenschlag führte,
hinterher aber, als er Zeit hatte, über den Gesichtspunkt
der verletzten Ehre nachzudenken, selber sich einredet,
seiner Ehre halber sich gerächt zu haben: - dieses Motiv
ist ja jedenfalls v o r n e h m e r  als das andere! Dabei
ist noch wesentlich, ob er seine Ehre in den Augen der
anderen (der Welt) beschädigt sieht oder nur in den
Augen des Beleidigers: im letzteren Falle wird er die
geheime Rache vorziehen, im ersteren aber die öffentliche.
Je nachdem er sich stark oder schwach in die Seele des
Täters und der Zuschauer hineindenkt, wird seine Rache
erbitterter oder zahmer sein; fehlt ihm diese Art Phantasie
ganz, so wird er gar nicht an Rache denken, denn
das Gefühl der "Ehre" ist dann bei ihm nicht vorhanden,
also auch nicht zu verletzen. Ebenso wird er nicht
an Rache denken, wenn er den Täter und die Zuschauer
der Tat v e r a c h t e t:  weil sie ihm keine Ehre geben
können, als Verachtete, und demnach auch keine Ehre
nehmen können. Endlich wird er auf Rache in dem nicht
ungewöhnlichen Falle verzichten, daß er den Täter liebt:
freilich büßt er so in dessen Augen an Ehre ein und wird
vielleicht der Gegenliebe dadurch weniger würdig. Aber
auch auf alle Gegenliebe Verzicht leisten ist ein Opfer,
welches die Liebe zu bringen bereit ist, wenn sie dem
geliebten Wesen nur nicht w e h e t u n   m u ß:  dies hieße
sich selber mehr wehetun, als jenes Opfer wehetut. -
Also: jedermann wird sich rächen, er sei denn ehrlos oder
voll Verachtung oder voll Liebe gegen den Schädiger und
Beleidiger. Auch wenn er sich an die Gerichte wendet, so
will er die Rache als private Person: n e b e n b e i  aber
noch, als weiterdenkender, vorsorglicher Mensch der
Gesellschaft, die Rache der Gesellschaft an einem, der sie
nicht e h r t.  So wird durch die gerichtliche Strafe sowohl
die Privatehre als auch die Gesellschaftsehre w i e d e r h e r g e s t e l l t: 
das heißt - Strafe ist Rache. - Es
gibt in ihr unzweifelhaft auch noch jenes andere zuerst
beschriebene Element der Rache, insofern durch sie die
Gesellschaft ihrer S e l b s t - E r h a l t u n g  dient und der
N o t w e h r  halber einen Gegenschlag führt. Die Strafe
will das w e i t e r e  Schädigen verhüten, sie will a b s c h r e c k e n. 
Auf diese Weise sind wirklich in der Strafe
beide so verschiedene Elemente der Rache v e r k n ü p f t, 
und dies mag vielleicht am meisten dahin wirken, jene erwähnte
Begriffsverwirrung zu unterhalten, vermöge deren
der einzelne, der sich rächt, gewöhnlich nicht weiß, was er
eigentlich will.

34

Die Tugenden der Einbuße. - Als Mitglieder
von Gesellschaften glauben wir gewisse Tugenden
nicht ausüben zu dürfen, die uns als Privaten die größte
Ehre und einiges Vergnügen machen, zum Beispiel Gnade
und Nachsicht gegen Verfehlende aller Art - überhaupt
jede Handlungsweise, bei welcher der Vorteil der Gesellschaft
durch unsere Tugend leiden würde. Kein Richter-Kollegium
darf sich vor seinem Gewissen erlauben,
gnädig zu sein dem König a l s   e i n e m  einzelnen hat
man dies Vorrecht aufbehalten; man freut sich, wenn er
Gebrauch davon macht, zum Beweise, daß man gern gnädig
sein möchte, aber durchaus nicht als Gesellschaft. Diese
erkennt somit nur die ihr vorteilhaften oder mindestens
unschädlichen Tugenden an (die ohne Einbuße oder gar
mit Zinsen geübt werden, zum Beispiel Gerechtigkeit).
Jene Tugenden der Einbuße können demnach i n   d e r 
 G e s e l l s c h a f t  nicht entstanden sein, da noch jetzt,
innerhalb jeder kleinsten sich bildenden Gesellschaft der
Widerspruch gegen sie sich erhebt. Es sind also Tugenden
unter Nicht-Gleichgestellten, erfunden von dem Überlegenen,
einzelnen, es sind H e r r s c h e r -Tugenden, mit
dem Hintergedanken: "ich bin mächtig genug, um mir
eine ersichtliche Einbuße gefallen zu lassen, dies ist ein
Beweis meiner Macht" - also mit S t o l z  verwandte Tugenden.

35

K a s u i s t i k   d e s   V o r t e i l s.  - Es gäbe keine
Kasuistik der Moral, wenn es keine Kasuistik des Vorteils
gäbe. Der freieste und feinste Verstand reicht oft nicht
aus, zwischen zwei Dingen so zu wählen, daß der größere
Vorteil notwendig bei seiner Wahl ist. In solchen Fällen
wählt man, weil man wählen muß, und hat hinterdrein
eine Art Seekrankheit der Empfindung.

36

Z u m   H e u c h l e r   w e r d e n.  - Jeder Bettler wird
zum Heuchler; wie jeder, der aus einem Mangel, aus einem
Notstand (sei dies ein persönlicher oder ein öffentlicher)
seinen Beruf macht. - Der Bettler empfindet den Mangel
lange nicht so, als er ihn empfinden m a c h e n  muß,
wenn er vom Betteln leben will.

37

E i n e   A r t   K u l t u s   d e r   L e i d e n s c h a f t e n.  -
Ihr Düsterlinge und philosophischen Blindschleichen redet,
um den Charakter des ganzen Weltwesens anzuklagen,
von dem f u r c h t b a r e n   C h a r a k t e r  der menschlichen
Leidenschaften. Als ob überall, wo es Leidenschaft
gegeben hat, es auch Furchtbarkeit gegeben hätte! Als
ob es immerfort in der Welt diese Art von Furchtbarkeit
geben müßte! - Durch eine Vernachlässigung im
k l e i n e n,  durch Mangel an Selbst-Beobachtung und Beobachtung
derer, welche erzogen werden sollen, habt ihr
selber erst die Leidenschaften zu solchen Untieren anwachsen
lassen, daß euch jetzt schon beim Worte "Leidenschaft"
Furcht befällt! Es stand bei euch und steht bei
uns, den Leidenschaften ihren furchtbaren Charakter zu
n e h m e n  und dermaßen vorzubeugen, daß sie nicht zu
verheerenden Wildwassern werden. - Man soll seine Versehen
nicht zu ewigen Fatalitäten aufblasen; vielmehr
wollen wir redlich mit an der Aufgabe arbeiten, die
Leidenschaften der Menschheit allesamt in Freudenschaften
umzuwandeln.

38

G e w i s s e n s b i ß.  - Der Gewissensbiß ist, wie der
Biß des Hundes gegen einen Stein, eine Dummheit.

39

U r s p r u n g   d e r   R e c h t e.  - Die Rechte gehen zunächst
auf H e r k o m m e n  zurück, das Herkommen auf
ein einmaliges A b k o m m e n.  Man war irgendwann einmal
beiderseitig mit den Folgen des getroffenen Abkommens
zufrieden und wiederum zu träge, um es förmlich
zu erneuern; so lebte man fort, wie wenn es immer
erneuert worden wäre, und allmählich, als die Vergessenheit
ihre Nebel über den Ursprung breitete, glaubte man
einen heiligen, unverrückbaren Zustand zu haben, auf
dem jedes Geschlecht weiterbauen m ü s s e.  Das Herkommen
war jetzt Z w a n g,  auch wenn es den Nutzen nicht
mehr brachte, dessentwegen man ursprünglich das Abkommen
gemacht hatte. - Die S c h w a c h e n  haben hier
ihre feste Burg zu allen Zeiten gefunden: sie neigen dahin,
das einmalige Abkommen, die Gnadenerweisung zu
v e r e w i g e n. 

40

D i e   B e d e u t u n g   d e s   V e r g e s s e n s   i n   d e r 
 m o r a l i s c h e n   E m p f i n d u n g.  - Dieselben Handlungen,
welche innerhalb der ursprünglichen Gesellschaft zuerst
die Absicht auf gemeinsamen N u t z e n  eingab, sind
später von anderen Generationen auf andere Motive hin
getan worden: aus Furcht oder Ehrfurcht vor denen, die
sie forderten und anempfahlen, oder aus Gewohnheit, weil
man sie von Kindheit an um sich hatte tun sehen, oder
aus Wohlwollen, weil ihre Ausübung überall Freude und
zustimmende Gesichter schuf, oder aus Eitelkeit, weil sie
gelobt wurden. Solche Handlungen, an denen das Grundmotiv,
das der Nützlichkeit, v e r g e s s e n  worden ist,
heißen dann m o r a l i s c h e:  nicht etwa weil sie aus jenen
a n d e r e n  Motiven, sondern weil sie n i c h t  aus
bewußter Nützlichkeit getan werden. - Woher dieser H a ß 
gegen den Nutzen, der h i e r  sichtbar wird, wo sich alles
lobenswerte Handeln gegen das Handeln um des Nutzens
willen förmlich abschließt? - Offenbar hat die Gesellschaft,
der Herd aller Moral und aller Lobsprüche des
moralischen Handelns, allzu lange und allzu hart mit
dem Eigen-Nutzen und Eigen-Sinne des einzelnen zu
kämpfen gehabt, um nicht zuletzt j e d e s   a n d e r e  Motiv
sittlich höher zu taxieren als den Nutzen. So entsteht
der Anschein, als ob die Moral n i c h t  aus dem Nutzen
herausgewachsen sei; während sie ursprünglich der
Gesellschafts-Nutzen ist, der große Mühe hatte, sich gegen alle
die Privat-Nützlichkeiten durchzusetzen und in höheres
Ansehen zu bringen.

41

D i e   E r b r e i c h e n   d e r   M o r a l i t ä t.  - Es gibt
auch im Moralischen einen E r b -Reichtum: ihn besitzen
die Sanften, Gutmütigen, Mitleidigen, Mildtätigen, welche
alle die gute H a n d l u n g s w e i s e,  aber nicht die Vernunft
(die Quelle derselben) von ihren Vorfahren her mitbekommen
haben. Das Angenehme an diesem Reichtum
ist, daß man von ihm fortwährend darreichen und mitteilen
muß, wenn er überhaupt empfunden werden soll,
und daß er so unwillkürlich daran arbeitet, die Abstände
zwischen moralisch-reich und -arm geringer zu machen:
und zwar, was das merkwürdigste und beste ist, n i c h t 
zugunsten eines dereinstigen Mittelmaßes zwischen arm
und reich, sondern zugunsten eines a l l g e m e i n e n 
Reich- und Überreich-werdens. - So wie hier geschehen
ist, läßt sich etwa die herrschende Ansicht über den
moralischen Erbreichtum zusammenfassen: aber es scheint mir,
daß dieselbe mehr  der Moralität,
als zu Ehren der Wahrheit aufrechterhalten wird. Die
Erfahrung mindestens stellt einen Satz auf, welcher, wenn
nicht als Widerlegung, jedenfalls als bedeutende
Einschränkung jener Allgemeinheit zu gelten hat. Ohne den
erlesensten Verstand, so sagt die Erfahrung, ohne die
Fähigkeit der feinsten Wahl und einen s t a r k e n   H a n g 
 z u m   M a ß h a l t e n  werden die Moralisch-Erbreichen zu
V e r s c h w e n d e r n  der Moralität: indem sie haltlos
sich ihren mitleidigen, mildtätigen, versöhnenden,
beschwichtigenden Trieben überlassen, machen sie alle Welt
um sich nachlässiger, begehrlicher und sentimentaler. Die
Kinder solcher höchst moralischen Verschwender sind daher
leicht und, wie leider zu sagen ist, bestenfalls -
angenehme schwächliche Taugenichtse.

42

D e r   R i c h t e r   u n d   d i e   M i l d e r u n g s g r ü n d e. 
- "Man soll auch gegen den Teufel honett sein und seine
Schulden bezahlen", sagte ein alter Soldat, als man ihm
die Geschichte Faustens etwas genauer erzählt hatte, "Faust
gehört in die Hölle!" - "O ihr schrecklichen Männer!"
rief seine Gattin aus, "wie ist das nur möglich! Er hat ja
nichts getan, als keine Tinte im Tintenfaß gehabt! Mit
Blut schreiben ist freilich eine Sünde, aber deshalb soll ein
so schöner Mann doch nicht brennen?"

43

P r o b l e m   d e r   P f l i c h t   z u r   W a h r h e i t.  -
Pflicht ist ein zwingendes, zur Tat drängendes Gefühl, das
wir gut nennen und für undiskutierbar halten (- über
Ursprung, Grenze und Berechtigung desselben wollen wir
nicht reden und nicht geredet haben). Der Denker hält
aber alles für geworden und alles Gewordene für diskutierbar,
ist also der Mann ohne Pflicht, - solange er
eben nur Denker ist. Als solcher würde er also auch die
Pflicht, die Wahrheit zu sehen und zu sagen, nicht anerkennen
und dies Gefühl nicht fühlen, er fragt: woher
kommt sie? wohin will sie? aber dies Fragen selber wird
von ihm als fragwürdig angesehen. Hätte dies aber nicht
zur Folge, daß die Maschine des Denkers nicht mehr
recht arbeitet, wenn er sich beim Akte des Erkennens wirklich
u n v e r p f l i c h t e t   f ü h l e n  könnte? Insofern
scheint hier zur H e i z u n g  dasselbe Element nötig zu
sein, das vermittelst der Maschine untersucht werden soll.
- Die Formel würde vielleicht sein: a n g e n o m m e n 
es gäbe eine Pflicht, die Wahrheit zu erkennen, wie lautet
die Wahrheit dann in bezug auf jede andere Art von
Pflicht? - Aber ist ein hypothetisches Pflichtgefühl nicht
ein Widersinn?

44

S t u f e n   d e r   M o r a l.  - Moral ist zunächst ein Mittel,
die Gemeinde überhaupt zu erhalten und den Untergang
von ihr abzuwehren; sodann ist sie ein Mittel, die
Gemeinde auf einer gewissen Höhe und in einer gewissen
Güte zu erhalten. Ihre Motive sind F u r c h t  und H o f f n u n g: 
und zwar um so derbere, mächtigere, gröbere, als
der Hang zum Verkehrten, Einseitigen, Persönlichen noch
sehr stark ist. Die entsetzlichsten Angstmittel müssen hier
Dienste tun, solange noch keine milderen wirken wollen
und jene doppelte Art der Erhaltung sich nicht anders
erreichen läßt (zu ihren allerstärksten gehört die Erfindung
eines Jenseits mit einer ewigen Hölle). Weitere Stufen
der Moral und also Mittel zum bezeichneten Zwecke
sind die Befehle eines Gottes (wie das mosaische Gesetz);
noch weitere und höhere die Befehle eines absoluten Pflichtbegriffs
mit dem "du sollst", - alles noch ziemlich grob
zugehauene, aber b r e i t e  Stufen, weil die Menschen auf
die feineren, schmäleren ihren Fuß noch nicht zu setzen
wissen. Dann kommt eine Moral der N e i g u n g,  des
G e s c h m a c k s,  endlich die der E i n s i c h t  - welche
über alle illusionären Motive der Moral hinaus ist, aber
sich klar gemacht hat, wie die Menschheit lange Zeiten
hindurch keine anderen haben durfte.

45

M o r a l   d e s   M i t l e i d e n s   i m   M u n d e   d e r   U n m ä ß i g e n. 
- Alle die, welche sich selber nicht genug in
der Gewalt haben und die Moralität nicht als fortwährende
im großen und kleinsten geübte Selbstbeherrschung und
Selbstüberwindung kennen, werden unwillkürlich zu
Verherrlichern der guten, mitleidigen, wohlwollenden Regungen,
jener instinktiven Moralität, welche keinen Kopf hat,
sondern nur aus Herz und hilfreichen Händen zu bestehen
scheint. Ja es ist in ihrem Interesse, eine Moralität der
Vernunft zu verdächtigen und jene andere zur alleinigen
zu machen.

46

K l o a k e n   d e r   S e e l e.  - Auch die Seele muß ihre
bestimmten Kloaken haben, wohin sie ihren Unrat abfließen
läßt: dazu dienen Personen, Verhältnisse, Stände
oder das Vaterland oder die Welt oder endlich - für die
ganz Hoffärtigen (ich meine unsere lieben modernen
"Pessimisten") - der liebe Gott.

47

E i n e   A r t   v o n   R u h e   u n d   B e s c h a u l i c h k e i t. 
- Hüte dich, daß deine Ruhe und Beschaulichkeit nicht der
des Hundes vor einem Fleischerladen gleicht, den die Furcht
nicht vorwärts und die Begierde nicht rückwärts gehen
läßt: und der die Augen aufsperrt, als ob sie Münder wären.

48

D a s   V e r b o t   o h n e   G r ü n d e.  - Ein Verbot, dessen
Gründe wir nicht verstehen oder zugeben, ist nicht
nur für den Trotzkopf, sondern auch für den Erkenntnisdurstigen
fast ein Geheiß: man läßt es auf den Versuch
ankommen, um so zu erfahren, w e s h a l b  das Verbot
gegeben ist. Moralische Verbote, wie die des Dekalogs,
passen nur für Zeitalter der unterworfenen Vernunft:
jetzt würde ein Verbot "du sollst nicht töten", "du sollst
nicht ehebrechen", ohne Gründe hingestellt, eher eine
schädliche als eine nützliche Wirkung haben.

49

C h a r a k t e r b i l d.  - Was ist das für ein Mensch,
der von sich sagen kann: "ich verachte sehr leicht, aber
hasse nie. An jedem Menschen finde ich sofort etwas heraus,
das zu ehren ist und dessentwegen ich ihn ehre; die
sogenannten liebenswürdigen Eigenschaften ziehen mich
wenig an".

50

M i t l e i d e n   u n d   V e r a c h t u n g.  - Mitleiden
äußern wird als ein Zeichen der Verachtung empfunden,
weil man ersichtlich aufgehört hat, ein Gegenstand der
F u r c h t  zu sein, sobald einem Mitleiden erwiesen wird.
Man ist unter das Niveau des Gleichgewichts hinabgesunken,
während schon jenes der menschlichen Eitelkeit
nicht genugtut, sondern erst das Hervorragen und Furchteinflößen
der Seele das erwünschteste aller Gefühle gibt.
Deshalb ist es ein Problem, wie die S c h ä t z u n g  des
Mitleids aufgekommen ist, ebenso wie erklärt werden
muß, warum jetzt der Uneigennützige g e l o b t  wird:
ursprünglich wird er v e r a c h t e t  oder als tückisch
g e f ü r c h t e t. 

51

K l e i n   s e i n   k ö n n e n.  - Man muß den Blumen,
Gräsern und Schmetterlingen auch noch so nah sein wie
ein Kind, das nicht viel über sie hinweg reicht. Wir Älteren
dagegen sind über sie hinausgewachsen und müssen
uns zu ihnen herablassen; ich meine, die Gräser h a s s e n 
uns, wenn wir unsere Liebe für sie bekennen. - Wer an
allem Guten teilhaben will, muß auch zu Stunden klein
zu sein verstehen.

52

I n h a l t   d e s   G e w i s s e n s.  - Der Inhalt unseres
Gewissens ist alles, was in den Jahren der Kindheit von
uns ohne Grund regelmäßig g e f o r d e r t  wurde durch
Personen, die wir verehrten oder fürchteten. Vom Gewissen
aus wird also jenes Gefühl des Müssens erregt
("dieses muß ich tun, dieses lassen"), welches nicht fragt:
w a r u m  muß ich? - In allen Fällen, wo eine Sache mit
"weil" und "warum" getan wird, handelt der Mensch
o h n e  Gewissen; deshalb aber noch nicht wider dasselbe.
- Der Glaube an Autoritäten ist die Quelle des Gewissens:
es ist also nicht die Stimme Gottes in der Brust des
Menschen, sondern die Stimme einiger Menschen im Menschen.

53

Ü b e r w i n d u n g   d e r   L e i d e n s c h a f t e n.  - Der
Mensch, der seine Leidenschaften überwunden hat, ist in
den Besitz des fruchtbarsten Erdreiches getreten: wie der
Kolonist, der über die Wälder und Sümpfe Herr geworden
ist. Auf dem Boden der bezwungenen Leidenschaften den
Samen der guten geistigen Werke s ä e n,  ist dann die
dringende nächste Aufgabe. Die Überwindung selber ist nur ein
M i t t e l,  kein Ziel; wenn sie nicht so angesehen wird, so
wächst schnell allerlei Unkraut und Teufelszeug auf dem
leer gewordenen fetten Boden auf, und bald geht es auf
ihm voller und toller zu als je vorher.

54

G e s c h i c k   z u m   D i e n e n.  - Alle sogenannten
praktischen Menschen haben ein Geschick zum Dienen:
das eben macht sie praktisch, sei es für andere oder für
sich selber. Robinson besaß noch einen besseren Diener,
als Freitag war: das war Crusoe.

55

G e f a h r   d e r   S p r a c h e   f ü r   d i e   g e i s t i g e 
 F r e i h e i t.  - Jedes Wort ist ein Vorurteil.

56

G e i s t   u n d   L a n g e w e i l e.  - Das Sprichwort:
"Der Magyar ist viel zu faul, um sich zu langweilen"
gibt zu denken. Die feinsten und tätigsten Tiere erst sind
der Langeweile fähig. - Ein Vorwurf für einen großen
Dichter wäre die L a n g e w e i l e   G o t t e s  am siebenten
Tage der Schöpfung.

57

I m   V e r k e h r   m i t   d e n   T i e r e n.  - Man kann
das Entstehen der Moral in unserem Verhalten gegen die
Tiere noch beobachten. Wo nutzen und Schaden n i c h t 
in Betracht kommen, haben wir ein Gefühl der völligen
Unverantwortlichkeit; wir töten und verwunden zum
Beispiel Insekten oder lassen sie leben und denken für
gewöhnlich gar nichts dabei. Wir sind so plump, daß schon
unsere Artigkeiten gegen Blumen und kleine Tiere fast
immer mörderisch sind: was unser Vergüngen an ihnen
gar nicht beeinträchtigt. - Es ist heute das Fest der kleinen
Tiere, der schwülste Tage des Jahres: es wimmelt
und krabbelt um uns, und wir zerdrücken, ohne es zu
wollen, a b e r   a u c h  ohne acht zu geben, bald hier, bald
dort ein Würmchen und gefiedertes Käferchen. - Bringen
die Tiere uns Schaden, so erstreben wir auf jede Weise
ihre V e r n i c h t u n g,  die Mittel sind oft grausam genug,
ohne daß wir dies eigentlich wollen: es ist die Grausamkeit
der Gedankenlosigkeit. Nützen sie, so b e u t e n  wir
sie a u s:  bis eine feinere Klugheit uns lehrt, daß gewisse
Tiere für eine andere Behandlung, nämlich für die der
Pflege und Zucht, reichlich lohnen. Da erst entsteht
Verantwortlichkeit. Gegen das Haustier wird die Quälerei
gemieden; der eine Mensch empört sich, wenn ein anderer
unbarmherzig gegen seine Kuh ist, ganz in Gemäßheit der
primitiven Gemeinde-Moral, welche den g e m e i n s a m e n 
Nutzen in Gefahr sieht, so oft ein einzelner sich
vergeht. Wer in der Gemeinde ein Vergehen wahrnimmt,
fürchtet den indirekten Schaden für sich: und wir fürchten
für die Güte des Fleisches, des Landbaues und der
Verkehrsmittel, wenn wir die Haustiere nicht gut behandelt
sehen. Zudem erweckt der, welcher roh gegen Tiere ist,
den Argwohn, auch roh gegen schwache, ungleiche, der
Rache unfähige Menschen zu sein; er gilt als unedel, des
feineren Stolzes ermangelnd. So entsteht ein Ansatz von
moralischem Urteilen und Empfinden: das beste tut nun
der Aberglaube hinzu. Manche Tiere reizen durch Blicke,
Töne und Gebärden den Menschen an, sich in sie
h i n e i n z u d i c h t e n,  und manche Religionen lehren im
Tiere unter Umständen den Wohnsitz von Menschen- und
Götterseelen sehen: weshalb sie überhaupt edlere Vorsicht,
ja ehrfürchtige Scheu im Umgange mit den Tieren
anempfehlen. Auch nach dem Verschwinden dieses Aberglaubens
wirken die von ihm erweckten Empfindungen
fort und reifen und blühen aus. - Das Christentum hat
sich bekanntlich in diesem Punkte als arme und zurückbildende
Religion bewährt.

58

N e u e   S c h a u s p i e l e r.  - Es gibt unter den Menschen
keine größere Banalität als den Tod; zu zweit im
Range steht die Geburt, weil nicht alle geboren werden,
welche doch sterben; dann folgt die Heirat. Aber diese
kleinen abgespielten Tragikomödien werden bei jeder
ihrer ungezählten und unzählbaren Aufführungen immer
wieder von neuen Schauspielern dargestellt und hören
deshalb nicht auf, interessierte Zuschauer zu haben: während
man glauben sollte, daß die gesamte Zuschauerschaft
des Erdentheaters sich längst aus Überdruß daran an allen
Bäumen aufgehängt hätte. Soviel liegt an neuen
Schauspielern, sowenig am Stück.

59

W a s   i s t   " o b s t i n a t " ?  - Der kürzeste Weg ist
nicht der möglichst gerade, sondern der, bei welchem die
günstigsten Winde unsere Segel schwellen: so sagt die
Lehre der Schiffahrer. Ihr nicht zu folgen, das heißt obstinat
sein: die Festigkeit des Charakters ist da durch
Dummheit verunreinigt.

60

D a s   W o r t   " E i t e l k e i t ".  - Es ist lästig, daß einzelne
Worte, deren wir Moralisten schlechterdings nicht
entraten können, schon eine Art Sittenzensur in sich tragen
aus jenen Zeiten her, in denen die nächsten und natürlichsten
Regungen des Menschen verketzert wurden. So
wird jene Grundüberzeugung, daß wir auf den Wellen
der Gesellschaft viel mehr durch das, was wir g e l t e n, 
als durch das, was wir s i n d,  gutes Fahrwasser haben
oder Schiffbruch leiden - eine Überzeugung, die für alles
Handeln in bezug auf die Gesellschaft das Steuerruder
sein muß - mit dem allgemeinsten Worte "Eitelkeit",
"" gebrandmarkt: eines der vollsten und inhaltreichsten
Dinge mit einem Ausdruck, welcher dasselbe als
das eigentlich Leere und Nichtige bezeichnet, etwas Großes
mit einem Diminutivum, ja mit den Federstrichen der
Karikatur. Es hilft nichts, wir müssen solche Worte gebrauchen,
aber dabei unser Ohr den Einflüsterungen alter
Gewohnheit verschließen.

61

T ü r k e n f a t a l i s m u s.  - Der Türkenfatalismus
hat den Grundfehler, daß er den Menschen und das Fatum
als zwei geschiedene Dinge einander gegenüberstellt: der
Mensch, sagt er, könne dem Fatum widerstreben, es zu
vereiteln suchen, aber schließlich behalte es immer den
Sieg, weshalb das vernünftigste sei, zu resignieren oder
nach Belieben zu leben. In Wahrheit ist jeder Mensch
selber ein Stück Fatum; wenn er in der angegebenen Weise
dem Fatum zu widerstreben meint, so vollzieht sich eben
darin auch das Fatum; der Kampf ist eine Einbildung,
aber ebenso jene Resignation in das Fatum; alle diese
Einbildungen sind im Fatum eingeschlossen. - Die Angst,
welche die meisten vor der Lehre der Unfreiheit des Willens
haben, ist die Angst vor dem Türkenfatalismus: sie
meinen, der Mensch werde schwächlich resigniert und mit
gefalteten Händen vor der Zukunft stehen, weil er an ihr
nichts zu ändern vermöge: oder aber, er werde seiner
vollen Launenhaftigkeit die Zügel schießen lassen, weil
auch durch diese das einmal Bestimmte nicht schlimmer
werden könne. Die Torheiten des Menschen sind ebenso
ein Stück Fatum wie seine Klugheiten: auch jene Angst
vor dem Glauben an das Fatum ist Fatum. Du selber,
armer Ängstlicher, bist die unbezwingliche, welche
noch über den Göttern thront, für alles, was da kommt;
du bist Segen oder Fluch und jedenfalls die Fessel, in
welcher der Stärkste gebunden liegt; in dir ist alle Zukunft
der Menschen-Welt vorherbestimmt, es hilft dir
nichts, wenn dir vor dir selber graut.

62

A d v o k a t   d e s   T e u f e l s.  - "Nur durch eigenen
Schaden wird man k l u g,  nur durch fremden Schaden
wird man g u t "  so lautet jene seltsame Philosophie,
welche alle Moralität aus dem Mitleiden und alle Intellektualität
aus der Isolation des Menschen ableitet: damit ist
sie unbewußt die Sachwalterin aller irdischen Schadhaftigkeit.
Denn das Mitleiden hat das Leiden nötig und die
Isolation die Verachtung der anderen.

63

D i e   m o r a l i s c h e n   C h a r a k t e r m a s k e n.  -
In den Zeiten, da die Charaktermasken der Stände für endgültig
fest, gleich den Ständen selber gelten, werden die
Moralisten verführt sein, auch die m o r a l i s c h e n 
Charaktermasken für absolut zu halten und sie so zu zeichnen.
So ist Molière als Zeitgenosse der Gesellschaft Ludwigs XIV.
verständlich; in unserer Gesellschaft der Übergänge und
Mittelstufen würde er als ein genialer Pedant erscheinen.

64

D i e   v o r n e h m s t e   T u g e n d.  - In der ersten Ära
des höheren Menschentums gilt die Tapferkeit als die vornehmste
der Tugenden, in der zweiten die Gerechtigkeit,
in der dritten die Mäßigung, in der vierten die Weisheit.
In welcher Ära leben w i r ?  In welcher lebst d u ? 

65

W a s   v o r h e r   n ö t i g   i s t.  - Ein Mensch, der über
seinen Jähzorn, seine Gall- und Rachsucht, seine Wollust
nicht Meister werden will und es versucht, irgendworin
sonst Meister zu werden, ist so dumm wie der Ackermann,
der neben einem Wildbach seine Äcker anlegt, ohne sich
gegen ihn zu schützen.

66

W a s   i s t   W a h r h e i t ?   -   S c h w a r z e r t  (Melanchthon): 
"Man predigt oft seinen Glauben, wenn man
ihn gerade verloren hat und auf allen Gassen sucht, -
und man predigt ihn dann nicht am schlechtesten!" - 
L u t h e r:  Du redest heut' wahr wie ein Engel, Bruder! 
S c h w a r z e r t:  "Aber es ist der Gedanke deiner Feinde,
und sie machen auf dich die Nutzanwendung." - 
L u t h e r:  So wär's eine Lüge aus des Teufels Hinterm.

67

G e w o h n h e i t   d e r   G e g e n s ä t z e.  - Die allgemeine
ungenaue Beobachtung sieht in der Natur überall
Gegensätze (wie z. B. "warm und kalt"), wo keine Gegensätze,
sondern nur Gradverschiedenheiten sind. Diese
schlechte Gewohnheit hat uns verleitet, nun auch noch die
innere Natur, die geistig-sittliche Welt, nach solchen Gegensätzen
verstehen und zerlegen zu wollen. Unsäglich viel
Schmerzhaftigkeit, Anmaßung, Härte, Entfremdung, Erkältung
ist so in die menschliche Empfindung hineingekommen
dadurch, daß man Gegensätze an Stelle der
Übergänge zu sehen meinte.

68

O b   m a n   v e r g e b e n   k ö n n e ? - - W i e   k a n n  man
ihnen überhaupt vergeben, wenn sie nicht wissen, was sie
tun! Man h a t  gar nichts zu vergeben. --Aber w e i ß 
ein Mensch jemals v ö l l i g,  was er tut? Und wenn dies
immer mindestens f r a g l i c h  bleibt, so haben also die
Menschen einander nie etwas zu vergeben, und Gnadeüben
ist für den Vernünftigsten ein unmögliches Ding.
Zu allerletzt: w e n n  die Übeltäter wirklich gewußt hätten,
was sie taten - so würden wir doch nur dann ein
Recht zur V e r g e b u n g  haben, wenn wir ein Recht zur
Beschuldigung und zur Strafe hätten. Dies aber haben
wir nicht.

69

H a b i t u e l l e   S c h a m.  - Warum empfinden wir
Scham, wenn uns etwas Gutes und Auszeichnendes erwiesen
wird, das wir, wie man sagt, "nicht verdient haben"?
Es scheint uns dabei, daß wir uns in ein Gebiet eingedrängt
haben, wo wir nicht hingehören, wo wir ausgeschlossen
sein sollten, gleichsam in ein Heiliges oder
Allerheiligstes, welches für unsern Fuß unbetretbar ist.
Durch den Irrtum anderer sind wir doch hineingelangt:
und nun überwältigt uns teils Furcht, teils Ehrfurcht, teils
Überraschung, wir wissen nicht, ob wir fliehen, ob wir des
gesegneten Augenblickes und seiner Gnaden-Vorteile genießen
sollen. Bei aller Scham ist ein Mysterium, welches
durch uns entweiht oder in der Gefahr der Entweihung
zu sein scheint; alle G n a d e  erzeugt Scham. - Erwägt
man aber, daß wir überhaupt niemals etwas "verdient
haben", so wird, im Fall man dieser Ansicht innerhalb
einer c h r i s t l i c h e n  Gesamt-Betrachtung der Dinge sich
hingibt, das Gefühl der S c h a m   h a b i t u e l l:  weil
einem Solchen Gott f o r t w ä h r e n d  zu segnen und
Gnade zu üben scheint. Abgesehen von dieser christlichen
Auslegung wäre aber auch für den völlig gottlosen Weisen,
der an der gründlichen Unverantwortlichkeit und
Unverdienstlichkeit alles Wirkens und Wesens festhält, jener
Zustand der h a b i t u e l l e n   S c h a m  möglich: wenn
man ihn behandelt, a l s   o b  er dies und jenes verdient
habe, so scheint er sich in eine höhere Ordnung von Wesen
eingedrängt zu haben, welche überhaupt etwas v e r d i e n e n, 
welche frei sind und ihres eigenen Wollens und
Könnens Verantwortung wirklich zu tragen vermögen.
Wer zu ihm sagt "du hast es verdient", scheint ihm zuzurufen
"du bist kein Mensch, sondern ein Gott".

70

D e r   u n g e s c h i c k t e s t e   E r z i e h e r.  - Bei diesem
sind auf dem Boden seines Widerspruchsgeistes alle
seine wirklichen Tugenden angepflanzt, bei jenem auf
seiner Unfähigkeit, nein zu sagen, also auf seinem
Zustimmungsgeiste; ein dritter hat alle seine Moralität aus
seinem einsamen Stolze, ein vierter die seine aus seinem
starken Geselligkeitstriebe aufwachsen lassen. Gesetzt nun,
durch ungeschickte Erzieher und Zufälle wären bei diesen
vieren die Samenkörner der Tugenden nicht auf den
Boden ihrer Natur ausgesäet worden, welcher bei ihnen
die meiste und fetteste Erdkrume hat: so wären sie ohne
Moralität und schwache unerfreuliche Menschen. Und wer
würde gerade der ungeschickteste aller Erzieher und das
böse Verhängnis dieser vier Menschen gewesen sein? Der
moralische Fanatiker, welcher meint, daß das Gute nur
aus dem Guten, auf dem Guten wachsen könne.

71

S c h r e i b a r t   d e r   V o r s i c h t.  - 
A: Aber, wenn
a l l e  dies wüßten, so würde es den m e i s t e n  schädlich
sein! Du selber nennst diese Meinungen gefährlich für
die Gefährdeten, und doch teilst du sie öffentlich mit? 
B: Ich schreibe so, daß weder der Pöbel, noch die,
noch die Parteien aller Art mich lesen mögen. Folglich
werden diese Meinungen nie öffentliche sein.
A.: Aber wie schreibst du denn? 
B.: Weder nützlich noch angenehm - für die genannten drei.

72

G ö t t l i c h e   M i s s i o n ä r e.  - Auch Sokrates fühlt
sich als göttlicher Missionär: aber ich weiß nicht, was für
ein Anflug von attischer Ironie und Lust am Spaßen auch
selbst hierbei noch zu spüren ist, wodurch jener fatale
und anmaßende Begriff gemildert wird. Er redet ohne
Salbung davon: seine Bilder, von der Bremse und dem
Pferd, sind schlicht und unpriesterlich, und die eigentlich
religiöse Aufgabe, wie er sie sich gestellt fühlt, den Gott
auf hunderterlei Weise a u f   d i e   P r o b e   z u   s t e l l e n, 
 o b  er die Wahrheit geredet habe, läßt auf eine kühne
und freimütige Gebärde schließen, mit der hier der Missionär
seinem Gotte an die Seite tritt. Jenes Auf-die-Probe-Stellen
des Gottes ist einer der feinsten Kompromisse
zwischen Frömmigkeit und Freiheit des Geistes,
welche je erdacht worden sind. - Jetzt haben wir auch
diesen Kompromiß nicht mehr nötig.

73

E h r l i c h e s   M a l e r t u m.  - Raffael, dem viel an
der Kirche (sofern sie zahlungsfähig war), aber wenig,
gleich den Besten seiner Zeit, an den Gegenständen des
kirchlichen Glaubens gelegen war, ist der anspruchsvollen
ekstatischen Frömmigkeit mancher seiner Besteller nicht
einen Schritt weit nachgegangen: er hat seine Ehrlichkeit
bewahrt, selbst in jenem Ausnahme-Bild, das ursprünglich
für eine Prozessions-Fahne bestimmt war, in der Sixtinischen
Madonna. Hier wollte er einmal eine Vision
malen: aber eine solche, wie sie edle junge Männer ohne
"Glauben" auch haben dürfen und haben werden, die
Vision der zukünftigen Gattin, eines klugen, seelisch-vornehmen,
schweigsamen und sehr schönen Weibes, das
ihren Erstgeborenen im Arme trägt. Mögen die Alten,
die an das Beten und Anbeten gewöhnt sind, hier, gleich
dem ehrwürdigen Greise zur Linken, etwas Übermenschliches
verehren: wir Jüngeren wollen es, so scheint Raffael
uns zuzurufen, mit dem schönen Mädchen zur Rechten
halten, welche mit ihrem auffordernden, durchaus
nicht devoten Blicke den Betrachtern des Bildes sagt:
"Nicht wahr? Diese Mutter und ihr Kind - das ist ein
angenehmer einladender Anblick?" Dies Gesicht und dieser
Blick strahlt von der Freude in den Gesichtern der
Betrachter wieder; der Künstler, der dies alles erfand,
genießt sich auf diese Weise selber und gibt seine eigene
Freude zur Freude der Kunst-Empfangenden hinzu. -
In betreff des "heilandhaften" Ausdrucks im Kopfe eines
Kindes hat Raffael, der Ehrliche, der keinen Seelenzustand
malen wollte, an dessen Existenz er nicht glaubte,
seine g l ä u b i g e n  Betrachter auf eine artige Weise überlistet;
er malte jenes Naturspiel, das nicht selten vorkommt,
das Männerauge im Kindskopfe, und zwar das
Auge des wackeren, hilfereichen Mannes, der einen Notstand
sieht. Zu diesem Auge gehört ein Bart; daß dieser
fehlt und daß zwei verschiedene Lebensalter hier aus
e i n e m  Gesichte sprechen, dies ist die angenehme Paradoxie,
welche die Gläubigen sich im Sinne ihres Wunderglaubens
gedeutet haben: so wie es der Künstler von
ihrer Kunst des Deutens und Hineinlegens auch erwarten
durfte.

74

D a s   G e b e t.  - Nur unter zwei Voraussetzungen
hatte alles Beten - jene noch nicht völlig erloschene Sitte
älterer Zeiten - einen Sinn: es müßte möglich sein, die
Gottheit zu bestimmen oder umzustimmen, und der Betende
müßte selber am besten wissen, was ihm not tue,
was für ihn wahrhaft wünschenswert sei. Beide Voraussetzungen,
in allen anderen Religionen angenommen und
hergebracht, wurden aber gerade vom Christentum geleugnet;
wenn es trotzdem das Gebet beibehielt, bei seinem
Glauben an eine allweise und allvorsorgliche Vernunft in
Gott, durch welche eben dies Gebet im Grunde sinnlos,
ja gotteslästerlich wird, - so zeigte es auch darin wieder
seine bewunderungswürdige Schlangen-Klugheit; denn ein
klares Gebot "du sollst nicht beten" hätte die Christen
durch die L a n g e w e i l e  zum Unchristentum geführt. Im
christlichen  vertritt nämlich das  die
Stelle des V e r g n ü g e n s:  und was hätten ohne das
 jene Unglücklichen beginnen sollen, die sich das labora
versagten, die Heiligen! - aber mit Gott sich unterhalten,
ihm allerlei angenehme Dinge abverlangen, sich selber
ein wenig darüber lustig machen, wie man so töricht
sein könne, noch Wünsche zu haben, trotz einem so vortrefflichen
Vater, - das war für Heilige eine sehr gute Erfindung.

75

E i n e   h e i l i g e   L ü g e.  - Die Lüge, mit der auf den
Lippen Arria starb, verdunkelt alle
Wahrheiten, die je von Sterbenden gesprochen wurden.
Es ist die einzige heilige L ü g e,  die berühmt geworden
ist; während der Geruch der Heiligkeit sonst nur an
I r r t ü m e r n  haften blieb.

76

D e r   n ö t i g s t e   A p o s t e l.  - Unter zwölf Aposteln
muß immer einer hart wie Stein sein, damit auf ihm die
neue Kirche gebaut werden könne.

77

W a s   i s t   d a s   V e r g ä n g l i c h e r e,   d e r   G e i s t 
 o d e r   d e r   K ö r p e r ?  - In den rechtlichen, moralischen
und religiösen Dingen hat das Äußerlichste, das Anschauliche,
also der Brauch, die Gebärde, die Zeremonie,
am meisten D a u e r:  sie ist der L e i b,  zu dem immer
eine n e u e   S e e l e  hinzukommt. Der Kultus wird wie
ein fester Wort-Text immer neu ausgedeutet; die Begriffe
und Empfindungen sind das Flüssige, die Sitten das Harte.

78

D e r   G l a u b e   a n   d i e   K r a n k h e i t,   a l s   K r a n k h e i t.  -
Erst das Christentum hat den Teufel an die
Wand der Welt gemalt; erst das Christentum hat die
Sünde in die Welt gebracht. Der Glaube an die Heilmittel,
welche es dagegen anbot, ist nun allmählich bis in die
tiefsten Wurzeln hinein erschüttert: aber immer noch besteht
der G l a u b e   a n   d i e   K r a n k h e i t,  welchen es
gelehrt und verbreitet hat.

79

R e d e   u n d   S c h r i f t   d e r   R e l i g i ö s e n.  - Wenn
der Stil und Gesamtausdruck des Priesters, des redenden
und schreibenden, nicht schon den r e l i g i ö s e n  Menschen
ankündigt, so braucht man seine Meinungen über
Religion und zugunsten derselben nicht mehr ernst zu
nehmen. Sie sind für ihren Besitzer selber k r a f t l o s  gewesen,
wenn er, wie sein Stil verrät, Ironie, Anmaßung,
Bosheit, Haß und alle Wirbel und Wechsel der Stimmungen
besitzt, ganz wie der unreligiöseste Mensch; - um
wieviel kraftloser werden sie erst für seine Hörer und
Leser sein! Kurz, er wird dienen, dieselben unreligiöser zu
machen.

80

G e f a h r   i n   d e r   P e r s o n.  - Je mehr Gott als
Person für sich galt, um so weniger ist man ihm treu gewesen.
Die Menschen sind ihren Gedankenbildern viel
anhänglicher als ihren geliebtesten Geliebten: deshalb
opfern sie sich für den Staat, die Kirche und auch für
Gott - sofern er eben i h r  Erzeugnis, i h r   G e d a n k e 
bleibt und nicht gar zu persönlich genommen wird. Im
letzteren Falle hadern sie fast immer mit ihm: selbst
dem Frömmsten entfuhr ja die bittere Rede "mein Gott,
warum hast du mich verlassen!"

81

D i e   w e l t l i c h e   G e r e c h t i g k e i t.  - Es ist möglich,
die weltliche Gerechtigkeit aus den Angeln zu heben
- mit der Lehre von der völligen Unverantwortlichkeit
und Unschuld jedermanns: und es ist schon ein Versuch
in gleicher Richtung gemacht worden, gerade auf Grund
der entgegengesetzten Lehre von der völligen Verantwortlichkeit
und Verschuldung jedermanns. Der Stifter des
Christentums war es, der die weltliche Gerechtigkeit aufheben
und das Richten und Strafen aus der Welt schaffen
wollte. Denn er verstand alle Schuld als "Sünde", das
heißt als Frevel an G o t t  und n i c h t  als Frevel an der
Welt; andererseits hielt er jedermann im größten Maßstabe
und fast in jeder Hinsicht für einen Sünder. Die
Schuldigen sollen aber nicht die Richter ihresgleichen sein:
so urteilte seine Billigkeit. Alle Richter der weltlichen
Gerechtigkeit waren also in seinen Augen so schuldig wie
die von ihnen Verurteilten, und ihre Miene der Schuldlosigkeit
schien ihm heuchlerisch und pharisäerhaft. Überdies
sah er auf die Motive der Handlungen und nicht auf
den Erfolg, und hielt für die Beurteilung der Motive nur
einen einzigen für scharfsichtig genug: sich selber (oder
wie er sich ausdrückte: Gott).

82

E i n e   A f f e k t a t i o n   b e i m   A b s c h i e d e.  - Wer
sich von einer Partei oder Religion trennen will, meint, es
sei nun für ihn nötig, sie zu widerlegen. Aber dies ist sehr
hochmütig gedacht. Nötig ist nur, daß er klar einsieht,
welche Klammern ihn bisher an diese Partei oder Religion
anhielten und daß sie es nicht mehr tun, was für Absichten
ihn dahin getrieben haben und daß sie jetzt anderswohin
treiben. Wir sind n i c h t  aus s t r e n g e n 
 E r k e n n t n i s g r ü n d e n  auf die Seite jener Partei oder
Religion getreten: wir sollen dies, wenn wir von ihr scheiden,
auch nicht a f f e k t i e r e n. 

83

H e i l a n d   u n d   A r z t.  - Der Stifter des Christentums
war, wie es sich von selber versteht, als Kenner der
menschlichen Seele nicht ohne die größten Mängel und
Voreingenommenheiten und als Arzt der Seele dem so anrüchigen
und laienhaften Glauben an eine Universalmedizin
ergeben. Er gleicht in seiner Methode mitunter jenem
Zahnarzte, der jeden Schmerz durch Ausreißen des Zahnes
heilen will; so zum Beispiel, indem er gegen die Sinnlichkeit
mit dem Ratschlage ankämpft: "Wenn dich dein
Auge ärgert, so reiße es aus." - Aber es bleibt doch noch
der Unterschied, daß jener Zahnarzt wenigstens sein Ziel
erreicht, die Schmerzlosigkeit des Patienten; freilich auf so
plumpe Art, daß er lächerlich wird: während der Christ,
der jenem Ratschlage folgt und seine Sinnlichkeit ertötet
zu haben glaubt, sich täuscht: sie lebt auf eine unheimliche,
vampyrische Art fort und quält ihn in widerlichen Vermummungen.

84

D i e   G e f a n g e n e n.  - Eines Morgens traten die Gefangenen
in den Arbeitshof: der Wärter fehlte. Die einen
von ihnen gingen, wie es ihre Art war, sofort an die
Arbeit, andere standen müßig und blickten trotzig umher.
Da trat einer vor und sagte laut: "Arbeitet so viel ihr
wollt oder tut nichts: es ist alles gleich. Eure geheimen
Anschläge sind ans Licht gekommen, der Gefängniswärter
hat euch neulich belauscht und will in den nächsten Tagen
ein fürchterliches Gericht über euch ergehen lassen. Ihr
kennt ihn, er ist hart und nachträgerischen Sinnes. Nun
aber merkt auf: ihr habt mich bisher verkannt: ich bin
nicht, was ich scheine, sondern viel mehr: ich bin der
Sohn des Gefängniswärters und gelte alles bei ihm. Ich
kann euch retten, ich will euch retten; aber, wohlgemerkt,
nur diejenigen von euch, welche mir g l a u b e n,  daß ich
der Sohn des Gefängniswärters bin; die übrigen mögen
die Früchte ihres Unglaubens ernten." "Nun", sagte nach
einigem Schweigen ein älterer Gefangener, "was kann
dir daran gelegen sein, ob wir es dir glauben oder nicht
glauben? Bist du wirklich der Sohn und vermagst du
das, was du sagst, so lege ein gutes Wort für uns alle
ein: es wäre wirklich recht gutmütig von dir. Das Gerede
von Glauben und Unglauben aber laß beiseite!" "Und",
rief ein jüngerer Mann dazwischen, "ich glaub' es ihm
auch nicht: er hat sich nur etwas in den Kopf gesetzt. Ich
wette, in acht Tagen befinden wir uns gerade noch so
hier wie heute, und der Gefängniswärter weiß n i c h t s. " 
"Und wenn er etwas gewußt hat, so weiß er's nicht mehr",
sagte der letzte der Gefangenen, der jetzt erst in den Hof
hinabkam, "der Gefängniswärter ist eben plötzlich gestorben." -
"Holla", schrien mehrere durcheinander,
"holla! Herr Sohn, Herr Sohn, wie steht es mit der Erbschaft?
Sind wir vielleicht jetzt d e i n e  Gefangenen?" -
"Ich habe es euch gesagt", entgegnete der Angeredete
mild, "ich werde jeden freilassen, der an mich glaubt, so
gewiß als mein Vater noch lebt." - Die Gefangenen
lachten nicht, zuckten aber mit den Achseln und ließen
ihn stehen.

85

D e r   V e r f o l g e r   G o t t e s.  - Paulus hat den Gedanken
ausgedacht, Calvin ihn nachgedacht, daß Unzähligen
seit Ewigkeiten die Verdammnis zuerkannt ist und
daß dieser schöne Weltenplan so eingerichtet wurde, damit
die Herrlichkeit Gottes sich daran offenbare: Himmel und
Hölle und Menschheit sollen also da sein, - um die Eitelkeit
Gottes zu befriedigen! Welche grausame und unersättliche
Eitelkeit muß in der Seele dessen geflackert haben, der
so etwas sich zuerst oder zu zweit ausdachte! - Paulus ist
also doch Saulus geblieben - d e r   V e r f o l g e r   G o t t e s. 

86

S o k r a t e s.  - Wenn alles gut geht, wird die Zeit
kommen, da man, um sich sittlich-vernünftig zu fördern,
lieber die Memorabilien des Sokrates in die Hand nimmt
als die Bibel, und wo Montaigne und Horaz als Vorläufer
und Wegweiser zum Verständnis des einfachsten
und unvergänglichsten Mittler-Weisen, des Sokrates, benutzt
werden. Zu ihm führen die Straßen der verschiedensten
philosophischen Lebensweisen zurück, welche im
Grunde die Lebensweisen der verschiedenen Temperamente
sind, festgestellt durch Vernunft und Gewohnheit und
allesamt mit ihrer Spitze hin nach der Freude am Leben
und am eignen Selbst gerichtet; woraus man schließen
möchte, daß das Eigentümlichste an Sokrates ein Anteilhaben
an allen Temperamenten gewesen ist. - Vor dem
Stifter des Christentums hat Sokrates die fröhliche Art
des Ernstes und jene W e i s h e i t   v o l l e r   S c h e l m e n s t r e i c h e 
voraus, welche den besten Seelenzustand des
Menschen ausmacht. Überdies hatte er den größeren Verstand.

87

G u t   s c h r e i b e n   l e r n e n.  - Die Zeit des Gutredens
ist vorbei, weil die Zeit der Stadt-Kulturen vorbei
ist. Die letzte Grenze, welche Aristoteles der großen Stadt
erlaubte - es müsse der Herold noch imstande sein, sich
der ganzen versammelten Gemeinde vernehmbar zu
machen -, diese Grenze kümmert uns so wenig, als uns
überhaupt noch Stadtgemeinden kümmern, uns, die wir
selbst über die Völker hinweg verstanden werden wollen.
Deshalb muß jetzt ein jeder, der gut europäisch gesinnt
ist, g u t   u n d   i m m e r   b e s s e r   s c h r e i b e n  lernen: es
hilft nichts, und wenn er selbst in Deutschland geboren
ist, wo man das Schlecht-schreiben als nationales Vorrecht
behandelt. Besser schreiben aber heißt zugleich auch besser
denken; immer Mitteilenswerteres erfinden und es wirklich
mitteilen können; übersetzbar werden für die Sprachen
der Nachbarn; zugänglich sich dem Verständnisse jener
Ausländer machen, welche unsere Sprache lernen; dahin
wirken, daß alles Gute Gemeingut werde und den Freien
alles frei stehe; endlich, jenen jetzt noch so fernen Zustand
der Dinge v o r b e r e i t e n,  wo den guten Europäern
ihre große Aufgabe in die Hände fällt: die Leitung
und Überwachung der gesamten Erdkultur. - Wer das
Gegenteil predigt, sich nicht um das Gutschreiben und
Gutlesen zu kümmern - beide Tugenden wachsen miteinander
und nehmen miteinander ab -, der zeigt in der
Tat den Völkern einen Weg, wie sie immer noch mehr
n a t i o n a l  werden können: er vermehrt die Krankheit
dieses Jahrhunderts und ist ein Feind der guten Europäer,
ein Feind der freien Geister.

88

D i e   L e h r e   v o m   b e s t e n   S t i l e.  - Die Lehre
vom Stil kann einmal die Lehre sein, den Ausdruck zu
finden, vermöge dessen man jede Stimmung auf den Leser
und Hörer überträgt; sodann die Lehre, den Ausdruck für
die w ü n s c h e n s w e r t e s t e  Stimmung eines Menschen
zu finden, deren Mitteilung und Übertragung also auch
am meisten zu wünschen ist: für die Stimmung des von
Herzensgrund bewegten, geistig freudigen, hellen und
aufrichtigen Menschen, der die Leidenschaften überwunden
hat. Dies wird die Lehre vom besten Stile sein: er
entspricht dem guten Menschen.

89

A u f   d e n   G a n g   a c h t   g e b e n.  - Der Gang der
Sätze zeigt, ob der Autor ermüdet ist; der einzelne
Ausdruck kann dessenungeachtet immer noch stark und gut
sein, weil er für sich und früher gefunden wurde: damals
als der Gedanke dem Autor zuerst aufleuchtete. So ist es
häufig bei Goethe, der zu oft diktierte, wenn er müde war.

90

S c h o n   u n d   n o c h.  - 
A: Die deutsche Prosa ist noch sehr jung: Goethe meint, daß Wieland
ihr Vater sei. 
B: So jung und schon so häßlich! 
C: Aber - soviel mir bekannt, schrieb schon der Bischof Ulfilas
deutsche Prosa; sie ist also gegen 1500 Jahre alt. 
B: So alt und noch so häßlich!

91

O r i g i n a l - d e u t s c h.  - Die deutsche Prosa, welche
in der Tat nicht nach einem Muster gebildet ist und wohl
als originales Erzeugnis des deutschen Geschmacks zu gelten
hat, dürfte den eifrigen Anwälten einer zukünftigen,
originalen, deutschen Kultur einen Fingerzeig geben, wie
etwa, ohne Nachahmung von Mustern, eine wirklich
deutsche Tracht, eine deutsche Geselligkeit, eine deutsche
Zimmereinrichtung, ein deutsches Mittagsessen aussehen
werde. - Jemand, der längere Zeit über diese Aussichten
nachgedacht hatte, rief endlich in vollem Schrecken aus:
"Aber, um des Himmels willen, vielleicht h a b e n  wir
schon diese originale Kultur - man spricht nur nicht
gerne davon!"

92

V e r b o t e n e   B ü c h e r.  - Nie etwas lesen, was jene
arroganten Vielwisser und Wirrköpfe schreiben, welche die
abscheulichste Unart, die der logischen Paradoxie haben:
sie wenden die l o g i s c h e n  Formen gerade dort an, wo
alles im Grunde frech improvisiert und in die Luft gebaut
ist. ("Also" soll bei ihnen heißen "du Esel von Leser, für
dich gib es dies `also' nicht - wohl aber für mich" -
worauf die Antwort lautet: "du Esel von Schreiber, wozu
schreibst du denn?")

93

G e i s t   z e i g e n.  - Jeder, der seinen Geist z e i g e n 
will, läßt merken, daß er auch reichlich vom Gegenteil
hat. Jene Unart geistreicher Franzosen, ihren besten Einfällen
einen Zug von  beizugeben, hat ihren Ursprung
in der Absicht, für reicher zu gelten, als sie sind:
sie wollen lässig schenken, gleichsam ermüdet vom beständigen
Spenden aus übervollen Schatzhäusern.

94

D e u t s c h e   u n d   f r a n z ö s i s c h e   L i t e r a t u r.  -
Das Unglück der deutschen und französischen Literatur
der letzten hundert Jahre liegt darin, daß die Deutschen
zu zeitig a u s  der Schule der Franzosen gelaufen sind -
und die Franzosen, späterhin, zu zeitig in die Schule der
Deutschen.

95

U n s e r e   P r o s a.  - Keines der jetzigen Kulturvölker
hat eine so schlechte Prosa wie das deutsche; und
wenn geistreiche und verwöhnte Franzosen sagen: es g i b t 
keine deutsche Prosa - so dürfte man eigentlich nicht
böse werden, da es artiger gemeint ist, als wir's verdienen.
Sucht man nach den Gründen, so kommt man zuletzt zu
dem seltsamen Ergebnis, daß d e r   D e u t s c h e   n u r   d i e 
 i m p r o v i s i e r t e   P r o s a   k e n n t  und von einer anderen
gar keinen Begriff hat. Es klingt ihm schier unbegreiflich,
wenn ein Italiener sagt, daß Prosa gerade um
so viel schwerer sei als Poesie, um wie viel die Darstellung
der nackten Schönheit für den Bildhauer schwerer
sei als die der bekleideten Schönheit. Um Vers, Bild,
Rhythmus und Reim hat man sich redlich zu bemühen -
das begreift auch der Deutsche und ist nicht geneigt, der
Stegreif-Dichtung einen besonders hohen Wert zuzumessen.
Aber an einer Seite Prosa wie an einer Bildsäule
arbeiten? - es ist ihm, also ob man ihm etwas aus dem
Fabelland vorerzählte.

96

D e r   g r o ß e   S t i l.  - Der große Stil entsteht, wenn
das Schöne den Sieg über das Ungeheure davonträgt.

97

A u s w e i c h e n.  - Man weiß nicht eher, worin bei
ausgezeichneten Geistern das Feine ihres Ausdrucks, ihrer
Wendung liegt, wenn man nicht sagen kann, auf welches
Wort jeder mittelmäßige Schriftsteller beim Ausdrücken
derselben Sache unvermeidlich geraten sein würde. Alle
großen Artisten zeigen sich beim Lenken ihres Fuhrwerks
zum Ausweichen, zum Entgleisen geneigt - doch nicht
zum Umfallen.

98

E t w a s   w i e   B r o t.  - Brot neutralisiert den Geschmack
anderer Speisen, wischt ihn weg; deshalb gehört
es zu jeder längeren Mahlzeit. In allen Kunstwerken muß
es etwas wie Brot geben, damit es verschiedene Wirkungen
in ihnen geben könne: welche, unmittelbar und ohne
ein solches zeitweiliges Ausruhen und Pausieren
aufeinanderfolgend, schnell erschöpfen und Widerwillen machen
würden, so daß eine l ä n g e r e  Mahlzeit der Kunst
unmöglich wäre.

99

J e a n   P a u l.  - Jean Paul wußte sehr viel, aber hatte
keine Wissenschaft, verstand sich auf allerlei Kunstgriffe
in den Künsten, aber hatte keine Kunst, fand beinahe
nichts ungenießbar, aber hatte keinen Geschmack, besaß
Gefühl und Ernst, goß aber, wenn er davon zu kosten
gab, eine widerliche Tränenbrühe darüber, ja er hatte
Witz, - aber leider für seinen Heißhunger danach viel
zu wenig: weshalb er den Leser gerade durch seine
Witzlosigkeit zur Verzweiflung treibt. Im ganzen war er das
bunte, starkriechende Unkraut, welches über Nacht auf
den zarten Fruchtfeldern Schillers und Goethes aufschoß;
er war ein bequemer, guter Mensch, und doch ein
Verhängnis, - ein Verhängnis im Schlafrock.

100

A u c h   d e n   G e g e n s a t z   z u   s c h m e c k e n   w i s s e n.  -
Um ein Werk der Vergangenheit so zu genießen,
wie es seine Zeitgenossen empfanden, muß man den damals
herrschenden Geschmack, gegen den es sich a b h o b, 
auf der Zunge haben.

101

W e i n g e i s t - A u t o r e n.  - Manche Schriftsteller
sind weder Geist noch Wein, aber Weingeist: sie können
in Flammen geraten und geben dann Wärme.

102

D e r   M i t t l e r - S i n n.  - Der Sinn des Geschmacks,
als der wahre Mittler-Sinn, hat die anderen Sinne oft zu
seinen Ansichten der Dinge überredet und ihnen s e i n e 
Gesetze und Gewohnheiten eingegeben. Man kann bei
Tische über die feinsten Geheimnisse der Künste
Aufschlüsse erhalten: man beachte, was schmeckt, wann es
schmeckt, wonach und wie lange es schmeckt.

103

L e s s i n g.  - Lessing hat eine echt französische Tugend
und ist überhaupt als Schriftsteller bei den Franzosen
am fleißigsten in die Schule gegangen: er versteht
seine Dinge im Schauladen gut zu ordnen und aufzustellen.
Ohne diese wirkliche K u n s t  würden seine Gedanken sowie
deren Gegenstände ziemlich im Dunkel geblieben sein,
und ohne daß die allgemeine Einbuße groß wäre. An
seiner K u n s t  haben aber viele gelernt (namentlich die
letzten Generationen deutscher Gelehrten) und Unzählige
sich erfreut. Freilich hätten jene Lernenden nicht nötig
gehabt, wie so oft geschehen ist, ihm auch seine unangenehme
Ton-Manier, in ihrer Mischung von Zankteufelei
und Biederkeit, abzulernen. - Über den "Lyriker"
Lessing ist man jetzt einmütig: über den Dramatiker wird
man es werden.

104

U n e r w ü n s c h t e   L e s e r.  - Wie quälen den Autor
jene braven Leser mit den dicklichten, ungeschickten Seelen,
welche immer, wenn sie woran anstoßen, auch umfallen
und sich jedesmal dabei wehe tun!

105

D i c h t e r - G e d a n k e n.  - Die wirklichen Gedanken
gehen bei wirklichen Dichtern alle verschleiert einher
wie die Ägypterinnen: nur das tiefe A u g e  des Gedankens
blickt frei über den Schleier hinweg. - Dichter-Gedanken
sind im Durchschnitt nicht so viel wert, als sie
gelten: man bezahlt eben für den Schleier und die eigene
Neugierde mit.

106

S c h r e i b t   e i n f a c h   u n d   n ü t z l i c h.  - Übergänge,
Ausführungen, Farbenspiele des Affekts, - alles
das schenken wir dem Autor, weil wir dies mitbringen
und seinem Buche zugute kommen lassen, falls er selber
uns etwas zugute tut.

107

W i e l a n d.  - Wieland hat besser als irgend jemand
deutsch geschrieben und dabei sein rechtes meisterliches
Genügen und Ungenügen gehabt (seine Übersetzungen der
Briefe Ciceros und des Lucian sind die besten deutschen
Übersetzungen); aber seine Gedanken geben uns nichts
mehr zu denken. Wir vertragen seine heiteren Moralitäten
ebensowenig wie seine heiteren Immoralitäten: beide
gehören so gut zu einander. Die Menschen, die an ihnen
ihre Freude hatten, waren doch wohl im Grunde bessere
Menschen als wir, - aber auch um ein gut Teil schwerfälligere,
denen ein solcher Schriftsteller eben n o t  tat. -
G o e t h e  tat den Deutschen nicht not, daher sie auch von
ihm keinen Gebrauch zu machen wissen. Man sehe sich
die Besten unserer Staatsmänner und Künstler daraufhin
an: sie alle haben Goethe nicht zum Erzieher gehabt -
nicht haben können.

108

S e l t e n e   F e s t e.  - Körnige Gedrängtheit, Ruhe und
Reife - wo du diese Eigenschaften bei einem Autor
findest, da mache Halt und feiere ein langes Fest mitten
in der Wüste: es wird dir lange nicht wieder so wohl
werden.

109

D e r   S c h a t z   d e r   d e u t s c h e n   P r o s a.  - Wenn
man von Goethes Schriften absieht und namentlich von
Goethes Unterhaltungen mit Eckermann, dem besten deutschen
Buche, das es gibt: was bleibt eigentlich von der
deutschen Prosa-Literatur übrig, das es verdiente, wieder
und wieder gelesen zu werden? Lichtenbergs Aphorismen,
das erste Buch von Jung-Stillings Lebensgeschichte, Adalbert
Stifters Nachsommer und Gottfried Kellers Leute
von Seldwyla, - und damit wird es einstweilen am
Ende sein.

110

S c h r e i b s t i l   u n d   S p r e c h s t i l.  - Die Kunst zu
schreiben verlangt vor allem E r s a t z m i t t e l  für die
Ausdrucksarten, welche nur der Redende hat: also für Gebärden,
Akzente, Töne, Blicke. Deshalb ist der Schreibstil
ein ganz anderer als der Sprechstil, und etwas viel Schwierigeres:
- er will mit wenigerem sich ebenso verständlich
machen wie jener. Demosthenes hielt seine Reden anders
als wir sie lesen: er hat sie zum Gelesenwerden erst
überarbeitet. - Ciceros Reden sollten zum gleichen
Zwecke erst demosthenisiert werden: jetzt ist viel mehr
römisches Forum in ihnen, als der Leser vertragen kann.

111

V o r s i c h t   i m   Z i t i e r e n.  - Die jungen Autoren
wissen nicht, daß der gute Ausdruck, der gute Gedanke
sich nur unter seinesgleichen gut ausnimmt, daß ein
vorzügliches Zitat ganze Seiten, ja das ganze Buch vernichten
kann, indem es den Leser warnt und ihm zuzurufen
scheint: "Gib acht, ich bin der Edelstein und rings um
mich ist Blei, bleiches, schmähliches Blei!" Jedes Wort,
jeder Gedanke will nur i n   s e i n e r   G e s e l l s c h a f t 
leben: das ist die Moral des gewählten Stils.

112

W i e   s o l l   m a n   I r r t ü m e r   s a g e n ?  - Man kann
streiten, ob es schädlicher sei, wenn Irrtümer schlecht gesagt
werden oder gut wie die besten Wahrheiten. Gewiß
ist, daß sie im ersteren Fall auf doppelte Weise dem
Kopfe schaden und schwerer aus ihm zu entfernen sind;
aber freilich wirken sie nicht so sicher wie im zweiten
Falle: sie sind weniger ansteckend.

113

B e s c h r ä n k e n   u n d   v e r g r ö ß e r n.  - Homer hat
den Umfang des Stoffes beschränkt, verkleinert, aber die
einzelnen Szenen aus sich wachsen lassen und vergrößert
- und so machen es später die Tragiker immer von
neuem: jeder nimmt den Stoff in noch k l e i n e r e n 
Stücken als sein Vorgänger, jeder aber erzielt eine
r e i c h e r e  Blütenfülle innerhalb dieser abgegrenzten,
umfriedeten Gartenhecken.

114

L i t e r a t u r   u n d   M o r a l i t ä t   s i c h   e r k l ä r e n d. 
- Man kann an der griechischen Literatur zeigen, durch
welche Kräfte der griechische Geist sich entfaltete, wie er
in verschiedene Bahnen geriet und woran er schwach
wurde. Alles das gibt ein Bild davon ab, wie es im Grunde auch
mit der griechischen M o r a l i t ä t  zugegangen ist
und wie es mit jeder Moralität zugehen wird: wie sie erst
Zwang war, erst Härte zeigte, dann allmählich milder
wurde, wie endlich Lust an gewissen Handlungen, an gewissen
Konventionen und Formen entstand, und daraus
wieder ein Hang zur alleinigen Ausübung, zum Alleinbesitz
derselben: wie die Bahn sich mit Wettbewerbenden füllt und
überfüllt, wie Übersättigung eintritt, neue
Gegenstände des Kampfes und Ehrgeizes aufgesucht,
veraltete ins Leben erweckt werden, wie das Schauspiel sich
wiederholt und die Zuschauer des Zuschauens überhaupt
müde werden, weil nun der ganze Kreis durchlaufen
scheint - - und dann kommt ein Stillstehen, ein Ausatmen:
die Bäche verlieren sich im Sande. Es ist das
Ende da, wenigstens e i n  Ende.

115

W e l c h e   G e g e n d e n   d a u e r n d   e r f r e u e n.  -
Diese Gegend hat bedeutende Züge zu einem Gemälde,
aber ich kann die Formel für sie nicht finden, als Ganzes
bleibt sie mir unfaßbar. Ich bemerke, daß alle Landschaften,
die mir dauernd zusagen, unter aller Mannigfaltigkeit
ein einfaches geometrisches Linien-Schema haben.
Ohne ein solches mathematisches Substrat wird keine
Gegend etwas künstlerisch Erfreuendes. Und vielleicht gestattet
diese Regel eine gleichnishafte Anwendung auf den Menschen.

116
V o r l e s e n.  - Vorlesen können setzt voraus, daß
man v o r t r a g e n  könne: man hat überall blasse Farben
anzuwenden, aber die Grade der Blässe in genauen Proportionen
zu dem immer vorschwebenden und dirigierenden, voll und tief
gefärbten Grundgemälde, das heißt nach
dem V o r t r a g e  derselben Partie zu bestimmen. Also
muß man dieses letzteren mächtig sein.

117

D e r   d r a m a t i s c h e   S i n n.  - Wer die feineren vier
Sinne der Kunst nicht hat, sucht alles mit dem gröbsten,
dem fünften zu verstehen: dies ist der dramatische Sinn.

118

H e r d e r.  - Herder ist alles das nicht, was er von
sich wähnen machte (und selber zu wähnen wünschte):
kein großer Denker und Erfinder, kein neuer treibender
Fruchtboden mit einer urwaldfrischen unausgenutzten
Kraft. Aber er besaß im höchsten Maße den Sinn der
Witterung, er sah und pflückte die Erstlinge der Jahreszeit
früher als alle anderen, welche dann glauben konnten,
er habe sie wachsen lassen: sein Geist war zwischen Hellem
und Dunklem, Altem und Jungem und überall dort
wie ein Jäger auf der Lauer, wo es Übergänge, Senkungen,
Erschütterungen, die Anzeichen inneren Quellens
und Werdens gab: die Unruhe des Frühlings trieb ihn
umher, aber er selber war der Frühling nicht! - Das
ahnte er wohl zuzeiten, und wollte es doch sich selber
nicht glauben, er, der ehrgeizige Priester, der so gern
der Geister-Papst seiner Zeit gewesen wäre! Dies ist sein
Leiden: er scheint lange als Prätendent mehrerer Königtümer,
ja eines Universalreiches gelebt zu haben und
hatte seinen Anhang, welcher an ihn glaubte: der junge
Goethe war unter ihm. Aber überall, wo zuletzt Kronen
wirklich vergeben wurden, ging er leer aus: Kant, Goethe,
sodann die wirklichen ersten deutschen Historiker und
Philologen nahmen ihm weg, was er sich vorbehalten
wähnte, - oft aber auch im stillsten und geheimsten
n i c h t  wähnte. Gerade wenn er an sich zweifelte, warf
er sich gern die Würde und die Begeisterung um: dies
waren bei ihm allzuoft Gewänder, die viel verbergen, ihn
selber täuschen und trösten mußten. Er hatte wirklich
Begeisterung und Feuer, aber sein Ehrgeiz war viel
größer! Dieser blies ungeduldig in das Feuer, daß es flackerte,
knisterte und rauchte - sein S t i l  flackert, knistert
und raucht - aber er wünschte die g r o ß e  Flamme,
und diese brach nie hervor! Er saß nicht an der Tafel der
eigentlich Schaffenden: und sein Ehrgeiz ließ nicht zu,
daß er sich bescheiden unter die eigentlich Genießenden
setzte. So war er ein unruhiger Gast, der Vorkoster
aller geistigen Gerichte, die sich die Deutschen in einem
halben Jahrhundert aus allen Welt- und Zeitreichen
zusammenholten. Nie wirklich satt und froh, war Herder
überdies allzu häufig krank: da setzte sich bisweilen der
Neid an sein Bett, auch die Heuchelei machte ihren Besuch.
Etwas Wundes und Unfreies blieb an ihm haften: und
mehr als irgend einem unserer sogenannten "Klassiker"
geht ihm die einfältige wackere Mannhaftigkeit ab.

119

G e r u c h   d e r   W o r t e.  - Jedes Wort hat seinen Geruch:
es gibt eine Harmonie und Disharmonie der Gerüche
und also der Worte.

120

D e r   g e s u c h t e   S t i l.  - Der gefundene Stil ist eine
Beleidigung für den Freund des gesuchten Stils.

121

G e l ö b n i s.  - Ich will keinen Autor mehr lesen, dem
man anmerkt, er wollte ein Buch machen: sondern nur
jene, deren Gedanken unversehens ein Buch wurden.

122

D i e   k ü n s t l e r i s c h e   K o n v e n t i o n.  - Dreiviertel
Homer ist Konvention; und ähnlich steht es bei
allen griechischen Künstlern, die zu der modernen
Originalitätswut keinen Grund hatten. Es fehlte ihnen alle
Angst vor der Konvention; durch diese hingen sie ja mit
ihrem Publikum zusammen. Konventionen sind nämlich
die für das Verständnis der Zuhörer e r o b e r t e n 
Kunstmittel, die mühevoll erlernte gemeinsame Sprache, mit
welcher der Künstler sich wirklich m i t t e i l e n  kann.
Zumal wenn er, wie der griechische Dichter und Musiker, mit
jedem seiner Kunstwerke s o f o r t  siegen will - da er
öffentlich mit einem oder zweien Nebenbuhlern zu ringen
gewöhnt ist -, so ist die erste Bedingung, daß er s o f o r t 
auch v e r s t a n d e n  werde: was aber nur durch
die Konvention möglich ist. Das, was der Künstler über
die Konvention hinaus erfindet, das gibt er aus freien
Stücken darauf und wagt dabei sich selber daran, im besten
Fall mit dem Erfolge, daß er eine neue Konvention
s c h a f f t.  Für gewöhnlich wird das Originale angestaunt,
mitunter sogar angebetet, aber selten verstanden; der Konvention
hartnäckig ausweichen heißt: nicht verstanden
werden wollen. Worauf weist also die moderne
Originalitätswut hin?

123

A f f e k t a t i o n   d e r   W i s s e n s c h a f t l i c h k e i t 
 b e i   K ü n s t l e r n.  - Schiller glaubte, gleich anderen
deutschen Künstlern, wenn man Geist habe, dürfe man
über allerlei schwierige Gegenstände auch wohl m i t   d e r 
 F e d e r   i m p r o v i s i e r e n.  Und nun stehen seine Prosa-Aufsätze
da - in jeder Beziehung ein Muster, wie man
wissenschaftliche Fragen der Ästhetik und Moral n i c h t 
angreifen dürfe - und eine Gefahr für junge Leser,
welche, in ihrer Bewunderung des Dichters Schiller, nicht
den Mut haben, vom Denker und Schriftsteller Schiller
gering zu denken. - Die Versuchung, welche den Künstler
so leicht und so begreiflicherweise befällt, auch einmal
über die gerade ihm verbotene Wiese zu gehen und in
der W i s s e n s c h a f t  ein Wort mitzusprechen - der
Tüchtigste nämlich findet zeitweilig sein Handwerk und
seine Werkstätte unausstehlich -, diese Versuchung bringt
den Künstler so weit, aller Welt zu zeigen, was sie gar
nicht zu sehen braucht, nämlich daß es in seinem
Denkzimmerchen eng und unordentlich aussieht - warum auch
nicht? er wohnt ja nicht darin! -, daß die Vorratsspeicher
seines Wissens teils leer, teils mit Krimskrams gefüllt sind
- warum auch nicht? es steht dies sogar im Grunde dem
Künstler-Kinde nicht übel an -, namentlich aber, daß
selbst für die leichtesten Handgriffe der wissenschaftlichen
Methode, die selbst Anfängern geläufig sind, seine
Gelenke zu ungeübt und schwerfällig sind - und auch
dessen braucht er sich wahrlich nicht zu schämen! - Da
gegen entfaltet er oftmals keine geringe Kunst darin, alle
die Fehler, Unarten und schlechten Gelehrtenhaftigkeiten,
wie sie in der wissenschaftlichen Zunft vorkommen,
n a c h z u a h m e n,  im Glauben, dies eben gehöre, wenn
nicht zur Sache, so doch zum Schein der Sache; und dies
gerade ist das Lustige an solchen Künstler-Schriften, daß
hier der Künstler, ohne es zu wollen, doch tut, was
seines Amtes ist: die wissenschaftlichen und unkünstlerischen
Naturen zu p a r o d i e r e n.  Eine andere Stellung
zur Wissenschaft als die parodische sollte er nämlich
nicht haben, soweit er eben der Künstler und nur der
Künstler ist.

124

D i e   F a u s t - I d e e.  - Eine kleine Nähterin wird
verführt und unglücklich gemacht; ein großer Gelehrter
aller vier Fakultäten ist der Übeltäter. Das kann doch
nicht mit rechten Dingen zugegangen sein? Nein, gewiß
nicht! Ohne die Beihilfe des leibhaftigen Teufels hätte
es der große Gelehrte nicht zustande gebracht. - Sollte
dies wirklich der größte deutsche "tragische Gedanke"
sein, wie man unter Deutschen sagen hört? - Für Goethe
war aber auch dieser Gedanke noch zu fürchterlich; sein
mildes Herz konnte nicht umhin, die kleine Nähterin,
"die gute Seele, die nur einmal sich vergessen", nach ihrem
unfreiwilligen Tode in die Nähe der Heiligen zu
versetzen; ja selbst den großen Gelehrten brachte er, durch
einen Possen, der dem Teufel im entscheidenden Augenblick
gespielt wird, noch zur rechten Zeit in den Himmel,
ihn, "den guten Menschen" mit dem "dunklen Drange":
- dort im Himmel finden sich die Liebenden wieder. -
Goethe sagt einmal, für das eigentlich Tragische sei seine
Natur zu konziliant gewesen.

125

G i b t   e s   " d e u t s c h e   K l a s s i k e r " ?  - Sainte-Beuve
bemerkt einmal, daß zu der Art einiger Literaturen
das Wort "Klassiker" durchaus nicht klingen wolle: wer
werde zum Beispiel so leicht von "deutschen Klassikern"
reden! - Was sagen unsre deutschen Buchhändler dazu
welche auf dem Wege sind, die fünfzig deutschen Klassiker,
an die wir schon glauben sollen, noch um weitere
fünfzig zu vermehren? Scheint es doch fast, als ob man
eben nur 30 Jahre lang tot zu sein und als erlaubte Beute
öffentlich dazuliegen brauche, um unversehens plötzlich
als Klassiker die Trompete der Auferstehung zu hören!
Und dies in einer Zeit und unter einem Volke, wo selbst
von den sechs großen Stammvätern der Literatur fünf
unzweideutig veralten oder veraltet sind, - o h n e  daß
diese Zeit und dieses Volk sich gerade d e s s e n  zu
schämen hätten! Denn jene sind vor den
S t ä r k e n  dieser Zeit
zurückgewichen - man überlege es sich nur mit aller
Billigkeit! - Von Goethe, wie angedeutet, sehe ich ab,
er gehört in eine höhere Gattung von Literaturen, als
"National-Literaturen" sind: deshalb steht er auch zu
seiner N a t i o n  weder im Verhältnis des Lebens, noch
des Neuseins, noch des Veraltens. Nur für wenige hat
er gelebt und lebt er noch: für die meisten ist er nichts
als eine Fanfare der Eitelkeit, welche man von Zeit zu
Zeit über die deutsche Grenze hinüberbläst. Goethe, nicht
nur ein guter und großer Mensch, sondern eine K u l t u r, 
Goethe ist in der Geschichte der Deutschen ein Zwischenfall
ohne Folgen: wer wäre imstande, in der deutschen
Politik der letzten 70 Jahre zum Beispiel ein Stück
Goethe aufzuzeigen! (während jedenfalls darin ein Stück
Schiller, und vielleicht sogar ein Stückchen Lessing tätig
gewesen ist). Aber jene andern fünf! Klopstock veraltete
schon bei Lebzeiten auf eine sehr ehrwürdige Weise; und
so gründlich, daß das nachdenkliche Buch seiner späteren
Jahre, die Gelehrten-Republik, wohl bis heutigen
Tag von niemandem ernst genommen worden ist. Herder
hatte das Unglück, daß seine Schriften immer entweder
neu oder veraltet waren; für die feineren und stärkeren
Köpfe (wie für Lichtenberg) war zum Beispiel selbst
Herders Hauptwerk, seine Ideen zur Geschichte der
Menschheit, sofort beim Erscheinen etwas Veraltetes. Wieland,
der reichlich gelebt und zu leben gegeben hat,
kam als ein kluger Mann dem Schwinden seines
Einflusses durch den Tod zuvor. Lessing lebt vielleicht heute
noch, - aber unter jungen und immer jüngeren
Gelehrten! Und Schiller ist jetzt aus den Händen der
Jünglinge in die der Knaben, aller deutschen Knaben
geraten! Es ist ja eine bekannte Art des Veraltens, daß
ein Buch zu immer unreiferen Lebensaltern hinabsteigt.
- Und was hat diese fünf zurückgedrängt, so daß gut
unterrichtete und arbeitsame Männer sie nicht mehr
lesen? Der bessere Geschmack, das bessere Wissen, die
bessere Achtung vor dem Wahren und Wirklichen: also
lauter Tugenden, welche gerade durch jene fünf (und
durch zehn und zwanzig andere weniger lauten Namens)
erst wieder in Deutschland a n g e p f l a n z t  worden sind,
und welche jetzt als hoher Wald über ihren Gräbern
neben dem Schatten der Ehrfurcht auch etwas vom Schatten
der Vergessenheit breiten. - Aber K l a s s i k e r 
sind nicht A n p f l a n z e r  von intellektuellen und
literarischen Tugenden, sondern V o l l e n d e r  und höchste
Lichtspitzen derselben, welche über den Völkern stehen
bleiben, wenn diese selber zugrundegehen: denn sie sind
leichter, freier, reiner als sie. Es ist ein hoher Zustand
der Menschheit möglich, wo das Europa der Völker eine
dunkle Vergessenheit ist, wo Europa aber noch in dreißig
sehr alten, nie veralteten Büchern l e b t: 
in den Klassikern.

126

I n t e r e s s a n t,   a b e r   n i c h t   s c h ö n.  - Diese
Gegend verbirgt ihren Sinn, aber sie hat einen, den man
erraten möchte: wohin ich sehe, lese ich Worte und Winke
zu Worten aber ich weiß nicht, wo der Satz beginnt, der
das Rätsel aller dieser Winke löst, und werde zum Wendehals
darüber, zu untersuchen, ob von hier oder von dort
aus zu lesen ist.

127

G e g e n   d i e   S p r a c h - N e u e r e r.  - In der Sprache
neuern oder altertümeln, das Seltene und Fremdartige
vorziehen, auf Reichtum des Wortschatzes statt auf
Beschränkung trachten, ist immer ein Zeichen des ungereiften
oder verderbten Geschmacks. Eine edle Armut, aber
innerhalb des unscheinbaren Besitzes eine meisterliche
Freiheit zeichnet die griechischen Künstler der Rede aus:
sie wollen w e n i g e r  haben, als das Volk hat - denn
dieses ist am reichsten in Altem und Neuem - aber sie
wollen dies Weniger b e s s e r  haben. Man ist schnell mit
dem Aufzählen ihrer Archaismen und Fremdartigkeiten
fertig, aber kommt nicht zu Ende im Bewundern, wenn
man für die leichte und zarte Art ihres Verkehrs mit dem
Alltäglichen und scheinbar längst Verbrauchten in Worten
und Wendungen ein gutes Auge hat.

128

D i e   t r a u r i g e n   u n d   d i e   e r n s t e n   A u t o r e n. 
- Wer zu Papier bringt, was er l e i d e t,  wird ein
t r a u r i g e r  Autor: aber ein e r n s t e r,  wenn er uns sagt,
was er l i t t  und weshalb er jetzt in der Freude ausruht.

129

G e s u n d h e i t   d e s   G e s c h m a c k s.  - Wie kommt
es, daß die Gesundheiten nicht so ansteckend sind wie die
Krankheiten - überhaupt, und namentlich im Geschmack?
Oder gibt es Epidemien der Gesundheit? -

130

V o r s a t z.  - Kein Buch mehr lesen, das zu gleicher
Zeit geboren und (mit Tinte) getauft wurde.

131

D e n   G e d a n k e n   v e r b e s s e r n.  - Den Stil
verbessern - das heißt den Gedanken verbessern, und gar
Nichts weiter! - Wer dies nicht sofort zugibt, ist auch
nie davon zu überzeugen.

132

K l a s s i s c h e   B ü c h e r.  - Die schwächste Seite
jedes klassischen Buches ist die, daß es zu sehr in der
Muttersprache seines Autors geschrieben ist.

133

S c h l e c h t e   B ü c h e r.  - Das Buch soll nach Feder,
Tinte und Schreibtisch verlangen: aber gewöhnlich
verlangen Feder, Tinte und Schreibtisch nach dem Buche.
Deshalb ist es jetzt so wenig mit Büchern.

134

S i n n e s g e g e n w a r t.  - Das Publikum wird, wenn
es über Gemälde nachdenkt, dabei zum Dichter, und wenn
es über Gedichte nachdenkt, zum Forscher. Im Augenblick,
da der Künstler es anruft, fehlt es ihm immer am r e c h t e n 
Sinn, nicht also an der Geistes-, sondern an der
Sinnesgegenwart.

135

G e w ä h l t e   G e d a n k e n.  - Der gewählte Stil
einer bedeutenden Zeit wählt nicht nur die Worte, sondern
auch die Gedanken aus, - und zwar beide aus dem
Ü b l i c h e n  und H e r r s c h e n d e n:  die gewagten und
allzufrisch riechenden Gedanken sind dem reiferen
Geschmack nicht minder zuwider als die neuen tollkühnen
Bilder und Ausdrücke. Später riecht beides - der
gewählte Gedanke und das gewählte Wort - leicht nach
Mittelmäßigkeit, weil der Geruch des Gewählten sich
schnell verflüchtigt und dann nur noch das Übliche und
Alltägliche daran geschmeckt wird.

136

H a u p t g r u n d   d e r   V e r d e r b n i s   d e s   S t i l s.  -
Mehr Empfindung für eine Sache z e i g e n  wollen, als man
wirklich h a t,  verdirbt den S t i l,  in der Sprache und in
allen Künsten. Vielmehr hat alle große Kunst die
umgekehrte Neigung: sie liebt es, gleich jedem sittlich
bedeutenden Menschen, das Gefühl auf seinem Wege anzuhalten
und nicht g a n z  ans Ende laufen zu lassen. Diese
Scham der halben Gefühls-Sichtbarkeit ist zum Beispiel
bei Sophokles auf das Schönste zu beobachten; und es
scheint die Züge der Empfindung zu verklären, wenn diese
sich selber nüchterner gibt, als sie ist.

137

Z u r   E n t s c h u l d i g u n g   d e r   s c h w e r f ä l l i g e n 
 S t i l i s t e n.  - Das Leicht-Gesagte fällt selten so schwer
ins Gehör, als die Sache wirklich wiegt - das liegt aber
an den schlecht geschulten Ohren, welche aus der Erziehung
durch das, was man bisher Musik nannte, in
die Schule der höheren Tonkunst, das heißt der R e d e, 
übergehen müssen.

138

V o g e l p e r s p e k t i v e.  - Hier stürzen Wildwasser
von mehreren Seiten einem Schlunde zu: ihre Bewegung
ist so stürmisch und reißt das Auge so mit sich fort, daß
die kahlen und bewaldeten Gebirgshänge ringsum nicht
abzusinken, sondern wie h i n a b z u f l i e h e n  scheinen.
Man wird beim Anblick angstvoll gespannt, als ob etwas
Feindseliges hinter alledem verborgen liege, vor dem alles
flüchten müsse, und gegen das uns der Abgrund Schutz
verliehe. Diese Gegend ist gar nicht zu malen, es sei denn,
daß man wie ein Vogel in der freien Luft über ihr
schwebe. Hier ist einmal die sogenannte Vogelperspektive
nicht eine künstlerische Willkür, sondern die einzige
Möglichkeit.

139

G e w a g t e   V e r g l e i c h u n g e n.  - Wenn die gewagten
Vergleichungen nicht Beweise vom Mutwillen des
Schriftstellers sind, so sind sie Beweise seiner ermüdeten
Phantasie. In jedem Falle aber sind sie Beweise seines
schlechten Geschmackes.

140

I n   K e t t e n   t a n z e n.  - Bei jedem griechischen
Künstler, Dichter und Schriftsteller ist zu fragen: welches
ist der n e u e   Z w a n g,  den er sich auferlegt und den
er seinen Zeitgenossen reizvoll macht (so daß er Nachahmer
findet)? Denn was man "Erfindung" (im Metrischen
zum Beispiel) nennt, ist immer eine solche selbstgelegte
Fessel. "In Ketten tanzen", es sich schwer machen
und dann die Täuschung der Leichtigkeit darüber breiten,
- das ist das Kunststück, welches sie uns zeigen
wollen. Schon bei Homer ist eine Fülle von vererbten
Formeln und epischen Erzählungsgesetzen wahrzunehmen
i n n e r h a l b  deren er tanzen mußte: und er selber
schuf neue Konventionen für die Kommenden hinzu. Dies
war die Erziehungs-Schule der griechischen Dichter:
zuerst also einen vielfältigen Zwang sich auferlegen
lassen durch die früheren Dichter; sodann einen neuen
Zwang hinzuerfinden, ihn sich auferlegen und ihn anmutig
besiegen: so daß Zwang und Sieg bemerkt und bewundert
werden.

141

F ü l l e   d e r   A u t o r e n.