Menschliches Allzumenschliches

Ein Buch für freie Geister

Inhaltsverzeichnis

Erster Band

Vorrede

Erstes Hauptstück: Von den ersten und letzten Dingen

Zweites Hauptstück: Zur Geschichte der moralischen Empfindungen

Drittes Hauptstück: Das religiöse Leben

Viertes Hauptstück: Aus der Seele der Künstler und Schriftsteller

Fünftes Hauptstück: Anzeichen höherer und niederer Kultur

Sechstes Hauptstück: Der Mensch im Verkehr

Siebentes Hauptstück: Weib und Kind

Achtes Hauptstück: Ein Blick auf den Staat

Neuntes Hauptstück: Der Mensch mit sich allein

Unter Freunden. Ein Nachspiel

Zweiter Band

Vorrede

Erste Abteilung: Vermischte Meinungen und Sprüche

Zweite Abteilung: Der Wanderer und sein Schatten


Erster Band

Vorrede

1

Es ist mir oft genug und immer mit großem Befremden

ausgedrückt worden, daß es etwas Gemeinsames

und Auszeichnendes an allen meinen Schriften gäbe, von der

"Geburt der Tragödie" an bis zum letzthin veröffentlichten

"Vorspiel einer Philosophie der Zukunft": sie enthielten

allesamt, hat man mir gesagt, Schlingen und Netze für

unvorsichtige Vögel und beinahe eine beständige unvermerkte

Aufforderung zur Umkehrung gewohnter Wertschätzungen

und geschätzter Gewohnheiten. Wie? A l l e s

nur - menschlich-allzumenschlich? Mit diesem Seufzer

komme man aus meinen Schriften heraus, nicht ohne eine

Art Scheu und Mißtrauen selbst gegen die Moral, ja nicht

übel versucht und ermutigt, einmal den Fürsprecher der

schlimmsten Dinge zu machen: wie als ob sie vielleicht

nur die bestverleumdeten seien? Man hat meine Schriften

eine Schule des Verdachts genannt, noch mehr der Verachtung,

glücklicherweise auch des Mutes, ja der Verwegenheit.

In der Tat, ich selbst glaube nicht, daß

jemals jemand mit einem gleich tiefen Verdachte in die

Welt gesehen hat, und nicht nur als gelegentlicher Anwalt

des Teufels, sondern ebenso sehr, theologisch zu reden, als

Feind und Vorforderer Gottes; und wer etwas von den

Folgen errät, die in jedem tiefen Verdachte liegen, etwas

von den Frösten und Ängsten der Vereinsamung, zu denen

jede unbedingte V e r s c h i e d e n h e i t des Blicks den mit

ihr Behafteten verurteilt, wird auch verstehn, wie oft ich

zur Erholung von mir, gleichsam zum zeitweiligen Selbstvergessen,

irgendwo unterzutreten suchte - in irgend

einer Verehrung oder Feindschaft oder Wissenschaftlichkeit

oder Leichtfertigkeit oder Dummheit; auch warum

ich, wo ich nicht fand, was ich b r a u c h t e, es mir künstlich

erzwingen, zurechtfälschen, zurechtdichten mußte

(- und was haben Dichter je anderes getan? und wozu

wäre alle Kunst in der Welt da?). Was ich aber immer

wieder am nötigsten brauchte, zu meiner Kur und Selbst-Wiederherstellung,

das war der Glaube, nicht dergestalt

einzeln zu sein, einzeln zu s e h n, - ein zauberhafter

Argwohn von Verwandtschaft und Gleichheit in Auge

und Begierde, ein Ausruhen im Vertrauen der Freundschaft,

eine Blindheit zu zweien ohne Verdacht und

Fragezeichen, ein Genuß an Vordergründen, Oberflächen,

Nahem, Nächstem, an allem, was Farbe, Haut und Scheinbarkeit

hat. Vielleicht, daß man mir in diesem Betrachte

mancherlei "Kunst", mancherlei feinere Falschmünzerei

vorrücken könnte: zum Beispiel, daß ich wissentlich-willentlich

die Augen vor Schopenhauers blindem Willen

zur Moral zugemacht hätte, zu einer Zeit, wo ich über

Moral schon hellsichtig genug war; insgleichen daß ich

mich über Richard Wagners unheilbare Romantik betrogen

hätte, wie als ob sie ein Anfang und nicht ein

Ende sei; insgleichen über die Griechen, insgleichen über

die Deutschen und ihre Zukunft - und es gäbe vielleicht

noch eine ganze lange Liste solcher Insgleichen? - gesetzt

aber, dies alles wäre wahr und mit gutem Grunde

mir vorgerückt, was wißt i h r davon, was k ö n n t e t ihr

davon wissen, wieviel List der Selbst-Erhaltung, wieviel

Vernunft und höhere Obhut in solchem Selbst-Betruge

enthalten ist, - und wieviel Falschheit mir noch

n o t t u t, damit ich mir immer wieder den Luxus m e i n e r

Wahrhaftigkeit gestatten darf? ! ... Genug, ich lebe

noch; und das Leben ist nun einmal nicht von der Moral

ausgedacht: es w i l l Täuschung, es l e b t von der

Täuschung ... aber nicht wahr? da beginne ich bereits

wieder und tue, was ich immer getan habe, ich alter Immoralist

und Vogelsteller - und rede unmoralisch, außermoralisch,

"jenseits von Gut und Böse"? -

2

- So habe ich denn einstmals, als ich es nötig hatte,

mir auch die "freien Geister" e r f u n d e n, denen dieses

schwermütig-mutige Buch mit dem Titel: "Menschliches,

Allzumenschliches" gewidmet ist: dergleichen "freie

Geister" gibt es nicht, gab es nicht, - aber ich hatte sie

damals, wie gesagt, zur Gesellschaft nötig, um guter

Dinge zu bleiben inmitten schlimmer Dinge (Krankheit,

Vereinsamung, Fremde, acedia, Untätigkeit): als tapfere

Gesellen und Gespenster, mit denen man schwätzt und

lacht, wenn man Lust hat zu schwätzen und zu lachen,

und die man zum Teufel schickt, wenn sie langweilig

werden, - als ein Schadenersatz für mangelnde Freunde.

Daß es dergleichen freie Geister einmal geben könnte,

daß unser Europa unter seinen Söhnen von Morgen und

Übermorgen solche muntere und verwegene Gesellen

haben w i r d, leibhaft und handgreiflich und nicht nur,

wie in meinem Falle, als Schemen und Einsiedler-Schattenspiel:

daran möchte ich am wenigsten zweifeln. Ich

sehe sie bereits k o m m e n, langsam, langsam; und vielleicht

tue ich etwas, um ihr Kommen zu beschleunigen,

wenn ich zum voraus beschreibe, unter welchen Schicksalen

ich sie entstehn, auf welchen Wegen ich sie kommen

s e h e ? - -

3

Man darf vermuten, daß ein Geist, in dem der Typus

"freier Geist" einmal bis zur Vollkommenheit reif und

süß werden soll, sein entscheidendes Ereignis in einer

g r o ß e n L o s l ö s u n g gehabt hat, und daß er vorher um

so mehr ein gebundener Geist war und für immer an

seine Ecke und Säule gefesselt schien. Was bindet am

festesten? welche Stricke sind beinahe unzerreißbar? Bei

Menschen einer hohen und ausgesuchten Art werden es

die Pflichten sein: jene Ehrfurcht, wie sie der Jugend

eignet, jene Scheu und Zartheit vor allem Altverehrten

und Würdigen, jene Dankbarkeit für den Boden, aus dem

sie wuchsen, für die Hand, die sie führte, für das Heiligtum,

wo sie anbeten lernten, - ihre höchsten Augenblicke

selbst werden sie am festesten binden, am dauerndsten

verpflichten. Die große Loslösung kommt für solchermaßen

Gebundene plötzlich, wie ein Erdstoß: die

junge Seele wird mit e i n e m Male erschüttert, losgerissen,

herausgerissen, - sie selbst versteht nicht, was sich

begibt. Ein Antrieb und Andrang waltet und wird über

sie Herr wie ein Befehl; ein Wille und Wunsch erwacht,

fortzugehn, irgendwohin, um jeden Preis; eine heftige

gefährliche Neugierde nach einer unentdeckten Welt

flammt und flackert in allen ihren Sinnen. "Lieber sterben,

als h i e r leben" - so klingt die gebieterische Stimme

und Verführung: und dies "hier", dies "zu Hause" ist

alles, was sie bis dahin geliebt hatte! Ein plötzlicher

Schrecken und Argwohn gegen das, was sie liebte, ein

Blitz von Verachtung gegen das, was ihr "Pflicht" hieß,

ein aufrührerisches, willkürliches, vulkanisch stoßendes

Verlangen nach Wanderschaft, Fremde, Entfremdung,

Erkältung, Ernüchterung, Vereisung, ein Haß auf die

Liebe, vielleicht ein tempelschänderischer Griff und Blick

r ü c k w ä r t s, dorthin, wo sie bis dahin anbetete und

liebte, vielleicht eine Glut der Scham über das, was sie

eben tat, und ein Frohlocken zugleich, d a ß sie es tat, ein

trunkenes, inneres, frohlockendes Schaudern, in dem sich

ein Sieg verrät - ein Sieg? über was? über wen? ein

rätselhafter, fragenreicher, fragwürdiger Sieg, aber der

e r s t e Sieg immerhin: - dergleichen Schlimmes und

Schmerzliches gehört zur Geschichte der großen Loslösung.

Sie ist eine Krankheit zugleich, die den Menschen

zerstören kann, dieser erste Ausbruch von Kraft

und Willen zur Selbstbestimmung, Selbst-Wertsetzung,

dieser Wille zum f r e i e n Willen: und wieviel Krankheit

drückt sich an den wilden Versuchen und Seltsamkeiten

aus, mit denen der Befreite, Losgelöste sich nunmehr

seine Herrschaft über die Dinge zu beweisen sucht!

Er schweift grausam umher, mit einer unbefriedigten

Lüsternheit; was er erbeutet, muß die gefährliche Spannung

seines Stolzes abbüßen; er zerreißt, was ihn reizt.

Mit einem bösen Lachen dreht er um, was er verhüllt,

durch irgend eine Scham geschont findet: er versucht,

wie diese Dinge aussehn, w e n n man sie umkehrt. Es

ist Willkür und Lust an der Willkür darin, wenn er

vielleicht nun seine Gunst dem zuwendet, was bisher

in schlechtem Rufe stand, - wenn er neugierig und

versucherisch um das Verbotenste schleicht. Im Hintergrunde

seines Treibens und Schweifens - denn er ist unruhig

und ziellos unterwegs wie in einer Wüste - steht

das Fragezeichen einer immer gefährlicheren Neugierde.

"Kann man nicht a l l e Werte umdrehn? und ist Gut

vielleicht Böse? und Gott nur eine Erfindung und Feinheit

des Teufels? Ist alles vielleicht im letzten Grunde falsch?

Und wenn wir Betrogene sind, sind wir nicht ebendadurch

auch Betrüger? m ü s s e n wir nicht auch Betrüger sein?"

- solche Gedanken führen und verführen ihn, immer

weiter fort, immer weiter ab. Die Einsamkeit umringt

und umringelt ihn, immer drohender, würgender, herzzuschnürender,

jene furchtbare Göttin und mater saeva

cupidinum - aber wer weiß es heute, was E i n s a m k e i t

ist? ...

4

Von dieser krankhaften Vereinsamung, von der Wüste

solcher Versuchs-Jahre ist der Weg noch weit bis zu

jener ungeheuren überströmenden Sicherheit und Gesundheit,

welche der Krankheit selbst nicht entraten mag, als

eines Mittels und Angelhakens der Erkenntnis, bis zu

jener r e i f e n Freiheit des Geistes, welche ebenso sehr

Selbstbeherrschung und Zucht des Herzens ist und die

Wege zu vielen und entgegengesetzten Denkweisen erlaubt -,

bis zu jener inneren Umfänglichkeit und Verwöhnung

des Überreichtums, welche die Gefahr ausschließt,

daß der Geist sich etwa selbst in die eignen

Wege verlöre und verliebte und in irgend einem Winkel

berauscht sitzen bliebe, bis zu jenem Überschuß an

plastischen, ausheilenden, nachbildenden und wiederherstellenden

Kräften, welcher eben das Zeichen der g r o ß e n

Gesundheit ist, jener Überschuß, der dem freien Geiste

das gefährliche Vorrecht gibt, a u f d e n V e r s u c h hin

leben und sich dem Abenteuer anbieten zu dürfen: das

Meisterschafts-Vorrecht des freien Geistes! Dazwischen

mögen lange Jahre der Genesung liegen, Jahre voll

vielfarbiger, schmerzlich-zauberhafter Wandlungen,

beherrscht und am Zügel geführt durch einen zähen W i l l e n

z u r G e s u n d h e i t, der sich oft schon als Gesundheit

zu kleiden und zu verkleiden wagt. Es gibt einen

mittleren Zustand darin, dessen ein Mensch solchen

Schicksals später nicht ohne Rührung eingedenk ist: ein

blasses, feines Licht- und Sonnenglück ist ihm zu eigen,

ein Gefühl von Vogel-Freiheit, Vogel-Umblick, Vogel-Übermut,

etwas Drittes, in dem sich Neugierde und zarte

Verachtung gebunden haben. Ein "freier Geist" - dies

kühle Wort tut in jenem Zustande wohl, es wärmt beinahe.

Man lebt, nickt mehr in den Fesseln von Liebe und

Haß, ohne Ja, ohne Mein, freiwillig nahe, freiwillig ferne,

am liebsten entschlüpfend, ausweichend, fortflatternd,

wieder weg, wieder emporfliegend; man ist verwöhnt,

wie jeder, der einmal ein ungeheures Vielerlei u n t e r

sich gesehn hat, - und man ward zum Gegenstück derer,

welche sich um Dinge bekümmern, die sie nichts angehn.

In der Tat, den freien Geist gehen nunmehr lauter Dinge

an - und wie viele Dinge! - welche ihn nicht mehr

b e k ü m m e r n ...

5

Ein Schritt weiter in der Genesung: und der freie

Geist nähert sich wieder dem Leben, langsam freilich,

fast widerspenstig, fast mißtrauisch. Es wird wieder

wärmer um ihn, gelber gleichsam; Gefühl und Mitgefühl

bekommen Tiefe, Tauwinde aller Art gehen über ihn

weg. Fast ist ihm zu Mute, als ob ihm jetzt erst die

Augen für das N a h e aufgingen. Er ist verwundert und

sitzt stille: wo w a r er doch? Diese nahen und nächsten

Dinge: wie scheinen sie ihm verwandelt! welchen Flaum

und Zauber haben sie inzwischen bekommen! Er blickt

dankbar zurück, - dankbar seiner Wanderschaft, seiner

Härte und Selbstentfremdung, seinen Fernblicken und

Vogelflügen in kalte Höhen. Wie gut, daß er nicht wie

ein zärtlicher dumpfer Eckensteher immer "zu Hause",

immer "bei sich" geblieben ist! Er war a u ß e r sich:

es ist kein Zweifel. Jetzt erst sieht er sich selbst -,

und welche Überraschungen findet er dabei! Welche unerprobten

Schauder! Welches Glück noch in der Müdigkeit,

der alten Krankheit, den Rückfällen des Genesenden!

Wie es ihm gefällt, leidend stillzusitzen, Geduld zu

spinnen, in der Sonne zu liegen! Wer versteht sich

gleich ihm auf das Glück im Winter, auf die Sonnenflecke

an der Mauer! Es sind die dankbarsten Tiere

von der Welt, auch die bescheidensten, diese dem Leben

wieder halb zugewendeten Genesenden und Eidechsen:

- es gibt solche unter ihnen, die keinen Tag von sich

lassen, ohne ihm ein kleines Loblied an den nachschleppenden

Saum zu hängen. Und ernstlich geredet: es ist

eine gründliche K u r gegen allen Pessimismus (den

Krebsschaden alter Idealisten und Lügenbolde, wie bekannt -),

auf die Art dieser freien Geister krank zu werden, eine

gute Weile krank zu bleiben und dann, noch länger,

noch länger, gesund, ich meine "gesünder" zu werden.

Es ist Weisheit darin, Lebens-Weisheit, sich die Gesundheit

selbst lange Zeit nur in kleinen Dosen zu verordnen. -

6

Um jene Zeit mag es endlich geschehn, unter den plötzlichen

Lichtern einer noch ungestümen, noch wechselnden

Gesundheit, daß dem freien, immer freieren Geiste sich

das Rätsel jener großen Loslösung zu entschleiern beginnt,

welches bis dahin dunkel, fragwürdig, fast unberührbar

in seinem Gedächtnisse gewartet hatte. Wenn

er sich lange kaum zu fragen wagte "warum so abseits?

so allein? allem entsagend, was ich verehrte? der Verehrung

selbst entsagend? warum diese Härte, dieser Argwohn,

dieser Haß auf die eigenen Tugenden?" - jetzt

wagt und fragt er es laut und hört auch schon etwas

wie Antwort darauf. "Du solltest Herr über dich werden,

Herr auch über die eigenen Tugenden. Früher waren

s i e deine Herren; aber sie dürfen nur deine Werkzeuge

neben andren Werkzeugen sein. Du solltest Gewalt über

dein Für und Wider bekommen und es verstehn lernen,

sie aus- und wieder einzuhängen, je nach deinem höheren

Zwecke. Du solltest das Perspektivische in jeder Wertschätzung

begreifen lernen - die Verschiebung, Verzerrung

und scheinbare Teleologie der Horizonte und

was alles zum Perspektivischen gehört; auch das Stück

Dummheit in bezug auf entgegengesetzte Werte und die

ganze intellektuelle Einbuße, mit der sich jedes Für,

jedes Wider bezahlt macht. Du solltest die n o t w e n d i g e

Ungerechtigkeit in jedem Für und Wider begreifen lernen,

die Ungerechtigkeit als unablösbar vom Leben, das

Leben selbst als b e d i n g t durch das Perspektivische und

seine Ungerechtigkeit. Du solltest vor allem mit Augen

sehn, wo die Ungerechtigkeit immer am größten ist: dort

nämlich, wo das Leben am kleinsten, engsten, dürftigsten,

anfänglichsten entwickelt ist und dennoch nicht

umhin kann, sich als Zweck und Maß der Dinge zu

nehmen und seiner Erhaltung zuliebe das Höhere,

Größere, Reichere heimlich und kleinlich und unablässig

anzubröckeln und in Frage zu stellen, - du solltest das

Problem der R a n g o r d n u n g mit Augen sehn, und wie

Macht und Recht und Umfänglichkeit der Perspektive

miteinander in die Höhe wachsen. Du solltest" - genug,

der freie Geist w e i ß nunmehr, welchem "du sollst" er

gehorcht hat, und auch, was er jetzt k a n n, was er jetzt

erst - d a r f ...

7

Dergestalt gibt der freie Geist in bezug auf jenes

Rätsel von Loslösung sich Antwort und endet damit,

indem er seinen Fall verallgemeinert, sich über sein Erlebnis

also zu entscheiden. "Wie es mir erging", sagt er

sich, muß es jedem ergehn, in dem eine Aufgabe leibhaft

werden und "zur Welt kommen" will. Die heimliche

Gewalt und Notwendigkeit dieser Aufgabe wird

unter und in seinen einzelnen Schicksalen walten gleich

einer unbewußten Schwangerschaft, - lange, bevor er

diese Aufgabe selbst ins Auge gefaßt hat und ihren

Namen weiß. Unsere Bestimmung verfügt über uns, auch

wenn wir sie noch nicht kennen; es ist die Zukunft, die

unserm Heute die Regel gibt. Gesetzt, daß es d a s P r o b l e m

d e r R a n g o r d n u n g ist, von dem wir sagen dürfen,

daß es u n s e r Problem ist, wir freien Geister: jetzt, in

dem Mittage unseres Lebens, verstehn wir es erst, was

für Vorbereitungen, Umwege, Proben, Versuchungen,

Verkleidungen das Problem nötig hatte, ehe es vor uns

aufsteigen d u r f t e, und wie wir erst die vielfachsten und

widersprechendsten Not- und Glücksstände an Seele und

Leib erfahren mußten, als Abenteurer und Weltumsegler

jener inneren Welt, die "Mensch" heißt, als Ausmesser

jedes "Höher" und "Übereinander", das gleichfalls

"Mensch" heißt - überallhin dringend, fast ohne Furcht,

nichts verschmähend, nichts verlierend, alles auskostend,

alles vom Zufälligen reinigend und gleichsam aussiebend,

- bis wir endlich sagen durften, wir freien Geister:

"Hier - ein n e u e s Problem! Hier eine lange Leiter,

auf deren Sprossen wir selbst gesessen und gestiegen sind,

- die wir selbst irgendwann g e w e s e n sind! Hier ein

Höher, ein Tiefer, ein Unter-uns, eine ungeheure lange

Ordnung, eine Rangordnung, die w i r sehen: hier -

u n s e r Problem!" - -

8

- Es wird keinem Psychologen und Zeichendeuter

einen Augenblick verborgen bleiben, an welche Stelle der

eben geschilderten Entwicklung das vorliegende Buch gehört

(oder g e s t e l l t ist -). Aber wo gibt es heute Psychologen?

In Frankreich, gewiß; vielleicht in Rußland;

sicherlich nicht in Deutschland. Es fehlt nicht an Gründen,

weshalb sich dies die heutigen Deutschen sogar noch

zur Ehre anrechnen könnten: schlimm genug für e i n e n,

der in diesem Stücke undeutsch geartet und geraten ist!

Dies d e u t s c h e Buch, welches in einem weiten Umkreis

von Ländern und Völkern seine Leser zu finden gewußt

hat - es ist ungefähr zehn Jahre unterwegs - und sich

auf irgend welche Musik und Flötenkunst verstehn m u ß,

durch die auch spröde Ausländerohren zum Horchen verführt

werden, - gerade in Deutschland ist dies Buch am

nachlässigsten gelesen, am schlechtesten g e h ö r t worden:

woran liegt das? - "Es verlangt zu viel", hat man mir

geantwortet, "es wendet sich an Menschen ohne die

Drangsal grober Pflichten, es will feine und verwöhnte

Sinne, es hat Überfluß nötig, Überfluß an Zeit, an Helligkeit

des Himmels und Herzens, an otium im verwegensten

Sinne: - lauter gute Dinge, die wir Deutschen von

heute nicht haben und also auch nicht geben können."

- Nach einer so artigen Antwort rät mir meine Philosophie,

zu schweigen und nicht mehr weiter zu fragen;

zumal man in gewissen Fällen, wie das Sprichwort andeutet,

nur dadurch Philosoph b l e i b t, daß man -

schweigt.

N i z z a, im Frühling 1886

Erstes Hauptstück:Von den ersten und letzten Dingen

1

C h e m i e d e r B e g r i f f e u n d E m p f i n d u n g e n.

- Die philosophischen Probleme nehmen jetzt wieder

fast in allen Stücken dieselbe Form der Frage an wie vor

zweitausend Jahren: wie kann etwas aus seinem Gegensatz

entstehen, zum Beispiel Vernünftiges aus Vernunftlosem,

Empfindendes aus Totem, Logik aus Unlogik, interesseloses

Anschauen aus begehrlichem Wollen, Leben für

andere aus Egoismus, Wahrheit aus Irrtümern? Die

metaphysische Philosophie half sich bisher über diese

Schwierigkeit hinweg, insofern sie die Entstehung des

einen aus dem andern leugnete und für die höher gewerteten

Dinge einen Wunder-Ursprung annahm, unmittelbar

aus dem Kern und Wesen des "Dinges an sich" heraus.

Die historische Philosophie dagegen, welche gar

nicht mehr getrennt von der Naturwissenschaft zu denken

ist, die allerjüngste aller philosophischen Methoden, ermittelte

in einzelnen Fällen (und vermutlich wird dies in

allen ihr Ergebnis sein), daß es keine Gegensätze sind,

außer in der gewohnten Übertreibung der populären oder

metaphysischen Auffassung, und daß ein Irrtum der Vernunft

dieser Gegenüberstellung zugrunde liegt: nach

ihrer Erklärung gibt es, streng gefaßt, weder ein

unegoistisches Handeln, noch ein völlig interesseloses

Anschauen, es sind beides nur Sublimierungen, bei denen

das Grundelement fast verflüchtigt erscheint und nur

noch für die feinste Beobachtung sich als vorhanden erweist. -

Alles, was wir brauchen und was erst bei der

gegenwärtigen Höhe der einzelnen Wissenschaften uns

gegeben werden kann, ist eine Chemie der moralischen,

religiösen, ästhetischen Vorstellungen und Empfindungen,

ebenso aller jener Regungen, welche wir im Groß- und

Kleinverkehr der Kultur und Gesellschaft, ja in der

Einsamkeit an uns erleben: wie, wenn diese Chemie mit dem

Ergebnis abschlösse, daß auch auf diesem Gebiete die

herrlichsten Farben aus niedrigen, ja verachteten Stoffen

gewonnen sind? Werden viele Lust haben, solchen Untersuchungen

zu folgen? Die Menschheit liebt es, die Fragen

über Herkunft und Anfänge sich aus dem Sinne zu schlagen:

muß man nicht fast entmenscht sein, - um den

entgegengesetzten Hang in sich zu spüren? -

2

E r b f e h l e r d e r P h i l o s o p h e n. - Alle Philosophen

haben den gemeinsamen Fehler an sich, daß sie vom

gegenwärtigen Menschen ausgehen und durch eine Analyse

desselben ans Ziel zu kommen meinen. Unwillkürlich

schwebt ihnen "der Mensch" als eine aeterna veritas,

als ein Gleichbleibendes in allem Strudel, als ein sichres

Maß der Dinge vor. Alles, was der Philosoph über den

Menschen aussagt, ist aber im Grunde nicht mehr als ein

Zeugnis über den Menschen eines s e h r b e s c h r ä n k t e n

Zeitraums. Mangel an historischem Sinn ist der Erbfehler

aller Philosophen; manche sogar nehmen unversehens

die allerjüngste Gestaltung des Menschen, wie

eine solche unter dem Eindruck bestimmter Religionen,

ja bestimmter politischer Ereignisse entstanden ist, als

die feste Form, von der man ausgehen müsse. Sie wollen

nicht lernen, daß der Mensch geworden ist, daß auch das

Erkenntnisvermögen geworden ist; während einige von

ihnen sogar die ganze Welt aus diesem Erkenntnisvermögen

sich herausspinnen lassen. - Nun ist alles

W e s e n t l i c h e der menschlichen Entwicklung in Urzeiten

vor sich gegangen, lange vor jenen 4000 Jahren, die wir

ungefähr kennen; in diesen mag sich der Mensch nicht

viel mehr verändert haben. Da sieht aber der Philosoph

"Instinkte" am gegenwärtigen Menschen und nimmt an,

daß diese zu den unveränderlichen Tatsachen des Menschen

gehören und insofern einen Schlüssel zum Verständnis

der Welt überhaupt abgeben können: die ganze Teleologie

ist darauf gebaut, daß man vom Menschen der

letzten vier Jahrtausende als von einem e w i g e n redet,

zu welchem hin alle Dinge in der Welt von ihrem Anbeginne

eine natürliche Richtung haben. Alles aber ist

geworden; es gibt k e i n e e w i g e n T a t s a c h e n : so wie

es keine absoluten Wahrheiten gibt. - Demnach ist das

h i s t o r i s c h e P h i l o s o p h i e r e n von jetzt ab nötig und

mit ihm die Tugend der Bescheidung.

3

S c h ä t z u n g d e r u n s c h e i n b a r e n W a h r h e i t e n.

Es ist das Merkmal einer höheren Kultur, die kleinen

unscheinbaren Wahrheiten, welche mit strenger Methode

gefunden wurden, höher zu schätzen als die beglückenden

und blendenden Irrtümer, welche metaphysischen und

künstlerischen Zeitaltern und Menschen entstammen.

Zunächst hat man gegen erstere den Hohn auf den Lippen,

als könne hier gar nichts Gleichberechtigtes gegeneinander

stehen: so bescheiden, schlicht, nüchtern, ja scheinbar

entmutigend stehen diese, so schön, prunkend, berauschend,

ja vielleicht beseligend stehen jene da. Aber das

Mühsam-Errungene, Gewisse, Dauernde und deshalb für jede

weitere Erkenntnis noch Folgenreiche ist doch das Höhere;

zu ihm sich zu halten ist männlich und zeigt Tapferkeit,

Schlichtheit, Enthaltsamkeit an. Allmählich wird nicht

nur der einzelne, sondern die gesamte Menschheit zu

dieser Männlichkeit emporgehoben werden, wenn sie sich

endlich an die höhere Schätzung der haltbaren, dauerhaften

Erkenntnisse gewöhnt und allen Glauben an Inspiration

und wundergleiche Mitteilung von Wahrheiten

verloren hat. - Die Verehrer der F o r m e n freilich, mit

ihrem Maßstabe des Schönen und Erhabenen, werden zunächst

gute Gründe zu spotten haben, sobald die Schätzung

der unscheinbaren Wahrheiten und der wissenschaftliche

Geist anfängt zur Herrschaft zu kommen: aber nur

weil entweder ihr Auge sich noch nicht dem Reiz der

s c h l i c h t e s t e n Form erschlossen hat oder weil die in

jenem Geiste erzogenen Menschen noch lange nicht völlig

und innerlich von ihm durchdrungen sind, so daß sie

immer noch gedankenlos alte Formen nachmachen (und

dies schlecht genug, wie es jemand tut, dem nicht mehr

viel an einer Sache liegt). Ehemals war der Geist nicht

durch strenges Denken in Anspruch genommen, da lag

sein Ernst im Ausspinnen von Symbolen und Formen.

Das hat sich verändert; jener Ernst des Symbolischen ist

zum Kennzeichen der niederen Kultur geworden. Wie

unsere Künste selber immer intellektualer, unsre Sinne

geistiger werden, und wie man zum Beispiel jetzt ganz

anders darüber urteilt, was sinnlich wohltönend ist, als

vor 100 Jahren: so werden auch die Formen unseres

Lebens immer g e i s t i g e r, für das Auge älterer Zeiten

vielleicht h ä ß l i c h e r, aber nur weil es nicht zu sehen

vermag, wie das Reich der inneren, geistigen Schönheit

sich fortwährend vertieft und erweitert und inwiefern

uns allen der geistreiche Blick jetzt mehr gelten darf als

der schönste Gliederbau und das erhabenste Bauwerk.

4

A s t r o l o g i e u n d V e r w a n d t e s. - Es ist wahrscheinlich,

daß die Objekte des religiösen, moralischen und

ästhetischen Empfindens ebenfalls nur zur Oberfläche der

Dinge gehören, während der Mensch gern glaubt, daß er

hier wenigstens an das Herz der Welt rühre; er täuscht

sich, weil jene Dinge ihn so tief beseligen und so tief

unglücklich machen, und zeigt also hier denselben Stolz

wie bei der Astrologie. Denn diese meint, der Sternenhimmel

drehe sich um das Los des Menschen; der moralische

Mensch aber setzt voraus, das, was ihm wesentlich

am Herzen liege, müsse auch Wesen und Herz der Dinge

sein.

5

M i ß v e r s t ä n d n i s d e s T r a u m e s. - Im Traum

glaubte der Mensch in den Zeitaltern roher uranfänglicher

Kultur eine z w e i t e r e a l e W e l t kennen zu lernen;

hier ist der Ursprung aller Metaphysik. Ohne den Traum

hätte man keinen Anlaß zu einer Scheidung der Welt

gefunden. Auch die Zerlegung in Seele und Leib hängt

mit der ältesten Auffassung des Traumes zusammen,

ebenso die Annahme eines Seelenscheinleibes, also die

Herkunft alles Geisterglaubens und wahrscheinlich auch

des Götterglaubens. "Der Tote lebt fort; d e n n er

erscheint dem Lebenden im Traume": so schloß man ehedem,

durch viele Jahrtausende hindurch.

6

D e r G e i s t d e r W i s s e n s c h a f t i m T e i l, n i c h t i m

G a n z e n m ä c h t i g. - Die abgetrennten k l e i n s t e n

Gebiete der Wissenschaft werden rein sachlich behandelt:

die allgemeinen großen Wissenschaften dagegen legen, als

Ganzes betrachtet, die Frage - eine recht unsachliche

Frage freilich - auf die Lippen, wozu? zu welchem

Nutzen? Wegen dieser Rücksicht auf den Nutzen werden

sie, als Ganzes, weniger unpersönlich als in ihren Teilen

behandelt. Bei der Philosophie nun gar, als bei der Spitze

der gesamten Wissenspyramide, wird unwillkürlich die

Frage nach dem Nutzen der Erkenntnis überhaupt aufgeworfen,

und jede Philosophie hat unbewußt die Absicht,

ihr den h ö c h s t e n Nutzen zuzuschreiben. Deshalb

gibt es in allen Philosophien soviel hochfliegende Metaphysik

und eine solche Scheu vor den unbedeutend erscheinenden

Lösungen der Physik; denn die Bedeutsamkeit

der Erkenntnis für das Leben s o l l so groß als

möglich erscheinen. Hier ist der Antagonismus zwischen den

wissenschaftlichen Einzelgebieten und der Philosophie.

Letztere will, was die Kunst will, dem Leben und Handeln

möglichste Tiefe und Bedeutung geben; in ersteren

sucht man Erkenntnis und nichts weiter - was dabei

auch herauskomme. Es hat bis jetzt noch keinen Philosophen

gegeben, unter dessen Händen die Philosophie

nicht zu einer Apologie der Erkenntnis geworden wäre;

in diesem Punkte wenigstens ist ein jeder Optimist,

daß dieser die höchste Nützlichkeit zugesprochen werden

müsse. Sie alle werden von der Logik tyrannisiert: und

diese ist ihrem Wesen nach Optimismus.

7

D e r S t ö r e n f r i e d i n d e r W i s s e n s c h a f t. - Die

Philosophie schied sich von der Wissenschaft, als sie die

Frage stellte: welches ist diejenige Erkenntnis der Welt

und des Lebens, bei welcher der Mensch am glücklichsten

lebt? Dies geschah in den sokratischen Schulen: durch

den Gesichtspunkt des G l ü c k s unterband man die Blutadern

der wissenschaftlichen Forschung - und tut es

heute noch.

8

P n e u m a t i s c h e E r k l ä r u n g d e r N a t u r. - Die

Metaphysik erklärt die Schrift der Natur gleichsam

p n e u m a t i s c h, wie die Kirche und ihre Gelehrten es ehemals

mit der Bibel taten. Es gehört sehr viel Verstand dazu,

um auf die Natur dieselbe Art der strengen Erklärungskunst

anzuwenden, wie jetzt die Philologen sie für alle

Bücher geschaffen haben: mit der Absicht, schlicht zu

verstehen, was die Schrift sagen will, aber nicht einen

d o p p e l t e n Sinn zu wittern, ja vorauszusetzen. Wie aber

selbst in betreff der Bücher die schlechte Erklärungskunst

keineswegs völlig überwunden ist und man in der

besten gebildeten Gesellschaft noch fortwährend auf

Überreste allegorischer und mystischer Ausdeutung stößt:

so steht es auch in betreff der Natur - ja noch viel

schlimmer.

9

M e t a p h y s i s c h e W e l t. - Es ist wahr, es k ö n n t e

eine metaphysische Welt geben; die absolute Möglichkeit

davon ist kaum zu bekämpfen. Wir sehen alle Dinge

durch den Menschenkopf an und können diesen Kopf

nicht abschneiden; während doch die Frage übrig bleibt,

was von der Welt noch da wäre, wenn man ihn doch

abgeschnitten hätte. Dies ist ein rein wissenschaftliches

Problem und nicht sehr geeignet, den Menschen Sorge

zu machen; aber alles, was ihnen bisher metaphysische

Annahmen w e r t v o l l, s c h r e c k e n v o l l, l u s t v o l l gemacht,

was sie erzeugt hat, ist Leidenschaft, Irrtum

und Selbstbetrug; die allerschlechtesten Methoden der

Erkenntnis, nicht die allerbesten, haben daran glauben

lehren. Wenn man diese Methoden, als das Fundament

aller vorhandenen Religionen und Metaphysiken aufgedeckt

hat, hat man sie widerlegt. Dann bleibt immer

noch jene Möglichkeit übrig; aber mit ihr kann man gar

nichts anfangen, geschweige denn, daß man Glück, Heil

und Leben von den Spinnenfäden einer solchen Möglichkeit

abhängen lassen dürfte. - Denn man könnte von

der metaphysischen Welt gar nichts aussagen als ein

Anderssein, ein uns unzugängliches unbegreifliches

Anderssein; es wäre ein Ding mit negativen Eigenschaften.

- Wäre die Existenz einer solchen Welt noch so gut bewiesen,

so stünde doch fest, daß die gleichgültigste aller

Erkenntnisse eben ihre Erkenntnis wäre: noch gleichgültiger

als dem Schiffer in Sturmesgefahr die Erkenntnis

von der chemischen Analysis des Wassers sein muß.

10

H a r m l o s i g k e i t d e r M e t a p h y s i k i n d e r Z u k u n f t.

- Sobald die Religion, Kunst und Moral in ihrer

Entstehung so beschrieben sind, daß man sie vollständig

sich erklären kann, ohne zur Annahme m e t a p h y s i s c h e r

E i n g r i f f e am Beginn und im Verlaufe der Bahn seine

Zuflucht zu nehmen, hört das stärkste Interesse an dem

rein theoretischen Problem vom "Ding an sich" und der

"Erscheinung" auf. Denn wie es hier auch stehe: mit

Religion, Kunst und Moral rühren wir nicht an das

"Wesen der Welt an sich"; wir sind im Bereiche der

Vorstellung, keine "Ahnung" kann uns weitertragen. Mit

voller Ruhe wird man die Frage, wie unser Weltbild so

stark sich von dem erschlossenen Wesen der Welt unterscheiden

könne, der Physiologie und der Entwicklungsgeschichte

der Organismen und Begriffe überlassen.

11

D i e S p r a c h e a l s v e r m e i n t l i c h e W i s s e n s c h a f t.

Die Bedeutung der Sprache für die Entwicklung der

Kultur liegt darin, daß in ihr der Mensch eine eigne

Welt neben die andere stellte, einen Ort, welchen er für

so fest hielt, um von ihm aus die übrige Welt aus den

Angeln zu heben und sich zum Herren derselben zu

machen. Insofern der Mensch an die Begriffe und Namen

der Dinge als an a e t e r n a e v e r i t a t e s durch lange

Zeitstrecken hindurch geglaubt hat, hat er sich jenen

Stolz angeeignet, mit dem er sich über das Tier erhob:

er meinte wirklich in der Sprache die Erkenntnis der

Welt zu haben. Der Sprachbildner war nicht so bescheiden

zu glauben, daß er den Dingen eben nur Bezeichnungen

gebe, er drückte vielmehr, wie er wähnte, das

höchste Wissen über die Dinge mit den Worten aus; in

der Tat ist die Sprache die erste Stufe der Bemühung

um die Wissenschaft. Der G l a u b e a n d i e g e f u n d e n e

W a h r h e i t ist es auch hier, aus dem die mächtigsten

Kraftquellen geflossen sind. Sehr nachträglich - jetzt

erst - dämmert es den Menschen auf, daß sie einen

ungeheuren Irrtum in ihrem Glauben an die Sprache propagiert

haben. Glücklicherweise ist es zu spät, als daß

es die Entwicklung der Vernunft, die auf jenem Glauben

beruht, wieder rückgängig machen könnte. - Auch die

L o g i k beruht auf Voraussetzungen, denen nichts in der

wirklichen Welt entspricht, z. B. auf der Voraussetzung

der Gleichheit von Dingen, der Identität desselben Dings

in verschiedenen Punkten der Zeit: aber jene Wissenschaft

entstand durch den entgegengesetzten Glauben

(daß es dergleichen in der wirklichen Welt allerdings

gebe). Ebenso steht es mit der M a t h e m a t i k, welche

gewiß nicht entstanden wäre, wenn man von Anfang an

gewußt hätte, daß es in der Natur keine exakt gerade Linie,

keinen wirklichen Kreis, kein absolutes Größenmaß gebe.

12

T r a u m u n d K u l t u r. - Die Gehirnfunktion, welche

durch den Schlaf am meisten beeinträchtigt wird, ist

das Gedächtnis: nicht daß es ganz pausierte - aber es

ist auf einen Zustand der Unvollkommenheit zurückgebracht,

wie es in Urzeiten der Menschheit bei jedermann

am Tage und im Wachen gewesen sein mag. Willkürlich

und verworren, wie es ist, verwechselt es fortwährend

die Dinge auf Grund der flüchtigsten Ähnlichkeiten:

aber mit derselben Willkür und Verworrenheit

dichteten die Völker ihre Mythologien, und noch jetzt

pflegen Reisende zu beobachten, wie sehr der Wilde zur

Vergeßlichkeit neigt, wie sein Geist nach kurzer

Anspannung des Gedächtnisses hin und her zu taumeln

beginnt und er, aus bloßer Erschlaffung, Lügen und Unsinn

hervorbringt. Aber wir alle gleichen im Traume diesem

Wilden; das schlechte Wiedererkennen und irrtümliche

Gleichsetzen ist der Grund des schlechten Schließens,

dessen wir uns im Traume schuldig machen: so daß wir,

bei deutlicher Vergegenwärtigung eines Traumes, vor uns

erschrecken, weil wir soviel Narrheit in uns bergen. -

Die vollkommene Deutlichkeit aller Traumvorstellungen,

welche den unbedingten Glauben an ihre Realität zur

Voraussetzung hat, erinnert uns wieder an Zustände

früherer Menschheit, in der die Halluzination

außerordentlich häufig war und mitunter ganze Gemeinden,

ganze Völker gleichzeitig ergriff. Also: im Schlaf und

Traum machen wir das Pensum früheren Menschentums

noch einmal durch.

13

L o g i k d e s T r a u m e s. - Im Schlafe ist fortwährend

unser Nervensystem durch mannigfache innere Anlässe in

Erregung, fast alle Organe sezernieren und sind in Tätigkeit,

das Blut macht seinen ungestümen Kreislauf, die

Lage des Schlafenden drückt einzelne Glieder, seine Decken

beeinflussen die Empfindung verschiedenartig, der

Magen verdaut und beunruhigt mit seinen Bewegungen

andere Organe, die Gedärme winden sich, die Stellung

des Kopfes bringt ungewöhnliche Muskellagen mit sich,

die Füße, unbeschuht, nicht mit den Sohlen den Boden

drückend, verursachen das Gefühl des Ungewöhnlichen

ebenso wie die andersartige Bekleidung des ganzen Körpers,

- alles dies, nach seinem täglichen Wechsel und

Grade, erregt durch seine Außergewöhnlichkeit das gesamte

System bis in die Gehirnfunktion hinein: und so

gibt es hundert Anlässe für den Geist, um sich zu

verwundern und nach G r ü n d e n dieser Erregung zu suchen:

der Traum aber ist das S u c h e n u n d V o r s t e l l e n d e r

U r s a c h e n für jene erregten Empfindungen, das heißt

der vermeintlichen Ursachen. Wer zum Beispiel seine

Füße mit zwei Riemen umgürtet, träumt wohl, daß zwei

Schlangen seine Füße umringeln: dies ist zuerst eine

Hypothese, sodann ein Glaube, mit einer begleitenden

bildlichen Vorstellung und Ausdichtung: "diese Schlangen

müssen die causa jener Empfindung sein, welche ich,

der Schlafende, habe", - so urteilt der Geist des Schlafenden.

Die so erschlossene nächste Vergangenheit wird

durch die erregte Phantasie ihm zur Gegenwart. So weiß

jeder aus Erfahrung, wie schnell der Träumende einen

starken an ihn dringenden Ton, zum Beispiel Glockenläuten,

Kanonenschüsse in seinen Traum verflicht, das

heißt aus ihm h i n t e r d r e i n erklärt, so daß er zuerst

die veranlassenden Umstände, dann jenen Ton zu erleben

m e i n t. - Wie kommt es aber, daß der Geist des Träumenden

immer so fehl greift, während derselbe Geist im

Wachen so nüchtern, behutsam und in bezug auf Hypothesen

so skeptisch zu sein pflegt? - so daß ihm die

erste beste Hypothese zur Erklärung eines Gefühls genügt,

um sofort an ihre Wahrheit zu glauben? (Denn

wir glauben im Traume an den Traum, als sei er Realität,

das heißt wir halten unsre Hypothese für völlig

erwiesen.) - Ich meine: wie jetzt noch der Mensch im

Traume schließt, schloß die Menschheit a u c h i m

W a c h e n viele Jahrtausende hindurch: die erste causa, die

dem Geiste einfiel, um irgend etwas, das der Erklärung

bedurfte, zu erklären, genügte ihm und galt als Wahrheit.

(So verfahren nach den Erzählungen der Reisenden

die Wilden heute noch.) Im Traum übt sich dieses uralte

Stück Menschentum in uns fort, denn es ist die Grundlage,

auf der die höhere Vernunft sich entwickelte und

in jedem Menschen sich noch entwickelt: der Traum

bringt uns in ferne Zustände der menschlichen Kultur

wieder zurück und gibt ein Mittel an die Hand, sie

besser zu verstehen. Das Traumdenken wird uns jetzt so

leicht, weil wir in ungeheuren Entwicklungsstrecken der

Menschheit gerade auf diese Form des phantastischen und

wohlfeilen Erklärens aus dem ersten beliebigen Einfalle

heraus so gut eingedrillt worden sind. Insofern ist der

Traum eine Erholung für das Gehirn, welches am Tage

den strengeren Anforderungen an das Denken zu genügen

hat, wie sie von der höheren Kultur gestellt werden. -

Einen verwandten Vorgang können wir geradezu als

Pforte und Vorhalle des Traumes noch bei wachem Verstande

in Augenschein nehmen. Schließen wir die Augen,

so produziert das Gehirn eine Menge von Lichteindrücken

und Farben, wahrscheinlich als eine Art Nachspiel und

Echo aller jener Lichtwirkungen, welche am Tage auf dasselbe

eindringen. Nun verarbeitet aber der Verstand (mit

der Phantasie im Bunde) diese an sich formlosen Farbenspiele

sofort zu bestimmten Figuren, Gestalten, Landschaften,

belebten Gruppen. Der eigentliche Vorgang dabei

ist wiederum eine Art Schluß von der Wirkung auf

die Ursache; indem der Geist fragt: woher diese Lichteindrücke

und Farben, supponiert er als Ursachen jene

Figuren, Gestalten: sie gelten ihm als die Veranlassungen

jener Farben und Lichter, weil er, am Tage, bei offenen

Augen, gewohnt ist, zu jeder Farbe, jedem Lichteindruck

eine veranlassende Ursache zu finden. Hier also schiebt

ihm die Phantasie fortwährend Bilder vor, indem sie an

die Gesichtseindrücke des Tages sich in ihrer Produktion

anlehnt, und geradeso macht es die Traumphantasie: -

das heißt die vermeintliche Ursache wird aus der Wirkung

erschlossen und n a c h der Wirkung vorgestellt:

alles dies mit außerordentlicher Schnelligkeit, so daß hier

wie beim Taschenspieler eine Verwirrung des Urteils

entstehen und ein Nacheinander sich wie etwas Gleichzeitiges,

selbst wie ein umgedrehtes Nacheinander ausnehmen kann. -

Wir können aus diesen Vorgängen entnehmen,

w i e s p ä t das schärfere logische Denken, das

Strengnehmen von Ursache und Wirkung entwickelt worden

ist, wenn unsere Vernunft- und Verstandesfunktionen

j e t z t n o c h unwillkürlich nach jenen primitiven Formen

des Schließens zurückgreifen und wir ziemlich die Hälfte

unseres Lebens in diesem Zustande leben. - Auch der

Dichter, der Künstler s c h i e b t seinen Stimmungen und

Zuständen Ursachen u n t e r, welche durchaus nicht die

wahren sind; er erinnert insofern an älteres Menschentum

und kann uns zum Verständnisse desselben verhelfen.

14

M i t e r k l i n g e n. - Alle s t ä r k e r e n Stimmungen

bringen ein Miterklingen verwandter Empfindungen und

Stimmungen mit sich: sie wühlen gleichsam das Gedächtnis

auf. Es erinnert sich bei ihnen etwas in uns und

wird sich ähnlicher Zustände und deren Herkunft bewußt.

So bilden sich angewöhnte rasche Verbindungen

von Gefühlen und Gedanken, welche zuletzt, wenn sie

blitzschnell hintereinander erfolgen, nicht einmal mehr

als Komplexe, sondern als E i n h e i t e n empfunden

werden. In diesem Sinne redet man vom moralischen Gefühle,

vom religiösen Gefühle, wie als ob dies lauter Einheiten

seien: in Wahrheit sind sie Ströme mit hundert Quellen

und Zuflüssen. Auch hier, wie so oft, verbürgt die

Einheit des Wortes nichts für die Einheit der Sache.

15

K e i n I n n e n u n d A u ß e n i n d e r W e l t. - Wie

Demokrit die Begriffe Oben und Unten auf den unendlichen

Raum übertrug, wo sie keinen Sinn haben, so die Philosophen

überhaupt den Begriff "Innen und Außen" auf

Wesen und Erscheinung der Welt; sie meinen, mit tiefen

Gefühlen komme man tief ins Innere, nahe man sich dem

Herzen der Natur. Aber diese Gefühle sind nur insofern

tief, als mit ihnen, kaum bemerkbar, gewisse komplizierte

Gedankengruppen regelmäßig erregt werden, welche wir

tief nennen; ein Gefühl ist tief, weil wir den begleitenden

Gedanken für tief halten. Aber der "tiefe" Gedanke

kann dennoch der Wahrheit sehr fern sein, wie zum Beispiel

jeder metaphysische; rechnet man vom tiefen Gefühle

die beigemischten Gedankenelemente ab, so bleibt

das s t a r k e Gefühl übrig und dieses verbürgt nichts für

die Erkenntnis als sich selbst, ebenso wie der starke

Glaube nur seine Stärke, nicht die Wahrheit des Geglaubten beweist.

16

E r s c h e i n u n g u n d D i n g a n s i c h. - Die Philosophen

pflegen sich vor das Leben und die Erfahrung

- vor das, was sie die Welt der Erscheinung nennen -

wie vor ein Gemälde hinzustellen, das ein für allemal

entrollt ist und unveränderlich fest denselben Vorgang

zeigt: diesen Vorgang, meinen sie, müsse man richtig

ausdeuten, um damit einen Schluß auf das Wesen zu

machen, welches das Gemälde hervorgebracht habe: also

auf das Ding an sich, das immer als der zureichende

Grund der Welt der Erscheinung angesehen zu werden

pflegt. Dagegen haben strengere Logiker, nachdem sie

den Begriff des Metaphysischen scharf als den des Unbedingten,

folglich auch Unbedingenden festgestellt hatten,

jeden Zusammenhang zwischen dem Unbedingten

(der metaphysischen Welt) und der uns bekannten Welt

in Abrede gestellt: so daß in der Erscheinung eben durchaus

n i c h t das Ding an sich erscheine, und von jener auf

dieses jeder Schluß abzulehnen sei. Von beiden Seiten ist

aber die Möglichkeit übersehen, daß jenes Gemälde -

das, was jetzt uns Menschen Leben und Erfahrung heißt

- allmählich g e w o r d e n ist, ja noch völlig im W e r d e n

ist und deshalb nicht als feste Größe betrachtet werden

soll, von welcher aus man einen Schluß über den Urheber

(den zureichenden Grund) machen oder auch nur ablehnen

dürfte. Dadurch, daß wir seit Jahrtausenden mit moralischen,

ästhetischen, religiösen Ansprüchen, mit blinder

Neigung, Leidenschaft oder Furcht in die Welt geblickt

und uns in den Unarten des unlogischen Denkens recht

ausgeschwelgt haben, ist diese Welt allmählich so wundersam

bunt, schrecklich, bedeutungstief, seelenvoll g e w o r d e n,

sie hat Farbe bekommen, - aber wir sind die

Koloristen gewesen: der menschliche Intellekt hat die

Erscheinung erscheinen lassen und seine irrtümlichen

Grundauffassungen in die Dinge hineingetragen. Spät, sehr

spät - besinnt er sich: und jetzt scheinen ihm die Welt

der Erfahrung und das Ding an sich so außerordentlich

verschieden und getrennt, daß er den Schluß von jener

auf dieses ablehnt - oder auf eine schauerlich geheimnisvolle

Weise zum A u f g e b e n unseres Intellektes, unseres

persönlichen Willens auffordert: um d a d u r c h zum

Wesenhaften zu kommen, daß man w e s e n h a f t w e r d e.

Wiederum haben andere alle charakteristischen Züge

unserer Welt der Erscheinung - das heißt der aus

intellektuellen Irrtümern herausgesponnenen und uns

angeerbten Vorstellung von der Welt - zusammengelesen

und, s t a t t d e n I n t e l l e k t a l s S c h u l d i g e n a n z u k l a g e n,

das Wesen der Dinge als Ursache dieses tatsächlichen,

sehr unheimlichen Weltcharakters angeschuldigt

und die Erlösung vom Sein gepredigt. - Mit all

diesen Auffassungen wird der stetige und mühsame Prozeß

der Wissenschaft, welcher zuletzt einmal in einer

E n t s t e h u n g s g e s c h i c h t e d e s D e n k e n s seinen höchsten

Triumph feiert, in entscheidender Weise fertig werden,

dessen Resultat vielleicht auf diesen Satz hinauslaufen

dürfte: Das, was wir jetzt die Welt nennen, ist

das Resultat einer Menge von Irrtümern und Phantasien,

welche in der gesamten Entwicklung der organischen

Wesen allmählich entstanden, ineinander verwachsen sind

und uns jetzt als aufgesammelter Schatz der ganzen Vergangenheit

vererbt werden, - als Schatz: denn der W e r t

unseres Menschentums ruht darauf. Von dieser Welt der

Vorstellung vermag uns die strenge Wissenschaft

tatsächlich nur in geringem Maße zu lösen - wie es auch

gar nicht zu wünschen ist -, insofern sie die Gewalt uralter

Gewohnheiten der Empfindung nicht wesentlich zu

brechen vermag: aber sie kann die Geschichte der Entstehung

jener Welt als Vorstellung ganz allmählich und

schrittweise aufhellen - und uns wenigstens für Augenblicke

über den ganzen Vorgang hinausheben. Vielleicht

erkennen wir dann, daß das Ding an sich eines homerischen

Gelächters wert ist: daß es so viel, ja alles s c h i e n

und eigentlich leer, nämlich bedeutungsleer ist.

17

M e t a p h y s i s c h e E r k l ä r u n g e n. - Der junge Mensch

schätzt metaphysische Erklärungen, weil sie ihm in Dingen,

welche er unangenehm oder verächtlich fand, etwas

höchst Bedeutungsvolles aufweisen; und ist er mit sich

unzufrieden, so erleichtert sich dies Gefühl, wenn er das

innerste Welträtsel oder Weltelend in dem wiedererkennt,

was er so sehr an sich mißbilligt. Sich unverantwortlicher

fühlen und die Dinge zugleich interessanter finden

- das gilt ihm als die doppelte Wohltat, welche er der

Metaphysik verdankt. Später freilich bekommt er Mißtrauen

gegen die ganze metaphysische Erklärungsart;

dann sieht er vielleicht ein, daß jene Wirkungen auf

einem anderen Wege ebensogut und wissenschaftlicher

zu erreichen sind: daß physische und historische Erklärungen

mindestens ebenso sehr jenes Gefühl der Unverantwortlichkeit

herbeiführen, und daß jenes Interesse

am Leben und seinen Problemen vielleicht noch mehr

dabei entflammt wird.

18

G r u n d f r a g e n d e r M e t a p h y s i k. - Wenn einmal

die Entstehungsgeschichte des Denkens geschrieben ist, so

wird auch der folgende Satz eines ausgezeichneten Logikers

von einem neuen Lichte erhellt dastehen: "Das ursprüngliche

allgemeine Gesetz des erkennenden Subjekts

besteht in der inneren Notwendigkeit, jeden Gegenstand

an sich, in seinem eigenen Wesen als einen mit sich selbst

identischen, also selbstexistierenden und im Grunde stets

gleichbleibenden und unwandelbaren, kurz als eine Substanz

zu erkennen." Auch dieses Gesetz, welches hier

"ursprünglich" genannt wird, ist geworden: es wird einmal

gezeigt werden, wie allmählich, in den niederen Organismen,

dieser Hang entsteht: wie die blöden Maulwurfsaugen

dieser Organisationen zuerst nichts als immer

das gleiche sehen; wie dann, wenn die verschiedenen Erregungen

von Lust und Unlust bemerkbarer werden, allmählich

verschiedene Substanzen unterschieden werden,

aber jede mit e i n e m Attribut, das heißt einer einzigen

Beziehung zu einem solchen Organismus. - Die erste

Stufe des Logischen ist das Urteil: dessen Wesen besteht,

nach der Feststellung der besten Logiker, im Glauben.

Allem Glauben zugrunde liegt die E m p f i n d u n g d e s

A n g e n e h m e n o d e r S c h m e r z h a f t e n in bezug auf das

empfindende Subjekt. Eine neue dritte Empfindung als

Resultat zweier vorangegangenen einzelnen Empfindungen

ist das Urteil in seiner niedrigsten Form. - Uns

organische Wesen interessiert ursprünglich nichts an

jedem Dinge, als sein Verhältnis zu u n s in bezug auf

Lust und Schmerz. Zwischen den Momenten, wo wir uns

dieser Beziehung bewußt werden, den Zuständen des Empfindens,

liegen solche der Ruhe, des Nichtempfindens: da

ist die Welt und jedes Ding für uns interesselos, wir bemerken

keine Veränderung an ihm (wie jetzt noch ein

heftig Interessierter nicht merkt, daß jemand an ihm

vorbeigeht). Für die Pflanze sind gewöhnlich alle Dinge

ruhig, ewig, jedes Ding sich selbst gleich. Aus der Periode

der niederen Organismen her ist dem Menschen der

Glaube vererbt, daß es g l e i c h e D i n g e gibt (erst die

durch höchste Wissenschaft ausgebildete Erfahrung

widerspricht diesem Satze). Der Urglaube alles Organischen

von Anfang an ist vielleicht sogar, daß die ganze

übrige Welt eins und unbewegt ist. - Am fernsten liegt

für jene Urstufe des Logischen der Gedanke an K a u s a l i t ä t :

ja jetzt noch meinen wir im Grunde, alle Empfindungen

und Handlungen seien Akte des freien Willens;

wenn das fühlende Individuum sich selbst betrachtet,

so hält es jede Empfindung, jede Veränderung für etwas

I s o l i e r t e s, das heißt Unbedingtes, Zusammenhangloses:

es taucht aus uns auf, ohne Verbindung mit Früherem

oder Späterem. Wir haben Hunger, aber meinen ursprünglich

nicht, daß der Organismus erhalten werden

will, sondern jenes Gefühl scheint sich o h n e G r u n d

u n d Z w e c k geltend zu machen, es isoliert sich und hält

sich für w i l l k ü r l i c h. Also: der Glaube an die Freiheit

des Willens ist ein ursprünglicher Irrtum alles Organischen,

so alt, als die Regungen des Logischen in ihm existieren;

der Glaube an unbedingte Substanzen und an gleiche

Dinge ist ebenfalls ein ursprünglicher, ebenso alter Irrtum

alles Organischen. Insofern aber alle Metaphysik

sich vornehmlich mit Substanz und Freiheit des Willens

abgegeben hat, so darf man sie als die Wissenschaft bezeichnen,

welche von den Grundirrtümern des Menschen

handelt - doch so, als wären es Grundwahrheiten.

19

D i e Z a h l. - Die Erfindung der Gesetze der Zahlen

ist auf Grund des ursprünglich schon herrschenden Irrtums

gemacht, daß es mehrere gleiche Dinge gebe (aber

tatsächlich gibt es nichts Gleiches), mindestens daß es

Dinge gebe (aber es gibt kein "Ding"). Die Annahme der

Vielheit setzt immer schon voraus, daß es e t w a s gebe,

was vielfach vorkommt: aber gerade hier schon waltet

der Irrtum, schon da fingieren wir Wesen, Einheiten, die

es nicht gibt. - Unsere Empfindungen von Raum und

Zeit sind falsch, denn sie führen, konsequent geprüft,

auf logische Widersprüche. Bei allen wissenschaftlichen

Feststellungen rechnen wir unvermeidlich immer mit

einigen falschen Größen: aber weil diese Größen wenigstens

konstant sind, wie zum Beispiel unsere Zeit- und

Raumempfindung, so bekommen die Resultate der Wissenschaft

doch eine vollkommene Strenge und Sicherheit

in ihrem Zusammenhange miteinander; man kann auf

ihnen fortbauen - bis an jenes letzte Ende, wo die

irrtümliche Grundannahme, jene konstanten Fehler, in

Widerspruch mit den Resultaten treten, zum Beispiel in

der Atomenlehre. Da fühlen wir uns immer noch zur Annahme

eines "Dinges" oder stofflichen "Substrats", das

bewegt wird, gezwungen, während die ganze wissenschaftliche

Prozedur eben die Aufgabe verfolgt hat, alles

Dingartige (Stoffliche) in Bewegungen aufzulösen: wir

scheiden auch hier noch mit unserer Empfindung Bewegendes

und Bewegtes und kommen aus diesem Zirkel nicht

heraus, weil der Glaube an Dinge mit unserem Wesen von

alters her verknotet ist. - Wenn Kant sagt, "der Verstand

schöpft seine Gesetze nicht aus der Natur, sondern

schreibt sie dieser vor", so ist dies in Hinsicht auf den

B e g r i f f d e r N a t u r völlig wahr, welchen wir genötigt

sind mit ihr zu verbinden (Natur = Welt als Vorstellung,

das heißt als Irrtum), welcher aber die Aufsummierung

einer Menge von Irrtümern des Verstandes ist. - Auf

eine Welt, welche nicht unsere Vorstellung ist, sind die

Gesetze der Zahlen gänzlich unanwendbar: diese gelten

allein in der Menschen-Welt.

20

E i n i g e S p r o s s e n z u r ü c k. - Die eine, gewiß sehr

hohe Stufe der Bildung ist erreicht, wenn der Mensch

über abergläubische und religiöse Begriffe und Ängste

hinauskommt und zum Beispiel nicht mehr an die lieben

Englein oder die Erbsünde glaubt, auch vom Heil der

Seelen zu reden verlernt hat: ist er auf dieser Stufe der

Befreiung, so hat er auch noch mit höchster Anspannung

seiner Besonnenheit die Metaphysik zu überwinden. D a n n

aber ist eine r ü c k l ä u f i g e B e w e g u n g nötig: er muß

die historische Berechtigung, ebenso die psychologische

in solchen - Vorstellungen begreifen, er muß erkennen,

wie die größte Förderung der Menschheit von dorther

gekommen sei und wie man sich, ohne eine solche rückläufige

Bewegung, der besten Ergebnisse der bisherigen

Menschheit berauben würde. - In betreff der philosophischen

Metaphysik sehe ich jetzt immer mehrere, welche

an das negative Ziel (daß jede positive Metaphysik Irrtum

ist) gelangt sind, aber noch wenige, welche einige

Sprossen rückwärts steigen; man soll nämlich über die

letzte Sprosse der Leiter wohl hinausschauen, aber nicht

auf ihr stehen wollen. Die Aufgeklärtesten bringen es

nur so weit, sich von der Metaphysik zu befreien und mit

Überlegenheit auf sie zurückzusehen: während es doch

auch hier, wie im Hippodrom, not tut, um das Ende der

Bahn herumzubiegen.

21

M u t m a ß l i c h e r S i e g d e r S k e p s i s. - Man lasse

einmal den skeptischen Ausgangspunkt gelten: gesetzt es

gäbe keine andere, metaphysische Welt und alle aus der

Metaphysik genommenen Erklärungen der uns einzig bekannten

Welt wären unbrauchbar für uns, mit welchem

Blick würden wir dann auf Menschen und Dinge sehen?

Dies kann man sich ausdenken, es ist nützlich, selbst

wenn die Frage, ob etwas Metaphysisches wissenschaftlich

durch Kant und Schopenhauer bewiesen sei, einmal

abgelehnt würde. Denn es ist, nach historischer Wahrscheinlichkeit,

sehr gut möglich, daß die Menschen einmal

in dieser Beziehung im ganzen und allgemeinen

s k e p t i s c h werden; da lautet also die Frage: wie wird

sich dann die menschliche Gesellschaft, unter dem Einfluß

einer solchen Gesinnung, gestalten? Vielleicht ist

der w i s s e n s c h a f t l i c h e B e w e i s irgend einer metaphysischen

Welt schon so s c h w i e r i g, daß die Menschheit

ein Mißtrauen gegen ihn nicht mehr los wird. Und wenn

man gegen die Metaphysik Mißtrauen hat, so gibt es im

ganzen und großen dieselben Folgen, wie wenn sie direkt

widerlegt wäre und man nicht mehr an sie glauben

d ü r f t e. Die historische Frage in betreff einer

unmetaphysischen Gesinnung der Menschheit bleibt in beiden

Fällen dieselbe.

22

U n g l a u b e a n d a s " m o n u m e n t u m a e r e p e r e n n i u s ".

- Ein wesentlicher Nachteil, welchen das Aufhören

metaphysischer Ansichten mit sich bringt, liegt

darin, daß das Individuum zu streng seine kurze Lebenszeit

ins Auge faßt und keine stärkeren Antriebe empfängt,

an dauerhaften, für Jahrhunderte angelegten Institutionen

zu bauen; es will die Frucht selbst vom

Baume pflücken, den es pflanzt, und deshalb mag es jene

Bäume nicht mehr pflanzen, welche eine jahrhundertlange

gleichmäßige Pflege erfordern und welche lange Reihenfolgen

von Geschlechtern zu überschatten bestimmt sind.

Denn metaphysische Ansichten geben den Glauben, daß

in ihnen das letzte endgültige Fundament gegeben sei,

auf welchem sich nunmehr alle Zukunft der Menschheit

niederzulassen und anzubauen genötigt sei; der einzelne

fördert sein Heil, wenn er zum Beispiel eine Kirche, ein

Kloster stiftet, es wird ihm, so meint er, im ewigen Fortleben

der Seele angerechnet und vergolten, es ist Arbeit

am ewigen Heil der Seele. - Kann die Wissenschaft

auch solchen Glauben an ihre Resultate erwecken? In

der Tat braucht sie den Zweifel und das Mißtrauen als

treuesten Bundesgenossen; trotzdem kann mit der Zeit

die Summe der unantastbaren, das heißt alle Stürme der

Skepsis, alle Zersetzungen überdauernden Wahrheiten so

groß werden (zum Beispiel in der Diätetik der Gesundheit),

daß man sich daraufhin entschließt, "ewige" Werke

zu gründen. Einstweilen wirkt der K o n t r a s t unseres

aufgeregten Ephemeren-Daseins gegen die langatmige

Ruhe metaphysischer Zeitalter noch zu stark, weil die

beiden Zeiten noch zu nahe gestellt sind; der einzelne

Mensch selber durchläuft jetzt zu viele innere und äußere

Entwicklungen, als daß er auch nur auf seine eigene

Lebenszeit sich dauerhaft und ein für allemal einzurichten

wagt. Ein ganz moderner Mensch, der sich zum

Beispiel ein Haus bauen will, hat dabei ein Gefühl, als

ob er bei lebendigem Leibe sich in ein Mausoleum vermauern wolle.

23

Z e i t a l t e r d e r V e r g l e i c h u n g. - Je weniger die

Menschen durch das Herkommen gebunden sind, um so

größer wird die innere Bewegung der Motive, um so

größer wiederum, dementsprechend, die äußere Unruhe,

das Durcheinanderfluten der Menschen, die Polyphonie

der Bestrebungen. Für wen gibt es jetzt noch einen

strengen Zwang, an einem Ort sich und seine Nachkommen

anzubinden? Für wen gibt es überhaupt noch etwas

streng Bindendes? Wie alle Stilarten der Künste nebeneinander

nachgebildet werden, so auch alle Stufen und

Arten der Moralität, der Sitten, der Kulturen. - Ein

solches Zeitalter bekommt seine Bedeutung dadurch, daß

in ihm die verschiedenen Weltbetrachtungen, Sitten,

Kulturen verglichen und nebeneinander durchlebt werden

können; was früher, bei der immer lokalisierten Herrschaft

jeder Kultur, nicht möglich war, entsprechend der

Gebundenheit aller künstlerischen Stilarten an Ort und

Zeit. Jetzt wird eine Vermehrung des ästhetischen Gefühls

endgültig unter so vielen der Vergleichung sich

darbietenden Formen entscheiden: sie wird die meisten

- nämlich alle, welche durch dasselbe abgewiesen werden -

absterben lassen. Ebenso findet jetzt ein Auswählen

in den Formen und Gewohnheiten der höheren

Sittlichkeit statt, deren Ziel kein anderes als der Untergang

der niedrigeren Sittlichkeiten sein kann. Es ist das

Zeitalter der Vergleichung! Das ist sein Stolz - aber

billigerweise auch sein Leiden. Fürchten wir uns vor

diesem Leiden nicht! Vielmehr wollen wir die Aufgabe,

welche das Zeitalter uns stellt, so groß verstehen, als

wir nur vermögen: so wird uns die Nachwelt darob

segnen - eine Nachwelt, die ebenso sich über die

abgeschlossenen originalen Volkskulturen hinaus weiß, als

über die Kultur der Vergleichung, aber auf beide Arten

der Kultur als auf verehrungswürdige Altertümer mit

Dankbarkeit zurückblickt.

24

M ö g l i c h k e i t d e s F o r t s c h r i t t s. - Wenn ein Gelehrter

der alten Kultur es verschwört, nicht mehr mit

Menschen umzugehn, welche an den Fortschritt glauben,

so hat er recht. Denn die alte Kultur hat ihre Größe

und Güte hinter sich und die historische Bildung zwingt

einen, zuzugestehn, daß sie nie wieder frisch werden

kann; es ist ein unausstehlicher Stumpfsinn oder ebenso

unleidliche Schwärmerei nötig, um dies zu leugnen. Aber

die Menschen können mit B e w u ß t s e i n beschließen, sich

zu einer neuen Kultur fortzuentwickeln, während sie

sich früher unbewußt und zufällig entwickelten: sie können

jetzt bessere Bedingungen für die Entstehung der

Menschen, ihre Ernährung, Erziehung, Unterrichtung

schaffen, die Erde als Ganzes ökonomisch verwalten, die

Kräfte der Menschen überhaupt gegeneinander abwägen

und einsetzen. Diese neue bewußte Kultur tötet die alte,

welche als Ganzes angeschaut ein unbewußtes Tier- und

Pflanzenleben geführt hat; sie tötet auch das Mißtrauen

gegen den Fortschritt - er ist m ö g l i c h. Ich will sagen:

es ist voreilig und fast unsinnig, zu glauben, daß der

Fortschritt n o t w e n d i g erfolgen müsse; aber wie könnte

man leugnen, daß er möglich sei? Dagegen ist ein Fortschritt

im Sinne und auf dem Wege der alten Kultur

nicht einmal denkbar. Wenn romantische Phantastik

immerhin auch das Wort "Fortschritt" von ihren Zielen

(z. B. abgeschlossenen originalen Volks-Kulturen) gebraucht:

jedenfalls entlehnt sie das Bild davon aus der

Vergangenheit; ihr Denken und Vorstellen ist auf diesem

Gebiete ohne jede Originalität.

25

P r i v a t - u n d W e l t m o r a l. - Seitdem der Glaube

aufgehört hat, daß ein Gott die Schicksale der Welt im

Großen leite und trotz aller anscheinenden Krümmungen

im Pfade der Menschheit sie doch herrlich hinausführe,

müssen die Menschen selber sich ökumenische, die ganze

Erde umspannende Ziele stellen. Die ältere Moral, namentlich

die Kants, verlangt vom einzelnen Handlungen,

welche man von allen Menschen wünscht: das war eine

schöne naive Sache; als ob ein jeder ohne weiteres wüßte,

bei welcher Handlungsweise das Ganze der Menschheit

wohlfahre, also welche Handlungen überhaupt wünschenswert

seien; es ist eine Theorie wie die vom Freihandel,

voraussetzend, daß die allgemeine Harmonie sich

nach eingebornen Gesetzen des Besserwerdens von selbst

ergeben müsse. Vielleicht läßt es ein zukünftiger Überblick

über die Bedürfnisse der Menschheit durchaus nicht

wünschenswert erscheinen, daß alle Menschen gleich handeln,

vielmehr dürften im Interesse ökumenischer Ziele

für ganze Strecken der Menschheit spezielle, vielleicht

unter Umständen sogar böse Aufgaben zu stellen sein.

- Jedenfalls muß, wenn die Menschheit sich nicht durch

eine solche bewußte Gesamtregierung zugrunde richten

soll, vorher eine alle bisherigen Grade übersteigende

K e n n t n i s d e r B e d i n g u n g e n d e r K u l t u r, als wissenschaftlicher

Maßstab für ökumenische Ziele, gefunden

sein. Hierin liegt die ungeheure Aufgabe der großen

Geister des nächsten Jahrhunderts.

26

D i e R e a k t i o n a l s F o r t s c h r i t t. - Mitunter erscheinen

schroffe, gewaltsame und fortreißende, aber

trotzdem zurückgebliebene Geister, welche eine vergangene

Phase der Menschheit noch einmal heraufbeschwören:

sie dienen zum Beweis, daß die neuen Richtungen,

welchen sie entgegenwirken, noch nicht kräftig

genug sind, daß etwas an ihnen fehlt: sonst würden sie

jenen Beschwörern bessern Widerpart halten. So zeugt

zum Beispiel Luthers Reformation dafür, daß in seinem

Jahrhundert alle Regungen der Freiheit des Geistes noch

unsicher, zart, jugendlich waren; die Wissenschaft konnte

noch nicht ihr Haupt erheben. Ja die gesamte Renaissance

erscheint wie ein erster Frühling, der fast wieder weggeschneit

wird. Aber auch in unserem Jahrhundert bewies

Schopenhauers Metaphysik, daß auch jetzt der wissenschaftliche

Geist noch nicht kräftig genug ist: so

konnte die ganze mittelalterliche christliche Weltbetrachtung

und Mensch-Empfindung noch einmal in Schopenhauers

Lehre trotz der längst errungenen Vernichtung

aller christlichen Dogmen eine Auferstehung feiern. Viel

Wissenschaft klingt in seine Lehre hinein, aber sie beherrscht

dieselbe nicht, sondern das alte wohlbekannte

"metaphysische Bedürfnis". Es ist gewiß einer der größten

und ganz unschätzbaren Vorteile, welche wir aus

Schopenhauer gewinnen, daß er unsre Empfindung zeitweilig

in ältere, mächtige Betrachtungsarten der Welt

und Menschen zurückzwingt, zu welchen sonst uns so

leicht kein Pfad führen würde. Der Gewinn für die

Historie und die Gerechtigkeit ist sehr groß: ich glaube,

daß es jetzt niemandem so leicht gelingen möchte, ohne

Schopenhauers Beihilfe dem Christentum und seinen asiatischen

Verwandten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen:

was namentlich vom Boden des noch vorhandenen Christentums

aus unmöglich ist. Erst nach diesem großen

E r f o l g e d e r G e r e c h t i g k e i t, erst nachdem wir die

historische Betrachtungsart, welche die Zeit der Aufklärung

mit sich brachte, in einem so wesentlichen Punkte

korrigiert haben, dürfen wir die Fahne der Aufklärung

- die Fahne mit den drei Namen: Petrarca, Erasmus,

Voltaire - von neuem weitertragen. Wir haben aus der

Reaktion einen Fortschritt gemacht.

27

E r s a t z d e r R e l i g i o n. - Man glaubt einer Philosophie

etwas Gutes nachzusagen, wenn man sie als Ersatz

der Religion für das Volk hinstellt. In der Tat bedarf

es in der geistigen Ökonomie gelegentlich ü b e r l e i t e n d e r

Gedankenkreise; so ist der Übergang aus Religion

in wissenschaftliche Betrachtung ein gewaltsamer

gefährlicher Sprung, etwas, das zu widerraten ist. Insofern

hat man mit jener Anempfehlung recht. Aber

endlich sollte man doch auch lernen, daß die Bedürfnisse,

welche die Religion befriedigt hat und nun die Philosophie

befriedigen soll, nicht unwandelbar sind; diese

selbst kann man s c h w ä c h e n und a u s r o t t e n. Man denke

zum Beispiel an die christliche Seelennot, das Seufzen

über die innere Verderbtheit, die Sorge um das Heil -

alles Vorstellungen, welche nur aus Irrtümern der Vernunft

herrühren und gar keine Befriedigung, sondern

Vernichtung verdienen. Eine Philosophie kann entweder

so nützen, daß sie jene Bedürfnisse auch b e f r i e d i g t

oder daß sie dieselben b e s e i t i g t; denn es sind angelernte,

zeitlich begrenzte Bedürfnisse, welche auf Voraussetzungen

beruhen, die denen der Wissenschaft widersprechen.

Hier ist, um einen Übergang zu machen, die

K u n s t viel eher zu benutzen, um das mit Empfindungen

überladne Gemüt zu erleichtern; denn durch sie werden

jene Vorstellungen viel weniger unterhalten als durch

eine metaphysische Philosophie. Von der Kunst aus kann

man dann leichter in eine wirklich befreiende philosophische

Wissenschaft übergehen.

28

V e r r u f e n e W o r t e. - Weg mit den bis zum Überdruß

verbrauchten Wörtern Optimismus und Pessimismus!

Denn der Anlaß sie zu gebrauchen, fehlt von Tag

zu Tag mehr; nur die Schwätzer haben sie jetzt noch so

unumgänglich nötig. Denn weshalb in aller Welt sollte

jemand Optimist sein wollen, wenn er nicht einen Gott

zu verteidigen hat, welcher die beste der Welten geschaffen

haben m u ß, falls er selber das Gute und Vollkommene

ist, - welcher Denkende hat aber die Hypothese

eines Gottes noch nötig? - Es fehlt aber auch

jeder Anlaß zu einem pessimistischen Glaubensbekenntnis,

wenn man nicht ein Interesse daran hat, den Advokaten

Gottes, den Theologen oder den theologisierenden

Philosophen, ärgerlich zu werden und die Gegenbehauptung

kräftig aufzustellen: daß das Böse regiere, daß die

Unlust größer sei als die Lust, daß die Welt ein Machwerk,

die Erscheinung eines bösen Willens zum Leben

sei. Wer aber kümmert sich jetzt noch um die Theologen

- außer den Theologen? - Abgesehen von aller Theologie

und ihrer Bekämpfung liegt es auf der Hand, daß

die Welt nicht gut und nicht böse, geschweige denn die

beste oder die schlechteste ist, und daß diese Begriffe

"gut" und "böse" nur in bezug auf Menschen Sinn haben,

ja vielleicht selbst hier, in der Weise, wie sie gewöhnlich

gebraucht werden, nicht berechtigt sind: der schimpfenden

und verherrlichenden Weltbetrachtung müssen wir

uns in jedem Falle entschlagen.

29

V o m D u f t e d e r B l ü t e n b e r a u s c h t. - Das Schiff

der Menschheit, meint man, hat einen immer stärkeren

Tiefgang, je mehr es belastet wird; man glaubt, je tiefer

der Mensch denkt, je zarter er fühlt, je höher er sich

schätzt, je weiter seine Entfernung von den anderen

Tieren wird - je mehr er als das Genie unter den Tieren

erscheint -, um so näher werde er dem wirklichen Wesen

der Welt und deren Erkenntnis kommen: dies tut er auch

wirklich durch die Wissenschaft, aber er m e i n t dies

noch mehr durch seine Religionen und Künste zu tun.

Diese sind zwar eine Blüte der Welt, aber durchaus nicht

d e r W u r z e l d e r W e l t n ä h e r, als der Stengel ist: man

kann aus ihnen das Wesen der Dinge gerade gar nicht

besser verstehen, obschon dies fast jedermann glaubt.

Der I r r t u m hat den Menschen so tief, zart, erfinderisch

gemacht, eine solche Blüte, wie Religionen und Künste,

herauszutreiben. Das reine Erkennen wäre dazu außerstande

gewesen. Wer uns das Wesen der Welt enthüllte,

würde uns allen die unangenehmste Enttäuschung

machen. Nicht die Welt als Ding an sich, sondern die

Welt als Vorstellung (als Irrtum) ist so bedeutungsreich,

tief, wundervoll, Glück und Unglück im Schoße tragend.

Dies Resultat führt zu einer Philosophie der l o g i s c h e n

W e l t v e r n e i n u n g : welche übrigens sich mit einer praktischen

Weltbejahung ebensogut wie mit deren Gegenteile

vereinigen läßt.

30

S c h l e c h t e G e w o h n h e i t e n i m S c h l i e ß e n. - Die

gewöhnlichsten Irrschlüsse der Menschen sind diese: eine

Sache existiert, also hat sie ein Recht. Hier wird aus

der Lebensfähigkeit auf die Zweckmäßigkeit, aus der

Zweckmäßigkeit auf die Rechtmäßigkeit geschlossen.

Sodann: eine Meinung beglückt, also ist sie die wahre,

ihre Wirkung ist gut, also ist sie selber gut und wahr.

Hier legt man der Wirkung das Prädikat beglückend,

gut im Sinne des Nützlichen, bei und versieht nun die

Ursache mit demselben Prädikat gut, aber hier im Sinne

des Logisch-Gültigen. Die Umkehrung der Sätze lautet:

eine Sache kann sich nicht durchsetzen, erhalten, also ist

sie unrecht; eine Meinung quält, regt auf, also ist sie

falsch. Der Freigeist, der das Fehlerhafte dieser Art zu

schließen nur allzu häufig kennenlernt und an ihren

Folgen zu leiden hat, unterliegt oft der Verführung, die

entgegengesetzten Schlüsse zu machen, welche im allgemeinen

natürlich ebenso sehr Irrschlüsse sind: eine Sache

kann sich nicht durchsetzen, also ist sie gut; eine Meinung

macht Not, beunruhigt, also ist sie wahr.

31

D a s U n l o g i s c h e n o t w e n d i g. - Zu den Dingen,

welche einen Denker in Verzweiflung bringen können,

gehört die Erkenntnis, daß das Unlogische für den Menschen

nötig ist, und daß aus dem Unlogischen vieles Gute

entsteht. Es steckt so fest in den Leidenschaften, in der

Sprache, in der Kunst, in der Religion und überhaupt in

allem, was dem Leben Wert verleiht, daß man es nicht

herausziehen kann, ohne damit diese schönen Dinge heillos

zu beschädigen. Es sind nur die allzu naiven Menschen,

welche glauben können, daß die Natur des Menschen

in eine rein logische verwandelt werden könne;

wenn es aber Grade der Annäherung an dieses Ziel geben

sollte, was würde da nicht alles auf diesem Wege verloren

gehen müssen! Auch der vernünftigste Mensch bedarf

von Zeit zu Zeit wieder der Natur, das heißt seiner

u n l o g i s c h e n G r u n d s t e l l u n g z u a l l e n D i n g e n.

32

U n g e r e c h t s e i n n o t w e n d i g. - Alle Urteile über

den Wert des Lebens sind unlogisch entwickelt und deshalb

ungerecht. Die Unreinheit des Urteils liegt erstens

in der Art, wie das Material vorliegt, nämlich sehr

unvollständig, zweitens in der Art, wie daraus die Summe

gebildet wird, und drittens darin, daß jedes einzelne

Stück des Materials wieder das Resultat unreinen Erkennens

ist, und zwar dies mit voller Notwendigkeit.

Keine Erfahrung zum Beispiel über einen Menschen,

stünde er uns auch noch so nah, kann vollständig sein,

so daß wir ein logisches Recht zu einer Gesamtabschätzung

desselben hätten; alle Schätzungen sind voreilig

und müssen es sein. Endlich ist das Maß, womit wir

messen, unser Wesen, keine unabänderliche Größe, wir

haben Stimmungen und Schwankungen, und doch müßten

wir uns selbst als ein festes Maß kennen, um das Verhältnis

irgend einer Sache zu uns gerecht abzuschätzen.

Vielleicht wird aus alledem folgen, daß man gar nicht

urteilen sollte; wenn man aber nur l e b e n könnte ohne

abzuschätzen, ohne Abneigung und Zuneigung zu haben!

- denn alles Abgeneigtsein hängt mit einer Schätzung

zusammen, ebenso alles Geneigtsein. Ein Trieb zu etwas

oder von etwas weg, ohne ein Gefühl davon, daß man

das Förderliche wolle, dem Schädlichen ausweiche, ein

Trieb ohne eine Art von erkennender Abschätzung über

den Wert des Zieles existiert beim Menschen nicht. Wir

sind von vornherein unlogische und daher ungerechte

Wesen u n d k ö n n e n d i e s e r k e n n e n : dies ist eine der

größten und unauflösbarsten Disharmonien des Daseins.

33

D e r I r r t u m ü b e r d a s L e b e n z u m L e b e n n o t w e n d i g. -

Jeder Glaube an Wert und Würdigkeit des

Lebens beruht auf unreinem Denken; er ist allein dadurch

möglich, daß das Mitgefühl für das allgemeine Leben und

Leiden der Menschheit sehr schwach im Individuum entwickelt

ist. Auch die selteneren Menschen, welche überhaupt

über sich hinaus denken, fassen nicht dieses allgemeine

Leben, sondern abgegrenzte Teile desselben ins

Auge. Versteht man es, sein Augenmerk vornehmlich

auf Ausnahmen, ich meine auf die hohen Begabungen

und die reichen Seelen zu richten, nimmt man deren Entstehung

zum Ziel der ganzen Weltentwicklung und erfreut

sich an deren Wirken, so mag man an den Wert des

Lebens glauben, weil man nämlich die anderen Menschen

dabei ü b e r s i e h t : also unrein denkt. Und ebenso, wenn

man zwar alle Menschen ins Auge faßt, aber in ihnen nur

e i n e Gattung von Trieben, die weniger egoistischen, gelten

läßt und sie in betreff der anderen Triebe entschuldigt:

dann kann man wiederum von der Menschheit im

ganzen etwas hoffen und insofern an den Wert des Lebens

glauben: also auch in diesem Falle durch Unreinheit des

Denkens. Mag man sich aber so oder so verhalten, man

ist mit diesem Verhalten eine A u s n a h m e unter den

Menschen. Nun ertragen aber gerade die allermeisten

Menschen das Leben, ohne erheblich zu murren, und

g l a u b e n somit an den Wert des Daseins, aber gerade

dadurch, daß sich jeder allein will und behauptet, und

nicht aus sich heraustritt wie jene Ausnahmen: alles

Außerpersönliche ist ihnen gar nicht oder höchstens als

ein schwacher Schatten bemerkbar. Also darauf allein

beruht der Wert des Lebens für den gewöhnlichen, alltäglichen

Menschen, daß er sich wichtiger nimmt als die

Welt. Der große Mangel an Phantasie, an dem er leidet,

macht, daß er sich nicht in andere Wesen hineinfühlen

kann und daher so wenig als möglich an ihrem Los und

Leiden teilnimmt. Wer dagegen wirklich daran teilnehmen

könnte, müßte am Werte des Lebens verzweifeln;

gelänge es ihm, das Gesamtbewußtsein der Menschheit

in sich zu fassen und zu empfinden, er würde mit einem

Fluche gegen das Dasein zusammenbrechen, - denn die

Menschheit hat im ganzen k e i n e Ziele, folglich kann

der Mensch, in Betrachtung des ganzen Verlaufs, nicht

darin seinen Trost und Halt finden, sondern seine Verzweiflung.

Sieht er bei allem, was er tut, auf die letzte

Ziellosigkeit der Menschen, so bekommt sein eignes Wirken

in seinen Augen den Charakter der Vergeudung.

Sich aber als Menschheit (und nicht nur als Individuum)

ebenso v e r g e u d e t zu fühlen, wie wir die einzelne Blüte

von der Natur vergeudet sehen, ist ein Gefühl über alle

Gefühle. - Wer ist aber desselben fähig? Gewiß nur

ein Dichter: und Dichter wissen sich immer zu trösten.

34

Z u r B e r u h i g u n g. - Aber wird so unsere Philosophie

nicht zur Tragödie? Wird die Wahrheit nicht dem

Leben, dem Besseren feindlich? Eine Frage scheint uns

die Zunge zu beschweren und doch nicht laut werden zu

wollen: ob man bewußt in der Unwahrheit bleiben

k ö n n e ? oder, wenn man dies m ü s s e, ob da nicht der

Tod vorzuziehen sei? Denn ein Sollen gibt es nicht mehr;

die Moral, insofern sie ein Sollen war, ist ja durch unsere

Betrachtungsart ebenso vernichtet wie die Religion. Die

Erkenntnis kann als Motive nur Lust und Unlust, Nutzen

und Schaden bestehen lassen: wie aber werden diese

Motive sich mit dem Sinne für Wahrheit auseinandersetzen?

Auch sie berühren sich ja mit Irrtümern (insofern,

wie gesagt, Neigung und Abneigung und ihre sehr

ungerechten Messungen unsere Lust und Unlust wesentlich

bestimmen). Das ganze menschliche Leben ist tief

in die Unwahrheit eingesenkt; der einzelne kann es nicht

aus diesem Brunnen herausziehen, ohne dabei seiner Vergangenheit

aus tiefstem Grunde gram zu werden, ohne

seine gegenwärtigen Motive, wie die der Ehre, ungereimt

zu finden und den Leidenschaften, welche zur Zukunft

und zu einem Glück in derselben hindrängen, Hohn und

Verachtung entgegenzustellen. Ist es wahr, bliebe einzig

noch eine Denkweise übrig, welche als persönliches Ergebnis

die Verzweiflung, als theoretisches eine Philosophie

der Zerstörung nach sich zöge? - Ich glaube, die

Entscheidung über die Nachwirkung der Erkenntnis wird

durch das T e m p e r a m e n t eines Menschen gegeben: ich

konnte mir ebensogut wie jene geschilderte und bei einzelnen

Naturen mögliche Nachwirkung eine andere denken,

vermöge deren ein viel einfacheres, von Affekten

reineres Leben entstünde, als das jetzige ist: so daß

zuerst zwar die alten Motive des heftigeren Begehrens

noch Kraft hätten, aus alter vererbter Gewöhnung her,

allmählich aber unter dem Einflusse der reinigenden

Erkenntnis schwächer würden. Man lebte zuletzt unter den

Menschen und mit sich wie in der N a t u r, ohne Lob,

Vorwürfe, Ereiferung, an vielem sich wie an einem S c h a u s p i e l

weidend, vor dem man sich bisher nur zu fürchten

hatte. Man wäre die Emphasis los und würde die Anstachelung

des Gedankens, daß man nicht nur Natur

oder mehr als Natur sei, nicht weiter empfinden. Freilich

gehörte hierzu, wie gesagt, ein gutes Temperament,

eine gefestete, milde und im Grunde frohsinnige Seele,

eine Stimmung, welche nicht vor Tücken und plötzlichen

Ausbrüchen auf der Hut zu sein brauchte und in ihren

Äußerungen nichts von dem knurrenden Tone und der

Verbissenheit an sich trüge - jenen bekannten lästigen

Eigenschaften alter Hunde und Menschen, die lange an

der Kette gelegen haben. Vielmehr muß ein Mensch,

von dem in solchem Maße die gewöhnlichen Fesseln des

Lebens abgefallen sind, daß er nur deshalb weiter lebt,

um immer besser zu erkennen, auf vieles, ja fast auf

alles, was bei den anderen Menschen Wert hat, ohne

Neid und Verdruß verzichten können, ihm muß als der

wünschenswerteste Zustand jenes freie, furchtlose Schweben

über Menschen, Sitten, Gesetzen und den herkömmlichen

Schätzungen der Dinge g e n ü g e n. Die Freude an

diesem Zustande teilt er gern mit, und er h a t vielleicht

nichts anderes mitzuteilen - worin freilich eine Entbehrung,

eine Entsagung mehr liegt. Will man aber

trotzdem mehr von ihm, so wird er mit wohlwollendem

Kopfschütteln auf seinen Bruder hinweisen, den freien

Menschen der Tat, und vielleicht ein wenig Spott nicht

verhehlen: denn mit dessen "Freiheit" hat es eine eigene

Bewandtnis.

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Zweiter Band

Vorrede

1

Man soll nur reden, wo man nicht schweigen darf;

und nur von dem reden, was man ü b e r w u n d e n

hat, - alles andere ist Geschwätz, "Literatur", Mangel an

Zucht. Meine Schriften reden n u r von meinen

Überwindungen: "ich" bin darin, mit allem, was mir feind war, ego

ipsissimus, ja sogar, wenn ein stolzerer Ausdruck erlaubt

wird, ego ipsissim u m. Man errät: ich habe schon viel

- u n t e r mir... Aber es bedurfte immer erst der Zeit,

der Genesung, der Ferne, der Distanz, bis die Lust bei

mir sich regte, etwas Erlebtes und Überlebtes, irgend

ein eigenes Faktum oder Fatum nachträglich für die

Erkenntnis abzuhäuten, auszubeuten, bloßzulegen, "darzustellen"

(oder wie man's heißen will). Insofern sind

alle meine Schriften, mit einer einzigen, allerdings wesentlichen

Ausnahme, z u r ü c k z u d a t i e r e n - sie reden

immer von einem "Hinter-mir" -: einige sogar, wie die

drei ersten Unzeitgemäßen Betrachtungen, noch zurück

hinter die Entstehungs- und Erlebniszeit eines vorher

herausgegebenen Buches (der "Geburt der Tragödie" im

gegebenen Falle: wie es einem feineren Beobachter und

Vergleicher nicht verborgen bleiben darf). Jener zornige

Ausbruch gegen die Deutschtümelei, Behäbigkeit und

Sprach-Verlumpung des alt gewordenen David Strauß,

der Inhalt der ersten Unzeitgemäßen, machte Stimmungen

Luft, mit denen ich lange vorher, als Student, inmitten

deutscher Bildung und Bildungsphilisterei gesessen hatte

(ich mache Anspruch auf die Vaterschaft des jetzt viel

gebrauchten und mißbrauchten Wortes "Bildungsphilister" -);

und was ich gegen die "historische

Krankheit" gesagt habe, das sagte ich als einer, der von

ihr langsam, mühsam genesen lernte und ganz und gar

nicht willens war, fürderhin auf "Historie" zu verzichten,

weil er einstmals an ihr gelitten hatte. Als ich

sodann, in der dritten Unzeitgemäßen Betrachtung, meine

Ehrfurcht vor meinem ersten und einzigen Erzieher, vor

dem g r o ß e n Arthur Schopenhauer zum Ausdruck brachte

- ich würde sie jetzt noch viel stärker, auch persönlicher

ausdrücken -, war ich für meine eigne Person schon

mitten in der moralistischen Skepsis und Auflösung drin,

d a s h e i ß t e b e n s o s e h r i n d e r K r i t i k a l s d e r V e r t i e f u n g

a l l e s b i s h e r i g e n P e s s i m i s m u s -, und

glaubte bereits "an gar nichts mehr", wie das Volk sagt,

auch an Schopenhauer nicht: eben in jener Zeit entstand

ein geheim gehaltenes Schriftstück "über Wahrheit und

Lüge im außermoralischen Sinne". Selbst meine Sieges-

und Festrede zu Ehren Richard Wagners, bei Gelegenheit

seiner Bayreuther Siegesfeier 1876 - Bayreuth bedeutet

den größten Sieg, den je ein Künstler errungen

hat -, ein Werk, welches den stärksten A n s c h e i n der

"Aktualität" an sich trägt, war im Hintergrunde eine

Huldigung und Dankbarkeit gegen ein Stück Vergangenheit

von mir, gegen die schönste, auch gefährlichste

Meeresstille meiner Fahrt... und tatsächlich eine Loslösung,

ein Abschiednehmen. (Täuschte Richard Wagner

sich vielleicht selbst darüber? Ich glaube es nicht. Solange

man noch liebt, malt man gewiß keine solchen Bilder;

man "betrachtet" noch nicht, man stellt sich nicht

dergestalt in die Ferne, wie es der Betrachtende tun muß.

"Zum Betrachten gehört schon eine geheimnisvolle G e g n e r s c h a f t,

die des Entgegenschauens" - heißt es auf

Seite 342 der genannten Schrift selbst [Kap. 7, Anf.], mit

einer verräterischen und schwermütigen Wendung, welche

vielleicht nur für wenige Ohren war.) Die Gelassenheit,

um über lange Zwischenjahre innerlichsten Alleinseins

und Entbehrens reden zu k ö n n e n, kam mir erst mit dem

Buche "Menschliches, Allzumenschliches", dem auch dies

zweite Für- und Vorwort gewidmet sein soll. Auf ihm,

als einem Buche "für freie Geister", liegt etwas von der

beinahe heiteren und neugierigen Kälte des Psychologen,

welche eine Menge schmerzlicher Dinge, die er u n t e r

sich hat, h i n t e r sich hat, nachträglich für sich noch

feststellt und gleichsam mit irgend einer Nadelspitze

f e s t s t i c h t : - was Wunders, wenn, bei einer so spitzen

und kitzlichen Arbeit, gelegentlich auch etwas Blut

fließt, wenn der Psychologe Blut dabei an den Fingern

und nicht immer nur - an den Fingern hat?...

2

Die Vermischten Meinungen und Sprüche sind, ebenso

wie der Wanderer und sein Schatten, zuerst e i n z e l n

als Fortsetzungen und Anhänge jenes eben genannten

menschlich-allzumenschlichen "Buchs für freie Geister"

herausgegeben worden: zugleich als Fortsetzung und Verdoppelung

einer geistigen Kur, nämlich der a n t i r o m a n t i s c h e n

Selbstbehandlung, wie sie mir mein gesund gebliebener

Instinkt wider eine zeitweilige Erkrankung an

der gefährlichsten Form der Romantik selbst erfunden,

selbst verordnet hatte. Möge man sich nunmehr, nach

sechs Jahren der Genesung, die gleichen Schriften v e r e i n i g t

gefallen lassen, als zweiten Band von Menschliches,

Allzumenschliches: vielleicht lehren sie, zusammen

betrachtet, ihre Lehre stärker und deutlicher, - eine

G e s u n d h e i t s l e h r e, welche den geistigeren Naturen des

eben heraufkommenden Geschlechts zur disciplina voluntatis

empfohlen sein mag. Aus ihnen redet ein Pessimist,

der oft genug aus der Haut gefahren, aber immer wieder

in sie hineingefahren ist, ein Pessimist also mit dem

guten Willen zum Pessimismus, - somit jedenfalls kein

Romantiker mehr: wie? sollte ein Geist, der sich auf

diese Schlangenklugheit versteht, d i e H a u t z u w e c h s e l n,

nicht den heutigen Pessimisten eine Lektion geben

dürfen, welche allesamt noch in der Gefahr der Romantik

sind? Und ihnen zum mindesten zeigen, wie man das

- m a c h t ?. ..

3

- Es war in der Tat damals die höchste Zeit, A b s c h i e d

z u n e h m e n : alsbald schon bekam ich den Beweis

dafür. Richard Wagner, scheinbar der Siegreichste, in

Wahrheit ein morsch gewordener, verzweifelter Romantiker,

sank plötzlich, hilflos und zerbrochen, vor dem

christlichen Kreuze nieder... Hat denn kein Deutscher

für dieses schauerliche Schauspiel damals Augen im

Kopfe, Mitgefühl in seinem Gewissen gehabt? War ich

der einzige, der an ihm - litt? Genug, mir selbst gab

dies unerwartete Ereignis wie ein Blitz Klarheit über

den Ort, den ich verlassen hatte, - und auch jenen nachträglichen

Schrecken, wie ihn jeder empfindet, der unbewußt

durch eine ungeheure Gefahr gelaufen ist. Als

ich allein weiterging, zitterte ich; nicht lange darauf,

und ich war krank, mehr als krank, nämlich müde, aus

der unaufhaltsamen Enttäuschung über alles, was uns

modernen Menschen zur Begeisterung übrigblieb, über die

allerorts v e r g e u d e t e Kraft, Arbeit, Hoffnung, Jugend,

Liebe; müde aus Ekel vor dem Femininischen und

Schwärmerisch-Zuchtlosen dieser Romantik, vor der ganzen

idealistischen Lügnerei und Gewissens-Verweichlichung, die

hier wieder einmal den Sieg über einen der Tapfersten

davongetragen hatte; müde endlich, und nicht am wenigsten,

aus dem Gram eines unerbittlichen Argwohns, -

daß ich, nach dieser Enttäuschung, verurteilt sei, tiefer

zu mißtrauen, tiefer zu verachten, tiefer allein zu sein

als je vorher. Meine A u f g a b e - wohin war sie? Wie?

schien es jetzt nicht, als ob sich meine Aufgabe von mir

zurückziehe, als ob ich nun für lange kein Recht mehr

auf sie habe? Was tun, um d i e s e größte Entbehrung

auszuhalten? - Ich begann damit, daß ich mir gründlich

und grundsätzlich alle romantische Musik v e r b o t,

diese zweideutige, großtuerische, schwüle Kunst, welche

den Geist um seine Strenge und Lustigkeit bringt und

jede Art unklarer Sehnsucht, schwammichter Begehrlichkeit

wuchern macht. "Cave musicam" ist auch heute noch

mein Rat an alle, die Mannes genug sind, um in Dingen

des Geistes auf Reinlichkeit zu halten; solche Musik

entnervt, erweicht, verweiblicht, ihr "Ewig-Weibliches"

zieht u n s - hinab !... G e g e n die romantische Musik

wendete sich damals mein erster Argwohn, meine nächste

Vorsicht; und wenn ich überhaupt noch etwas von der

Musik hoffte, so war es in der Erwartung, es möchte ein

Musiker kommen, kühn, fein, boshaft, südlich, übergesund

genug, um an jener Musik auf eine unsterbliche

Weise R a c h e z u n e h m e n. -

4

Einsam nunmehr und schlimm mißtrauisch gegen mich,

nahm ich, nicht ohne Ingrimm, dergestalt Partei g e g e n

mich und f ü r alles, was gerade m i r wehe tat und hart

fiel: - so fand ich den Weg zu jenem tapferen Pessimismus

wieder, der der Gegensatz aller romantischen Verlogenheit

ist, und auch, wie mir heute scheinen will, den

Weg zu "mir" selbst, zu m e i n e r Aufgabe. Jenes verborgene

und herrische Etwas, für das wir lange keinen

Namen haben, bis es sich endlich als unsre A u f g a b e

erweist, - dieser Tyrann in uns nimmt eine schreckliche

Wiedervergeltung für jeden Versuch, den wir machen,

ihm auszuweichen oder zu entschlüpfen, für jede vorzeitige

Bescheidung, für jede Gleichsetzung mit solchen,

zu denen wir nicht gehören, für jede noch so achtbare

Tätigkeit, falls sie uns von unsrer Hauptsache ablenkt,

ja für jede Tugend selbst, welche uns gegen die Härte

der eigensten Verantwortlichkeit schützen möchte. Krankheit

ist jedesmal die Antwort, wenn wir an unsrem Rechte

auf unsre Aufgabe zweifeln wollen, - wenn wir anfangen,

es uns irgendworin leichter zu machen. Sonderbar

und furchtbar zugleich ! Unsre E r l e i c h t e r u n g e n

sind es, die wir am härtesten büßen müssen! Und wollen

wir hinterdrein zur Gesundheit zurück, so bleibt uns

keine Wahl: wir müssen uns s c h w e r e r belasten, als

wir je vorher belastet waren...

5

- Damals lernte ich erst jenes einsiedlerische Reden,

auf welches sich nur die Schweigendsten und Leidendsten

verstehn: ich redete, ohne Zeugen oder vielmehr gleichgültig

gegen Zeugen, um nicht am Schweigen zu leiden,

ich sprach von lauter Dingen, die mich nichts angingen,

aber so, als ob sie mich etwas angingen. Damals lernte

ich die Kunst, mich heiter, objektiv, neugierig, vor allem

gesund und boshaft zu g e b e n, - und bei einem Kranken

ist dies, wie mir scheinen will, sein "guter Geschmack"?

Einem feineren Auge und Mitgefühl wird es trotzdem

nicht entgehn, was vielleicht den Reiz dieser Schriften

ausmacht, - daß hier ein Leidender und Entbehrender

redet, wie als ob er n i c h t ein Leidender und Entbehrender

sei. Hier s o l l das Gleichgewicht, die Gelassenheit,

sogar die Dankbarkeit gegen das Leben aufrechterhalten

werden, hier waltet ein strenger, stolzer, beständig

wacher, beständig reizbarer Wille, der sich die Aufgabe

gestellt hat, das Leben w i d e r den Schmerz zu verteidigen

und alle Schlüsse abzuknicken, welche aus Schmerz, Enttäuschung,

Überdruß, Vereinsamung und andrem Moorgrunde

gleich giftigen Schwämmen aufzuwachsen pflegen.

Dies gibt vielleicht gerade unsern Pessimisten Fingerzeige

zur eignen Prüfung? - denn damals war es, wo

ich mir den Satz abgewann: "ein Leidender hat auf Pessimismus

n o c h k e i n R e c h t ! ", damals führte ich mit

mir einen langwierig-geduldigen Feldzug gegen den unwissenschaftlichen

Grundhang jedes romantischen Pessimismus,

einzelne persönliche Erfahrungen zu allgemeinen

Urteilen, ja Welt-Verurteilungen aufzubauschen, auszudeuten...

kurz, damals drehte ich meinen Blick h e r u m.

Optimismus, zum Zweck der Wiederherstellung,

um irgendwann einmal wieder Pessimist sein zu d ü r f e n :

versteht ihr das? Gleich wie ein Arzt seinen Kranken

in eine völlig fremde Umgebung stellt, damit er seinem

ganzen "Bisher", seinen Sorgen, Freunden, Briefen,

Pflichten, Dummheiten und Gedächtnismartern entrückt

wird und Hände und Sinne nach neuer Nahrung, neuer

Sonne, neuer Zukunft ausstrecken lernt, so zwang ich

mich, als Arzt und Kranker in e i n e r Person, zu einem

umgekehrten, unerprobten K l i m a d e r S e e l e, und namentlich

zu einer abziehenden Wanderung in die Fremde,

in d a s Fremde, zu einer Neugierde nach aller Art von

Fremdem... Ein langes Herumziehn, Suchen, Wechseln

folgte hieraus, ein Widerwille gegen alles Festbleiben,

gegen jedes plumpe Bejahen und Verneinen;

ebenfalls eine Diätetik und Zucht, welche es dem Geiste

so leicht als möglich machen wollte, weit zu laufen, hoch

zu fliegen, vor allem immer wieder; fortzufliegen. Tatsächlich

ein minimum von Leben, eine Loskettung von

allen gröberen Begehrlichkeiten, eine Unabhängigkeit inmitten

aller Art äußerer Ungunst, samt dem Stolze, leben

zu k ö n n e n unter dieser Ungunst; etwas Zynismus vielleicht,

etwas "Tonne", aber ebenso gewiß viel Grillen-Glück,

Grillen-Munterkeit, viel Stille, Licht, feinere Torheit,

verborgenes Schwärmen - das alles ergab zuletzt

eine große geistige Erstarkung, eine wachsende Lust und

Fülle der Gesundheit. Das Leben selbst b e l o h n t uns

für unsern zähen Willen zum Leben, für einen solchen

langen Krieg, wie ich ihn damals mit mir gegen den

Pessimismus der Lebensmüdigkeit führte, schon für jeden

aufmerksamen Blick unsrer Dankbarkeit, der sich die

kleinsten, zartesten, flüchtigsten Geschenke des Lebens

nicht entgehn läßt. Wir bekommen endlich dafür seine

großen Geschenke, vielleicht auch sein größtes, das es

zu geben vermag, - wir bekommen u n s r e A u f g a b e

wieder zurück. - -

6

- Sollte mein Erlebnis - die Geschichte einer Krankheit

und Genesung, denn es lief auf eine Genesung hinaus -

nur mein persönliches Erlebnis gewesen sein?

Und gerade nur m e i n "Menschliches-Allzumenschliches"?

Ich möchte heute das Umgekehrte glauben; das Zutrauen

kommt mir wieder und wieder dafür, daß meine Wanderbücher

doch nicht nur für mich aufgezeichnet waren, wie

es bisweilen den Anschein hatte -. Darf ich nunmehr,

nach sechs Jahren wachsender Zuversicht, sie von neuem

zu einem Versuche auf die Reise schicken? Darf ich sie

denen sonderlich ans Herz und Ohr legen, welche mit

irgend einer "Vergangenheit" behaftet sind und Geist

genug übrig haben, um auch noch am G e i s t e ihrer

Vergangenheit zu leiden? Vor allem aber e u c h, die ihr es

am schwersten habt, ihr Seltenen, Gefährdetsten, Geistigsten,

Mutigsten, die ihr das G e w i s s e n der modernen

Seele sein müßt und als solche ihr W i s s e n haben müßt,

in denen, was es nur heute von Krankheit, Gift und Gefahr

geben kann, zusammenkommt, - deren Los es will,

daß ihr kränker sein müßt als irgend ein einzelner, weil

ihr nicht "n u r einzelne" seid..., deren Trost es ist,

den Weg zu einer n e u e n Gesundheit zu wissen, ach! und

zu gehen, einer Gesundheit von Morgen und Übermorgen,

ihr Vorherbestimmten, ihr Siegreichen, ihr Zeit-Überwinder,

ihr Gesündesten, ihr Stärksten, ihr g u t e n

E u r o p ä e r ! - -

7

- Daß ich schließlich meinen Gegensatz gegen den

romantischen Pessimismus, das heißt zum Pessimismus

der Entbehrenden, Mißglückten, Überwundenen, noch

in eine Formel bringe: es gibt einen Willen zum Tragischen

und zum Pessimismus, der das Zeichen ebenso sehr

der Strenge als der Stärke des Intellektes (Geschmacks,

Gefühls, Gewissens) ist. Man fürchtet, mit

diesem Willen in der Brust, nicht das Furchtbare und

Fragwürdige, das allem Dasein eignet; man sucht es

selbst auf. Hinter einem solchen Willen steht der Mut,

der Stolz, das Verlangen nach einem g r o ß e n Feinde. -

Dies war m e i n e pessimistische Perspektive von Anbeginn,

eine neue Perspektive, wie mich dünkt? eine

solche, die auch heute noch neu und fremd ist? Bis zu

diesem Augenblicke halte ich an ihr fest, und, wenn man

mir glauben will, ebensowohl f ü r mich als, gelegentlich

wenigstens, g e g e n mich... Wollt ihr dies erst bewiesen?

Aber was sonst wäre mit dieser langen Vorrede

- bewiesen?

S i l s - M a r i a, Oberengadin,

im September 1886

Erste Abteilung:Vermischte Meinungen und Sprüche

1

A n d i e E n t t ä u s c h t e n d e r P h i l o s o p h i e. -

Wenn ihr bisher an den höchsten Wert des Lebens

geglaubt habt und euch nun enttäuscht seht, müßt ihr es

denn jetzt zum niedrigsten Preise losschlagen?

2

V e r w ö h n t. - Man kann sich auch in bezug auf die

Helligkeit der Begriffe verwöhnen: wie ekelhaft wird da

der Verkehr mit den Halbklaren, Dunstigen, Strebenden,

Ahnenden! Wie lächerlich und doch nicht erheiternd wirkt

ihr ewiges Flattern und Haschen und doch nicht Fliegen-

und Fangen-können!

3

D i e F r e i e r d e r W i r k l i c h k e i t. - Wer endlich

merkt, wie sehr und wie lange er genarrt worden ist,

umarmt aus Trotz selbst die häßlichste Wirklichkeit: so

daß dieser, den Verlauf der Welt im ganzen gesehen,

zu allen Zeiten die allerbesten Freier zugefallen sind, -

denn die Besten sind immer am besten und längsten getäuscht worden.

4

F o r t s c h r i t t d e r F r e i g e i s t e r e i. - Man kann

den Unterschied der früheren und der gegenwärtigen

Freigeisterei nicht besser verdeutlichen, als wenn man jenes

Satzes gedenkt, den zu erkennen und auszusprechen die

ganze Unerschrockenheit des vorigen Jahrhunderts nötig

war und der dennoch, von der jetzigen Einsicht aus bemessen,

zu einer unfreiwilligen Naivität herabsinkt, -

ich meine den Satz Voltaires: "croyez-moi, mon ami,

l'erreur aussi a son m rite."

5

E i n e E r b s ü n d e d e r P h i l o s o p h e n. - Die Philosophen

haben zu allen Zeiten die Sätze der Menschenprüfer

(Moralisten) sich angeeignet und v e r d o r b e n dadurch,

daß sie dieselben unbedingt nahmen und das als

notwendig beweisen wollten, was von jenen nur als ungefährer

Fingerzeig oder gar als land- oder stadtsässige

Wahrheit eines Jahrzehnts gemeint war, - während sie

gerade dadurch sich über jene zu erheben meinten. So

wird man als Grundlage der berühmten Lehren Schopenhauers

vom Primat des Willens vor dem Intellekt, von

der Unveränderlichkeit des Charakters, von der Negativität

der Lust - welche alle, so wie er sie versteht,

Irrtümer sind - populäre Weisheiten finden, welche

Moralisten aufgestellt haben. Schon das Wort "Wille",

welches Schopenhauer zur gemeinsamen Bezeichnung

vieler menschlichen Zustände umbildete und in eine

Lücke der Sprache hineinstellte, zum großen Vorteil für

ihn selber, soweit er Moralist war - da es ihm nun

freistand, vom "Willen" zu reden, wie Pascal von ihm

geredet hatte -, schon der "Wille" Schopenhauers ist

unter den Händen seines Urhebers, durch die Philosophen-Wut

der Verallgemeinerung, zum Unheil für die Wissenschaft

ausgeschlagen: denn dieser Wille ist zu einer

poetischen Metapher gemacht, wenn behauptet wird, alle

Dinge in der Natur hätten Willen; endlich ist er, zum

Zwecke einer Verwendung bei allerhand mystischem Unfuge,

zu einer falschen Verdinglichung gemißbraucht

worden - und alle Modephilosophen sagen es nach und

scheinen es ganz genau zu wissen, daß alle Dinge e i n e n

Willen hätten, ja dieser e i n e Wille wären (was, nach

der Abschilderung, die man von diesem All-Eins-Willen

macht, so viel bedeutet, als ob man durchaus den d u m m e n

T e u f e l zum Gotte haben wolle).

6

W i d e r d i e P h a n t a s t e n. - Der Phantast verleugnet

die Wahrheit vor sich, der Lügner nur vor andern.

7

L i c h t - F e i n d s c h a f t. - Macht man jemandem klar,

daß er, streng verstanden, nie von Wahrheit, sondern

immer nur von Wahrscheinlichkeit und deren Graden

reden könne, so entdeckt man gewöhnlich an der unverhohlenen

Freude des also Belehrten, wieviel lieber den

Menschen die Unsicherheit des geistigen Horizontes ist

und wie sie die Wahrheit im Grunde ihrer Seele wegen

ihrer Bestimmtheit h a s s e n. - Liegt es daran, daß sie

alle insgeheim selber Furcht davor haben, daß man einmal

das Licht der Wahrheit zu hell auf sie fallen lasse?

Sie wollen etwas bedeuten, folglich darf man nicht genau

wissen, was sie s i n d ? Oder ist es nur die Scheu vor dem

allzu hellen Licht, an welches ihre dämmernden, leicht

zu blendenden Fledermaus-Seelen nicht gewöhnt sind, so

daß sie es hassen müssen.

8

C h r i s t e n - S k e p s i s. - Pilatus, mit seiner Frage: was

ist Wahrheit!, wird jetzt gern als Advokat Christi eingeführt,

um alles Erkannte und Erkennbare als Schein zu

verdächtigen und auf dem schauerlichen Hintergrunde

des Nichts-wissen-könnens das Kreuz aufzurichten.

9

" N a t u r g e s e t z " e i n W o r t d e s A b e r g l a u b e n s. -

Wenn ihr so entzückt von der Gesetzmäßigkeit in der

Natur redet, so müßt ihr doch entweder annehmen, daß

aus freiem, sich selbst unterwerfendem Gehorsam alle

natürlichen Dinge ihrem Gesetze folgen - in welchem

Falle ihr also die Moralität der Natur bewundert -;

oder euch entzückt die Vorstellung eines schaffenden

Mechanikers, der die kunstvollste Uhr, mit lebenden

Wesen als Zierat daran, gemacht hat. - Die Notwendigkeit

in der Natur wird durch den Ausdruck "Gesetzmäßigkeit"

menschlicher und ein letzter Zufluchtswinkel

der mythologischen Träumerei.

10

D e r H i s t o r i e v e r f a l l e n. - Die Schleier-Philosophen

und Welt-Verdunkler, also alle Metaphysiker feineren

und gröberen Korns, ergreift Augen-, Ohren- und

Zahnschmerz, wenn sie zu argwöhnen beginnen, daß es mit

dem Satze: die ganze Philosophie sei von jetzt ab der

Historie verfallen, seine Richtigkeit habe. Es ist ihnen,

ihrer S c h m e r z e n wegen, zu verzeihen, daß sie nach

jenem, der so spricht, mit Steinen und Unflat werfen: die

Lehre selbst kann aber dadurch eine Zeitlang schmutzig

und unansehnlich werden und an Wirkung verlieren.

11

D e r P e s s i m i s t d e s I n t e l l e k t s. - Der wahrhaft

Freie im Geiste wird auch über den Geist selber frei

denken und sich einiges Furchtbare in Hinsicht auf Quelle

und Richtung desselben nicht verhehlen. Deshalb werden

ihn die andern vielleicht als den ärgsten Gegner der Freigeisterei

bezeichnen und mit dem Schimpf- und Schreckwort

"Pessimist des Intellekts" belegen: gewohnt, wie sie

sind, jemanden nicht nach seiner hervorragenden Stärke

und Tugend zu nennen, sondern nach dem, was ihnen am

fremdesten an ihm ist.

12

S c h n a p p s a c k d e r M e t a p h y s i k e r. - Allen denen,

welche so großtuerisch von der Wissenschaftlichkeit ihrer

Metaphysik reden, soll man gar nicht antworten; es genügt,

sie an dem Bündel zu zupfen, welches sie, einigermaßen

scheu, hinter ihrem Rücken verborgen halten; gelingt es,

dasselbe zu lüpfen, so kommen die Resultate

jener Wissenschaftlichkeit, zu ihrem Erröten, ans Licht:

ein kleiner lieber Herrgott, eine artige Unsterblichkeit,

vielleicht etwas Spiritismus und jedenfalls ein ganzer

verschlungener Haufen von Armen-Sünder-Elend und

Pharisäer-Hochmut.

13

G e l e g e n t l i c h e S c h ä d l i c h k e i t d e r E r k e n n t n i s.

- Die Nützlichkeit, welche die unbedingte Erforschung des

Wahren mit sich bringt, wird fortwährend so hundertfach

neu bewiesen, daß man die feinere und seltnere

Schädlichkeit, an der Einzelne ihrethalben zu leiden

haben, unbedingt mit in den Kauf nehmen muß. Man

kann es nicht verhindern, daß der Chemiker bei seinen

Versuchen sich gelegentlich vergiftet und verbrennt. -

Was vom Chemiker gilt, gilt von unsrer gesamten Kultur:

woraus sich, nebenbei gesagt, deutlich ergibt, wie

sehr dieselbe für Heilsalben bei Verbrennungen und für

das stete Vorhandensein von Gegengiften zu sorgen hat.

14

P h i l i s t e r - N o t d u r f t. - Der Philister meint einen

Purpurfetzen oder Turban von Metaphysik am nötigsten

zu haben und will ihn durchaus nicht schlüpfen lassen:

und doch würde man ihn ohne diesen Putz weniger

lächerlich finden.

15

D i e S c h w ä r m e r. - Mit allem, was Schwärmer zugunsten

ihres Evangeliums oder ihres Meisters sagen,

verteidigen sie sich selbst, so sehr sie sich auch als

Richter (und nicht als Angeklagte) gebärden, weil sie

unwillkürlich und fast in jedem Augenblick daran erinnert

werden, daß sie Ausnahmen sind, die sich legitimieren müssen.

16

D a s G u t e v e r f ü h r t z u m L e b e n. - Alle guten

Dinge sind starke Reizmittel zum Leben, selbst jedes gute

Buch, das gegen das Leben geschrieben ist.

17

G l ü c k d e s H i s t o r i k e r s. - "Wenn wir die spitzfindigen

Metaphysiker und Hinterweltler reden hören,

fühlen wir anderen freilich, daß wir die `Armen im

Geist' sind, aber auch, daß unser das Himmelreich des

Wechsels, mit Frühling und Herbst, Winter und Sommer,

und jener die Hinterwelt ist - mit ihren grauen, frostigen,

unendlichen Nebeln und Schatten." - So sprach

einer zu sich bei einem Gange in der Morgensonne: einer,

dem bei der Historie nicht nur der Geist, sondern auch

das Herz sich immer neu verwandelt und der, im Gegensatze

zu den Metaphysikern, glücklich darüber ist, nicht

"eine unsterbliche Seele", sondern v i e l e s t e r b l i c h e

S e e l e n in sich zu beherbergen.

18

D r e i A r t e n v o n D e n k e r n. - Es gibt strömende,

fließende, tröpfelnde Mineralquellen; und dementsprechend

drei Arten von Denkern. Der Laie schätzt sie

nach der Masse des Wassers, der Kenner nach dem Gehalt

des Wassers ab, also nach dem, was eben n i c h t Wasser

in ihnen ist.

19

D a s B i l d d e s L e b e n s. - Die Aufgabe, das Bild

des Lebens zu malen, so oft sie auch von Dichtern und

Philosophen gestellt wurde, ist trotzdem unsinnig: auch

unter den Händen der größten Maler-Denker sind immer

nur Bilder und Bildchen aus einem Leben, nämlich aus

ihrem Leben, entstanden - und nichts anderes ist auch

nur möglich. Im Werdenden kann sich ein Werdendes

nicht als fest und dauernd, nicht als ein "das" spiegeln.

20

W a h r h e i t w i l l k e i n e G ö t t e r n e b e n s i c h. - Der

Glaube an die Wahrheit beginnt mit dem Zweifel an

allen bis dahin geglaubten Wahrheiten.

21

W o r ü b e r S c h w e i g e n v e r l a n g t w i r d. - Wenn

man von der Freigeisterei wie von einer höchst gefährlichen

Gletscher- und Eismeer-Wanderung redet, so sind die,

welche jenen Weg nicht gehen wollen, beleidigt, als ob

man ihnen Zaghaftigkeit und schwache Knie zum Vorwurf

gemacht hätte. Das Schwere, dem wir uns nicht

gewachsen fühlen, soll nicht einmal vor uns genannt

werden.

22

H i s t o r i a i n n u c e. - Die ernsthafteste Parodie, die

ich je hörte, ist diese: "im Anfang war der Unsinn, und

der Unsinn war bei Gott!, und Gott (göttlich) war der

Unsinn."

23

U n h e i l b a r. - Ein Idealist ist unverbesserlich: wirft

man ihn aus seinem Himmel, so macht er sich aus der

Hölle ein Ideal zurecht. Man enttäuschte ihn und siehe!

- er wird die Enttäuschung nicht minder brünstig umarmen,

als er noch jüngst die Hoffnung umarmt hat. Insofern

sein Hang zu den großen unheilbaren Hängen der

menschlichen Natur gehört, kann er tragische Schicksale

herbeiführen und später Gegenstand von Tragödien werden:

als welche es eben mit dem Unheilbaren, Unabwendbaren,

Unentfliehbaren in Menschenlos und -Charakter

zu tun haben.

24

D e r B e i f a l l s e l b e r a l s F o r t s e t z u n g d e s

S c h a u s p i e l s. - Strahlende Augen und ein wohlwollendes

Lächeln ist die Art des Beifalls, welcher der ganzen

großen Welt- und Daseinskomödie gezollt wird, - aber

zugleich eine Komödie in der Komödie, welche die andern

Zuschauer zum "plaudite amici" verführen soll.

25

M u t z u r L a n g w e i l i g k e i t. - Wer den Mut nicht

hat, sich und sein Werk langweilig finden zu lassen, ist

gewiß kein Geist ersten Ranges, sei es in Künsten oder

Wissenschaften. - Ein Spötter, der ausnahmsweise auch

ein Denker wäre, könnte, bei einem Blick auf Welt und

Geschichte, hinzufügen: "Gott hatte diesen Mut nicht;

er hat die Dinge insgesamt zu interessant machen wollen

und gemacht."

26

A u s d e r i n n e r s t e n E r f a h r u n g d e s D e n k e r s.

- Nichts wird dem Menschen schwerer, als eine Sache

unpersönlich zu fassen: ich meine, in ihr eben eine Sache

und k e i n e P e r s o n zu sehen: ja man kann fragen, ob

es ihm überhaupt möglich ist, das Uhrwerk seines personenbildenden,

personendichtenden Triebes auch nur

einen Augenblick auszuhängen. Verkehrt er doch selbst

mit G e d a n k e n, und seien es die abstraktesten, so, als

wären es Individuen, mit denen man kämpfen, an die

man sich anschließen, welche man behüten, pflegen, aufnähren

müsse. Belauern und belauschen wir uns nur

selber, in jenen Minuten, wo wir einen uns neuen Satz

hören oder finden. Vielleicht mißfällt er uns, weil er

so trotzig, so selbstherrlich dasteht: unbewußt fragen

wir uns, ob wir ihm nicht einen Gegensatz als Feind

zur Seite ordnen, ob wir ihm ein "Vielleicht", ein

"Mitunter" anhängen können; selbst das Wörtchen

"wahrscheinlich" gibt uns eine Genugtuung, weil es die

persönlich lästige Tyrannei des Unbedingten bricht. Wenn

dagegen jener neue Satz in milder Form einherzieht, fein

duldsam und demütig und dem Widerspruche gleichsam

in die Arme sinkend, so versuchen wir es mit einer andern

Probe unsrer Selbstherrlichkeit: wie, können wir diesem

schwachen Wesen nicht zu Hilfe kommen, es streicheln

und nähren, ihm Kraft und Fülle, ja Wahrheit und selbst

Unbedingtheit geben? Ist es möglich, uns elternhaft oder

ritterlich oder mitleidig gegen dasselbe zu benehmen? -

Dann wieder sehen wir hier ein Urteil und dort ein Urteil

entfernt voneinander, ohne sich anzusehen, ohne sich

aufeinander zuzubewegen: da kitzelt uns der Gedanke, ob

hier nicht eine Ehe zu stiften, ein S c h l u ß zu ziehen

sei, mit dem Vorgefühle, daß im Falle sich eine Folge

aus diesem Schlusse ergibt, nicht nur die beiden ehelich

verbundenen Urteile, sondern auch die Ehestifter die Ehre

davon haben. Kann man aber weder auf dem Wege des

Trotzes und Übelwollens, noch auf dem des Wohlwollens

jenem Gedanken etwas anhaben (hält man ihn für w a h r

-), dann unterwirft man sich und huldigt ihm als einem

Führer und Herzoge, gibt ihm einen Ehrenstuhl und

spricht nicht ohne Gepränge und Stolz von ihm; denn

in s e i n e m Glanze glänzt man mit. Wehe dem, der diesen

verdunkeln will; es sei denn, daß er selber uns eines

Tages bedenklich wird: - dann stoßen wir, die unermüdlichen

"Königsmacher" (king-makers) der Geschichte des

Geistes, ihn vom Throne und heben flugs seinen Gegner

hinauf. Dies erwäge man und denke noch ein Stück

weiter: gewiß wird niemand dann von einem "Erkenntnistriebe

an und für sich" reden! - Weshalb zieht also

der Mensch das Wahre dem Unwahren vor, in diesem

h e i m l i c h e n Kampfe mit Gedanken-Personen, in dieser

meist versteckt bleibenden Gedanken-Ehestiftung,

Gedanken-Staatenbegründung, Gedanken-Kinderzucht,

Gedanken-Armen- und Krankenpflege? Aus dem gleichen

Grunde, aus dem er die Gerechtigkeit im Verkehre mit

wirklichen Personen übt: j e t z t aus Gewohnheit,

Vererbung und Anerziehung, u r s p r ü n g l i c h, weil das

Wahre - wie auch das Billige und Gerechte - n ü t z l i c h e r

und e h r b r i n g e n d e r ist als das Unwahre. Denn

im Reiche des Denkens sind M a c h t und R u f schlecht

zu behaupten, die sich auf dem Irrtum oder der Lüge

aufbauen: das Gefühl, daß ein solcher Bau irgend einmal

zusammenbrechen könne, ist d e m ü t i g e n d für das

Selbstbewußtsein seines Baumeisters; er schämt sich der

Zerbrechlichkeit seines Materials und möchte, weil er

sich selber w i c h t i g e r als die übrige Welt nimmt, nichts

tun, was nicht d a u e r n d e r als die übrige Welt wäre.

Im Verlangen nach der Wahrheit umarmt er den Glauben

an die persönliche Unsterblichkeit, das heißt den

hochmütigsten und trotzigsten Gedanken, den es gibt,

verschwistert wie er ist mit dem Hintergedanken "pereat

mundus, dum ego salvus sim!" Sein Werk ist ihm zu

seinem ego geworden, er schafft sich selber ins Unvergängliche,

allem Trotz Bietende um. Sein unermeßlicher

Stolz ist es, der nur die besten härtesten Steine zum

Werke verwenden will, Wahrheiten also oder das, was

er dafür hält. Mit Recht hat man zu allen Zeiten als

"das Laster des Wissenden" den H o c h m u t genannt -

doch würde es ohne dieses triebkräftige Laster erbärmlich

um die Wahrheit und deren Geltung auf Erden bestellt

sein. Darin, daß wir uns vor unsern eigenen Gedanken,

Begriffen, Worten f ü r c h t e n, daß wir aber auch in

ihnen uns selber ehren, ihnen unwillkürlich die Kraft

zuschreiben, uns belohnen, verachten, loben und tadeln

zu können, darin, daß wir also mit ihnen wie mit freien

geistigen Personen, mit unabhängigen Mächten verkehren,

als Gleiche mit Gleichen - darin hat das seltsame Phänomen

seine Wurzel, welches ich "intellektuales Gewissen"

genannt habe. - So ist auch hier etwas Moralisches

höchster Gattung aus einer Schwarzwurzel herausgeblüht.

27

D i e O b s k u r a n t e n. - Das Wesentliche an der schwarzen

Kunst des Obskurantismus ist nicht, daß er die Köpfe

verdunkeln will, sondern daß er das Bild der Welt anschwärzen,

unsere V o r s t e l l u n g v o m D a s e i n v e r d u n k e l n

will. Dazu dient ihm zwar häufig jenes Mittel,

die Aufhellung der Geister zu hintertreiben: mitunter

aber gebraucht er gerade das entgegengesetzte Mittel

und sucht durch die höchste Verfeinerung des Intellekts

einen Ü b e r d r u ß an dessen Früchten zu erzeugen.

Spitzfindige Metaphysiker, welche die Skepsis vorbereiten und

durch ihren übermäßigen Scharfsinn zum Mißtrauen

gegen den Scharfsinn auffordern, sind gute Werkzeuge

eines feineren Obskurantismus. - Ist es möglich, daß

selbst Kant in dieser Absicht verwendet werden kann?

ja daß er, nach seiner eignen berüchtigten Erklärung,

etwas Derartiges, wenigstens zeitweilig, g e w o l l t h a t :

dem G l a u b e n Bahn machen dadurch, daß er dem

W i s s e n seine Schranken wies? - was ihm nun freilich nicht

gelungen ist, ihm sowenig wie seinen Nachfolgern auf

den Wolfs- und Fuchsgängen dieses höchst verfeinerter

und gefährlichen Obskurantismus, ja des gefährlichsten:

denn die schwarze Kunst erscheint hier in einer Lichthülle.

28

A n w e l c h e r A r t v o n P h i l o s o p h i e d i e K u n s t

v e r d i r b t. - Wenn es den Nebeln einer metaphysisch-mystischen

Philosophie gelingt, alle ästhetischen Phänomene

u n d u r c h s i c h t b a r zu machen, so folgt dann, daß sie

auch untereinander u n a b s c h ä t z b a r sind, weil jedes

einzelne unerklärlich wird. Dürfen sie aber nicht einmal

mehr miteinander zum Zwecke der Abschätzung verglichen

werden, so entsteht zuletzt eine vollständige U n k r i t i k,

ein blindes Gewährenlassen: daraus aber wiederum

eine stetige Abnahme des G e n u s s e s an der Kunst

(welcher nur durch ein höchst verschärftes Schmecken

und Unterscheiden sich von der rohen Stillung eines

Bedürfnisses unterscheidet). Je mehr aber der Genuß abnimmt,

um so mehr wandelt sich das Kunstverlangen

zum gemeinen Hunger um und zurück, dem nun der

Künstler durch immer gröbere Kost abzuhelfen sucht.

29

A u f G e t h s e m a n e. - Das Schmerzlichste, was der

Denker zu den Künstlern sagen kann, lautet: "könnt ihr

denn nicht eine Stunde m i t m i r w a c h e n ?

30

A m W e b s t u h l e. - Den wenigen, welche eine Freude

daran haben, den Knoten der Dinge zu lösen und sein

Gewebe aufzutrennen, arbeiten viele entgegen (zum Beispiel

alle Künstler und Frauen), ihn immer wieder neu

zu knüpfen und zu verwickeln und so das Begriffne ins

Unbegriffne, womöglich Unbegreifliche umzubilden. Was

dabei auch sonst herauskomme - das Gewebte und Verknotete

wird immer etwas unreinlich aussehen müssen,

weil zu viele Hände daran arbeiten und ziehen.

31

I n d e r W ü s t e d e r W i s s e n s c h a f t. - Dem

wissenschaftlichen Menschen erscheinen auf seinen bescheidenen

und mühsamen Wanderungen, die oft genug Wüstenreisen

sein müssen, jene glänzenden Lufterscheinungen,

die man "philosophische Systeme" nennt: sie zeigen mit

zauberischer Kraft der Täuschung die Lösung aller

Rätsel und den frischesten Trunk wahren Lebenswassers

in der Nähe; das Herz schwelgt, und der Ermüdete berührt

das Ziel aller wissenschaftlichen Ausdauer und

Not beinahe schon mit den Lippen, so daß er wie unwillkürlich

vorwärts drängt. Freilich bleiben andere Naturen,

von der schönen Täuschung wie betäubt, stehen: die

Wüste verschlingt sie, für die Wissenschaft sind sie tot.

Wieder andere Naturen, welche jene subjektiven Tröstungen

schon öfter erfahren haben, werden wohl aufs

äußerste mißmutig und verfluchen den Salzgeschmack,

welchen jene Erscheinungen im Munde hinterlassen und

aus dem ein rasender Durst entsteht - ohne daß man

nur einen Schritt damit irgend einer Quelle näher

gekommen wäre.

32

D i e a n g e b l i c h e " w i r k l i c h e W i r k l i c h k e i t ".

- Der Dichter stellt sich so, wenn er die einzelnen

Berufsarten, z. B. die des Feldherrn, des Seidenwebers, des

Seemanns schildert, als ob er diese Dinge von Grund aus

kenne und ein W i s s e n d e r sei; ja bei der Auseinandersetzung

menschlicher Handlungen und Geschicke benimmt

er sich, wie als ob er beim Ausspinnen des ganzen Weltennetzes

zugegen gewesen sei; insofern ist er ein Betrüger.

Und zwar betrügt er vor lauter N i c h t w i s s e n d e n -

und deshalb gelingt es ihm: diese bringen ihm das Lob

seines echten und tiefen Wissens entgegen und verleiten

ihn endlich zu dem Wahne, er wisse die Dinge wirklich

so gut wie der einzelne Kenner und Macher, ja wie die

große Welten-Spinne selber. Zuletzt also wird der Betrüger

ehrlich und glaubt an seine Wahrhaftigkeit. Ja

die empfindenden Menschen sagen es ihm sogar ins Gesicht,

er habe die h ö h e r e Wahrheit und Wahrhaftigkeit,

- sie sind nämlich der Wirklichkeit zeitweilig

müde und nehmen den dichterischen Traum als eine wohltätige

Ausspannung und Nacht für Kopf und Herz. Was

dieser Traum ihnen zeigt, erscheint ihnen jetzt mehr

wert, weil sie es, wie gesagt, wohltätiger empfinden:

und immer haben die Menschen gemeint, das wertvoller

Scheinende sei das Wahrere, Wirklichere. Die Dichter,

die sich dieser Macht b e w u ß t sind, gehen absichtlich

darauf aus, das, was für gewöhnlich Wirklichkeit genannt

wird, zu verunglimpfen und zum Unsichern, Scheinbaren,

Unechten, Sünd-, Leid- und Trugvollen umzubilden;

sie benutzen alle Zweifel über die Grenzen der

Erkenntnis, alle skeptischen Ausschreitungen, um die

faltigen Schleier der Unsicherheit über die Dinge zu breiten:

damit dann, nach dieser Verdunkelung, ihre Zauberei und

Seelenmagie recht unbedenklich als Weg zur "wahren

Wahrheit", zur "wirklichen Wirklichkeit" verstanden

werde.

33

G e r e c h t s e i n w o l l e n u n d R i c h t e r s e i n w o l l e n.

- Schopenhauer, dessen große Kennerschaft für Menschliches

und Allzumenschliches, dessen ursprünglicher Tatsachen-Sinn

nicht wenig durch das bunte Leoparden-Fell

seiner Metaphysik beeinträchtigt worden ist (welches man

ihm erst abziehen muß, um ein wirkliches Moralisten-Genie

darunter zu entdecken) - Schopenhauer macht jene

treffliche Unterscheidung, mit der er viel mehr recht

behalten wird, als er sich selber eigentlich zugestehen

durfte: "die Einsicht in die strenge Notwendigkeit der

menschlichen Handlungen ist die Grenzlinie, welche die

p h i l o s o p h i s c h e n Köpfe von d e n a n d e r n scheidet."

Dieser mächtigen Einsicht, welcher er zuzeiten offen

stand, wirkte er bei sich selber durch jenes Vorurteil

entgegen, welches er mit den moralischen Menschen (n i c h t

mit den Moralisten) noch gemein hatte und das er ganz

harmlos und gläubig so ausspricht: "der letzte und wahre

Aufschluß über das innere Wesen des Ganzen der Dinge

muß notwendig eng zusammenhängen mit dem über die

ethische Bedeutsamkeit des menschlichen Handelns" -

was eben durchaus nicht "notwendig" ist, vielmehr durch

jenen Satz von der strengen Notwendigkeit der menschlichen

Handlungen, das heißt der unbedingten Willens-Unfreiheit

und -Unverantwortlichkeit, eben abgelehnt

wird. Die philosophischen Köpfe werden sich also von

den andern durch den Unglauben an die metaphysische

Bedeutsamkeit der Moral unterscheiden: und das dürfte

eine Kluft zwischen sie legen, von deren Tiefe und

Unüberbrückbarkeit die so beklagte Kluft zwischen "Gebildet"

und "Ungebildet", wie sie jetzt existiert, kaum

einen Begriff gibt. Freilich muß noch manche Hintertüre,

welche sich die "philosophischen Köpfe", gleich

Schopenhauern selbst, gelassen haben, als nutzlos erkannt

werden: k e i n e führt ins Freie, in die Luft des freien

Willens; j e d e, durch welche man bisher geschlüpft ist,

zeigte dahinter wieder die ehern blinkende Mauer des

Fatums: wir s i n d im Gefängnis, frei können wir uns

nur t r ä u m e n, nicht machen. Daß dieser Erkenntnis

nicht lange mehr widerstrebt werden kann, das zeigen

die verzweifelten und unglaublichen Stellungen und Verzerrungen

derer an, welche gegen sie andringen, mit ihr

noch den Ringkampf fortsetzen. - So ungefähr geht es

bei ihnen jetzt zu: "also kein Mensch verantwortlich?

Und alles voll Schuld und Schuldgefühl? Aber irgendwer

muß doch der Sünder sein: ist es unmöglich und nicht

mehr erlaubt, den einzelnen, die arme Welle im notwendigen

Wellenspiele des Werdens anzuklagen und zu

richten - nun denn: so sei das Wellenspiel selbst, das

Werden, der Sünder: hier ist der freie Wille, hier darf

angeklagt, verurteilt, gebüßt und gesühnt werden: so sei

G o t t d e r S ü n d e r u n d d e r M e n s c h s e i n E r l ö s e r : so

sei die Weltgeschichte Schuld, Selbstverurteilung und

Selbstmord; so werde der Missetäter zum eigenen Richter,

der Richter zum eigenen Henker." - Dieses a u f d e n

K o p f g e s t e l l t e C h r i s t e n t u m - was ist es denn sonst?

- ist der letzte Fechter-Ausfall im Kampfe der Lehre

von der unbedingten Moralität mit der von der

unbedingten Unfreiheit - ein schauerliches Ding, wenn es

m e h r wäre als eine l o g i s c h e G r i m a s s e, mehr als eine

häßliche Gebärde des unterliegenden Gedankens - etwa

der Todeskrampf des verzweifelnden und heilsüchtigen

Herzens, dem der Wahnsinn zuflüstert: "Siehe, du bist

das Lamm, das Gottes Sünde trägt". - Der Irrtum steckt

nicht nur im Gefühle "ich bin verantwortlich", sondern

ebenso in jenem Gegensatze "ich bin es nicht, aber irgendwer

muß es doch sein". - Dies ist eben nicht wahr: der

Philosoph hat also zu sagen, wie Christus, "richtet

nicht!", und der letzte Unterschied zwischen den

philosophischen Köpfen und den andern wäre der, daß die

ersten g e r e c h t s e i n w o l l e n, die andern R i c h t e r

s e i n wollen.

34

A u f o p f e r u n g. - Ihr meint, das Kennzeichen der

moralischen Handlung sei die Aufopferung? - Denkt

doch nach, ob nicht bei j e d e r Handlung, die mit

Überlegung getan wird, Aufopferung dabei ist, bei der

schlechtesten wie bei der besten.

35

G e g e n d i e N i e r e n p r ü f e r d e r S i t t l i c h k e i t.

- Man muß das Beste und das Schlechteste kennen, dessen

ein Mensch fähig ist, im Vorstellen und Ausführen, um

zu beurteilen, wie stark seine sittliche Natur ist und

wurde. Aber jenes zu erfahren ist unmöglich.

36

S c h l a n g e n z a h n. - Ob man einen Schlangenzahn

habe oder nicht, weiß man nicht eher, als bis jemand

die Ferse auf uns gesetzt hat. Eine Frau oder Mutter

würde sagen: bis jemand die Ferse auf unsern Liebling,

unser Kind gesetzt hat. - Unser Charakter wird noch

mehr durch den Mangel gewisser Erlebnisse als durch

das, was man erlebt, bestimmt.

37

D e r B e t r u g i n d e r L i e b e. - Man vergißt manches

aus seiner Vergangenheit und schlägt es sich absichtlich

aus dem Sinn: das heißt, man will, daß unser Bild, welches

von der Vergangenheit her uns anstrahlt, uns belüge.

unserm Dünkel schmeichele - wir arbeiten fortwährend

an diesem Selbstbetruge. - Und nun meint ihr, die ihr

so viel vom "Sichselbstvergessen in der Liebe", vom "Aufgehen

des Ich in der anderen Person" redet und rühmt,

dies sei etwas wesentlich anderes? Also man zerbricht

den Spiegel, dichtet sich in eine Person hinein, die man

bewundert, und genießt nun das neue Bild seines Ich, ob

man es schon mit dem Namen der andern Person nennt -

und dieser ganze Vorgang soll n i c h t Selbstbetrug, n i c h t

Selbstsucht sein, ihr - Wunderlichen! - Ich denke, die,

welche etwas von sich v o r s i c h verhehlen und die, welche

sich als Ganzes vor sich verhehlen, sind darin gleich, daß

sie in der Schatzkammer der Erkenntnis einen D i e b s t a h l

verüben: woraus sich ergibt, vor welchem Vergehen der

Satz "erkenne dich selbst" warnt.

38

A n d e n L e u g n e r s e i n e r E i t e l k e i t. - Wer die

Eitelkeit bei sich leugnet, besitzt sie gewöhnlich in so

brutaler Form, daß er instinktiv vor ihr das Auge

schließt, um sich nicht verachten zu müssen.

39

W e s h a l b d i e D u m m e n s o o f t b o s h a f t w e r d e n.

- Auf Einwände des Gegners, gegen welche sich unser

Kopf zu schwach fühlt, antwortet unser Herz durch

Verdächtigung der Motive seiner Einwände.

40

D i e K u n s t d e r m o r a l i s c h e n A u s n a h m e n. -

Einer Kunst, welche die Ausnahmefälle der Moral zeigt

und verherrlicht - dort, wo das Gute schlecht, das

Ungerechte gerecht wird -, darf man nur selten Gehör

geben: wie man von Zigeunern ab und zu etwas kauft,

doch mit Scheu, daß sie nicht viel mehr entwenden, als

der Gewinn beim Kaufe ist.

41

G e n u ß u n d N i c h t - G e n u ß v o n G i f t e n. - Das

einzige entscheidende Argument, welches zu allen Zeiten

die Menschen abgehalten hat, ein Gift zu trinken, ist

nicht, daß es tötete, sondern daß es schlecht schmeckte.

42

D i e W e l t o h n e S ü n d e n g e f ü h l e. - Wenn nur

solche Taten getan würden, welche kein schlechtes

Gewissen erzeugen, so sähe die menschliche Welt immer

noch schlecht und schurkenhaft genug aus: aber nicht

so kränklich und erbärmlich wie jetzt. - Es lebten genug

Böse ohne Gewissen zu allen Zeiten: und vielen Guten

und Braven fehlt das Lustgefühl des guten Gewissens.

43

D i e G e w i s s e n h a f t e n. - Seinem Gewissen folgen

ist bequemer als seinem Verstande: denn es hat bei jedem

Mißerfolg eine Entschuldigung und Aufheiterung in sich.

Darum gibt es immer noch so viele Gewissenhafte gegen

so wenig Verständige.

44

E n t g e g e n g e s e t z t e M i t t e l, d a s B i t t e r w e r d e n z u

v e r h ü t e n. - Dem einen Temperament ist es von Nutzen,

seinen Verdruß in Worten auslassen zu können: im Reden

versüßt es sich. Ein anderes Temperament kommt erst

durch Aussprechen zu seiner vollen Bitterkeit: ihm ist

es rätlicher, etwas hinunterschlucken zu müssen: der

Zwang, den Menschen solcher Art sich vor Feinden oder

Vorgesetzten antun, verbessert ihren Charakter und verhütet,

daß er allzu scharf und sauer wird.

45

N i c h t z u s c h w e r n e h m e n. - Sich wund liegen

ist unangenehm, aber doch kein Beweis gegen die Güte

der Kur, nach der man bestimmt wurde, sich zu Bett zu

legen. - Menschen, die lange außer sich lebten und endlich

sich dem philosophischen Innen- und Binnenleben

zuwandten, wissen, daß es auch ein Sich-wund-liegen von

Gemüt und Geist gibt. Dies ist also kein Argument gegen

die gewählte Lebensweise im ganzen, macht aber einige

kleine Ausnahmen und scheinbare Rückfälligkeiten nötig.

46

D a s m e n s c h l i c h e " D i n g a n s i c h ". - Das verwundbarste

Ding und doch das unbesiegbarste ist die menschliche

Eitelkeit: ja, durch die Verwundung wächst seine

Kraft und kann zuletzt riesengroß werden.

47

D i e P o s s e v i e l e r A r b e i t s a m e n. - Sie erkämpfen

durch ein Übermaß von Anstrengung sich freie Zeit und

wissen nachher nichts mit ihr anzufangen als die Stunden

abzuzählen, bis sie abgelaufen sind.

48

V i e l F r e u d e h a b e n. - Wer viel Freude hat, muß

ein guter Mensch sein: aber vielleicht ist er nicht der

klügste, obwohl er gerade das erreicht, was der Klügste

mit aller seiner Klugheit erstrebt.

49

I m S p i e g e l d e r N a t u r. - Ist ein Mensch nicht

ziemlich genau beschrieben, wenn man hört, daß er gern

zwischen gelben hohen Kornfeldern geht, daß er die

Waldes- und Blumenfarben des abglühenden und vergilbten

Herbstes allen andern vorzieht, weil sie auf

Schöneres hindeuten als der Natur je gelingt, daß er

unter großen fettblättrigen Nußbäumen sich ganz heimisch

wie unter Blutsverwandten fühlt, daß im Gebirge

seine größte Freude ist, jenen kleinen abgelegenen Seen

zu begegnen, aus denen ihn die Einsamkeit selber mit

ihren Augen anzusehen scheint, daß er jene graue Ruhe

der Nebel-Dämmerung liebt, welche an Herbst- und

Frühwinter-Abenden an die Fenster heranschleicht und jedes

seelenlose Geräusch wie mit Samtvorhängen ausschließt,

daß er unbehauenes Gestein als übrig gebliebene, der

Sprache begierige Zeugen der Vorzeit empfindet und von

Kind an verehrt, und zuletzt, daß ihm das Meer mit seiner

beweglichen Schlangenhaut und Raubtier-Schönheit fremd

ist und bleibt? - Ja, e t w a s von diesem Menschen ist

allerdings damit beschrieben: aber der Spiegel der Natur

sagt nichts darüber, daß derselbe Mensch, bei aller seiner

idyllischen Empfindsamkeit (und nicht einmal "trotz

ihrer"), ziemlich lieblos, knauserig und eingebildet sein

könnte. Horaz, der sich auf dergleichen Dinge verstand,

hat das zarteste Gefühl für das Landleben einem römischen

W u c h e r e r in Mund und Seele gelegt, in dem

berühmten "beatus ille qui procul negotiis".

50

M a c h t o h n e S i e g e. - Die stärkste Erkenntnis (die

von der völligen Unfreiheit des menschlichen Willens)

ist doch die ärmste an Erfolgen: denn sie hat immer den

stärksten Gegner, die menschliche Eitelkeit.

51

L u s t u n d I r r t u m. - Der eine teilt sich unwillkürlich

durch sein Wesen an seine Freunde wohltätig mit,

der andere willkürlich durch einzelne Handlungen. Ob

gleich das erstere als das Höhere gilt, so ist doch nur

das zweite mit dem guten Gewissen und der Lust verknüpft -

nämlich mit der Lust der Werkheiligkeit,

welche auf dem Glauben an die Willkür unsres Gut- und

Schlimmtuns, das heißt auf einem Irrtum ruht.

52

E s i s t t ö r i c h t, U n r e c h t z u t u n. - Eignes Unrecht,

das man zugefügt hat, ist viel schwerer zu tragen als

fremdes, das einem zugefügt wurde (nicht gerade aus

moralischen Gründen, wohlgemerkt -); der Täter ist

eigentlich immer der Leidende, w e n n er nämlich

entweder den Gewissensbissen zugänglich ist oder der Einsicht,

daß er die Gesellschaft gegen sich durch seine

Handlung bewaffnet und sich isoliert habe. Deshalb

sollte man sich, schon seines inneren Glückes wegen, also

um seines Wohlbehagens nicht verlustig zu gehen, ganz

abgesehen von allem, was Religion und Moral gebieten, vor

dem Unrecht-Tun in acht nehmen, mehr noch als vor dem

Unrecht-Erfahren: denn letzteres hat den Trost des guten

Gewissens, der Hoffnung auf Rache, auf Mitleiden und

Beifall der Gerechten, ja der ganzen Gesellschaft, welche

sich vor dem Übeltäter fürchtet. - Nicht wenige verstehen

sich auf die unsaubere Selbstüberlistung, jedes

eigne Unrecht in ein fremdes, ihnen zugefügtes umzumünzen

und für das, was sie selber getan haben, sich das

Ausnahmerecht der Notwehr zur Entschuldigung vorzubehalten:

um auf diese Weise viel leichter an ihrer Last

zu tragen.

53

N e i d m i t o d e r o h n e M u n d s t ü c k. - Der gewöhnliche

Neid pflegt zu gackern, sobald das beneidete Huhn

ein Ei gelegt hat: er erleichtert sich dabei und wird

milder. Es gibt aber einen noch tieferen Neid: der wird

in solchem Falle totenstill, und wünschend, daß jetzt

jeder Mund versiegelt würde, immer wütender darüber,

daß dies gerade nicht geschieht. Der schweigende Neid

wächst im Schweigen.

54

D e r Z o r n a l s S p i o n. - Der Zorn schöpft die Seele

aus und bringt selbst den Bodensatz ans Licht. Man muß

deshalb, wenn man sonst sich nicht Klarheit zu schaffen

weiß, seine Umgebung, seine Anhänger und Gegner in

Zorn zu versetzen wissen, um zu erfahren, was im Grunde

alles wider uns geschieht und gedacht wird.

55

D i e V e r t e i d i g u n g m o r a l i s c h s c h w i e r i g e r a l s

d e r A n g r i f f. - Das wahre Helden- und Meisterstück

des guten Menschen liegt nicht darin, daß er die Sache

angreift und die Person fortfährt zu lieben, sondern in

dem viel schwereren, seine e i g n e Sache zu v e r t e i d i g e n,

ohne daß man der angreifenden Person bitteres Herzeleid

mache und machen wolle. Das Schwert des Angriffs ist

ehrlich und breit, das der Verteidigung läuft gewöhnlich

in eine Nadel aus.

56

E h r l i c h g e g e n d i e E h r l i c h k e i t. - Einer, der

gegen sich öffentlich ehrlich ist, bildet sich zu allerletzt

etwas auf diese Ehrlichkeit ein: denn er weiß nur zu

gut, warum er ehrlich ist - aus demselben Grunde, aus

dem ein anderer den Schein und die Verstellung vorzieht.

57

G l ü h e n d e K o h l e n. - Glühende Kohlen auf des

andern Haupt sammeln wird gewöhnlich mißverstanden

und schlägt fehl, weil der andere sich ebenfalls im Besitze

des Rechts weiß und auch seinerseits an das Kohlensammeln

gedacht hat.

58

G e f ä h r l i c h e B ü c h e r. - Da sagt einer "ich merke

es an mir selber: dies Buch ist schädlich". Aber er warte

nur ab und vielleicht gesteht er sich eines Tages, daß

dasselbe Buch ihm einen großen Dienst erwies, indem

es die versteckte Krankheit seines Herzens hervortrieb

und in die Sichtbarkeit brachte. - Veränderte Meinungen

verändern den Charakter eines Menschen nicht (oder ganz

wenig); wohl aber beleuchten sie einzelne Seiten des Gestirns

seiner Persönlichkeit, welche bisher, bei einer

andern Konstellation von Meinungen, dunkel und unerkennbar

geblieben waren.

59

G e h e u c h e l t e s M i t l e i d e n. - Man heuchelt Mitleiden,

wenn man über das Gefühl der Feindseligkeit sich

erhaben z e i g e n will: aber gewöhnlich umsonst. Dies

bemerkt man nicht ohne ein starkes Zunehmen jener

feindseligen Empfindung.

60

O f f n e r W i d e r s p r u c h o f t v e r s ö h n e n d. - Im

Augenblick, wo einer seine Differenz der Lehrmeinung

in Hinsicht auf einen berühmten Parteiführer oder Lehrer

öffentlich zu erkennen gibt, glaubt alle Welt, er müsse

ihm gram sein. Mitunter hört er aber gerade da auf,

ihm gram zu sein: er wagt es, sich selber neben ihn

aufzustellen, und ist die Qual der unausgesprochenen

Eifersucht los.

61

S e i n L i c h t l e u c h t e n s e h e n. - Im verfinsterten Zustande

von Trübsal, Krankheit, Verschuldung sehen wir

es gern, wenn wir anderen noch leuchten und sie an uns

die helle Mondesscheibe wahrnehmen. Auf diesem Umwege

nehmen wir an unserer eigenen Fähigkeit zu erhellen Anteil.

62

M i t f r e u d e. - Die Schlange, die uns sticht, meint

uns wehe zu tun und freut sich dabei; das niedrigste Tier

kann sich fremden S c h m e r z vorstellen. Aber fremde

Freude sich vorstellen und sich dabei freuen ist das

höchste Vorrecht der höchsten Tiere und wieder unter

ihnen nur den ausgesuchtesten Exemplaren zugänglich

- also ein seltenes humanum: so daß es Philosophen

gegeben hat, welche die Mitfreude geleugnet haben.

63

N a c h t r ä g l i c h e S c h w a n g e r s c h a f t. - Die, welche

zu ihren Werken und Taten gekommen sind, sie wissen

nicht wie, gehen gewöhnlich hinterher um so mehr mit

ihnen schwanger: wie, um nachträglich zu beweisen, daß

es ihre Kinder und nicht die des Zufalls sind.

64

A u s E i t e l k e i t h a r t h e r z i g. - Wie Gerechtigkeit

so häufig der Deckmantel der Schwäche ist, so greifen

billig denkende, aber schwache Menschen mitunter aus

Ehrgeiz zur Verstellung und benehmen sich ersichtlich

ungerecht und hart, um den Eindruck der Stärke zu

hinterlassen.

65

D e m ü t i g u n g. - Findet jemand in einem geschenkten

Sack Vorteil auch nur ein Korn Demütigung, so macht

er doch noch eine böse Miene zum guten Spiele.

66

Ä u ß e r s t e s H e r o s t r a t e n t u m. - Es könnte

Herostrate geben, welche den eignen Tempel anzündeten,

in dem ihre Bilder verehrt werden.

67

D i e D i m i n u t i v - W e l t. - Der Umstand, daß alles

Schwache und Hilfsbedürftige zu Herzen spricht, bringt

die Gewohnheit mit sich, daß wir alles, was uns zu Herzen

spricht, mit Verkleinerungs- und Abschwächungsworten bezeichnen - also, für unsere Empfindung

schwach und hilfsbedürftig m a c h e n.

68

Ü b l e E i g e n s c h a f t d e s M i t l e i d e n s. - Das

Mitleiden hat eine eigene Unverschämtheit als Gefährtin:

denn weil es durchaus helfen möchte, ist es weder über

die Mittel der Heilung, noch über Art und Ursache der

Krankheit in Verlegenheit und quacksalbert mutig auf

die Gesundheit und den Ruf seines Patienten los.

69

Z u d r i n g l i c h k e i t. - Es gibt auch eine Zudringlichkeit

gegen W e r k e; und sich als Jüngling schon nachahmend

zu den erlauchtesten Werken aller Zeiten mit der

Vertraulichkeit des Du und Du zu gesellen, beweist einen

völligen Mangel an Scham. - Andre sind nur aus Ignoranz

zudringlich: sie wissen nicht, mit wem sie es zu

tun haben - so nicht selten junge und alte Philologen

im Verhältnis zu den Werken der Griechen.

70

D e r W i l l e s c h ä m t s i c h d e s I n t e l l e k t e s. - Mit

aller Kälte machen wir vernünftige Entwürfe gegen unsre

Affekte: dann aber begehen wir die gröbsten Fehler dagegen,

weil wir uns häufig im Augenblick, wo der Vorsatz

ausgeführt werden sollte, jener Kälte und Besonnenheit

schämen, mit der wir ihn faßten. Und so tut man

dann gerade das Unvernünftige, aus jener Art trotziger

Großherzigkeit, welche jeder Affekt mit sich bringt.

71

W a r u m d i e S k e p t i k e r d e r M o r a l m i ß f a l l e n.

- Wer seine Moralität hoch und schwer nimmt, zürnt den

Skeptikern auf dem Gebiete der Moral: denn dort, wo

er alle seine Kraft aufwendet, soll man staunen, aber

nicht untersuchen und zweifeln. - Dann gibt es Naturen,

deren letzter Rest von Moralität eben der Glaube an

Moral ist: sie benehmen sich ebenso gegen die Skeptiker,

womöglich noch leidenschaftlicher.

72

S c h ü c h t e r n h e i t. - Alle Moralisten sind schüchtern,

weil sie wissen, daß sie mit Spionierern und Verrätern

verwechselt werden, sobald man ihren Hang ihnen anmerkt.

Sodann sind sie sich überhaupt bewußt, im Handeln

unkräftig zu sein: denn mitten im Werke ziehen

die Motive ihres Tuns ihre Aufmerksamkeit fast vom

Werke ab.

73

E i n e G e f a h r f ü r d i e a l l g e m e i n e M o r a l i t ä t.

- Menschen, die zugleich edel und ehrlich sind, bringen es

zu Wege, jede Teufelei, welche ihre Ehrlichkeit ausheckt,

zu vergöttlichen und die Waage des moralischen Urteils

eine Zeitlang stillzustellen.

74

B i t t e r s t e r I r r t u m. - Es beleidigt unversöhnlich,

zu entdecken, daß man dort, wo man überzeugt war geliebt

zu sein nur als Hausgerät und Zimmerschmuck betrachtet

wurde, an dem der Hausherr vor Gästen seine

Eitelkeit auslassen kann.

75

L i e b e u n d Z w e i h e i t. - Was ist denn Liebe anders

als verstehen und sich darüber freuen, daß ein andrer in

andrer und entgegengesetzter Weise als wir lebt, wirkt

und empfindet? Damit die Liebe die Gegensätze durch

Freude überbrücke, darf sie dieselben nicht aufheben,

nicht leugnen. - Sogar die Selbsthilfe enthält die unvermischbare

Zweiheit (oder Vielheit) in einer Person als

Voraussetzung.

76

A u s d e m T r a u m e d e u t e n. - Was man mitunter

im Wachen nicht genau weiß und fühlt - ob man gegen

eine Person ein gutes oder ein schlechtes Gewissen habe -

darüber belehrt völlig unzweideutig der Traum.

77

A u s s c h w e i f u n g. Die Mutter der Ausschweifung

ist nicht die Freude, sondern die Freudlosigkeit.

78

S t r a f e n u n d b e l o h n e n. - Niemand klagt an,

ohne den Hintergedanken an Strafe und Rache zu haben

- selbst wenn man sein Schicksal, ja sich selber anklagt.

- Alles Klagen ist Anklagen, alles Sich-freuen ist Loben:

wir mögen das eine oder das andere tun, immer machen

wir jemanden verantwortlich.

79

Z w e i m a l u n g e r e c h t. - Wir fördern mitunter die

Wahrheit durch eine doppelte Ungerechtigkeit, dann

nämlich, wenn wir die beiden Seiten einer Sache, die wir nicht

imstande sind zusammen zu sehen, hintereinander sehen

und darstellen, doch so, daß wir jedesmal die andre Seite

verkennen oder leugnen, im Wahne, das, was wir sehen,

sei die ganze Wahrheit.

80

M i ß t r a u e n. - Das Mißtrauen an sich selber geht

nicht mehr unsicher und scheu daher, sondern mitunter

wie tollwütig: es hat sich berauscht, um nicht zu zittern.

81

P h i l o s o p h i e d e s P a r v e n u. - Will man einmal

eine Person sein, so muß man auch seinen Schatten in Ehren

halten.

82

S i c h r e i n z u w a s c h e n v e r s t e h e n. - Man muß

lernen, aus unreinlichen Verhältnissen reinlicher

hervorzugehen, und sich, wenn es not tut, auch mit schmutzigem

Wasser waschen.

83

S i c h g e h e n l a s s e n. - Je mehr sich einer gehen läßt

um so weniger lassen ihn die andern gehen.

84

D e r u n s c h u l d i g e S c h u f t. - Es gibt einen langsamen

schrittweisen Weg zu Laster und Schurkenhaftigkeit

jeder Art. Am Ende desselben haben den, welcher ihn

geht, die Insekten-Schwärme des schlechten Gewissens

völlig verlassen, und er wandelt, obschon ganz verrucht,

doch in Unschuld.

85

P l ä n e m a c h e n. - Pläne machen und Vorsätze fassen

bringt viel gute Empfindungen mit sich; und wer die

Kraft hätte, sein ganzes Leben lang nichts als ein

Pläne-Schmiedender zu sein, wäre ein sehr glücklicher Mensch;

aber er wird sich gelegentlich von dieser Tätigkeit ausruhen

müssen dadurch, daß er einen Plan ausführt - und

da kommt der Ärger und die Ernüchterung.

86

W o m i t w i r d a s I d e a l s e h e n. - Jeder tüchtige

Mensch ist verrannt in seine Tüchtigkeit und kann aus

ihr nicht frei hinausblicken. Hätte er sonst nicht sein gut

Teil von Unvollkommenheit, er könnte seiner Tugend

halber zu keiner geistig-sittlichen Freiheit kommen.

Unsre Mängel sind die Augen, mit denen wir das Ideal

sehen.

87

U n e h r l i c h e s L o b. - Unehrliches Lob macht

hinterdrein viel mehr Gewissensbisse als unehrlicher Tadel,

wahrscheinlich nur deshalb, weil wir durch zu starkes Loben

unsere Urteilsfähigkeit viel stärker bloßgestellt haben

als durch zu starkes, selbst ungerechtes Tadeln.

88

W i e m a n s t i r b t, i s t g l e i c h g ü l t i g. - Die

ganze Art, wie ein Mensch während seines vollen Lebens,

seiner blühenden Kraft an den Tod denkt, ist freilich sehr

sprechend und zeugnisgebend für das, was man seinen

Charakter nennt; aber die Stunde des Sterbens selber,

seine Haltung auf dem Totenbette ist fast gleichgültig

dafür. Die Erschöpfung des ablaufenden Daseins, namentlich

wenn alte Leute sterben, die unregelmäßige oder

unzureichende Ernährung des Gehirns während dieser letzten

Zeit, das gelegentlich sehr Gewaltsame des Schmerzes,

das Unerprobte und Neue des ganzen Zustandes und gar

zu häufig der An- und Rückfall von abergläubischen Eindrücken

und Beängstigungen, als ob am Sterben viel gelegen

sei und hier Brücken schauerlichster Art überschritten

würden, - dies alles e r l a u b t es nicht, das Sterben

als Zeugnis über den Lebenden zu benutzen. Auch ist

es nicht wahr, daß der Sterbende im allgemeinen e h r l i c h e r

wäre als der Lebende: vielmehr wird fast jeder

durch die feierliche Haltung der Umgebenden, die

zurückgehaltnen oder fließenden Tränen- und Gefühlsbäche

zu einer bald bewußten, bald unbewußten Komödie der

Eitelkeit verführt. Der Ernst, mit dem jeder Sterbende

behandelt wird, ist gewiß gar manchem armen verachteten

Teufel der feinste Genuß seines ganzen Lebens und

eine Art Schadenersatz und Abschlagszahlung für viele

Entbehrungen gewesen.

89

D i e S i t t e u n d i h r O p f e r. - Der Ursprung der

Sitte geht auf zwei Gedanken zurück: "die Gemeinde ist

mehr wert als der einzelne" und "der dauernde Vorteil ist

dem flüchtigen vorzuziehen"; woraus sich der Schluß ergibt,

daß der dauernde Vorteil der Gemeinde unbedingt

dem Vorteile des einzelnen, namentlich seinem momentanen

Wohlbefinden, aber auch seinem dauernden Vorteile

und selbst seinem Weiterleben voranzustellen sei. Ob nun

der einzelne von einer Einrichtung leide, die dem Ganzen

frommt, ob er an ihr verkümmre, ihretwegen zugrunde

gehe - die Sitte muß erhalten, das Opfer gebracht werden.

Eine solche Gesinnung e n t s t e h t aber nur in denen,

welche nicht das Opfer sind - denn dieses macht in

seinem Falle geltend, daß der einzelne mehr wert sein

könne als viele, ebenso daß der gegenwärtige Genuß, der

Augenblick im Paradiese vielleicht höher anzuschlagen

sei als eine matte Fortdauer von leidlichen oder wohlhäbigen

Zuständen. Die Philosophie des Opfertiers wird

aber immer zu spät laut: und so bleibt es bei der Sitte

und der S i t t l i c h k e i t : als welche eben nur die

Empfindung für den ganzen Inbegriff von Sitten ist, unter

denen man lebt und erzogen wurde - und zwar erzogen

nicht als einzelner, sondern als Glied eines Ganzen, als

Ziffer einer Majorität. - So kommt es fortwährend vor,

daß der einzelne sich selbst, vermittels seiner Sittlichkeit,

m a j o r i s i e r t.

90

D a s G u t e u n d d a s g u t e G e w i s s e n. - Ihr

meint, alle guten Dinge hätten zu aller Zeit ein gutes

Gewissen gehabt? - Die Wissenschaft, also gewißlich etwas

sehr Gutes, ist ohne ein solches und ganz bar alles Pathos

in die Welt getreten, vielmehr heimlich, auf Umwegen,

mit verhülltem oder maskiertem Haupte einherziehend,

gleich einer Verbrecherin, und immer mindestens mit

dem G e f ü h l e einer Schleichhändlerin. Das gute Gewissen

hat als Vorstufe das böse Gewissen - nicht als Gegensatz:

denn alles Gute ist einmal neu, folglich ungewohnt, wider

die Sitte, u n s i t t l i c h gewesen und nagte im Herzen des

glücklichen Erfinders wie ein Wurm.

91

D e r E r f o l g h e i l i g t d i e A b s i c h t e n. - Man

scheue sich nicht, den Weg zu einer Tugend zu gehen, selbst

wenn man deutlich einsieht, daß nichts als Egoismus -

also Nutzen, persönliches Behagen, Furcht, Rücksicht auf

Gesundheit, auf Ruf oder Ruhm - die dazu treibenden

Motive sind. Man nennt diese Motive unedel und selbstisch:

gut, aber wenn sie uns zu einer Tugend, zum Beispiel

Entsagung, Pflichttreue, Ordnung, Sparsamkeit, Maß

und Mitte anreizen, so höre man ja auf sie, wie auch ihre

Beiworte lauten mögen! Erreicht man nämlich das, wozu

sie rufen, so v e r e d e l t die e r r e i c h t e Tugend,

vermöge der reinen Luft, die sie atmen läßt, und des

seelischen Wohlgefühls, das sie mitteilt, immerfort die ferneren

Motive unseres Handelns, und wir tun dieselben

Handlungen später nicht mehr aus den gleichen gröbern

Motiven, welche uns früher dazu führten. - Die Erziehung

soll deshalb die Tugenden, so gut es geht, e r z w i n g e n,

je nach der Natur des Zöglings: die Tugend

selber, als die Sonnen- und Sommerluft der Seele, mag

dann ihr eigenes Werk daran tun und Reife und Süßigkeit

hinzuschenken.

92

C h r i s t e n t ü m l e r, n i c h t C h r i s t e n. - Das

wäre also euer Christentum! - Um Menschen zu ä r g e r n,

preist ihr "Gott und seine Heiligen", und wiederum, wenn

ihr Menschen p r e i s e n wollt, so treibt ihr es so weit, daß

Gott und seine Heiligen sich ärgern müssen. - Ich

wollte, ihr lerntet wenigstens die christlichen Manieren,

da es euch so an der Manierlichkeit des christlichen

Herzens gebricht.

93

N a t u r e i n d r u c k d e r F r o m m e n u n d U n f r o m m e n. -

Ein ganz frommer Mensch muß uns ein

Gegenstand der Verehrung sein: aber ebenso ein ganzer

aufrichtiger durchdrungener Unfrommer. Ist man bei Menschen

der letzteren Art wie in der Nähe des Hochgebirges,

wo die kräftigsten Ströme ihren Ursprung haben, so bei

den Frommen wie unter saftvollen, breitschattigen,

ruhigen Bäumen.

94

J u s t i z m o r d e. - Die zwei größten Justizmorde in

der Weltgeschichte sind, ohne Umschweife gesprochen, verschleierte

und gut verschleierte Selbstmorde. In beiden

Fällen w o l l t e man sterben; in beiden Fällen ließ man

sich das Schwert durch die Hand der menschlichen Ungerechtigkeit

in die Brust stoßen.

95

" L i e b e ". - Der feinste Kunstgriff, welchen das

Christentum vor den übrigen Religionen voraushat, ist

ein Wort: es redete von L i e b e. So wurde es die

l y r i s c h e Religion (während in seinen beiden anderen

Schöpfungen das Semitentum der Welt heroisch-epische Religionen

geschenkt hat). Es ist in dem Worte Liebe etwas

so Vieldeutiges, Anregendes, zur Erinnerung, zur Hoffnung

Sprechendes, daß auch die niedrigste Intelligenz

und das kälteste Herz noch etwas von dem Schimmer

dieses Wortes fühlt. Das klügste Weib und der gemeinste

Mann denken dabei an die verhältnismäßig uneigennützigsten

Augenblicke ihres gesamten Lebens, selbst wenn

Eros nur einen niedrigen Flug bei ihnen genommen hat;

und jene Zahllosen, welche Liebe v e r m i s s e n, von seiten

der Eltern, Kinder oder Geliebten, namentlich aber die

Menschen der sublimierten Geschlechtlichkeit, haben im

Christentum ihren Fund gemacht.

96

D a s e r f ü l l t e C h r i s t e n t u m. - Es gibt auch

innerhalb des Christentums eine epikureische Gesinnung,

ausgehend von dem Gedanken, daß Gott von dem Menschen,

seinem Geschöpf und Ebenbilde, nur verlangen

könne, was diesem zu erfüllen m ö g l i c h sein müsse, daß

also christliche Tugend und Vollkommenheit erreichbar

und oft erreicht sei. Nun macht zum Beispiel der G l a u b e,

seine Feinde zu l i e b e n - selbst wenn es eben nur

Glaube, Einbildung und durchaus keine psychologische

Wirklichkeit (also keine Liebe) ist -, unbedingt g l ü c k l i c h,

solange er wirklich geglaubt wird (warum? darüber

werden freilich Psycholog und Christ verschieden denken).

Und so möchte das i r d i s c h e L e b e n durch den Glauben,

ich meine die Einbildung, nicht nur jenem Anspruche,

seine Feinde zu lieben, sondern allen übrigen christlichen

Ansprüchen zu genügen und die göttliche Vollkommenheit

nach der Aufforderung "seid vollkommen, wie euer Vater

im Himmel vollkommen ist" wirklich sich angeeignet und

einverleibt zu haben, in der Tat zu einem s e l i g e n L e b e n

werden. Der Irrtum kann also die V e r h e i ß u n g

Christi zur Wahrheit machen.

97

V o n d e r Z u k u n f t d e s C h r i s t e n t u m s. -

Über das Verschwinden des Christentums und darüber, in

welchen Gegenden es am langsamsten weichen wird, kann

man sich eine Vermutung gestatten, wenn man erwägt, aus

welchen G r ü n d e n und wo der Protestantismus so

ungestüm um sich griff. Er verhieß bekanntlich alles dasselbe

weit billiger zu leisten, was die alte Kirche leistete,

also ohne kostspielige Seelenmessen, Wallfahrten, Priester-Prunk

und Üppigkeit; er verbreitete sich namentlich

bei den nördlichen Nationen, welche nicht so tief in

der Symbolik und Formenlust der alten Kirche eingewurzelt

waren als die des Südens: bei diesen lebte ja

im Christentum das viel mächtigere religiöse Heidentum

fort, während im Norden das Christentum einen Gegensatz

und Bruch mit dem Altheimischen bedeutete und

deshalb mehr gedankenhaft als sinnfällig von Anfang an

war, eben deshalb aber auch, zu Zeiten der Gefahr,

fanatischer und trotziger. Gelingt es, vom G e d a n k e n

aus das Christentum zu entwurzeln, so liegt auf der Hand,

wo es anfangen wird, zu verschwinden: also gerade dort,

wo es auch am allerhärtesten sich wehren wird. Anderwärts

wird es sich beugen, aber nicht brechen, entblättert

werden, aber wieder Blätter ansetzen - weil dort

die S i n n e und nicht die Gedanken für dasselbe Partei

genommen haben. Die Sinne aber sind es, welche auch

den Glauben unterhalten, daß mit allem Kostenaufwand

der Kirche doch immer noch billiger und bequemer

gewirtschaftet werde als mit den strengen Verhältnissen

von Arbeit und Lohn: denn welches Preises hält

man die Muße (oder die halbe Faulheit) für wert, wenn

man sich erst an sie gewöhnt hat! Die Sinne wenden

gegen eine entchristlichte Welt ein, daß in ihr zu viel

gearbeitet werden müsse, und der Ertrag an Muße zu

klein sei: sie nehmen die Partei der Magie, daß heißt -

sie lassen lieber Gott für sich arbeiten (oremus nos,

deus laborabit!).

98

S c h a u s p i e l e r e i u n d E h r l i c h k e i t d e r U n g l ä u b i g e n. -

Es gibt kein Buch, welches das, was jedem

Menschen gelegentlich wohltut, - schwärmerische,

opfer- und todbereite Glücks-Innigkeit im Glauben und

Schauen s e i n e r "Wahrheit" - so reichlich enthielte, so

treuherzig ausdrückte als das Buch, welches von Christus

redet: aus ihm kann ein Kluger alle Mittel lernen, wodurch

ein Buch zum Weltbuch, zum Jedermanns-Freund

gemacht werden kann, namentlich jenes Meister-Mittel,

alles als gefunden, nichts als kommend und ungewiß hinzustellen.

Alle wirkungsvollen Bücher versuchen, einen

ähnlichen Eindruck zu hinterlassen, als ob der weiteste geistige

und seelische Horizont hier umschrieben sei und um

die hier laufende Sonne sich jedes gegenwärtige und

zukünftige Gestirn drehen müsse. - Muß also nicht aus

demselben Grunde, aus dem solche Bücher wirkungsvoll

sind, jedes r e i n w i s s e n s c h a f t l i c h e Buch

wirkungsarm sein? Ist es nicht verurteilt, niedrig und unter

Niedrigen zu leben, um endlich gekreuzigt zu werden

und nie wieder aufzuerstehen? Sind im Verhältnis

zu dem, was die Religiösen von ihrem "Wissen", von

ihrem "heiligen" Geiste verkünden, nicht alle Redlichen

der Wissenschaft "arm im Geiste"? Kann irgend eine

Religion mehr Entsagung verlangen, unerbittlicher den

Selbstsüchtigen aus sich hinausziehen als die Wissenschaft?

- - So und ähnlich und jedenfalls mit einiger

Schauspielerei mögen wir reden, wenn wir uns vor den

Gläubigen zu verteidigen haben; denn es ist kaum möglich,

eine Verteidigung ohne etwas Schauspielerei zu führen.

Unter uns aber muß die Sprache ehrlicher sein: wir

bedienen uns da einer Freiheit, welche jene nicht einmal,

ihres eigenen Interesses halber, verstehen dürfen. Weg

also mit der Kapuze der Entsagung! der Miene der Demut!

Viel mehr und viel besser: so klingt unsere Wahrheit!

Wenn die Wissenschaft nicht an die L u s t der

Erkenntnis, an den N u t z e n des Erkannten geknüpft wäre,

was läge uns an der Wissenschaft? Wenn nicht ein wenig

Glaube, Liebe und Hoffnung unsere Seele zur Erkenntnis

hinführte, was zöge uns sonst zur Wissenschaft? Und wenn

zwar in der Wissenschaft das Ich nichts zu bedeuten hat,

so bedeutet das erfinderische glückliche Ich, ja selbst schon

jedes redliche und fleißige Ich, sehr viel in der Republik

der Wissenschafts-Menschen. Achtung der Achtung-Gebenden,

Freude solcher, welchen wir wohlwollen oder

die wir verehren, unter Umständen Ruhm und eine

mäßige Unsterblichkeit der Person ist der persönliche

Preis für jene Entpersönlichung, von geringeren Aussichten

und Belohnungen hier zu schweigen, obschon gerade

ihrethalben die meisten den Gesetzen jener Republik

und überhaupt der Wissenschaft zugeschworen haben

und immerfort zuzuschwören pflegen. Wenn wir nicht in

irgend einem Maße u n w i s s e n s c h a f t l i c h e Menschen

geblieben wären, was könnte uns auch nur an der

Wissenschaft liegen! Alles in allem genommen und rund

glatt und voll ausgesprochen: f ü r e i n r e i n e r k e n n e n d e s

W e s e n w ä r e d i e E r k e n n t n i s g l e i c h g ü l t i g. -

Von den Frommen und Gläubigen unterscheidet

uns nicht die Qualität, sondern die Quantität Glaubens

und Frommseins; wir sind mit wenigerem zufrieden. Aber

werden jene uns zurufen - so seid auch zufrieden und

gebt euch auch als zufrieden! - worauf wir leicht antworten

dürften: "In der Tat, wir gehören nicht zu den

Unzufriedensten. Ihr aber, wenn euer Glaube euch selig

macht, so gebt euch auch als selig! Eure Gesichter sind

immer eurem Glauben schädlicher gewesen als unsere

Gründe! Wenn jene frohe Botschaft eurer Bibel euch ins

Gesicht geschrieben wäre, ihr brauchtet den Glauben

an die Autorität dieses Buches nicht so halsstarrig zu

fordern: eure Worte, eure Handlungen sollte die Bibel

fortwährend überflüssig machen, eine neue Bibel sollte durch

euch fortwährend entstehen! So aber hat alle eure Apologie

des Christentums ihre Wurzel in eurem Unchristentum;

mit eurer Verteidigung schreibt ihr eure eigne

Anklageschrift. Solltet ihr aber wünschen, aus diesem

eurem Ungenügen am Christentum herauszukommen, so

bringt euch doch die Erfahrung von zwei Jahrtausenden

zur Erwägung: welche, in bescheidene Frageform gekleidet,

so klingt: "wenn Christus wirklich die Absicht

hatte, die Welt zu erlösen, sollte es ihm nicht mißlungen

sein?"

99

D e r D i c h t e r a l s W e g z e i g e r f ü r d i e Z u k u n f t.

- So viel noch überschüssige dichterische Kraft unter den

jetzigen Menschen vorhanden ist, welche bei der Gestaltung

des Lebens nicht verbraucht wird, so viel sollte, ohne

jeden Abzug, e i n e m Ziele sich weihen, nicht etwa der

Abmalung des Gegenwärtigen, der Wiederbeseelung und

Verdichtung der Vergangenheit, sondern dem Wegweisen

für die Zukunft: - und dies nicht in dem Verstande,

als ob der Dichter gleich einem phantastischen Nationalökonomen

günstigere Volks- und Gesellschafts-Zustände

und deren Ermöglichung im Bilde vorwegnehmen sollte.

Vielmehr wird er, wie früher die Künstler an den Götterbildern

fortdichteten, so an dem schönen Menschenbilde

f o r t d i c h t e n und jene Fälle auswittern, wo m i t t e n

in unserer modernen Welt und Wirklichkeit, wo ohne jede

künstliche Abwehr und Entziehung von derselben, die

schöne große Seele noch möglich ist, dort wo sie sich auch

jetzt noch in harmonische, ebenmäßige Zustände einzuverleiben

vermag, durch sie Sichtbarkeit, Dauer und Vorbildlichkeit

bekommt und also, durch Erregung von Nachahmung

und Neid, die Zukunft schaffen hilft. Dichtungen

solcher Dichter würden dadurch sich auszeichnen, daß

sie gegen die Luft und Glut der L e i d e n s c h a f t e n

abgeschlossen und verwahrt erschienen: der unverbesserliche

Fehlgriff, das Zertrümmern des ganzen menschlichen

Saitenspiels, Hohnlachen und Zähneknirschen und alles

Tragische und Komische im alten gewohnten Sinne würde

in der Nähe dieser neuen Kunst als lästige archaisierende

Vergröberung des Menschen-Bildes empfunden werden.

Kraft, Güte, Milde, Reinheit und ungewolltes, eingeborenes

Maß in den Personen und deren Handlungen:

ein geebneter Boden, welcher dem Fuße Ruhe und Lust

gibt: ein leuchtender Himmel auf Gesichtern und Vorgängen

sich abspiegelnd: das Wissen und die Kunst zu

neuer Einheit zusammengeflossen: der Geist ohne Anmaßung

und Eifersucht mit seiner Schwester, der Seele,

zusammenwohnend und aus dem Gegensätzlichen die Grazie

des Ernstes, nicht die Ungeduld des Zwiespaltes herauslockend:

- dies alles wäre das Umschließende, Allgemeine,

Goldgrundhafte, auf dem jetzt erst die zarten

U n t e r s c h i e d e der verkörperten Ideale das eigentliche

G e m ä l d e - das der immer wachsenden menschlichen

Hoheit - machen würden. - Von G o e t h e aus führt

mancher Weg in diese Dichtung der Zukunft: aber es

bedarf guter Pfadfinder und vor allem einer weit größern

Macht, als die jetzigen Dichter, das heißt die unbedenklichen

Darsteller des Halbtiers und der mit Kraft und

Natur verwechselten Unreife und Unmäßigkeit, besitzen.

100

D i e M u s e a l s P e n t h e s i l e a. - "Lieber verwesen

als ein Weib sein, das nicht reizt." Wenn die Muse erst

einmal so denkt, so ist das Ende ihrer Kunst wieder in der

Nähe. Aber es kann ein Tragödien- und auch ein

Komödien-Ausgang sein.

101

W a s d e r U m w e g z u m S c h ö n e n i s t. - Wenn

das Schöne gleich dem Erfreuenden ist - und so sangen

es ja einmal die Musen -, so ist das Nützliche der oftmals

notwendige U m w e g z u m S c h ö n e n und kann den

kurzsichtigen Tadel der Augenblicks-Menschen, die nicht

warten wollen und alles Gute ohne Umwege zu erreichen

denken, mit gutem Rechte zurückweisen.

102

Z u r E n t s c h u l d i g u n g m a n c h e r S c h u l d. -

Das unablässige Schaffen-Wollen und Nach-außen-Spähen

des Künstlers hält ihn davon ab, als Person schöner und

besser zu werden, also s i c h s e l b e r zu schaffen -

es sei denn, daß seine Ehrsucht groß genug ist, um ihn zu

zwingen, daß er sich auch im Leben mit andern der wachsenden

Schönheit und Größe seiner Werke immer entsprechend

gewachsen zeige. In allen Fällen hat er nur ein

bestimmtes Maß von Kraft: was er davon auf s i c h verwendet

- wie könnte dies noch seinem W e r k e zugute

kommen? - Und umgekehrt.

103

D e n B e s t e n g e n u g t u n. - Wenn man mit seiner

Kunst "den Besten seiner Zeit genug-getan", so ist dies

ein Anzeichen davon, daß man den Besten der nächsten

Zeit mit ihr n i c h t g e n u g - t u n w i r d : "gelebt" freilich

"hat man für alle Zeiten" - der Beifall der Besten sichert

den Ruhm.

104

A u s e i n e m S t o f f e. - Ist man aus einem Stoffe

mit einem Buche oder Kunstwerk, so meint man ganz innerlich,

es müsse vortrefflich sein, und ist beleidigt, wenn

andere es häßlich, überwürzt oder großtuerisch finden.

105

S p r a c h e u n d G e f ü h l. - Daß die Sprache uns

nicht zur Mitteilung des G e f ü h l s gegeben ist, sieht man

daraus, daß alle einfachen Menschen sich schämen, Worte

für ihre tieferen Erregungen zu suchen: die Mitteilung

derselben äußert sich nur in Handlungen, und selbst hier

gibt es ein Erröten darüber, wenn der andere ihre Motive

zu erraten scheint. Unter den Dichtern, welchen im allgemeinen

die Gottheit diese Scham versagte, sind doch die

edleren in der Sprache des Gefühls einsilbiger und lassen

einen Zwang merken: während die eigentlichen Gefühls-Dichter

im praktischen Leben meistens unverschämt sind.

106

I r r t u m ü b e r e i n e E n t b e h r u n g. - Wer sich

nicht von einer Kunst lange Zeit völlig entwöhnt hat,

sondern immer in ihr zu Hause ist, kann nicht von ferne

begreifen, wie w e n i g man entbehrt, wenn man ohne diese

Kunst lebt.

107

D r e i v i e r t e l s k r a f t. - Ein Werk, das den Eindruck

des Gesunden machen soll, darf höchstens mit Dreiviertel

der Kraft seines Urhebers hervorgebracht sein. Ist

er dagegen bis an seine äußerste Grenze gegangen, so regt

das Werk den Betrachtenden auf und ängstigt ihn durch

seine Spannung. Alle guten Dinge haben etwas Lässiges

und liegen wie Kühe auf der Wiese.

108

D e n H u n g e r a l s G a s t a b w e i s e n. - Weil dem

Hungrigen die feinere Speise so gut und um nichts besser

als die gröbste dient, so wird der anspruchvollere Künstler

nicht darauf denken, den Hungrigen zu seiner Mahlzeit

einzuladen.

109

O h n e K u n s t u n d W e i n l e b e n. - Mit den Werken

der Kunst steht es wie mit dem Weine: noch besser ist

es, wenn man beide nicht nötig hat, sich an Wasser hält

und das Wasser aus innerem Feuer, innerer Süße der Seele

immer wieder von selber in Wein verwandelt.

110

D a s R a u b - G e n i e. - Das Raub-Genie in den Künsten,

das selbst feine Geister zu täuschen weiß, entsteht,

wenn jemand unbedenklich von jung an alles Gute, welches

nicht geradezu vom Gesetz als Eigentum einer bestimmten

Person in Schutz genommen ist, als freie Beute

betrachtet. Nun liegt alles Gute vergangener Zeiten und

Meister frei umher, eingehegt und behütet durch die verehrende

Scheu der wenigen, die es erkennen: diesen wenigen

bietet jenes Genie, kraft seines Mangels an Scham,

Trotz und häuft sich einen Reichtum auf, der selber wieder

Verehrung und Scheu erzeugt.

111

A n d i e D i c h t e r d e r g r o ß e n S t ä d t e. - Den

Gärten der heutigen Poesie merkt man es an, daß die

großstädtischen Kloaken zu nahe dabei sind: mitten in den

Blütengeruch mischt sich etwas, das Ekel und Fäulnis verrät.

- Mit Schmerz frage ich: habt ihr es so nötig, ihr

Dichter, den Witz und den Schmutz immer zu Gevatter

zu bitten, wenn irgend eine unschuldige schöne Empfindung

von euch getauft werden soll? Müßt ihr durchaus

eurer edlen Göttin eine Fratzen- und Teufelskappe aufsetzen?

Woher aber diese Not, dieses Müssen? - Eben

daher, daß ihr den Kloaken zu nahe wohnt.

112

V o m S a l z d e r R e d e. - Niemand hat noch erklärt,

warum die griechischen Schriftsteller von den Mitteln des

Ausdrucks, welche ihnen in unerhörter Fülle und Kraft

zu Gebote standen, nur so übersparsamen Gebrauch gemacht

haben, daß jedes nachgriechische Buch dagegen grell,

bunt und überspannt erscheint. - Man hört, daß dem Nordpol-Eise

zu ebenso wie in den heißesten Ländern der

Gebrauch des Salzes spärlicher werde, daß dagegen die

Ebenen- und Küstenanwohner im Erdgürtel der mäßigeren

Sonnenwärme am reichlichsten Gebrauch von ihm

machen. Sollten die Griechen aus doppelten Gründen, weil

zwar ihr Intellekt kälter und klarer, ihre leidenschaftliche

Grundnatur aber um vieles tropischer war als die unsrige,

des Salzes und Gewürzes nicht in dem Maße nötig

gehabt haben als wir?

113

D e r f r e i e s t e S c h r i f t s t e l l e r. - Wie dürfte in

einem Buche für freie Geister Lorenz Sterne ungenannt

bleiben, er, den Goethe als den freiesten Geist seines

Jahrhunderts geehrt hat! Möge er hier mit der Ehre fürlieb

nehmen, der freieste Schriftsteller aller Zeiten genannt zu

werden, in Vergleich mit welchem alle anderen steif, vierschrötig,

unduldsam und bäurisch-geradezu erscheinen. An

ihm dürfte nicht die geschlossene klare, sondern die

"unendliche Melodie" gerühmt werden: wenn mit diesem

Worte ein Stil der Kunst zu einem Namen kommt,

bei dem die bestimmte Form fortwährend gebrochen,

verschoben, in das Unbestimmte zurückübersetzt wird,

so daß sie das eine und zugleich das andere bedeutet.

Sterne ist der große Meister der Z w e i d e u t i g k e i t

- dies Wort billigerweise viel weiter genommen als man

gemeinhin tut, wenn man dabei an geschlechtliche Beziehungen

denkt. Der Leser ist verloren zu geben, der jederzeit

genau wissen will, was Sterne eigentlich über eine

Sache denkt, ob er bei ihr ein ernsthaftes oder ein

lächelndes Gesicht macht: denn er versteht sich auf beides

in e i n e r Faltung seines Gesichts; er versteht es ebenfalls

und will es sogar, zugleich recht und unrecht zu

haben, den Tiefsinn und die Posse zu verknäueln. Seine

Abschweifungen sind zugleich Forterzählungen und Weiterentwicklungen

der Geschichte; seine Sentenzen enthalten

zugleich eine Ironie auf alles Sentenziöse, sein Widerwille

gegen das Ernsthafte ist einem Hange angeknüpft,

keine Sache nur flach und äußerlich nehmen zu können.

So bringt er bei dem rechten Leser ein Gefühl von Unsicherheit

darüber hervor, ob man gehe, stehe oder liege:

ein Gefühl, welches dem des Schwebens am verwandtesten

ist. Er, der geschmeidigste Autor, teilt auch seinem

Leser etwas von dieser Geschmeidigkeit mit. Ja, Sterne

verwechselt unversehens die Rollen und ist bald ebenso

Leser, als er Autor ist; sein Buch gleicht einem Schauspiel

im Schauspiel, einem Theaterpublikum vor einem

andern Theaterpublikum. Man muß sich der Sternischen

Laune auf Gnade und Ungnade ergeben - und kann

übrigens erwarten, daß sie gnädig, immer gnädig ist. -

Seltsam und belehrend ist es, wie ein so großer Schriftsteller

wie Diderot sich zu dieser allgemeinen Zweideutigkeit

Sternes gestellt hat: nämlich ebenfalls zweideutig -

und das eben ist echt Sternischer Überhumor. Hat er jenen,

in seinem Jacques le fataliste, nachgeahmt, bewundert,

verspottet, parodiert? - man kann es nicht völlig herausbekommen, -

und vielleicht hat gerade dies sein Autor

gewollt. Gerade dieser Zweifel macht die Franzosen gegen

das Werk eines ihrer ersten Meister (der sich vor keinem

Alten und Neuen zu schämen braucht) u n g e r e c h t. Die

Franzosen sind eben zum Humor - und namentlich zu

diesem Humoristischnehmen des Humors selber - zu

ernsthaft. - Sollte es nötig sein hinzuzufügen, daß Sterne

unter allen großen Schriftstellern das schlechteste Muster

und der eigentlich unvorbildliche Autor ist, und daß selbst

Diderot sein Wagnis büßen mußte? Das, was die guten

Franzosen und vor ihnen einzelne Griechen als Prosaiker

wollten und konnten, ist genau das Gegenteil von dem,

was Sterne will und kann: er erhebt sich eben als meisterhafte

Ausnahme über, das, was alle schriftstellerischen

Künstler von sich fordern: Zucht, Geschlossenheit, Charakter,

Beständigkeit der Absichten, Überschaulichkeit,

Schlichtheit, Haltung in Gang und Miene. - Leider

scheint der Mensch Sterne mit dem Schriftsteller Sterne

nur zu verwandt gewesen zu sein: seine Eichhorn-Seele

sprang mit unbeständiger Unruhe von Zweig zu Zweig;

was nur zwischen Erhaben und Schuftig liegt, war ihm

bekannt; auf jeder Stelle hatte er gesessen, immer mit dem

unverschämten wäßrigen Auge und dem empfindsamen

Mienenspiele. Er war, wenn die Sprache von einer solchen

Zusammenstellung nicht erschrecken wollte, von einer

hartherzigen Gutmütigkeit und hatte in den Genüssen

einer barocken, ja verderbten Einbildungskraft fast die

blöde Anmut der Unschuld. Eine solche fleisch- und seelenhafte

Zweideutigkeit, eine solche Freigeisterei bis in jede

Faser und Muskel des Leibes hinein, wie er diese

Eigenschaften hatte, besaß vielleicht kein anderer Mensch.

114

G e w ä h l t e W i r k l i c h k e i t. - Wie der gute

Prosaschriftsteller nur Worte nimmt, welche der Umgangssprache

angehören, doch lange nicht alle Worte derselben

- wodurch eben der gewählte Stil entsteht -, so wird

der gute Dichter der Zukunft n u r W i r k l i c h e s darstellen

und von allen phantastischen, abergläubischen,

halbredlichen, abgeklungenen Gegenständen, an denen frühere

Dichter ihre Kraft zeigten, völlig absehen. Nur Wirklichkeit,

aber lange nicht jede Wirklichkeit! - sondern

eine gewählte Wirklichkeit!

115

A b a r t e n d e r K u n s t. - Neben den echten Gattungen

der Kunst, der der großen Ruhe und der der großen

Bewegung, gibt es Abarten - die ruhesüchtige, blasierte

Kunst und die aufgeregte Kunst: beide wünschen, daß

man ihre Schwäche für Stärke nehme und sie mit den

echten Gattungen verwechsele.

116

Z u m H e r o s f e h l t j e t z t d i e F a r b e. - Die

eigentlichen Dichter und Künstler der Gegenwart lieben es,

ihre Gemälde auf einen rot, grün, grau und goldig flackernden

Grund aufzutragen, auf den Grund der n e r v ö s e n

S i n n l i c h k e i t : auf diese verstehen sich ja die

Kinder dieses Jahrhunderts. Dies hat den Nachteil -

wenn man nämlich n i c h t mit den Augen des Jahrhunderts

auf jene Gemälde sieht -, daß die größten Gestalten,

welche jene hinmalen, etwas Flimmerndes, Zitterndes, Wirbelndes

an sich zu haben scheinen: so daß man ihnen heroische

Taten eigentlich nicht zutraut, sondern höchstens

herorisierende, prahlerische Untaten.

117

S t i l d e r Ü b e r l a d u n g. - Der überladene Stil in

der Kunst ist die Folge einer Verarmung der organisierenden

Kraft bei verschwenderischem Vorhandensein von Mitteln

und Absichten. - In den Anfängen der Kunst findet

sich mitunter das gerade Gegenstück dazu.

118

P u l c h r u m e s t p a u c o r u m h o m i n u m. - Die

Historie und die Erfahrung sagt uns, daß die bedeutsame

Ungeheuerlichkeit, welche die Phantasie geheimnisvoll anregt

und über das Wirkliche und Alltägliche fortträgt,

älter ist und reichlicher wächst als das Schöne in der

Kunst und dessen Verehrung - und daß es sofort wieder

in Überfülle ausschlägt, wenn der Sinn für Schönheit sich

verdunkelt. Es scheint für die Mehr- und Überzahl der

Menschen ein höheres Bedürfnis zu sein als das Schöne:

wohl deshalb, weil es das gröbere Narcoticum enthält.

119

U r s p r ü n g e d e s G e s c h m a c k s a n K u n s t w e r k e n. -

Denkt man an die anfänglichen Keime des künstlerischen

Sinnes und fragt sich, welche verschiedentlichen

Arten der Freude durch die Erstlinge der Kunst, zum Beispiel

bei wilden Völkerschaften, hervorgebracht werden, so

findet man zuerst die Freude, zu v e r s t e h e n, was ein

andrer m e i n t; die Kunst ist hier eine Art Rätselaufgeben,

das dem Erratenden Genuß am eigenen Schnell- und

Scharfsinn verschafft. - Sodann erinnert man sich beim

rohesten Kunstwerk an das, was einem in der Erfahrung

angenehm w a r und hat insofern Freude, zum Beispiel

wenn der Künstler auf Jagd, Sieg, Hochzeit hingedeutet

hat. - Wiederum kann man sich durch das Dargestellte

erregt, gerührt, entflammt fühlen, beispielsweise bei

Verherrlichung von Rache und Gefahr. Hier liegt der Genuß

in der Erregung selber, im Siege über die Langeweile.

- Auch die Erinnerung an das Unangenehme, insofern es

überwunden ist, oder insofern es uns selber als Gegenstand

der Kunst vor dem Zuhörer interessant erscheinen

läßt (wie wenn der Sänger die Unfälle eines verwegenen

Seefahrers beschreibt), kann große Freude machen,

welche man dann der Kunst zugute rechnet. - Feinerer

Art ist schon jene Freude, welche beim Anblick alles

Regelmäßigen und Symmetrischen, in Linien, Punkten

Rhythmen, entsteht; denn durch eine gewisse Ähnlichkeit

wird die Empfindung für alles Geordnete und Regelmäßige

im Leben, dem man ja ganz allein alles Wohlbefinden

zu danken hat, wachgerufen: im Kultus des

Symmetrischen verehrt man also unbewußt die Regel und

das Gleichmaß als Quelle seines bisherigen Glücks; die

Freude ist eine Art Dankgebet. Erst bei einer gewissen

Übersättigung an dieser letzterwähnten Freude entsteht

das noch feinere Gefühl, daß auch im Durchbrechen des

Symmetrischen und Geregelten Genuß liegen könne; wenn

es zum Beispiel anreizt, Vernunft in der scheinbaren

Unvernunft zu suchen: wodurch es dann, als eine Art

ästhetischen Rätselratens, wie eine höhere Gattung der zuerst

erwähnten Kunstfreude dasteht. - Wer dieser Betrachtung

weiter nachhängt, wird wissen, auch w e l c h e A r t

v o n H y p o t h e s e n hier zur Erklärung der ästhetischen

Erscheinungen grundsätzlich verzichtet wird.

120

N i c h t z u n a h e. - Es ist ein Nachteil für gute

Gedanken, wenn sie zu rasch aufeinander folgen; sie verdecken

sich gegenseitig die Aussicht. - Deshalb haben

die größten Künstler und Schriftsteller reichlichen

Gebrauch vom Mittelmäßigen gemacht.

121

R o h e i t u n d S c h w ä c h e. - Die Künstler aller

Zeiten haben die Entdeckung gemacht, daß in der R o h e i t

eine gewisse Kraft liegt und daß nicht jeder roh sein kann,

der es wohl sein möchte; ebenso daß manche Arten von

S c h w ä c h e stark auf das Gefühl wirken. Hieraus sind

nicht wenig Kunstmittel-Surrogate abgeleitet worden,

deren sich völlig zu enthalten selbst den größten und

gewissenhaftesten Künstlern schwer wird.

122

D a s g u t e G e d ä c h t n i s. - Mancher wird nur deshalb

kein Denker, weil sein Gedächtnis zu gut ist.

123

H u n g e r m a c h e n s t a t t H u n g e r s t i l l e n. -

Große Künstler wähnen, sie hätten durch ihre Kunst eine

Seele völlig in Besitz genommen und ausgefüllt: in Wahrheit,

und oft zu ihrer schmerzlichen Enttäuschung, ist jene

Seele dadurch nur um so umfänglicher und unausfüllbarer

geworden, so daß zehn größere Künstler sich nur in ihre

Tiefe hinabstürzen könnten, ohne sie zu sättigen.

124

K ü n s t l e r - A n g s t. - Die Angst, man möchte ihren

Figuren nicht glauben, daß sie l e b e n, kann Künstler

des absinkenden Geschmacks verführen, diese so zu bilden,

daß sie sich wie t o l l benehmen: wie andererseits aus

derselben Angst griechische Künstler des ersten Aufgangs

selbst Sterbenden und Schwerverwundeten jenes Lächeln

geben, welches sie als lebhaftestes Zeichen des Lebens

kannten, - unbekümmert darum, was die Natur in

solchem Falle des Noch-Lebens, des Fast-nicht-mehr-Lebens

bildet.

125

D e r K r e i s s o l l f e r t i g w e r d e n. - Wer einer

Philosophie oder Kunstart bis an das Ende ihrer Bahn und

um das Ende herum nachgegangen ist, begreift aus einem

innern Erlebnis, warum die nachfolgenden Meister und

Lehrer sich von ihr, oft mit abschätziger Miene, zu einer

neuen Bahn fortwandten. Der Kreis muß eben umschrieben

werden - aber der Einzelne, und sei es der Größte, sitzt

auf seinem Punkte der Peripherie fest, mit einer unerbittlichen

Miene der Hartnäckigkeit, als ob der Kreis nie

geschlossen werden dürfe.

126

Ä l t e r e K u n s t u n d d i e S e e l e d e r G e g e n w a r t. -

Weil jede Kunst zum Ausdruck seelischer Zustände,

der bewegteren, zarteren, drastischeren,

leidenschaftlicheren, immer befähigter wird, so empfinden die

späteren Meister, durch diese Ausdrucks-Mittel verwöhnt,

ein Unbehagen bei den Kunstwerken der älteren Zeit, wie

als ob es den Alten eben nur an den Mitteln gefehlt habe,

ihre Seele deutlich reden zu lassen, vielleicht gar an einigen

technischen Vorbedingungen; und sie meinen hier nachhelfen

zu müssen - denn sie glauben an die Gleichheit

ja Einheit aller Seelen. In Wahrheit ist aber die Seele jener

Meister selber noch eine andere gewesen, g r ö ß e r

vielleicht, aber kälter und dem Reizvoll-Lebendigen noch

abhold: das Maß, die Symmetrie, die Geringachtung des

Holden und Wonnigen, eine unbewußte Herbe und Morgenkühle,

ein Ausweichen vor der Leidenschaft, wie als

ob an ihr die Kunst zugrunde gehen werde, - dies macht

die Gesinnung und Moralität aller älteren Meister aus,

welche ihre Ausdrucks-Mittel nicht zufällig, sondern notwendig

mit der gleichen Moralität wählten und durchgeisteten.

- Soll man aber, bei dieser Erkenntnis, den

später Kommenden das Recht versagen, die älteren Werke

nach ihrer Seele zu beseelen? Nein, denn nur dadurch,

daß wir ihnen unsere Seele geben, vermögen sie fortzuleben:

erst u n s e r Blut bringt sie dazu, zu u n s zu reden.

Der wirklich "historische" Vortrag würde gespenstisch zu

Gespenstern reden. - Man ehrt die großen Künstler der

Vergangenheit weniger durch jene unfruchtbare Scheu,

welche jedes Wort, jede Note so liegen läßt, wie sie

gestellt ist, als durch tätige Versuche, ihnen immer von

neuem wieder zum Leben zu verhelfen. - Freilich: dächte

man sich Beethoven plötzlich wiederkommend und eins

seiner Werke gemäß der modernsten Beseeltheit und

Nerven-Verfeinerung, welche unsern Meistern des Vortrags

zum Ruhme dient, vor ihm ertönend: er würde wahrscheinlich

lange stumm sein, schwankend, ob er die Hand

zum Fluchen oder Segnen erheben solle, endlich aber vielleicht

sprechen: "Nun! Nun! Das ist weder Ich noch

Nicht-Ich, sondern etwas Drittes - es scheint mir auch

etwas Rechtes, wenn es gleich nicht d a s R e c h t e ist.

Ihr mögt aber zusehen, wie ihr's treibt, da ihr ja jedenfalls

zuhören müßt, - und der Lebende hat recht, sagt

ja unser Schiller. So h a b t denn recht und laßt mich

wieder hinab."

127

G e g e n d i e T a d l e r d e r K ü r z e. - Etwas Kurz-Gesagtes

kann die Frucht und Ernte von vielem Lang-Gedachten

sein: aber der Leser, der auf diesem Felde

Neuling ist und hier noch gar nicht nachgedacht hat, sieht

in allem Kurz-Gesagten etwas Embryonisches, nicht ohne

einen tadelnden Wink an den Autor, daß er dergleichen

Unausgewachsenes, Ungereiftes ihm zur Mahlzeit mit auf

den Tisch setze.

128

G e g e n d i e K u r z s i c h t i g e n. - Meint ihr denn,

es müsse Stückwerk sein, weil man es euch in Stücken

gibt (und geben muß)?

129

S e n t e n z e n - L e s e r. - Die schlechtesten Leser von

Sentenzen sind die Freunde ihres Urhebers, im Fall sie

beflissen sind, aus dem Allgemeinen wieder auf das

Besondere zurückzuraten, dem die Sentenz ihren Ursprung

verdankt: denn durch diese Topfguckerei machen sie die

ganze Mühe des Autors zunichte, so daß sie nun

verdientermaßen anstatt einer philosophischen Stimmung

und Belehrung besten- oder schlimmstenfalls nichts als

die Befriedigung der gemeinen Neugierde zum Gewinn

erhalten.

130

U n a r t e n d e s L e s e r s. - Die doppelte Unart des

Lesers gegen den Autor besteht darin, das zweite Buch

desselben auf Unkosten des ersten zu loben (oder

umgekehrt) und dabei zu verlangen, daß der Autor ihm

dankbar sei.

131

D a s A u f r e g e n d e i n d e r G e s c h i c h t e d e r

K u n s t. - Verfolgt man die Geschichte einer Kunst, zum

Beispiel die der griechischen Beredsamkeit, so gerät man,

von Meister zu Meister fortgehend, bei dem Anblick dieser

immer gesteigerten Besonnenheit, um den alten und neu

hinzugefügten Gesetzen und Selbstbeschränkungen insgesamt

zu gehorchen, zuletzt in eine peinliche Spannung:

man begreift, daß der Bogen brechen m u ß und daß die

sogenannte unorganische Komposition, mit den wundervollsten

Mitteln des Ausdrucks überhängt und maskiert -

in jenem Falle der Barockstil des Asianismus -, einmal eine

Notwendigkeit und fast eine W o h l t a t war.

132

A n d i e G r o ß e n d e r K u n s t. - Jene Begeisterung

für eine Sache, welche du Großer in die Welt hineinträgst,

läßt den Verstand vieler v e r k r ü p p e l n, dies zu wissen

demütigt. Aber der Begeisterte trägt seinen Höcker mit

Stolz und Lust: insofern hast du den Trost, daß durch

dich das Glück in der Welt v e r m e h r t ist.

133

D i e ä s t h e t i s c h G e w i s s e n l o s e n. - Die eigentlichen

Fanatiker einer künstlerischen Partei sind jene völlig

unkünstlerischen Naturen, welche selbst in die Elemente

der Kunstlehre und des Kunstkönnens nicht eingedrungen

sind, aber auf das stärkste von allen e l e m e n t a r i s c h e n

Wirkungen einer Kunst ergriffen werden. Für sie

gibt es kein ästhetisches Gewissen - und daher nichts,

was sie vom Fanatismus zurückhalten könnte.

134

W i e n a c h d e r n e u e r e n M u s i k s i c h d i e S e e l e

b e w e g e n s o l l. - Die künstlerische Absicht, welche die

neuere Musik in dem verfolgt, was jetzt, sehr stark aber

undeutlich, als "unendliche Melodie" bezeichnet wird,

kann man sich dadurch klarmachen, daß man ins Meer

geht, allmählich den sicheren Schritt auf dem Grunde verliert

und sich endlich dem wogenden Elemente auf Gnade

und Ungnade übergibt: man soll s c h w i m m e n. In der

bisherigen älteren Musik mußte man, im zierlichen oder

feierlichen oder feurigen Hin und Wieder, Schneller und

Langsamer, t a n z e n : wobei das hierzu nötige Maß, das

Einhalten bestimmter gleichwiegender Zeit- und Kraftgrade

von der Seele des Zuhörers eine fortwährende B e s o n n e n h e i t

erzwang: auf dem Widerspiele dieses kühleren

Luftzuges, welcher von der Besonnenheit herkam,

und des durchwärmten Atems musikalischer Begeisterung

ruhte der Zauber jener Musik. - Richard Wagner wollte

eine andere Art B e w e g u n g d e r S e e l e, welche, wie

gesagt, dem Schwimmen und Schweben verwandt ist. Vielleicht

ist dies das wesentlichste seiner Neuerungen. Sein

berühmtes Kunstmittel, diesem Wollen entsprungen und

angepaßt - die "unendliche Melodie" - bestrebt sich,

alle mathematische Zeit- und Kraft-Ebenmäßigkeit zu

brechen, mitunter selbst zu verhöhnen; und er ist überreich

in der Erfindung solcher Wirkungen, welche dem

älteren Ohre wie rhythmische Paradoxien und Lästerreden

klingen. Er fürchtet die Versteinerung, die Kristallisation,

den Übergang der Musik in das Architektonische

- und so stellt er dem zweitaktigen Rhythmus einen

dreitaktigen entgegen, führt nicht selten den Fünf- und

Siebentakt ein, wiederholt dieselbe Phrase sofort, aber

mit einer Dehnung, daß sie die doppelte und dreifache

Zeitdauer bekommt. Aus einer bequemen Nachahmung

solcher Kunst kann eine große Gefahr für die Musik

entstehen: immer hat neben der Überreife des rhythmischen

Gefühls die Verwilderung, der Verfall der

Rhythmik im Versteck gelauert. Sehr groß wird zumal

diese Gefahr, wenn eine solche Musik sich immer enger

an eine ganz naturalistische, durch keine höhere Plastik

erzogene und beherrschte Schauspielerkunst und Gebärdensprache

anlehnt, - welche in sich kein Maß hat und

dem sich ihr anschmiegenden Elemente, dem a l l z u w e i b l i c h e n

Wesen der Musik, auch kein Maß mitzuteilen

vermag.

135

D i c h t e r u n d W i r k l i c h k e i t. - Die Muse des

Dichters, der nicht in die Wirklichkeit v e r l i e b t ist, wird

eben nicht die Wirklichkeit sein und ihm hohläugige und

allzu zartknochichte Kinder gebären.

136

M i t t e l u n d Z w e c k. - In der Kunst heiligt der

Zweck die Mittel nicht: aber heilige Mittel können hier

den Zweck heiligen.

137

D i e s c h l e c h t e s t e n L e s e r. - Die schlechtesten

Leser sind die, welche wie plündernde Soldaten verfahren:

sie nehmen sich einiges, was sie brauchen können, heraus,

beschmutzen und verwirren das übrige und lästern auf

das Ganze.

138

M e r k m a l e d e s g u t e n S c h r i f t s t e l l e r s. - Die

guten Schriftsteller haben zweierlei gemeinsam; sie

ziehen vor, lieber verstanden als angestaunt zu werden;

und sie schreiben nicht für die spitzen und überscharfen

Leser.

139

D i e g e m i s c h t e n G a t t u n g e n. - Die gemischten

Gattungen in den Künsten legen Zeugnis über das Mißtrauen

ab, welches ihre Urheber gegen ihre eigne Kraft

empfanden; sie suchten Hilfsmächte, Anwälte, Verstecke

- so der Dichter, der die Philosophie, der Musiker, der

das Drama, der Denker, der die Rhetorik zu Hilfe ruft.

140

M u n d h a l t e n. - Der Autor hat den Mund zu halten,

wenn sein Werk den Mund auftut.

141

A b z e i c h e n d e s R a n g e s. - Alle Dichter und

Schriftsteller, welche in den Superlativ verliebt sind, wollen

mehr als sie können.

142

K a l t e B ü c h e r. - Der gute Denker rechnet auf

Leser, welche das Glück nachempfinden, das im guten Denken

liegt: so daß ein Buch, welches sich kalt und nüchtern

ausnimmt, durch die rechten Augen gesehen, vom Sonnenscheine

der geistigen Heiterkeit umspielt und als ein rechter

Seelentrost erscheinen kann.

143

K u n s t g r i f f d e r S c h w e r f ä l l i g e n. - Der

schwerfällige Denker wählt gewöhnlich die Geschwätzigkeit

oder die Feierlichkeit zur Bundesgenossin: durch die

erstere meint er sich Beweglichkeit und leichten Fluß anzueignen,

durch die letztere erweckt er den Schein, als ob

seine Eigenschaft eine Wirkung des freien Willens, der

künstlerischen Absicht sei, zum Zwecke der Würde, welche

Langsamkeit der Bewegung fordert.

144

V o m B a r o c k s t i l e. - Wer sich als Denker und

Schriftsteller zur Dialektik und Auseinanderfaltung der

Gedanken nicht geboren oder erzogen weiß, wird unwillkürlich

nach dem R h e t o r i s c h e n und D r a m a t i s c h e n

greifen: denn zuletzt kommt es ihm darauf an,

sich v e r s t ä n d l i c h zu machen und dadurch Gewalt zu

gewinnen, gleichgültig ob er das Gefühl auf ebenem Pfade

zu sich leitet oder unversehens überfällt - als Hirt oder

als Räuber. Dies gilt auch in den bildenden wie musischen

Künsten; wo das Gefühl mangelnder Dialektik oder

des Ungenügens in Ausdruck und Erzählung, zusammen

mit einem überreichen, drängenden Formentriebe, jene

Gattung des Stiles zutage fördert, welche man B a r o c k s t i l

nennt. - Nur die Schlechtunterrichteten und Anmaßenden

werden übrigens bei diesem Wort sogleich eine

abschätzige Empfindung haben. Der Barockstil entsteht

jedesmal beim Abblühen jeder großen Kunst, wenn die

Anforderungen in der Kunst des klassischen Ausdrucks

allzu groß geworden sind, als ein Natur-Ereignis, dem

man wohl mit Schwermut, - weil es der Nacht voranläuft -

zusehen wird, aber zugleich mit Bewunderung

für die ihm eigentümlichen Ersatzkünste des Ausdrucks

und der Erzählung. Dahin gehört schon die Wahl von

Stoffen und Vorwürfen höchster dramatischer Spannung,

bei denen auch ohne Kunst das Herz zittert, weil Himmel

und Hölle der Empfindung allzu nahe sind: dann die

Beredsamkeit der starken Affekte und Gebärden, des

Häßlich-Erhabenen, der großen Massen, überhaupt der

Quantität an sich - wie dies sich schon bei Michelangelo,

dem Vater oder Großvater der italienischen Barockkünstler,

ankündigt -: die Dämmerungs-, Verklärungs- oder

Feuerbrunstlichter auf so starkgebildeten Formen: dazu

fortwährend neue Wagnisse in Mitteln und Absichten,

vom Künstler für die Künstler kräftig unterstrichen, während

der Laie wähnen muß, das beständige unfreiwillige

Überströmen aller Füllhörner einer ursprünglichen Natur-Kunst

zu sehen: diese Eigenschaften alle, in denen

jener Stil seine Größe hat, sind in den früheren, vorklassischen

und klassischen Epochen einer Kunstart nicht

möglich, nicht erlaubt: solche Köstlichkeiten hängen

lange als verbotene Früchte am Baume. - Gerade jetzt,

wo die M u s i k in diese letzte Epoche übergeht, kann

man das Phänomen des Barockstils in einer besonderen

Pracht kennenlernen und vieles durch Vergleichung daraus

für frühere Zeiten lernen: denn es hat von den

griechischen Zeiten ab schon oftmals einen Barockstil gegeben,

in der Poesie, Beredsamkeit, im Prosastile, in der

Skulptur ebensowohl als bekanntermaßen in der Architektur -

und jedesmal hat dieser Stil, ob es ihm gleich

am höchsten Adel, an dem einer unschuldigen, unbewußten,

sieghaften Vollkommenheit gebricht, auch vielen

von den Besten und Ernstesten seiner Zeit wohlgetan:

- weshalb es, wie gesagt, anmaßend ist, ohne

weiteres ihn abschätzig zu beurteilen; so sehr sich jeder

glücklich preisen darf, dessen Empfindung durch ihn

nicht für den reineren und größeren Stil unempfindlich

gemacht wird.

145

W e r t e h r l i c h e r B ü c h e r. - Ehrliche Bücher machen

den Leser ehrlich, wenigstens indem sie seinen Haß

und Widerwillen herauslocken, welchen die verschmitzte

Klugheit sonst am besten zu verstecken weiß. Gegen ein

Buch aber läßt man sich gehen, wenn man sich auch noch

so sehr gegen Menschen zurückhält.

146

W o d u r c h d i e K u n s t P a r t e i m a c h t. - Einzelne

schöne Stellen, ein erregender Gesamtverlauf und

hinreißende erschütternde Schlußstimmungen - s o v i e l

wird auch den meisten Laien von einem Kunstwerk noch

zugänglich sein: und in einer Periode der Kunst, in der

man die große Masse der Laien auf die Seite der Künstler

h i n ü b e r z i e h e n, also eine Partei, vielleicht zur

Erhaltung der Kunst überhaupt, machen will, wird der

Schaffende gut tun, auch nicht m e h r zu geben: damit er

nicht zum Verschwender seiner Kraft werde auf Gebieten,

wo niemand ihm Dank weiß. Das übrige nämlich zu leisten -

die Natur in ihrem o r g a n i s c h e n Bilden und

Wachsenlassen nachzuahmen - hieße in jenem Falle: auf

Wasser säen.

147

Z u m S c h a d e n d e r H i s t o r i e g r o ß w e r d e n.

- Jeder spätere Meister, welcher den Geschmack der Kunst-Genießenden

in s e i n e Bahn lenkt, bringt unwillkürlich

eine Auswahl und Neu-Abschätzung der älteren Meister

und ihrer Werke hervor: das i h m Gemäße und Verwandte,

das ihn Vorschmeckende und Ankündigende in

jenen gilt von jetzt ab als das eigentlich B e d e u t e n d e

an ihnen und ihren Werken - eine Frucht, in der gewöhnlich

ein großer I r r t u m als Wurm verborgen steckt.

148

W i e e i n Z e i t a l t e r z u r K u n s t g e k ö d e r t

w i r d. - Man lerne mit Hilfe aller Künstler- und

Denker-Zaubereien die Menschen an, vor ihren Mängeln, ihrer

geistigen Armut, ihren unsinnigen Verblendungen und

Leidenschaften Verehrung zu empfinden - und dies ist

möglich -, man zeige vom Verbrechen und vom Wahne

nur die erhabene Seite, von der Schwäche der Willenlosen

und Blind-Ergebnen nur das Rührende und Zu-Herzen-Sprechende

eines solchen Zustandes - auch dies ist oft

genug geschehen -: so hat man das Mittel angewendet,

auch einem ganz unkünstlerischen und unphilosophischen

Zeitalter schwärmerische L i e b e zu Philosophie und Kunst

(namentlich zu den Künstlern und Denkern als Personen)

einzuflößen, und, in schlimmen Umständen, vielleicht das

einzige Mittel, die Existenz so zarter und gefährdeter

Gebilde zu wahren.

149

K r i t i k u n d F r e u d e. - Kritik, einseitige und

ungerechte ebensogut wie verständige, macht dem, der sie

übt, so viel Vergnügen, daß die Welt jedem Werk, jeder

Handlung Dank schuldig ist, welche viel und viele zur

Kritik auffordert: denn hinter ihr her zieht sich ein

blitzender Schweif von Freude, Witz, Selbstbewunderung,

Stolz, Belehrung, Vorsatz zum Bessermachen. - Der Gott

der Freude schuf das Schlechte und Mittelmäßige aus dem

gleichen Grunde, aus dem er das Gute schuf.

150

Ü b e r s e i n e G r e n z e h i n a u s. - Wenn ein Künstler

mehr sein will als ein Künstler, zum Beispiel der moralische

Erwecker seines Volkes, so verliebt er sich, zur Strafe,

zuletzt in ein Ungetüm von moralischem Stoff - und die

Muse lacht dazu: denn diese so gutherzige Göttin kann

aus Eifersucht auch boshaft werden. Man denke an Milton

und Klopstock.

151

G l ä s e r n e s A u g e. - Die Richtung des Talentes auf

m o r a l i s c h e Stoffe, Personen, Motive, auf die schöne

Seele des Kunstwerks ist mitunter nur das gläserne Auge,

welches der Künstler, dem es an der schönen Seele g e b r i c h t,

sich einsetzt: mit dem sehr seltenen Erfolge, daß

dies Auge zuletzt doch lebendige Natur wird, wenn auch

etwas verkümmert blickende Natur, - aber mit dem gewöhnlichen

Erfolge, daß alle Welt Natur zu sehen meint,

wo kaltes Glas ist.

152

S c h r e i b e n u n d S i e g e n - w o l l e n. - Schreiben

sollte immer einen Sieg anzeigen, und zwar eine Überwindung

s e i n e r s e l b s t, welche anderen zum Nutzen mitgeteilt

werden muß; aber es gibt dyspeptische Autoren,

welche gerade nur schreiben, wenn sie etwas nicht verdauen

können, ja wenn dies ihnen schon in den Zähnen hängengeblieben

ist: sie suchen unwillkürlich mit ihrem Ärger

auch dem Leser Verdruß zu machen und so eine Gewalt

über ihn auszuüben, das heißt: auch sie wollen siegen,

aber über andere.

153

" G u t B u c h w i l l W e i l e h a b e n. " - Jedes gute

Buch schmeckt herb, wenn es erscheint: es hat den Fehler

der Neuheit. Zudem schadet ihm sein lebender Autor, falls

er bekannt ist und manches von ihm verlautet: denn alle

Welt pflegt den Autor und sein Werk zu verwechseln.

Was in diesem an Geist, Süße und Goldglanz ist, muß sich

erst mit den Jahren entwickeln, unter der Pflege wachsender,

dann alter, zuletzt überlieferter Verehrung. Manche

Stunde muß darüber hinlaufen, manche Spinne ihr Netz

daran gewoben haben. Gute Leser machen ein Buch immer

besser und gute Gegner klären es ab.

154

M a ß l o s i g k e i t a l s K u n s t m i t t e l. - Künstler

verstehen wohl, was es sagen will: die Maßlosigkeit als

Kunstmittel zu benutzen, um den Eindruck des Reichtums

hervorzubringen. Es gehört das zu den unschuldigen

Listen der Seelenverführung, auf welche sich die Künstler

verstehen müssen: denn in ihrer Welt, in der es auf Schein

abgesehen ist, brauchen auch die Mittel des Scheins nicht

notwendig echt zu sein.

155

D e r v e r s t e c k t e L e i e r k a s t e n. - Die Genies

verstehen sich besser als die Talente darauf, den Leierkasten

zu verstecken, vermöge ihres umfänglicheren Faltenwurfs;

aber im Grunde können sie auch nicht mehr, als ihre

alten sieben Stücke wieder spielen.

156

D e r N a m e a u f d e m T i t e l b l a t t. - Daß der

Name des Autors auf dem Buche steht, ist zwar jetzt Sitte

und fast Pflicht; doch ist es eine Hauptursache davon, daß

Bücher so wenig wirken. Sind sie nämlich gut, so sind sie

mehr wert als die Personen, als deren Quintessenzen; sobald

aber der Autor sich durch den Titel zu erkennen gibt,

wird die Quintessenz wieder von seiten des Lesers mit dem

Persönlichen, ja Persönlichsten diluiert und somit der Zweck

des Buches vereitelt. Es ist der Ehrgeiz des Intellektes,

nicht mehr individuell zu erscheinen.

157

S c h ä r f s t e K r i t i k. - Man kritisiert einen Menschen,

ein Buch am schärfsten, wenn man das Ideal desselben hinzeichnet.

158

W e n i g u n d o h n e L i e b e. - Jedes gute Buch ist

für einen bestimmten Leser und dessen Art geschrieben und

wird eben deshalb von allen übrigen Lesern, der großen

Mehrzahl, ungünstig angesehn: weshalb sein Ruf auf

schmaler Grundlage ruht und nur langsam aufgebaut

werden kann.-- Das mittelmäßige und schlechte Buch

ist es eben dadurch, daß es vielen zu gefallen sucht und

auch gefällt.

159

M u s i k u n d K r a n k h e i t. - Die Gefahr in der

neuen Musik liegt darin, daß sie uns den Becher des Wonnigen

und Großartigen so hinreißend und mit einem Anscheine

von sittlicher Ekstase an die Lippen setzt, daß auch

der Mäßige und Edle immer einige Tropfen zu viel von

ihr trinkt. Diese Minimal-Ausschweifung, fortwährend

wiederholt, kann aber zuletzt eine tiefere Erschütterung

und Untergrabung der geistigen Gesundheit zuwege bringen,

als irgend ein großer Exzeß es vermöchte: so daß

nichts übrigbleibt, als eines Tages die Nymphengrotte zu

fliehen und, durch Meereswogen und Gefahren, nach dem

Rauch von Ithaka und nach den Umarmungen der schlichteren

und menschlicheren Gattin sich den Weg zu bahnen.

160

V o r t e i l f ü r d i e G e g n e r. - Ein Buch voller

Geist teilt auch an seine Gegner davon mit.

161

J u g e n d u n d K r i t i k. - Ein Buch kritisieren -

das heißt für die Jungen nur: keinen einzigen produktiven

Gedanken desselben an sich herankommen lassen und sich,

mit Händen und Füßen, seiner Haut wehren. Der Jüngling

lebt gegen alles Neue, das er nicht in Bausch und

Bogen lieben kann, im Stande der Notwehr und begeht

jedesmal dabei, so oft er nur kann, ein überflüssiges Verbrechen.

162

W i r k u n g d e r Q u a n t i t ä t. - Die größte Paradoxie

in der Geschichte der Dichtkunst liegt darin, daß in

allem, worin die alten Dichter ihre Größe haben, einer

ein Barbar, nämlich fehlerhaft und verwachsen vom Wirbel

bis zur Zehe, sein kann und dennoch der größte

Dichter bleibt. So steht es ja mit Shakespeare, der, mit

Sophokles zusammengehalten, einem Bergwerke voll einer

Unermeßlichkeit an Gold, Blei und Geröll gleicht, während

jener nicht nur Gold, sondern Gold in der edelsten

Gestaltung ist, die seinen Wert als Metall fast vergessen

macht. Aber die Quantität, in ihren höchsten Steigerungen,

w i r k t als Qualität. Das kommt Shakespeare

zugute.

163

A l l e r A n f a n g i s t G e f a h r. - Der Dichter hat

die Wahl, entweder das Gefühl von einer Stufe zur andern

zu heben und es so zuletzt sehr hoch zu steigern - oder

es mit einem Überfalle zu versuchen und gleich von Beginn

an mit aller Gewalt am Glockenstrang zu ziehn. Beides

hat seine Gefahren: im ersten Falle läuft ihm vielleicht

sein Zubehör vor Langerweile, im zweiten vor Schrecken

davon.

164

Z u g u n s t e n d e r K r i t i k e r. - Die Insekten stechen,

nicht aus Bosheit, sondern weil sie auch leben wollen:

ebenso unsere Kritiker; sie wollen unser Blut, nicht

unseren Schmerz.

165

E r f o l g v o n S e n t e n z e n. - Die Unerfahrnen

meinen immer, wenn ihnen eine Sentenz sofort durch ihre

schlichte Wahrheit einleuchtet, sie sei alt und bekannt, und

blicken dabei scheel auf den Urheber, als habe er das

Gemeingut aller stehlen wollen: während sie an gewürzten

Halbwahrheiten Freude haben und dies dem Autor zu

erkennen geben. Dieser weiß einen solchen Wink zu würdigen

und errät daraus leicht, wo es ihm gelungen und wo

mißlungen ist.

166

S i e g e n - w o l l e n. - Ein Künstler, der in allem, was

er unternimmt, über seine Kräfte hinausgeht, wird doch

zuletzt, durch das Schauspiel des gewaltigen Ringens, das

er gewährt, die Menge mit sich fortreißen: denn der Erfolg

ist nicht immer nur beim Siege, sondern mitunter schon

beim Siegen-wollen.

167

S i b i s c r i b e r e. - Der vernünftige Autor schreibt

für keine andere Nachwelt als für seine eigene, das heißt

für sein Alter, um auch dann noch an sich Freude haben

zu können.

168

L o b d e r S e n t e n z. - Eine gute Sentenz ist zu hart

für den Zahn der Zeit und wird von allen Jahrtausenden

nicht aufgezehrt, obwohl sie jeder Zeit zur Nahrung dient:

dadurch ist sie das große Paradoxon in der Literatur,

das Unvergängliche inmitten des Wechselnden, die Speise,

welche immer geschätzt bleibt wie das Salz, und niemals,

wie selbst dieses, dumm wird.

169

K u n s t b e d ü r f n i s z w e i t e n R a n g e s. - Das

Volk hat wohl etwas von dem, was man Kunstbedürfnis

nennen darf, aber es ist wenig und wohlfeil zu befriedigen.

Im Grunde genügt hierfür der Abfall der

Kunst: das soll man ehrlich sich eingestehen. Man erwäge

doch nur zum Beispiel, an was für Melodien und Liedern

jetzt unsere kraftvollsten, unverdorbensten, treuherzigsten

Schichten der Bevölkerung ihre rechte Herzensfreude

haben, man lebe unter Hirten, Sennen, Bauern,

Jägern, Soldaten, Seeleuten und gebe sich die Antwort.

Und wird nicht in der kleinen Stadt, gerade in den Häusern,

welche der Sitz altvererbter Bürgertugend sind, jene

allerschlechteste Musik geliebt, ja gehätschelt, welche überhaupt

jetzt hervorgebracht wird? Wer von tieferm Bedürfnisse,

von unausgefülltem Begehren nach Kunst in

Beziehung auf das Volk, wie es ist, redet, der faselt oder

schwindelt. Seid ehrlich! Nur bei A u s n a h m e - M e n s c h e n

gibt es jetzt ein Kunstbedürfnis in h o h e m

S t i l e - weil die Kunst überhaupt wieder einmal im

Rückgange ist und die menschlichen Kräfte und Hoffnungen

sich für eine Zeit auf andere Dinge geworfen

haben. - Außerdem, nämlich abseits vom Volke, besteht

freilich noch ein breiteres, umfänglicheres Kunstbedürfnis,

aber z w e i t e n R a n g e s, in den höheren und höchsten

Schichten der Gesellschaft: hier ist etwas wie eine künstlerische

Gemeinde, die es aufrichtig meint, möglich. Aber

man sehe sich die Elemente an! Es sind im allgemeinen die

feineren Unzufriednen, die an sich zu keiner rechten

Freude kommen: der Gebildete, der nicht frei genug geworden

ist, um der Tröstungen der Religion entraten zu

können, und doch ihre Öle nicht wohlriechend genug

findet: der Halbedle, der zu schwach ist, den einen Grundfehler

seines Lebens oder den schädlichen Hang seines

Charakters zu brechen, durch heroisches Umkehren oder

Verzichtleisten: der Reichbegabte, der zu vornehm von

sich denkt, um durch bescheidene Tätigkeit zu nützen,

und zu träge zur ernsten aufopfernden Arbeit ist: das

Mädchen, welches sich keinen genügenden Kreis von

Pflichten zu schaffen weiß: die Frau, die durch eine

leichtsinnige oder frevelhafte Ehe sich band und nicht

genug gebunden weiß: der Gelehrte, Arzt, Kaufmann,

Beamte, der zu zeitig in das einzelne eingekehrt und

seiner ganzen Natur niemals vollen Lauf gegönnt hat,

dafür aber mit einem Wurm im Herzen seine immerhin

tüchtige Arbeit tut: endlich alle unvollständigen Künstler

- dies sind j e t z t die noch wahrhaften

Kunstbedürftigen! Und was begehren sie eigentlich von der

Kunst? Sie soll ihnen für Stunden und Augenblicke das

Unbehagen, die Langeweile, das halbschlechte Gewissen

verscheuchen und womöglich den Fehler ihres Lebens und

Charakters als Fehler des Welten-Schicksals ins Große

umdeuten - sehr verschieden von den Griechen, welche

in ihrer Kunst das Aus- und Überströmen ihres eignen

Wohl- und Gesundseins empfanden und es liebten, ihre

Vollkommenheit n o c h e i n m a l außer sich zu sehen: -

sie führte der Selbstgenuß zur Kunst, diese unsere

Zeitgenossen - der Selbstverdruß.

170

D i e D e u t s c h e n i m T h e a t e r. - Das eigentliche

Theatertalent der Deutschen war Kotzebue; er und seine

Deutschen, die der höheren sowohl als die der mittleren

Gesellschaft, gehörten notwendig zusammen, und die

Zeitgenossen hätten von ihm im Ernste sagen dürfen: "in

ihm leben, weben und sind wir". Hier war nichts Erzwungenes,

Angebildetes, Halb- und Angenießendes: was

er wollte und konnte, wurde verstanden, ja bis jetzt ist

der e h r l i c h e Theater-Erfolg auf deutschen Bühnen im

Besitze der verschämten oder unverschämten Erben Kotzebueischer

Mittel und Wirkungen, namentlich soweit das

Lustspiel noch in einiger Blüte steht; woraus sich ergibt,

daß viel von dem damaligen Deutschtum, zumal abseits

von der großen Stadt, immer noch fortlebt. Gutmütig,

in kleinen Genüssen unenthaltsam, tränenlüstern, mit

dem Wunsche, wenigstens im Theater sich der eingebornen

pflichtstrengen Nüchternheit entschlagen zu dürfen

und hier lächelnde, ja lachende Duldung zu üben, das

Gute und das Mitleid verwechselnd und in eins zusammenwerfend

- wie es das Wesentliche der deutschen Sentimentalität

ist -, überglücklich bei einer schönen großmütigen

Handlung, im übrigen unterwürfig nach oben,

neidisch gegeneinander, und doch im Innersten sich selbst

genügend - so waren sie, so war er. - Das zweite

Theatertalent war Schiller: dieser entdeckte eine Klasse

von Zuhörern, welche bis dahin nicht in Betracht gekommen

waren; er fand sie in den unreifen Lebensaltern,

im deutschen Mädchen und Jüngling. Ihren höheren,

edleren, stürmischeren, wenn auch unklareren Regungen,

ihrer Lust am Klingklang sittlicher Worte (welche in

den dreißiger Jahren des Lebens zu verschwinden pflegt)

kam er mit seinen Dichtungen entgegen und errang sich

dadurch, gemäß der Leidenschaftlichkeit und Parteisucht

jener Altersklasse, einen Erfolg, der allmählich auch auf

die reiferen Lebensalter mit Vorteil einwirkte: Schiller

hat im allgemeinen die Deutschen v e r j ü n g t. - Goethe

stand über den Deutschen in jeder Beziehung und steht

es auch jetzt noch: er wird ihnen nie angehören. Wie

könnte auch je ein Volk der Goethischen G e i s t i g k e i t.

im W o h l - S e i n u n d W o h l - W o l l e n gewachsen

sein! Wie Beethoven über die Deutschen weg Musik machte,

wie Schopenhauer über die Deutschen weg philosophierte,

so dichtete Goethe seinen Tasso, seine Iphigenie über die

Deutschen weg. Ihm folgte eine s e h r k l e i n e Schar

Höchstgebildeter, durch Altertum, Leben und Reisen Erzogener,

über deutsches Wesen hinaus Gewachsener: -

er selber wollte es nicht anders. - Als dann die Romantiker

ihren zweckbewußten Goethe-Kultus aufrichteten,

als ihre erstaunliche Kunstfertigkeit des Anschmeckens

dann auf die Schüler Hegels, die eigentlichen Erzieher

der Deutschen dieses Jahrhunderts, überging, als der

erwachende nationale Ehrgeiz auch dem Ruhme der deutschen

Dichter zugute kam und der eigentliche Maßstab

des Volkes, ob es sich e h r l i c h an etwas f r e u e n könne,

unerbittlich dem Urteile der einzelnen und jenem nationalen

Ehrgeize untergeordnet wurde - das heißt, als

man anfing sich freuen zu m ü s s e n -, da entstand jene

Verlogenheit und Unechtheit der deutschen Bildung,

welche sich Kotzebues schämte, welche Sophokles, Calderon

und selbst Goethes Faust-Fortsetzung auf die Bühne

brachte und welche ihrer belegten Zunge, ihres verschleimten

Magens wegen, zuletzt nicht mehr weiß, was

ihr schmeckt, was ihr langweilig ist. - Selig sind die,

welche Geschmack haben, wenn es auch ein schlechter

Geschmack ist! - Und nicht nur selig, auch weise kann

man nur vermöge dieser Eigenschaft werden: weshalb die

Griechen, die in solchen Dingen sehr fein waren, den

Weisen mit einem Wort bezeichneten, das den M a n n des

G e s c h m a c k s bedeutet, und Weisheit, künstlerische

sowohl wie erkennende, geradezu "Geschmack" (sophia) benannten.

171

D i e M u s i k a l s S p ä t l i n g j e d e r K u l t u r. -

Die Musik kommt von allen Künsten, welche auf einem

bestimmten Kultur-Boden, unter bestimmten sozialen und

politischen Verhältnissen jedesmal aufzuwachsen pflegen,

als die l e t z t e aller Pflanzen zum Vorschein, im Herbst

und Abblühen der zu ihr gehörigen Kultur: während gewöhnlich

die ersten Boten und Anzeichen eines neuen

Frühlings schon bemerkbar sind; ja mitunter läutet die

Musik wie die Sprache eines versunkenen Zeitalters in

eine erstaunte und neue Welt hinein und kommt zu spät.

Erst in der Kunst der Niederländer Musiker fand die

Seele des christlichen Mittelalters ihren vollen Klang:

ihre Ton-Baukunst ist die nachgeborne, aber echt- und

ebenbürtige Schwester der Gotik. Erst in Händels Musik

erklang das beste von Luthers und seiner Verwandten

Seele, der große jüdisch-heroische Zug, welcher die ganze

Reformations-Bewegung schuf. Erst Mozart gab dem Zeitalter

Ludwig des Vierzehnten und der Kunst Racines und

Claude Lorrains in k l i n g e n d e m Golde heraus. Erst

in Beethovens und Rossinis Musik sang sich das achtzehnte

Jahrhundert aus, das Jahrhundert der Schwärmerei,

der zerbrochnen Ideale und des flüchtigen Glücks.

So möchte denn ein Freund empfindsamer Gleichnisse

sagen, jede wahrhaft bedeutende Musik sei Schwanengesang.

- Die Musik ist eben n i c h t eine allgemeine

überzeitliche Sprache, wie man so oft zu ihrer Ehre gesagt

hat, sondern entspricht genau einem Gefühls-Wärme- und

Zeitmaß, welches eine ganz bestimmte einzelne, zeitlich

und örtlich gebundene Kultur als inneres Gesetz in sich

trägt: die Musik Palestrinas würde für einen Griechen

völlig unzugänglich sein, und wiederum - was würde

Palestrina bei der Musik Rossinis hören? - Vielleicht,

daß auch unsere neueste deutsche Musik, so sehr sie

herrscht und herrschlustig ist, in kurzer Zeitspanne nicht

mehr verstanden wird: denn sie entsprang aus einer Kultur,

die im raschen Absinken begriffen ist; ihr Boden ist

jene Reaktions- und Restaurations-Periode, in welcher

ebenso ein gewisser K a t h o l i z i s m u s d e s G e f ü h l s

wie die Lust an allem h e i m i s c h - n a t i o n a l e n W e s e n

u n d U r w e s e n zur Blüte kam und über Europa

einen gemischten Duft ausgoß: welche beide Richtungen

des Empfindens, in größter Stärke erfaßt und bis in die

entferntesten Enden fortgeführt, in der Wagnerischen

Kunst zuletzt zum Erklingen gekommen sind. Wagners

Aneignung der altheimischen Sagen, sein veredelndes Schalten

und Walten unter deren so fremdartigen Göttern und

Helden - welche eigentlich souveräne Raubtiere sind, mit

Anwandlungen von Tiefsinn, Großherzigkeit und Lebensüberdruß

-, die Neubeseelung dieser Gestalten, denen er

den christlich-mittelalterlichen Durst nach verzückter

Sinnlichkeit und Entsinnlichung dazugab, dieses ganze

Wagnerische Nehmen und Geben in Hinsicht auf Stoffe, Seelen,

Gestalten und Worte spricht deutlich auch den G e i s t

s e i n e r M u s i k aus, wenn diese, wie alle Musik, von sich

selber nicht völlig unzweideutig zu reden vermöchte:

dieser Geist führt den a l l e r l e t z t e n Kriegs- und

Reaktionszug an gegen den Geist der Aufklärung, welcher

aus dem vorigen Jahrhundert in dieses hineinwehte, ebenso

gegen die übernationalen Gedanken der französischen

Umsturz-Schwärmerei und der englisch-amerikanischen

Nüchternheit im Umbau von Staat und Gesellschaft. -

Ist es aber nicht ersichtlich, daß die hier - bei Wagner

selbst und seinem Anhange - noch zurückgedrängt

erscheinenden Gedanken- und Empfindungskreise längst

von neuem wieder Gewalt bekommen haben, und daß

jener späte musikalische Protest gegen sie zumeist in

Ohren hineinklingt, die andere und entgegengesetzte Töne

lieber hören? so daß eines Tages jene wunderbare und

hohe Kunst ganz plötzlich unverständlich werden und

sich Spinnweben und Vergessenheit über sie legen könnten.

- Man darf sich über diese Sachlage nicht durch

jene flüchtigen Schwankungen beirren lassen, welche als

Reaktion innerhalb der Reaktion, als ein zeitweiliges

Einsinken des Wellenbergs inmitten der gesamten Bewegung

erscheinen; so mag dieses Jahrzehnt der nationalen

Kriege, des ultramontanen Martyriums und der

sozialistischen Beängstigung in seinen feineren Nachwirkungen

auch der genannten Kunst zu einer plötzlichen

Glorie verhelfen - ohne ihr damit die Bürgschaft dafür

zu geben, daß sie "Zukunft habe", oder gar, daß sie d i e

Z u k u n f t habe. - Es liegt im Wesen der Musik, daß

die Früchte ihrer großen Kultur-Jahrgänge zeitiger

unschmackhaft werden und rascher verderben als die

Früchte der bildenden Kunst oder gar die auf dem

Baume der Erkenntnis gewachsenen: unter allen Erzeugnissen

des menschlichen Kunstsinns sind nämlich G e d a n k e n

das Dauerhafteste und Haltbarste.

172

D i e D i c h t e r k e i n e L e h r e r m e h r. - So fremd

es unserer Zeit klingen mag: es gab Dichter und Künstler,

deren Seele über die Leidenschaften und deren Krämpfe

und Entzückungen hinaus war und die deshalb an reinlicheren

Stoffen, würdigeren Menschen, zarteren Verknüpfungen

und Lösungen ihre Freude hatten. Sind die

jetzigen großen Künstler meistens Entfesseler des Willens

und unter Umständen eben dadurch Befreier des

Lebens, so waren jene - Willens-Bändiger, Tier-Verwandeler,

Menschen-Schöpfer und überhaupt Bildner, Um-

und Fortbildner des Lebens: während der Ruhm der jetzigen

im Abschirren, Kettenlösen, Zertrümmern liegen mag.

- Die älteren Griechen verlangten vom Dichter, er solle

der Lehrer der Erwachsenen sein: aber wie müßte sich

jetzt ein Dichter schämen, wenn man dies von ihm verlangte,

- er, der selber sich kein guter Lehrer war

und daher selbst kein gutes Gedicht, kein schönes Gebilde

wurde, sondern im günstigen Falle gleichsam der scheue,

anziehende Trümmerhaufen eines Tempels, aber zugleich

eine Höhle der Begierden, mit Blumen, Stechpflanzen,

Giftkräutern ruinenhaft überwachsen, von Schlangen,

Gewürm, Spinnen und Vögeln bewohnt und besucht

- ein Gegenstand zum trauernden Nachsinnen darüber,

warum jetzt das Edelste und Köstlichste sogleich als Ruine,

ohne die Vergangenheit und Zukunft des Vollkommenseins,

emporwachsen muß? -

173

V o r - u n d R ü c k b l i c k. - Eine Kunst, wie sie aus

Homer, Sophokles, Theokrit, Calderon, Racine, Goethe

a u s s t r ö m t, als Überschuß einer weisen und harmonischen

Lebensführung - das ist das Rechte, nach dem

wir endlich greifen lernen, wenn wir selber weiser und

harmonischer geworden sind: nicht jene barbarische,

wenngleich noch so entzückende Aussprudelung hitziger

und bunter Dinge aus einer ungebändigten, chaotischen

Seele, welche wir früher als Jünglinge unter Kunst

verstanden. Es begreift sich aber aus sich selber, daß für

gewisse Lebenszeiten eine Kunst der Überspannung, der

Erregung, des Widerwillens gegen das Geregelte, Eintönige,

Einfache, Logische ein notwendiges Bedürfnis ist,

welchem Künstler entsprechen m ü s s e n, damit die Seele

solcher Lebenszeiten sich nicht auf anderem Weg, durch

allerlei Unfug und Unart, entlade. So bedürfen die Jünglinge,

wie sie meistens sind, voll, gärend, von nichts m e h r

als von der Langeweile gepeinigt, - so bedürfen Frauen,

denen eine gute, die Seele füllende Arbeit fehlt, jener

Kunst der entzückenden Unordnung. Um so heftiger noch

entflammt sich ihre Sehnsucht nach einem Genügen ohne

Wechsel, einem Glück ohne Betäubung und Rausch.

174

G e g e n d i e K u n s t d e r K u n s t w e r k e. - Die

Kunst soll vor allem und zuerst das Leben v e r s c h ö n e r n,

also u n s selber den anderen erträglich, womöglich

angenehm machen: mit dieser Aufgabe vor Augen mäßigt

sie und hält uns im Zaume, schafft Formen des Umgangs,

bindet die Unerzogenen an Gesetze des Anstands, der

Reinlichkeit, der Höflichkeit, des Redens und Schweigens

zur rechten Zeit. Sodann soll die Kunst alles Häßliche

v e r b e r g e n oder u m d e u t e n, jenes Peinliche,

Schreckliche, Ekelhafte, welches trotz allem Bemühen immer wieder,

gemäß der Herkunft der menschlichen Natur, herausbrechen

wird: sie soll so namentlich in Hinsicht auf die

Leidenschaften und seelischen Schmerzen und Ängste verfahren

und im unvermeidlich oder unüberwindlich Häßlichen

das B e d e u t e n d e durchschimmern lassen. Nach

dieser großen, ja übergroßen Aufgabe der Kunst ist die

sogenannte eigentliche Kunst, d i e d e r K u n s t w e r k e,

nur ein A n h ä n g s e l. Ein Mensch, der einen Überschuß

von solchen verschönernden, verbergenden und umdeutenden

Kräften in sich fühlt, wird sich zuletzt noch in

Kunstwerken dieses Überschusses zu entladen suchen;

ebenso, unter besonderen Umständen, ein ganzes Volk.

- Aber gewöhnlich fängt man jetzt die Kunst am Ende

an, hängt sich an ihren Schweif und meint, die Kunst

der Kunstwerke sei das Eigentliche, von ihr aus solle das

Leben verbessert und umgewandelt werden - wir Toren!

Wenn wir die Mahlzeit mit dem Nachtisch beginnen und

Süßigkeiten über Süßigkeiten kosten, was wunders, wenn

wir uns den Magen und selbst den Appetit für die gute,

kräftige, nährende Mahlzeit, zu der uns die Kunst

einladet, verderben!

175

F o r t b e s t e h e n d e r K u n s t. - Wodurch besteht

jetzt im Grunde eine Kunst der Kunstwerke fort? Dadurch,

daß die meisten, welche Mußestunden haben - und nur

für diese gibt es ja eine solche Kunst -, nicht glauben,

ohne Musik, Theater- und Galerien-Besuch, ohne Roman-

und Gedichte-lesen mit ihrer Zeit fertig zu werden. Gesetzt,

man könnte sie von dieser Befriedigung a b h a l t e n,

so würden sie entweder nicht so eifrig nach Muße streben

und der neiderregende Anblick der Reichen würde s e l t e n e r

- ein großer Gewinn für den Bestand der Gesellschaft;

oder sie hätten Muße, lernten aber n a c h d e n k e n -

was man lernen und verlernen kann -, über ihre

Arbeit zum Beispiel, ihre Verbindungen, über Freuden,

die sie erweisen könnten: alle Welt, mit Ausnahme der

Künstler, hätte in beiden Fällen den Vorteil davon. -

Es gibt gewiß manchen kraft- und sinnvollen Leser, der

hier einen guten Einwand zu machen versteht. Der Plumpen

und Böswilligen halber soll es doch einmal gesagt

werden, daß es hier wie so oft in diesem Buche dem

Autor eben auf den Einwand ankommt, und daß manches

in ihm zu lesen ist, was nicht gerade darin geschrieben

steht.

176

D a s M u n d s t ü c k d e r G ö t t e r. -- Der Dichter

spricht die allgemeinen höheren Meinungen aus, welche ein

Volk hat, er ist deren Mundstück und Flöte - aber er

spricht sie, vermöge des Metrums und aller anderen künstlerischen

Mittel so aus, daß das Volk sie wie etwas ganz

Neues und Wunderhaftes nimmt und es vom Dichter allen

Ernstes glaubt, er sei das Mundstück der Götter. Ja,

in der Umwölkung des Schaffens vergißt der Dichter selber,

wo er alle seine geistige Weisheit her hat - von

Vater und Mutter, von Lehrern und Büchern aller Art,

von der Straße und namentlich von den Priestern; ihn

täuscht seine eigene Kunst und er glaubt wirklich, in naiver

Zeit, daß e i n G o t t durch ihn rede, daß er im Zustande

einer religiösen Erleuchtung schaffe, - während er eben

nur sagt, was er gelernt hat, Volks-Weisheit und Volks-Torheit

miteinander. Also: insofern der Dichter wirklich

vox populi ist, gilt er als vox dei.

177

W a s a l l e K u n s t w i l l u n d n i c h t k a n n. - Die

schwerste und letzte Aufgabe des Künstlers ist die Darstellung

des Gleichbleibenden, in sich Ruhenden, Hohen,

Einfachen, vom Einzelreiz weit Absehenden; deshalb werden

die höchsten Gestaltungen sittlicher Vollkommenheit

von den schwächeren Künstlern selbst als unkünstlerische

Vorwürfe abgelehnt, weil ihrem Ehrgeize der Anblick

dieser Früchte gar zu peinlich ist: sie glänzen ihnen aus

den äußersten Ästen der Kunst entgegen, aber es fehlt

ihnen Leiter, Mut und Handgriff, um sich so hoch wagen

zu dürfen. An sich ist ein Phidias a l s D i c h t e r recht

wohl möglich, aber, in Anbetracht der modernen Kraft,

fast nur im Sinne des Wortes, daß bei Gott kein Ding

unmöglich ist. Schon der Wunsch nach einem dichterischen

Claude Lorrain ist ja gegenwärtig eine Unbescheidenheit,

so sehr einen das Herz danach verlangen heißt. - Der

Darstellung des höchsten Menschen, d a s h e i ß t d e s

e i n f a c h s t e n u n d z u g l e i c h v o l l s t e n, war bis

jetzt kein Künstler gewachsen; vielleicht aber haben die

Griechen, im I d e a l d e r A t h e n e, am weitesten von

allen bisherigen Menschen den Blick geworfen.

178

K u n s t u n d R e s t a u r a t i o n. - Die rückläufigen

Bewegungen in der Geschichte, die sogenannten Restaurationszeiten,

welche einem geistigen und gesellschaftlichen

Zustand, der vor dem zuletzt bestehenden lag, wieder Leben

zu geben suchen und denen eine kurze Toten-Erweckung

auch wirklich zu gelingen scheint, haben den Reiz

gemütvoller Erinnerung, sehnsüchtigen Verlangens nach fast

Verlorenem, hastigen Umarmens von minutenlangem

Glücke. Wegen dieser seltsamen Vertiefung der Stimmung

finden gerade in solchen flüchtigen, fast traumhaften

Zeiten Kunst und Dichtung einen natürlichen

Boden: wie an steil absinkenden Bergeshängen die zartesten

und seltensten Pflanzen wachsen. - So treibt es

manchen guten Künstler unvermerkt zu einer Restaurations-Denkweise

in Politik und Gesellschaft, für welche er sich,

auf eigene Faust, ein stilles Winkelchen und Gärtchen

zurechtmacht: wo er dann die menschlichen Überreste jener

ihn anheimelnden Geschichtsepoche um sich sammelt und

vor lauter Toten, Halbtoten und Sterbensmüden sein Saitenspiel

ertönen läßt, vielleicht mit dem erwähnten Erfolge

einer kurzen Toten-Erweckung.

179

G l ü c k d e r Z e i t. - In zwei Beziehungen ist unsere

Zeit glücklich zu preisen. In Hinsicht auf die V e r g a n g e n h e i t

genießen wir alle Kulturen und deren Hervorbringungen

und nähren uns mit dem edelsten Blute aller

Zeiten, wir stehen noch dem Zauber der Gewalten, aus

deren Schoße jene geboren wurden, nahe genug, um uns

vorübergehend ihnen mit Lust und Schauder unterwerfen

zu können: während frühere Kulturen nur sich selber

zu genießen vermochten und nicht über sich hinaussahen,

vielmehr wie von einer weiter oder enger gewölbten

Glocke überspannt waren, aus welcher zwar Licht auf sie

herabströmte, durch welche aber kein Blick hindurchdrang.

In Hinsicht auf die Z u k u n f t erschließt sich uns

zum ersten Male in der Geschichte der ungeheure Weitblick

menschlich-ökumenischer, die ganze bewohnte Erde

umspannender Ziele. Zugleich fühlen wir uns der Kräfte

bewußt, diese neue Aufgabe ohne Anmaßung selber in die

Hand nehmen zu dürfen, ohne übernatürlicher Beistände

zu bedürfen; ja, möge unser Unternehmen ausfallen wie

es wolle, mögen wir unsere Kräfte überschätzt haben,

jedenfalls gibt es niemanden, dem wir Rechenschaft schuldeten

als uns selbst: die Menschheit kann von nun an

durchaus mit sich anfangen, was sie will. - Es gibt

freilich sonderbare Menschen-Bienen, welche aus dem

Kelche aller Dinge immer nur das Bitterste und Ärgerlichste

zu saugen verstehen; - und in der Tat, alle Dinge

enthalten etwas von diesem Nicht-Honig in sich. Diese

mögen über das geschilderte Glück unseres Zeitalters in

ihrer Art empfinden und an ihrem Bienen-Korb des Mißbehagens

weiterbauen.

180

E i n e V i s i o n. - Lehr- und Betrachtungsstunden für

Erwachsene, Reife und Reifste, und diese täglich, ohne

Zwang, aber nach dem Gebot der Sitte von jedermann

besucht: die Kirchen als die würdigsten und erinnerungsreichsten

Stätten dazu: gleichsam alltägliche Festfeiern

der erreichten und erreichbaren menschlichen Vernunftwürde:

ein neueres und volleres Auf- und Ausblühen des

Lehrer-Ideals, in welches der Geistliche, der Künstler und

der Arzt, der Wissende und der Weise hineinverschmelzen,

wie deren Einzel-Tugenden als Gesamt-Tugend auch in

der Lehre selber, in ihrem Vortrag, ihrer Methode zum

Vorschein kommen müßten, - dies ist meine Vision, die

mir immer wiederkehrt und von der ich fest glaube, daß

sie einen Zipfel des Zukunfts-Schleiers gehoben hat.

181

E r z i e h u n g V e r d r e h u n g. - Die außerordentliche

Unsicherheit alles Unterrichtswesens, auf Grund deren

jetzt jeder Erwachsene das Gefühl bekommt, sein einziger

Erzieher sei der Zufall gewesen, - das Windfahnenhafte

der erzieherischen Methoden und Absichten erklärt sich

daraus, daß jetzt die ä l t e s t e n und die n e u e s t e n

Kulturmächte wie in einer wilden Volksversammlung mehr

gehört als verstanden werden wollen und um jeden Preis

durch ihre Stimme, ihr Geschrei beweisen wollen, daß sie

noch e x i s t i e r e n oder daß sie s c h o n e x i s t i e r e n.

Die armen Lehrer und Erzieher sind bei diesem widersinnigen

Lärm erst betäubt, dann still und endlich stumpf

geworden und lassen alles über sich ergehen, wie sie nun

wieder auch alles über ihre Zöglinge ergehen lassen. Sie

selbst sind nicht erzogen: wie sollten sie erziehen? Sie

selbst sind keine gerade gewachsenen, kräftigen, saftvollen

Stämme: wer sich an sie anschließen will, wird sich winden

und krümmen müssen und zuletzt verdreht und verwachsen

erscheinen.

182

P h i l o s o p h e n u n d K ü n s t l e r d e r Z e i t. -

Wüstheit und Kaltsinn, Brand der Begierden, Abkühlung

des Herzens - dies widerliche Nebeneinander findet sich

im Bilde der höheren europäischen Gesellschaft der Gegenwart.

Da glaubt der Künstler schon viel zu erreichen,

wenn er durch seine Kunst neben dem Brande der Begierde

auch einmal den Brand des Herzens aufflammen

macht: und ebenso der Philosoph, wenn er bei der Kühle

des Herzens, die er mit seiner Zeit gemein hat, auch die

Hitze der Begierde durch sein weltverneinendes Urteilen

in sich und jener Gesellschaft abkühlt.

183

N i c h t o h n e N o t S o l d a t d e r K u l t u r s e i n. -

Endlich, endlich lernt man, was nicht zu wissen einem in

jüngeren Jahren so viel Einbuße macht: daß man zuerst

das Vortreffliche t u n, zu zweit das Vortreffliche a u f s u c h e n

müsse, wo und unter welchen Namen es auch zu

finden sei: daß man dagegen allem Schlechten und Mittelmäßigen

sofort aus dem Wege gehe, o h n e es zu b e k ä m p f e n,

und daß schon der Zweifel an der Güte einer

Sache - wie er bei geübterem Geschmacke schnell entsteht -

uns als Argument gegen sie und als Anlaß, ihr

völlig auszuweichen, gelten dürfe: auf die Gefahr hin,

einige Male dabei zu irren und das schwerer zugängliche

Gute mit dem Schlechten und Unvollkommenen zu verwechseln.

Nur wer nichts Besseres kann, soll den Schlechtigkeiten

der Welt zu Leibe gehn, als der Soldat der Kultur.

Aber der Nähr- und Lehrstand derselben richtet sich

zugrunde, wenn er in Waffen einhergehen will und den

Frieden seines Berufs und Hauses durch Vorsorge, Nachtwachen

und böse Träume in unheimliche Friedlosigkeit

umkehrt.

184

W i e N a t u r g e s c h i c h t e z u e r z ä h l e n i s t. -

Die Naturgeschichte, als die Kriegs- und Siegesgeschichte

der sittlich-geistigen Kraft im Widerstande gegen Angst,

Einbildung, Trägheit, Aberglaube, Narrheit, sollte so erzählt

werden, daß jeder, der sie hört, zum Streben nach

geistig-leiblicher Gesundheit und Blüte, zum Frohgefühl,

Erbe und Fortsetzer des Menschlichen zu sein, und zu

einem immer edleren Unternehmungs-Bedürfnis unaufhaltsam

fortgerissen würde. Bis jetzt hat sie ihre rechte

Sprache noch nicht gefunden, weil die spracherfinderischen

und beredten Künstler - denn deren bedarf es hierzu -

gegen sie ein verstocktes Mißtrauen nicht loswerden und

vor allem nicht gründlich von ihr lernen wollen. Immerhin

ist den Engländern zuzugestehen, daß sie in ihren

naturwissenschaftlichen Lehrbüchern für die niederen

Volksschichten bewunderungswürdige Schritte nach jenem Ideale

hin gemacht haben: dafür werden diese auch von ihren

ausgezeichnetsten Gelehrten - ganzen, vollen und füllenden

Naturen - gemacht, nicht, wie bei uns, von den

Mittelmäßigkeiten der Forschung.

185

G e n i a l i t ä t d e r M e n s c h h e i t. - Wenn Genialität,

nach Schopenhauers Beobachtung, in der zusammenhängenden

und lebendigen Erinnerung an das Selbst-Erlebte

besteht, so möchte im Streben nach Erkenntnis des

gesamten historischen Gewordenseins - welches immer

mächtiger die neuere Zeit gegen alle früheren abhebt und

zum ersten Male zwischen Natur und Geist, Mensch und

Tier, Moral und Physik die alten Mauern zerbrochen hat

- ein Streben nach Genialität der Menschheit im ganzen

zu erkennen sein. Die vollendet gedachte Historie wäre

kosmisches Selbstbewußtsein.

186

K u l t u s d e r K u l t u r. - Großen Geistern ist das

abschreckende Allzumenschliche ihres Wesens, ihrer Blindheiten,

Verkrümmungen, Maßlosigkeiten beigegeben, damit

ihr mächtiger, leicht allzumächtiger Einfluß fortwährend

durch das Mißtrauen, welches jene Eigenschaften einflößen,

in Schranken gehalten werde. Denn das System

alles dessen, was die Menschheit zu ihrem Fortbestehen

nötig hat, ist so umfassend und nimmt so verschiedenartige

und zahlreiche Kräfte in Anspruch, daß für jede

e i n s e i t i g e Bevorzugung, sei es der Wissenschaft oder

des Staates oder der Kunst oder des Handels, wozu

jene Einzelnen treiben, die Menschheit als Ganzes harte

Buße zahlen muß. Es ist immer das größte Verhängnis

der Kultur gewesen, wenn Menschen angebetet wurden:

in welchem Sinn man sogar mit dem Spruche des mosaischen

Gesetzes zusammenfühlen darf, welcher verbietet,

neben Gott andere Götter zu haben. - Dem Kultus

des Genius und der Gewalt muß man, als Ergänzung und

Heilmittel, immer den Kultus der Kultur zur Seite stellen:

welcher auch dem Stofflichen, Geringen, Niedrigen, Verkannten,

Schwachen, Unvollkommnen, Einseitigen, Halben,

Unwahren, Scheinenden, ja dem Bösen und Furchtbaren

eine verständnisvolle Würdigung und das Zugeständnis,

d a ß d i e s a l l e s n ö t i g s e i, zu schenken

weiß; denn der Zusammen- und Fortklang alles Menschlichen,

durch erstaunliche Arbeiten und Glücksfälle erreicht,

und ebenso sehr das Werk von Zyklopen und Ameisen

als von Genies, soll nicht wieder verloren gehen: wie

dürften wir da des gemeinsamen tiefen, oft unheimlichen

Grundbasses entraten können, ohne den ja Melodie

nicht Melodie zu sein vermag?

187

D i e a l t e W e l t u n d d i e F r e u d e. - Die Menschen

der alten Welt wußten sich besser zu f r e u e n : wir,

uns w e n i g e r z u b e t r ü b e n; jene machten immerfort

neue Anlässe, sich wohl zu fühlen und Feste zu feiern,

ausfindig, mit allem ihrem Reichtum von Scharfsinn und

Nachdenken: während wir unsern Geist auf Lösung von

Aufgaben verwenden, welche mehr die Schmerzlosigkeit,

die Beseitigung von Unlustquellen im Auge haben. In

betreff des leidenden Daseins suchten die Alten zu vergessen

oder die Empfindung ins Angenehme irgendwie

umzubiegen: so daß sie hierin palliativisch zu helfen

suchten, während wir den Ursachen des Leidens zu Leibe

gehen und im ganzen lieber prophylaktisch wirken. -

Vielleicht bauen wir nur die Grundlagen, auf denen spätere

Menschen auch wieder den Tempel der Freude errichten.

188

D i e M u s e n a l s L ü g n e r i n n e n. - "Wir verstehen

uns darauf, viele Lügen zu sagen" - so sangen einstmals

die Musen, als sie sich vor Hesiod offenbarten. - Es

führt zu wesentlichen Entdeckungen, wenn man den Künstler

einmal als Betrüger faßt.

189

W i e p a r a d o x H o m e r s e i n k a n n. - Gibt es

etwas Verwegeneres, Schauerlicheres, Unglaublicheres, das

über Menschenschicksal, gleich der Wintersonne, so hinleuchtet,

wie jener Gedanke, der sich bei Homer findet:

das ja fügte der Götter Beschluß und verhängte den Menschen

U n t e r g a n g, d a ß e s w ä r ' e i n G e s a n g a u c h s p ä t e n G e s c h l e c h t e r n.

Also: wir leiden und gehen zugrunde, damit es den Dichtern

nicht an S t o f f fehle - und dies ordnen geradeso

die Götter Homers an, welchen an der Lustbarkeit der

kommenden Geschlechter sehr viel gelegen scheint, aber

allzu wenig an uns, den Gegenwärtigen. - Daß je solche

Gedanken in den Kopf eines Griechen gekommen sind!

190

N a c h t r ä g l i c h e R e c h t f e r t i g u n g d e s D a s e i n s.

- Manche Gedanken sind als Irrtümer und Phantasmen

in die Welt getreten, aber zu Wahrheiten geworden,

weil die Menschen ihnen hinterdrein ein wirkliches

Substrat untergeschoben haben.

191

P r o u n d C o n t r a n ö t i g. - Wer nicht begriffen

hat, daß jeder große Mann nicht nur gefördert, sondern

auch, der allgemeinen Wohlfahrt wegen, b e k ä m p f t

werden muß, ist gewiß noch ein großes Kind - oder selber

ein großer Mann.

192

U n g e r e c h t i g k e i t d e s G e n i e s. - Das Genie ist

am ungerechtesten gegen die Genies, falls sie seine Zeitgenossen

sind: einmal glaubt es sie nicht nötig zu haben

und hält sie deshalb überhaupt für überflüssig - denn

es ist ohne sie, was es ist -, sodann kreuzt ihr Einfluß

die Wirkung seines elektrischen Stroms: weshalb es sie

sogar s c h ä d l i c h nennt.

193

S c h l i m m s t e s S c h i c k s a l e i n e s P r o p h e t e n.

Er arbeitete zwanzig Jahre daran, seine Zeitgenossen von

sich zu überzeugen - es gelingt ihm endlich; aber inzwischen

war es seinen Gegnern auch gelungen: er war

nicht mehr von sich überzeugt.

194

D r e i D e n k e r g l e i c h e i n e r S p i n n e. - In jeder

philosophischen Sekte folgen drei Denker in diesem Verhältnisse

aufeinander: der erste erzeugt aus sich den Saft

und Samen, der zweite zieht ihn zu Fäden aus und

spinnt ein künstliches Netz, der dritte lauert in diesem

Netz auf Opfer, die sich hier verfangen - und sucht von

der Philosophie zu leben.

195

A u s d e m V e r k e h r e m i t A u t o r e n. - Es ist eine

ebenso schlechte Manier, mit einem Autor umzugehn,

wenn man ihn an der Nase faßt, wie wenn man ihn an

seinem Horne faßt - und jeder Autor hat sein Horn.

196

Z w e i g e s p a n n. - Unklarheit des Denkens und

Gefühlsschwärmerei sind ebenso häufig mit dem rücksichtslosen

Willen, sich selber mit allen Mitteln durchzusetzen,

sich allein gelten zu lassen, verbunden wie herzhaftes Helfen,

Gönnen und Wohlwollen mit dem Triebe nach Helle

und Reinlichkeit des Denkens, nach Mäßigung und Ansichhalten

des Gefühls.

197

D a s B i n d e n d e u n d d a s T r e n n e n d e. - Liegt

nicht im Kopfe das, was die Menschen verbindet - das

Verständnis für gemeinsamen Nutzen und Nachteil -, und

im Herzen das, was sie trennt - das blinde Auswählen

und Zutappen in Liebe und Haß, die Hinwendung zu

einem auf Unkosten aller und die daraus entspringende

Verachtung des allgemeinen Nutzens?

198

S c h ü t z e n u n d D e n k e r. - Es gibt kuriose Schützen,

welche zwar das Ziel verfehlen, aber mit dem heimlichen

Stolz vom Schießstande abtreten, daß ihre Kugel

jedenfalls sehr weit (allerdings über das Ziel hinaus) geflogen

ist, oder daß sie zwar nicht das Ziel, aber etwas anderes

getroffen haben. Und ebensolche Denker gibt es.

199

V o n z w e i S e i t e n a u s. - Man feindet eine geistige

Richtung und Bewegung an, wenn man ihr überlegen ist

und ihr Ziel mißbilligt, oder wenn ihr Ziel zu hoch und

unserem Auge unerkennbar, also wenn sie uns überlegen

ist. So kann dieselbe Partei von zwei Seiten aus, von

oben und von unten her, bekämpft werden; und nicht

selten schließen die Angreifenden aus gemeinsamem Haß

ein Bündnis miteinander, das widerlicher ist als alles,

was sie hassen.

200

O r i g i n a l. - Nicht daß man etwas Neues zuerst sieht,

sondern daß man das Alte, Altbekannte, von jedermann

Gesehene und Übersehene w i e n e u sieht, zeichnet die

eigentlich originalen Köpfe aus. Der erste Entdecker ist

gemeinhin jener ganz gewöhnliche und geistlose Phantast

- der Zufall.

201

I r r t u m d e r P h i l o s o p h e n. - Der Philosoph

glaubt, der Wert seiner Philosophie liege im Ganzen, im

Bau: die Nachwelt findet ihn im Stein, mit dem er baute

und mit dem, von da an, noch oft und besser gebaut wird:

also darin, daß jener Bau zerstört werden kann und d o c h

n o c h als Material Wert hat.

202

W i t z. - Der Witz ist das Epigramm auf den Tod

eines Gefühls.

203

I m A u g e n b l i c k e v o r d e r L ö s u n g. - In der

Wissenschaft kommt es alle Tage und Stunden vor, daß

einer unmittelbar vor der Lösung stehen bleibt, überzeugt,

jetzt sei sein Bemühen völlig umsonst gewesen, - gleich

einem, der, eine Schleife aufziehend, im Augenblicke, wo

sie der Lösung am nächsten ist, zögert: denn da gerade

sieht sie einem Knoten am ähnlichsten.

204

U n t e r d i e S c h w ä r m e r g e h e n. - Der besonnene

und seines Verstandes sichere Mensch kann mit Gewinnst

ein Jahrzehnt unter die Phantasten gehen und sich in

dieser heißen Zone einer bescheidenen Tollheit überlassen.

Damit hat er ein gutes Stück Wegs gemacht, um zuletzt

zu jenem Kosmopolitismus des Geistes zu gelangen, welcher

ohne Anmaßung sagen darf: "nichts Geistiges ist mir

mehr fremd".

205

S c h a r f e L u f t. - Das Beste und Gesündeste in der

Wissenschaft wie im Gebirge ist die scharfe Luft, die in

ihnen weht. - Die Geistig-Weichlichen (wie die Künstler)

scheuen und verlästern dieser Luft halber die Wissenschaft.

206

W a r u m G e l e h r t e e d l e r a l s K ü n s t l e r s i n d.

- Die Wissenschaft bedarf e d l e r e r Naturen als die

Dichtkunst: sie müssen einfacher, weniger ehrgeizig, enthaltsamer,

stiller, nicht so auf Nachruhm bedacht sein und

sich über Sachen vergessen, welche selten dem Auge vieler

eines solchen Opfers der Persönlichkeit würdig erscheinen.

Dazu kommt eine andre Einbuße, deren sie sich bewußt

sind: die Art ihrer Beschäftigung, die fortwährende Aufforderung

zur größten Nüchternheit schwächt ihren W i l l e n,

das Feuer wird nicht so stark unterhalten wie auf

dem Herde der dichterischen Naturen: und deshalb verlieren

sie häufig in früheren Lebensjahren als jene ihre

höchste Kraft und Blüte - und, wie gesagt, sie w i s s e n

um diese Gefahr. Unter allen Umständen e r s c h e i n e n

sie unbegabter, weil sie weniger glänzen, und werden für

weniger gelten, als sie sind.

207

I n w i e f e r n d i e P i e t ä t v e r d u n k e l t. - Dem

großen Manne macht man, in späteren Jahrhunderten, alle

großen Eigenschaften und Tugenden seines Jahrhunderts

zum Geschenk - und so wird alles Beste fortwährend

durch die Pietät v e r d u n k e l t, welche es als ein heiliges

Bild ansieht, an dem man Weihgeschenke aller Art aufhängt

und aufstellt - bis es endlich ganz durch dieselben

verdeckt und umhüllt wird und fürderhin mehr ein Gegenstand

des Glaubens als des Schauens ist.

208

A u f d e m K o p f e s t e h e n. - Wenn wir die Wahrheit

auf den Kopf stellen, bemerken wir gewöhnlich nicht,

daß auch unser Kopf nicht dort steht, wo er stehen sollte.

209

U r s p r u n g u n d N u t z e n d e r M o d e. - Die ersichtliche

Selbstzufriedenheit des e i n z e l n e n mit seiner

Form macht die Nachahmung rege und erschafft allmählich

die Form der Vielen, das heißt die Mode: diese Vielen

wollen durch die Mode eben jene so wohltuende Selbstzufriedenheit

mit der Form und erlangen sie auch. - Wenn

man erwägt, wie viel Gründe zur Ängstlichkeit und schüchternem

Sichverstecken jeder Mensch hat und wie Dreiviertel

seiner Energie und seines guten Willens durch jene Gründe

gelähmt und unfruchtbar werden können, so muß man

der Mode vielen Dank zollen, insofern sie jenes Dreiviertel

entfesselt und Selbstvertrauen und gegenseitiges

heiteres Entgegenkommen denen mitteilt, welche sich untereinander

an ihr Gesetz gebunden wissen. Auch törichte

Gesetze geben Freiheit und Ruhe des Gemüts, sofern sich

nur viele ihnen unterworfen haben.

210

Z u n g e n l ö s e r. - Der Wert mancher Menschen und

Bücher beruht allein in der Eigenschaft, jedermann zum

Aussprechen des Verborgensten, Innersten zu nötigen: es

sind Zungenlöser und Brecheisen für die verbissensten

Zähne. Auch manche Ereignisse und Übeltaten, welche

scheinbar nur zum Fluche der Menschheit da sind, haben

jenen Wert und Nutzen.

211

F r e i z ü g i g e G e i s t e r. - Wer von uns würde sich

einen freien Geist zu nennen wagen, wenn er nicht auf

seine Art jenen Männern, denen man diesen Namen als

S c h i m p f anhängt, eine Huldigung darbringen möchte,

indem er etwas von jener Last der öffentlichen Mißgunst

und Beschimpfung auf seine Schultern ladet? Wohl aber

dürften wir uns "freizügige Geister" in allem Ernste (und

ohne diesen hoch- oder großmütigen Trotz) nennen, weil

wir den Zug zur Freiheit als stärksten Trieb unseres Geistes

fühlen und im Gegensatz zu den gebundenen und

festgewurzelten Intellekten unser Ideal fast in einem geistigen

Nomadentum sehen - um einen bescheidenen und fast

abschätzigen Ausdruck zu gebrauchen.

212

J a d i e G u n s t d e r M u s e n ! - Was Homer darüber

sagt, greift ins Herz, so wahr, so schrecklich ist es: "herzlich

liebt' ihn die Muse und gab ihm Gutes und Böses;

denn die Augen entnahm sie und gab ihm süßen Gesang

ein." - Dies ist ein Text ohne Ende für den Denkenden:

Gutes u n d Böses gibt sie, das ist i h r e Art von herzlicher

Liebe! Und jeder wird es sich besonders auslegen, warum

wir Denker und Dichter unsre A u g e n darangeben

m ü s s e n.

213

G e g e n d i e P f l e g e d e r M u s i k. - Die künstlerische

Ausbildung des Auges von Kindheit an, durch

Zeichnen und Malen, durch Skizzieren von Landschaften,

Personen, Vorgängen, bringt nebenbei den für das Leben

unschätzbaren Gewinn mit sich, das Auge zum Beobachten

von Menschen und Lagen s c h a r f, r u h i g und a u s d a u e r n d

zu machen. Ein ähnlicher Neben-Vorteil erwächst

aus der künstlerischen Pflege des Ohres nicht: weshalb

Volksschulen im allgemeinen gut tun werden, der

Kunst des Auges von der des Ohres den Vorzug zu geben.

214

D i e E n t d e c k e r v o n T r i v i a l i t ä t e n. - Subtile

Geister, denen nichts ferner liegt als eine Trivialität,

entdecken oft nach allerlei Umschweifen und Gebirgspfaden

eine solche und haben große Freude daran, zur

Verwunderung der Nicht-Subtilen.

215

M o r a l d e r G e l e h r t e n. - Ein regelmäßiger und

schneller Fortschritt der Wissenschaften ist nur möglich,

wenn der einzelne nicht zu mißtrauisch sein muß,

um jede Rechnung und Behauptung anderer nachzuprüfen,

auf Gebieten, die ihm ferner liegen: dazu aber ist die

Bedingung, daß jeder auf seinem eigenen Felde Mitbewerber

hat, die äußerst mißtrauisch sind und ihm

scharf auf die Finger sehen. Aus diesem Nebeneinander

von "nicht zu mißtrauisch" und "äußerst mißtrauisch" entsteht

die Rechtschaffenheit in der Gelehrten-Republik.

216

G r u n d d e r U n f r u c h t b a r k e i t. - Es gibt höchst

begabte Geister, welche nur deshalb immer unfruchtbar

sind, weil sie, aus einer Schwäche des Temperamentes, zu

ungeduldig sind, ihre Schwangerschaft abzuwarten.

217

V e r k e h r t e W e l t d e r T r ä n e n. - Das vielfache

Mißbehagen, welches die Ansprüche der höheren Kultur dem

Menschen machen, verkehrt endlich die Natur so weit, daß

er für gewöhnlich starr und stoisch sich hält und nur noch

für die seltenen Anfälle des Glücks die Tränen übrig

hat, ja daß mancher schon bei dem Genusse der Schmerzlosigkeit

weinen muß: - nur im Glücke schlägt sein

Herz noch.

218

D i e G r i e c h e n a l s D o l m e t s c h e r. - Wenn wir

von den Griechen reden, reden wir unwillkürlich zugleich

von heute und gestern: ihre allbekannte Geschichte ist ein

blanker Spiegel, der immer etwas widerstrahlt, das nicht

im Spiegel selbst ist. Wir benutzen die Freiheit, von ihnen

zu reden, um von anderen schweigen zu dürfen - damit

jene nun selber dem sinnenden Leser etwas ins Ohr

sagen. So erleichtern die Griechen dem modernen Menschen

das Mitteilen von mancherlei schwer Mitteilbarem

und Bedenklichem.

219

V o m e r w o r b e n e n C h a r a k t e r d e r G r i e c h e n.

- Wir lassen uns leicht durch die berühmte griechische

Helle, Durchsichtigkeit, Einfachheit und Ordnung, durch

das Kristallhaft-Natürliche und zugleich Kristallhaft-Künstliche

griechischer Werke verführen zu glauben, das

sei alles den Griechen geschenkt: sie hätten zum Beispiel

gar nicht anders gekonnt als gut schreiben, wie dies

Lichtenberg einmal ausspricht. Aber nichts ist voreiliger

und unhaltbarer. Die Geschichte der Prosa von Gorgias

bis Demosthenes zeigt ein Arbeiten und Ringen aus dem

Dunklen, Überladnen, Geschmacklosen heraus zum Lichte

hin, daß man an die Mühsal der Heroen erinnert wird,

welche die ersten Wege durch Wald und Sümpfe zu

bahnen hatten. Der Dialog der Tragödie ist die eigentliche

Tat der Dramatiker, wegen seiner ungemeinen Helle

und Bestimmtheit, bei einer Volksanlage, welche im Symbolischen

und Andeutenden schwelgte und durch die

große chorische Lyrik dazu noch eigens erzogen war:

wie es die Tat Homers ist, die Griechen von dem asiatischen

Pomp und dem dumpfen Wesen befreit und die

Helle der Architektur, im großen und einzelnen, errungen

zu haben. Es galt auch keineswegs für leicht, etwas recht

rein und leuchtend zu sagen; woher sonst die hohe Bewunderung

für das Epigramm des Simonides, das ja so

schlicht sich gibt, ohne vergoldete Spitzen, ohne Arabesken

des Witzes - aber es sagt, was es zu sagen hat,

deutlich, mit der Ruhe der Sonne, nicht mit der Effekthascherei

eines Blitzes. Weil das Zustreben zum Lichte

aus einer gleichsam eingeborenen Dämmerung griechisch

ist, so geht ein Frohlocken durch das Volk beim Hören

einer lakonischen Sentenz, bei der Sprache der Elegie,

den Sprüchen der sieben Weisen. - Deshalb wurde das

Vorschriftengeben in Versen, das uns anstößig ist, so

geliebt, als eigentliche apollinische Aufgabe für den hellenischen

Geist, um über die Gefahren des Metrons, über

die Dunkelheit, welche der Poesie sonst eigen ist, Sieger

zu werden. Die Schlichtheit, die Geschmeidigkeit, die

Nüchternheit sind der Volksanlage a n g e r u n g e n, nicht

mitgegeben - die Gefahr eines Rückfalls ins Asiatische

schwebte immer über den Griechen, und wirklich kam es

von Zeit zu Zeit über sie wie ein dunkler überschwemmender

Strom mystischer Regungen, elementarer Wildheit

und Finsternis. Wir sehen sie untertauchen, wir sehen

Europa gleichsam weggespült, überflutet - denn Europa

war damals sehr klein -, aber immer kommen sie auch

wieder ans Licht, gute Schwimmer und Taucher wie sie

sind, das Volk des Odysseus.

220

D a s e i g e n t l i c h H e i d n i s c h e. - Vielleicht gibt

es nichts Befremdenderes für den, welcher sich die

griechische Welt ansieht, als zu entdecken, daß die Griechen

allen ihren Leidenschaften und bösen Naturhängen von

Zeit zu Zeit gleichsam Feste gaben und sogar eine Art

Festordnung ihres Allzumenschlichen von Staats wegen

einrichteten: es ist dies das eigentlich Heidnische ihrer

Welt, vom Christentume aus nie begriffen, nie zu begreifen

und stets auf das härteste bekämpft und verachtet.

- Sie nahmen jenes Allzumenschliche als unvermeidlich

und zogen vor, statt es zu beschimpfen, ihm eine Art

Recht zweiten Ranges durch Einordnung in die Bräuche

der Gesellschaft und des Kultus zu geben: ja alles, was

im Menschen M a c h t hat, nannten sie göttlich und

schrieben es an die Wände ihres Himmels. Sie leugnen

den Naturtrieb, der in den schlimmen Eigenschaften

sich ausdrückt, nicht ab, sondern ordnen ihn ein und beschränken

ihn auf bestimmte Kulte und Tage, nachdem

sie genug Vorsichtsmaßregeln erfunden haben, um jenen

wilden Gewässern einen möglichst unschädlichen Abfluß

geben zu können. Dies ist die Wurzel aller moralistischen

Freisinnigkeit des Altertums. Man gönnte dem Bösen

und Bedenklichen, dem Tierisch-Rückständigen ebenso

wie dem Barbaren, Vor-Griechen und Asiaten, welcher

im Grunde des griechischen Wesens noch lebte, eine mäßige

Entladung und strebte nicht nach seiner völligen Vernichtung.

Das ganze System solcher Ordnungen umfaßte

der Staat, der nicht auf einzelne Individuen oder Kasten,

sondern auf die gewöhnlichen menschlichen Eigenschaften

hin konstruiert war. In seinem Bau zeigen die

Griechen jenen wunderbaren Sinn für das Typisch-Tatsächliche,

der sie später befähigte, Naturforscher, Historiker,

Geographen und Philosophen zu werden. Es war

nicht ein beschränktes priesterliches oder kastenmäßiges

Sittengesetz, welches bei der Verfassung des Staates und

Staats-Kultus zu entscheiden hatte: sondern die umfänglichste

Rücksicht auf die W i r k l i c h k e i t a l l e s

M e n s c h l i c h e n. - Woher haben die Griechen diese

Freiheit, diesen Sinn für das Wirkliche? Vielleicht von

Homer und den Dichtern vor ihm; denn gerade die Dichter,

deren Natur nicht die gerechteste und weiseste zu sein

pflegt, besitzen dafür jene Lust am Wirklichen, Wirkenden

j e d e r A r t und wollen selbst das Böse nicht völlig verneinen:

es genügt ihnen, daß es sich mäßige und nicht

alles totschlage oder innerlich giftig mache - das heißt,

sie denken ähnlich wie die griechischen Staatenbildner und

sind deren Lehrmeister und Wegebahner gewesen.

221

A u s n a h m e - G r i e c h e n. - In Griechenland waren

die tiefen, gründlichen, ernsten Geister die Ausnahme: der

Instinkt des Volkes ging vielmehr dahin, das Ernste und

Gründliche als eine Art von Verzerrung zu empfinden.

Die Formen aus der Fremde entlehnen, nicht schaffen,

aber zum schönsten Schein umbilden - das ist griechisch:

nachahmen, nicht zum Gebrauch, sondern zur künstlerischen

Täuschung, über den aufgezwungenen Ernst

immer wieder Herr werden, ordnen, verschönern, verflachen -

so geht es fort von Homer bis zu den Sophisten

des dritten und vierten Jahrhunderts der neuen Zeitrechnung,

welche ganz Außenseite, pomphaftes Wort, begeisterte

Gebärde sind und sich an lauter ausgehöhlte

schein-, klang- und effektlüsterne Seelen wenden. - Und

nun würdige man die Größe jener Ausnahme-Griechen,

welche die W i s s e n s c h a f t schufen! Wer von ihnen

erzählt, erzählt die heldenhafteste Geschichte des menschlichen

Geistes!

222

D a s E i n f a c h e n i c h t d a s e r s t e, n o c h d a s

l e t z t e d e r Z e i t n a c h. - In die Geschichte der religiösen

Vorstellungen wird viel falsche Entwicklung und

Allmählichkeit hineingedichtet, bei Dingen, die in Wahrheit

nicht aus- und hintereinander, sondern nebeneinander

und getrennt aufgewachsen sind; namentlich ist das Einfache

viel zu sehr noch im Rufe, das Älteste und Anfänglichste

zu sein. Nicht wenig Menschliches entsteht durch

Subtraktion und Division und gerade nicht durch Verdopplung,

Zusatz, Zusammenbildung. - Man glaubt zum

Beispiel immer noch an eine allmähliche Entwicklung der

G ö t t e r d a r s t e l l u n g von jenen ungefügen Holzklötzen

und Steinen aus bis zur vollen Vermenschlichung

hinauf: und doch steht es gerade so, daß, solange die

Gottheit in Bäume, Holzstücke, Steine, Tiere hinein verlegt

und empfunden wurde, man sich vor einer Anmenschlichung

ihrer Gestalt wie vor einer Gottlosigkeit scheute.

Erst die Dichter haben, abseits vom Kultus und dem

Banne der religiösen S c h a m, die innere Phantasie der

Menschen daran gewöhnen, dafür willig machen müssen;

überwogen aber wieder frömmere Stimmungen und

Augenblicke, so trat dieser befreiende Einfluß der Dichter

wieder zurück und die Heiligkeit verblieb nach wie vor

auf Seite des Ungetümlichen, Unheimlichen, ganz eigentlich

Unmenschlichen. Selbst aber vieles von dem, was

die innere Phantasie sich zu bilden wagt, würde doch

noch, in äußere leibhafte Darstellung übersetzt, peinlich

wirken: das innere Auge ist um vieles kühner und

weniger schamhaft als das äußere (woraus sich die bekannte

Schwierigkeit und teilweise Unmöglichkeit ergibt,

epische Stoffe in dramatische umzuwandeln). Die religiöse

Phantasie w i l l lange Zeit durchaus nicht an die Identität

des Gottes mit einem Bilde glauben: das Bild soll das

numen der Gottheit in irgend einer geheimnisvollen, nicht

völlig auszudenkenden Weise hier als tätig, als örtlich

gebannt erscheinen lassen. Das älteste Götterbild soll den

G o t t b e r g e n u n d z u g l e i c h v e r b e r g e n - ihn

andeuten, aber nicht zur Schau stellen. Kein Grieche hat

je innerlich seinen Apollo als Holz-Spitzsäule, seinen Eros

als Steinklumpen a n g e s c h a u t; es waren Symbole,

welche gerade Angst v o r der Veranschaulichung machen

sollten. Ebenso steht es noch mit jenen Hölzern, denen

mit dürftigster Schnitzerei einzelne Glieder, mitunter in der

Überzahl, angebildet waren: wie ein lakonischer Apollo

vier Hände und vier Ohren hatte. In dem Unvollständigen

Andeutenden oder Übervollständigen liegt eine grausenhafte

Heiligkeit, welche a b w e h r e n soll, an Menschliches,

Menschenartiges zu denken. Es ist nicht eine embryonische

Stufe der Kunst, in der man so etwas bildet: als

ob man in der Zeit, wo man solche Bilder verehrte, nicht

hätte deutlicher reden, sinnfälliger darstellen k ö n n e n.

Vielmehr scheut man gerade eines: das direkte Heraussagen.

Wie die Cella das Allerheiligste, das eigentliche

numen der Gottheit birgt und in geheimnisvolles Halbdunkel

versteckt, d o c h n i c h t g a n z; wie wiederum der

peripterische Tempel die Cella birgt, gleichsam mit einem

Schirm und Schleier vor dem ungescheuten Auge schützt,

a b e r n i c h t g a n z : so ist das Bild die Gottheit und

zugleich Versteck der Gottheit. - Erst als außerhalb des

Kultus, in der profanen Welt des Wettkampfes, die

Freude an dem Sieger im Kampfe so hoch gestiegen war,

daß die hier erregten Wellen in den See der religiösen

Empfindungen hinüberschlugen, erst als das Standbild des

Siegers in den Tempelhöfen aufgestellt wurde und der

fromme Besucher des Tempels freiwillig oder unfreiwillig

sein Auge wie seine Seele an diesen unumgänglichen Anblick

m e n s c h l i c h e r Schönheit und Überkraft gewöhnen

mußte, so daß, bei der räumlichen und seelischen

Nachbarschaft, Mensch- und Gottverehrung ineinander

überklangen: da erst verliert sich auch die Scheu vor der

eigentlichen Vermenschlichung des Götterbildes, und der

große Tummelplatz für die große Plastik wird aufgetan:

auch jetzt noch mit der Beschränkung, daß überall, wo

a n g e b e t e t werden soll, die uralte Form und Häßlichkeit

bewahrt und vorsichtig nachgebildet wird. Aber der

w e i h e n d e u n d s c h e n k e n d e H e l l e n e darf seiner

Lust, Gott Mensch werden zu lassen, jetzt in aller Seligkeit

nachhängen.

223

W o h i n m a n r e i s e n m u ß. - Die unmittelbare

Selbstbeobachtung reicht lange nicht aus, um sich kennen zu

lernen: wir brauchen Geschichte, denn die Vergangenheit

strömt in hundert Wellen in uns fort; wir selber sind

ja nichts als das, was wir in jedem Augenblick von diesem

Fortströmen empfinden. Auch hier sogar, wenn wir in

den Fluß unseres anscheinend eigensten und persönlichsten

Wesens hinabsteigen wollen, gilt Heraklits Satz:

man steigt nicht zweimal in denselben Fluß. - Das ist

eine Weisheit, die allmählich zwar altbacken geworden,

aber trotzdem ebenso kräftig und nahrhaft geblieben ist,

wie sie es je war: ebenso wie jene, daß, um Geschichte zu

verstehen, man die lebendigen Überreste geschichtlicher

Epochen aufsuchen müsse - daß man r e i s e n müsse, wie

Altvater Herodot reiste, zu Nationen - diese sind ja nur

festgewordene ältere K u l t u r s t u f e n, auf die man sich

s t e l l e n kann -, zu sogenannten wilden und halbwilden

Völkerschaften namentlich, dorthin, wo der Mensch das

Kleid Europas ausgezogen oder noch nicht angezogen hat.

Nun gibt es aber noch eine f e i n e r e Kunst und Absicht

des Reisens, welche es nicht immer nötig macht, von Ort

zu Ort und über Tausende von Meilen hin den Fuß zu

setzen. Es leben sehr wahrscheinlich die letzten drei Jahrhunderte

in allen ihren Kulturfärbungen und -Strahlenbrechungen

auch in u n s r e r N ä h e noch fort: sie wollen

nur e n t d e c k t werden. In manchen Familien, ja in einzelnen

Menschen liegen die Schichten schön und übersichtlich

noch übereinander: anderswo gibt es schwieriger

zu verstehende Verwerfungen des Gesteins. Gewiß hat

sich in abgelegenen Gegenden, in weniger bekannten Gebirgstälern,

umschlossenern Gemeinwesen ein ehrwürdiges

Musterstück sehr viel älterer Empfindung leichter erhalten

können und muß hier aufgespürt werden: während

es zum Beispiel unwahrscheinlich ist, in Berlin, wo der

Mensch ausgelaugt und abgebrüht zur Welt kommt, solche

Entdeckungen zu machen. Wer, nach langer Übung in

dieser Kunst des Reisens, zum hundertäugigen Argos geworden

ist, der wird seine J o - ich meine sein e g o -

endlich überall hinbegleiten und in Ägypten und Griechenland,

Byzanz und Rom, Frankreich und Deutschland, in

der Zeit der wandernden oder der festsitzenden Völker,

in Renaissance und Reformation, in Heimat und Fremde,

ja in Meer, Wald, Pflanze und Gebirge die Reise-Abenteuer

dieses werdenden und verwandelten ego wieder

entdecken. - So wird Selbst-Erkenntnis zur All-Erkenntnis

in Hinsicht auf alles Vergangene: wie, nach einer anderen,

hier nur anzudeutenden Betrachtungskette, Selbstbestimmung

und Selbsterziehung in den freiesten und

weitest blickenden Geistern einmal zur All-Bestimmung,

in Hinsicht auf alles zukünftige Menschentum, werden

könnte.

224

B a l s a m u n d G i f t. - Man kann es nicht gründlich

genug erwägen: das Christentum ist die Religion des

altgewordenen Altertums, seine Voraussetzung sind entartete

alte Kulturvölker; auf diese vermochte und vermag

es wie ein Balsam zu wirken. In Zeitaltern, wo die

Ohren und Augen "voller Schlamm" sind, so daß sie die

Stimme der Vernunft und Philosophie nicht mehr zu vernehmen,

die leibhaft wandelnde Weisheit, trage sie nun

den Namen Epiktet oder Epikur, nicht mehr zu sehen vermögen:

da mag vielleicht noch das aufgerichtete Marterkreuz

und die "Posaune des jüngsten Gerichts" wirken,

um solche Völker noch zu einem a n s t ä n d i g e n Ausleben

zu bewegen. Man denke an das Rom Juvenals, an

diese Giftkröte mit den Augen der Venus: - da lernt

man, was es heißt, ein Kreuz vor der "Welt" schlagen, da

verehrt man die stille christliche Gemeinde und ist dankbar

für ihr Überwuchern des griechisch-römischen Erdreichs.

Wenn die meisten Menschen damals gleich mit der

Verknechtung der Seele, mit der Sinnlichkeit von Greisen

geboren wurden: welche Wohltat, jenen Wesen zu begegnen,

die mehr Seelen als Leiber waren und welche die

griechische Vorstellung von den Hadesschatten zu verwirklichen

schienen: scheue, dahinhuschende, zirpende,

wohlwollende Gestalten, mit einer Anwartschaft auf das

"bessere Leben" und dadurch so anspruchslos, so still-verachtend,

so stolz-geduldig geworden! - Dies Christentum

als Abendläuten des g u t e n Altertums, mit zersprungener

müder und doch wohltönender Glocke, ist

selbst noch für den, welcher jetzt jene Jahrhunderte nur

historisch durchwandert, ein Ohrenbalsam: was muß es

für jene Menschen selber gewesen sein! - Dagegen ist

das Christentum für junge, frische Barbarenvölker G i f t;

in die Helden-, Kinder- und Tierseele des alten Deutschen

zum Beispiel die Lehre von der Sündhaftigkeit und Verdammnis

hineinpflanzen, heißt nichts anderes als sie vergiften;

eine ganz ungeheuerliche chemische Gärung und

Zersetzung, ein Durcheinander von Gefühlen und Urteilen,

ein Wuchern und Bilden des Abenteuerlichsten

mußte die Folge sein und also im weiteren Verlaufe eine

gründliche Schwächung solcher Barbarenvölker. - Freilich:

was hätten wir, ohne diese Schwächung, noch von

der griechischen Kultur! was von der ganzen Kultur-Vergangenheit

des Menschengeschlechts! - denn die vom

Christentume u n a n g e t a s t e t e n Barbaren verstanden

gründlich mit alten Kulturen aufzuräumen: wie es zum

Beispiel die heidnischen Eroberer des romanisierten Britannien

mit furchtbarer Deutlichkeit bewiesen haben.

Das Christentum hat wider seinen Willen helfen müssen,

die antike "Welt" unsterblich zu machen. - Nun bleibt

auch hier wieder eine Gegenfrage und die Möglichkeit

einer Gegenrechnung übrig: wäre vielleicht, ohne jene

Schwächung durch das erwähnte Gift, eine oder die

andere jener frischen Völkerschaften, etwa die deutsche,

imstande gewesen, allmählich von selber eine höhere Kultur

zu finden, eine eigene, neue? - von welcher somit

der Menschheit selbst der entfernteste Begriff verloren

gegangen wäre? - So steht es auch hier wie überall: man

weiß nicht, christlich zu reden, ob Gott dem Teufel oder

der Teufel Gott mehr Dank dafür schuldig ist, daß alles

so gekommen ist, wie es ist.

225

G l a u b e m a c h t s e l i g u n d v e r d a m m t. - Ein

Christ, der auf unerlaubte Gedankengänge gerät, könnte

sich wohl einmal fragen: ist es eigentlich nötig, daß es

einen Gott, nebst einem stellvertretenden Sündenlamme,

wirklich g i b t, wenn schon der G l a u b e an das D a s e i n

dieser Wesen ausreicht, um die gleichen Wirkungen hervorzubringen?

Sind es nicht ü b e r f l ü s s i g e Wesen, falls

sie doch existieren sollten? Denn alles Wohltuende, Tröstliche,

Versittlichende, ebenso wie alles Verdüsternde und

Zermalmende, welches die christliche Religion der menschlichen

Seele gibt, geht von jenem Glauben aus und nicht

von den Gegenständen jenes Glaubens. Es steht hier nicht

anders als bei dem bekannten Falle: zwar hat es keine

Hexen gegeben, aber die furchtbaren Wirkungen des

Hexenglaubens sind dieselben gewesen, wie wenn es wirklich

Hexen gegeben hätte. Für alle jene Gelegenheiten,

wo der Christ das unmittelbare Eingreifen eines Gottes

erwartet, aber umsonst erwartet - weil es keinen Gott

gibt, ist seine Religion erfinderisch genug in Ausflüchten

und Gründen zur Beruhigung: hierin ist es sicherlich eine

geistreiche Religion. - Zwar hat der Glaube bisher noch

keine wirklichen Berge versetzen können, obschon dies ich

weiß nicht wer behauptet hat, aber er vermag Berge dorthin

zu setzen, wo keine sind.

226

T r a g i k o m ö d i e v o n R e g e n s b u r g. - Hier und

da kann man mit einer erschreckenden Deutlichkeit das

Possenspiel der Fortuna sehen, wie sie an wenig Tage, an

einen Ort, an die Zustände und Meinungen eines Kopfes

das Seil der nächsten Jahrhunderte anknüpft, an dem sie

diese tanzen lassen will. So liegt das Verhängnis der

neueren deutschen Geschichte in den Tagen jener Disputation

von Regensburg: der friedliche Ausgang der

kirchlichen und sittlichen Dinge, ohne Religionskriege,

Gegenreformation schien gewährleistet, ebenso die Einheit

der deutschen Nation; der tiefe milde Sinn des Contarini

schwebte einen Augenblick über dem theologischen

Gezänk, siegreich, als Vertreter der reiferen italienischen

Frömmigkeit, welche die Morgenröte der geistigen Freiheit

auf ihren Schwingen widerstrahlte. Aber der knöcherne

Kopf Luthers, voller Verdächtigungen und unheimlicher

Ängste, sträubte sich: weil die Rechtfertigung

durch die Gnade ihm als s e i n größter Fund und Wahlspruch

erschien, glaubte er diesem Satze nicht im Munde

von Italienern: während diese ihn, wie es bekannt ist,

schon viel früher gefunden und durch ganz Italien in

tiefer Stille verbreitet hatten. Luther sah in dieser

scheinbaren Übereinstimmung die Tücken des Teufels und

verhinderte das Friedenswerk, so gut er konnte: wodurch

er die Absichten der Feinde des Reiches ein gutes Stück

vorwärts brachte. - Und nun nehme man, um den Eindruck

des schauerlich Possenhaften noch mehr zu haben,

hinzu, daß keiner der Sätze, über welche man sich damals

in Regensburg stritt, weder der von der Erbsünde, noch

der von der Erlösung durch Stellvertretung, noch der

von der Rechtfertigung im Glauben, irgendwie wahr ist,

oder auch nur mit der Wahrheit zu tun hat, daß sie

alle jetzt als undiskutierbar erkannt sind: - und doch

wurde darüber die Welt in Flammen gesetzt, also über

Meinungen, denen gar keine Dinge und Realitäten entsprechen;

während in betreff von rein philologischen

Fragen, zum Beispiel nach der Erklärung der Einsetzungs-Worte

des Abendmahls, doch wenigstens ein

Streit erlaubt ist, weil hier die Wahrheit gesagt werden

kann. Aber wo nichts ist, da hat auch die Wahrheit ihr

Recht verloren. - Zuletzt bleibt nichts übrig zu sagen,

als daß damals allerdings K r a f t q u e l l e n entsprungen

sind, so mächtig, daß ohne sie alle Mühlen der modernen

Welt nicht mit gleicher Stärke getrieben würden. Und

erst kommt es auf Kraft an, dann erst auf Wahrheit,

oder auch dann noch lange nicht - nicht wahr, meine

lieben Zeitgemäßen?

227

G o e t h e s I r r u n g e n. - Goethe ist darin die große

Ausnahme unter den großen Künstlern, daß er nicht in

der B o r n i e r t h e i t s e i n e s w i r k l i c h e n V e r m ö g e n s

lebte, als ob dasselbe an ihm selber und für alle Welt

das Wesentliche und Auszeichnende, das Unbedingte und

Letzte sein müsse. Er meinte zweimal etwas Höheres

zu besitzen, als er wirklich besaß - und irrte sich, in

der z w e i t e n Hälfte seines Lebens, wo er ganz durchdrungen

von der Überzeugung erscheint, einer der größten

w i s s e n s c h a f t l i c h e n Entdecker und Lichtbringer zu

sein. Und ebenso schon in der e r s t e n Hälfte seines Lebens:

er wollte von sich etwas Höheres, als die Dichtkunst

ihm schien - und irrte sich schon darin. Die Natur

habe aus ihm einen b i l d e n d e n Künstler machen wollen

- das war sein innerlich glühendes und versengendes

Geheimnis, das ihn endlich nach Italien trieb, damit er

sich in diesem Wahne noch recht austobe und ihm jedes

Opfer bringe. Endlich entdeckte er, der Besonnene, allem

Wahnschaffnen an sich ehrlich Abholde, wie ein trügerischer

Kobold von Begierde ihn zum Glauben an diesen

Beruf gereizt habe, wie er von der größten Leidenschaft

seines Wollens sich losbinden und A b s c h i e d nehmen

müsse. Die schmerzlich schneidende und wühlende Überzeugung,

es sei nötig, A b s c h i e d z u n e h m e n, ist völlig

in der Stimmung des Tasso ausgeklungen: über ihm, dem

"gesteigerten Werther", liegt das Vorgefühl von Schlimmerem

als der Tod ist, wie wenn sich einer sagt: "nun ist

es aus - nach diesem Abschiede; wie soll man weiter

leben, ohne wahnsinnig zu werden!" - Diese beiden

Grundirrtümer seines Lebens gaben Goethe angesichts

einer rein literarischen Stellung zur Poesie, wie damals

die Welt allein sie kannte, eine so unbefangene und fast

willkürlich erscheinende Haltung. Abgesehn von der

Zeit, wo Schiller - der arme Schiller, der keine Zeit

hatte und keine Zeit ließ - ihn aus der enthaltsamen

Scheu vor der Poesie, aus der Furcht vor allem literarischen

Wesen und Handwerk heraustrieb, erscheint

Goethe wie ein Grieche, der hier und da eine Geliebte

besucht, mit dem Zweifel, ob es nicht eine Göttin sei,

der er keinen rechten Namen zu geben wisse. Allem

seinem Dichten merkt man die anhauchende Nähe der

Plastik und der Natur an: die Züge dieser ihm vorschwebenden

Gestalten - und er meinte vielleicht immer

nur den Verwandlungen einer Göttin auf der Spur zu

sein - wurden ohne Willen und Wissen die Züge sämtlicher

Kinder seiner Kunst. Ohne die U m s c h w e i f e d e s

I r r t u m s wäre er nicht Goethe geworden: das heißt, der

einzige deutsche Künstler der Schrift, der jetzt noch nicht

veraltet ist - weil er ebensowenig Schriftsteller als Deutscher

von Beruf sein wollte.

228

R e i s e n d e u n d i h r e G r a d e. - Unter den Reisenden

unterscheide man nach fünf Graden: die des ersten

niedrigsten Grades sind solche, welche reisen und dabei

gesehen w e r d e n - sie werden eigentlich gereist und

sind gleichsam blind; die nächsten sehen wirklich selber

in die Welt; die dritten erleben etwas infolge des Sehens;

die vierten leben das Erlebte in sich hinein und tragen

es mit sich fort; endlich gibt es einige Menschen der

höchsten Kraft, welche alles Gesehene, nachdem es erlebt

und eingelebt worden ist, endlich auch notwendig wieder

aus sich herausleben müssen, in Handlungen und Werken,

sobald sie nach Hause zurückgekehrt sind. - Diesen

fünf Gattungen von Reisenden gleich gehen Überhaupt

alle Menschen durch die ganze Wanderschaft des Lebens,

die niedrigsten als reine Passiva, die höchsten als die Handelnden

und Auslebenden ohne allen Rest zurückbleibender

innerer Vorgänge.

229

I m H ö h e r - S t e i g e n. - Sobald man höher steigt

als die, welche einen bisher bewunderten, so erscheint man

eben denen als gesunken und herabgefallen: denn sie vermeinten

unter allen Umständen, bisher m i t uns (sei es

auch durch uns) a u f d e r H ö h e zu sein.

230

M a ß u n d M i t t e. - Von zwei ganz hohen Dingen:

Maß und Mitte, redet man am besten nie. Einige wenige

kennen ihre Kräfte und Anzeichen, aus den Mysterien-Pfaden

innerer Erlebnisse und Umkehrungen: sie verehren

in ihnen etwas Göttliches und scheuen das laute

Wort. Alle übrigen hören kaum zu, wenn davon gesprochen

wird, und wähnen, es handele sich um Langeweile

und Mittelmäßigkeit: jene etwa noch ausgenommen, welche

einen anmahnenden Klang aus jenem Reiche einmal

vernommen, aber gegen ihn sich die Ohren verstopft

haben. Die Erinnerung daran macht sie nun böse und

aufgebracht.

231

H u m a n i t ä t d e r F r e u n d - u n d M e i s t e r s c h a f t.

- "Gehe du gen Morgen: so werde ich gen

Abend ziehen" - so zu empfinden ist das hohe Merkmal

von Humanität im engeren Verkehre: ohne diese Empfindung

wird jede Freundschaft, jede Jünger- und Schülerschaft

irgendwann einmal zur Heuchelei.

232

D i e T i e f e n. - Tiefdenkende Menschen kommen sich

im Verkehr mit anderen als Komödianten vor, weil sie

sich da, um verstanden zu werden, immer erst eine Oberfläche

anheucheln müssen.

233

F ü r d i e V e r ä c h t e r d e r " H e r d e n - M e n s c h h e i t ".

- Wer die Menschen als Herde betrachtet und vor

ihnen so schnell er kann flieht, den werden sie gewiß einholen

und mit ihren Hörnern stoßen.

234

H a u p t v e r g e h e n g e g e n d e n E i t l e n. - Wer

einem anderen in der Gesellschaft Gelegenheiten macht, sein

Wissen, Fühlen, Erfahren glücklich darzulegen, stellt sich

über ihn und begeht also, falls er nicht als Höherstehender

von jenem ohne Einschränkung empfunden wird, ein

Attentat auf dessen Eitelkeit - während er gerade derselben

Befriedigung zu geben glaubte.

235

E n t t ä u s c h u n g. - Wenn ein langes Leben und Tun

samt Reden und Schriften von einer Person öffentlich

Zeugnis ablegt, so pflegt der Umgang mit ihr zu enttäuschen,

aus doppeltem Grunde: einmal weil man zuviel

von einer kurzen Zeitspanne Verkehrs erwartet -

nämlich alles das, was erst die tausend Gelegenheiten des

Lebens sichtbar werden ließen -, und sodann weil jeder

Anerkannte sich keine Mühe gibt, im einzelnen noch um

Anerkennung zu buhlen. Er ist zu nachlässig - und wir

sind zu gespannt.

236

Z w e i Q u e l l e n d e r G ü t e. - Alle Menschen mit

gleichmäßigem Wohlwollen behandeln und ohne Unterschied

der Person gütig sein kann ebenso sehr der Ausfluß

tiefer Menschenverachtung als gründlicher Menschenliebe

sein.

237

D e r W a n d e r e r i m G e b i r g e z u s i c h s e l b e r.

- Es gibt sichere Anzeichen dafür, daß du vorwärts und

höher hinauf gekommen bist: es ist jetzt freier und aussichtsreicher

um dich als vordem, die Luft weht dich

kühler, aber auch milder an - du hast ja die Torheit

verlernt, Milde und Wärme zu verwechseln -, dein Gang

ist lebhafter und fester geworden, Mut und Besonnenheit

sind zusammen gewachsen: - aus allen diesen Gründen

wird dein Weg jetzt einsamer sein dürfen und jedenfalls

gefährlicher sein als dein früherer, wenn auch gewiß nicht

in dem Maße, als die glauben, welche dich Wanderer vom

dunstigen Tale aus auf dem Gebirge schreiten sehen.

238

A u s g e n o m m e n d e r N ä c h s t e. - Offenbar steht

mein Kopf nur auf meinem eigenen Halse nicht recht; denn

jeder andere weiß bekanntlich besser, was ich zu tun und

zu lassen habe: nur mir selber weiß ich armer Schelm

nicht zu helfen. Sind wir nicht a l l e wie Bildsäulen,

denen falsche Köpfe aufgesetzt wurden? Nicht wahr,

mein geliebter Nachbar? - Doch nein, du gerade bist die

Ausnahme.

239

V o r s i c h t. - Mit Personen, denen die Scheu vor dem

Persönlichen fehlt, muß man nicht umgehen oder unerbittlich

ihnen vorher die Handschellen der Konvenienz

anlegen.

240

E i t e l e r s c h e i n e n w o l l e n. - Im Gespräche mit

Unbekannten oder Halbbekannten nur ausgewählte Gedanken

äußern, von seinen berühmten Bekanntschaften,

bedeutenden Erlebnissen und Reisen reden, ist ein Anzeichen

davon, daß man nicht stolz ist, mindestens daß

man nicht so scheinen möchte. Die Eitelkeit ist die Höflichkeits-Maske

des Stolzen.

241

D i e g u t e F r e u n d s c h a f t. - Die gute Freundschaft

entsteht, wenn man den anderen sehr achtet, und

zwar mehr als sich selbst, wenn man ebenfalls ihn liebt,

jedoch nicht so sehr als sich, und wenn man endlich, zur

Erleichterung des Verkehrs, den zarten A n s t r i c h und

Flaum der Intimität hinzuzutun versteht, zugleich aber

sich der wirklichen und eigentlichen Intimität und der

Verwechslung von Ich und Du weislich enthält.

242

D i e F r e u n d e a l s G e s p e n s t e r. - Wenn wir uns

stark verwandeln, dann werden unsere Freunde, die nicht

verwandelten, zu Gespenstern unserer eignen Vergangenheit:

ihre Stimme tönt schattenhaft-schauerlich zu uns

heran - als ob wir uns selber hörten, aber jünger, härter,

ungereifter.

243

E i n A u g e u n d z w e i B l i c k e. - Dieselben Personen,

welche das Naturspiel des gunst- und gönnersuchenden

Blicks haben, haben gewöhnlich auch, infolge ihrer

häufigen Demütigungen und Rachegefühle, den unverschämten Blick.

244

D i e b l a u e F e r n e. - Zeitlebens ein Kind - das

klingt sehr rührend, ist aber nur das Urteil aus der Ferne;

in der Nähe gesehen und erlebt, heißt es immer: zeitlebens knabenhaft.

245

V o r t e i l u n d N a c h t e i l i m g l e i c h e n M i ß v e r s t ä n d n i s. -

Die verstummende Verlegenheit des

feinen Kopfes wird gewöhnlich von seiten der Unfeinen als

schweigende Überlegenheit gedeutet und sehr gefürchtet:

während die Wahrnehmung von Verlegenheit Wohlwollen

erzeugen würde.

246

D e r W e i s e s i c h a l s N a r r e n g e b e n d. - Die

Menschenfreundlichkeit des Weisen bestimmt ihn mitunter

sich erregt, erzürnt, erfreut zu s t e l l e n, um seiner

Umgebung durch die Kälte und Besonnenheit seines w a h r e n

Wesens nicht weh zu tun.

247

S i c h z u r A u f m e r k s a m k e i t z w i n g e n. - Sobald

wir merken, daß jemand im Umgange und Gespräche

mit uns sich zur Aufmerksamkeit z w i n g e n muß, haben

wir einen vollgültigen Beweis dafür, daß er uns nicht oder

nicht mehr liebt.

248

W e g z u e i n e r c h r i s t l i c h e n T u g e n d. - Von

seinen Feinden zu lernen ist der beste Weg dazu, sie zu

lieben: denn es stimmt uns dankbar gegen sie.

249

K r i e g s l i s t d e s Z u d r i n g l i c h e n. - Der Zudringliche

gibt auf unsre Konventionsmünze in Goldmünze

heraus und will uns dadurch nachträglich nötigen, unsre

Konvention als Versehen und ihn als Ausnahme zu behandeln.

250

G r u n d d e r A b n e i g u n g. - Wir werden manchem

Künstler oder Schriftsteller feindlich, nicht weil wir endlich

merken, daß er uns hintergangen hat, sondern weil

er nicht feinere Mittel für nötig befand, um uns zu

fangen.

251

I m S c h e i d e n. - Nicht darin, wie eine Seele sich

der andern nähert, sondern wie sie sich von ihr entfernt,

erkenne ich ihre Verwandtschaft und Zusammengehörigkeit

mit der andern.

252

S i l e n t i u m. - Man darf über seine Freunde nicht

reden: sonst verredet man sich das Gefühl der Freundschaft.

253

U n h ö f l i c h k e i t. - Unhöflichkeit ist häufig das

Merkmal einer ungeschickten Bescheidenheit, welche bei

einer Überraschung den Kopf verliert und durch Grobheit

dies verbergen möchte.

254

V e r r e c h n u n g i n d e r E h r l i c h k e i t. - Das

bisher von uns Verschwiegene erfahren mitunter gerade

unsere neuesten Bekannten zuerst: wir meinen dabei törichterweise,

es sei unser Vertrauens-Beweis die stärkste Fessel,

mit welcher wir sie festhalten könnten, - aber sie wissen

nicht genug von uns, um das Opfer unseres Aussprechens

so stark zu empfinden, und verraten unsere Geheimnisse an

andere, ohne an Verrat zu denken: so daß wir vielleicht

darüber unsere alten Bekannten verlieren.

255

I m V o r z i m m e r d e r G u n s t. - Alle Menschen, die

man lange im Vorzimmer seiner Gunst stehen läßt, geraten

in Gärung und werden sauer.

256

W a r n u n g a n d i e V e r a c h t e t e n. - Wenn man

unverkennbar in der Achtung der Menschen gesunken ist,

so halte man mit den Zähnen an der Scham im Verkehre

fest: sonst verrät man den andern, daß man auch in seiner

eigenen Achtung gesunken ist. Der Zynismus im Verkehre

ist ein Anzeichen, daß der Mensch in der Einsamkeit sich

selber als Hund behandelt.

257

M a n c h e U n k e n n t n i s a d e l t. - In Hinsicht auf

die Achtung der Achtung-Gebenden ist es vorteilhafter, gewisse

Dinge ersichtlich n i c h t zu verstehen. Auch die Unwissenheit

gibt Vorrechte.

258

D e r W i d e r s a c h e r d e r G r a z i e. - Der Unduldsame

und Hochmütige mag die Grazie nicht und empfindet

sie wie einen leibhaft sichtbaren Vorwurf gegen sich; denn

sie ist Toleranz des Herzens in Bewegung und Gebärde.

259

B e i m W i e d e r s e h e n. - Wenn alte Freunde nach

langer Trennung einander wiedersehen, ereignet es sich

oft, daß sie sich bei Erwähnung von Dingen teilnahmsvoll

stellen, die für sie ganz gleichgültig geworden sind: und

mitunter merken es beide, wagen aber nicht den Schleier

zu heben - aus einem traurigen Zweifel. So entstehen

Gespräche wie im Totenreiche.

260

N u r A r b e i t s a m e s i c h z u F r e u n d e n m a c h e n.

- Der Müßige ist seinen Freunden gefährlich: denn

weil er nicht genug zu tun hat, redet er davon, was seine

Freunde tun und nicht tun, mischt sich endlich hinein und

macht sich beschwerlich: weshalb man klugerweise nur mit

Arbeitsamen Freundschaft schließen soll.

261

E i n e W a f f e d o p p e l t s o v i e l a l s z w e i. - Es

ist ein ungleicher Kampf, wenn der eine mit Kopf u n d

Herz, der andre nur mit dem Kopfe für seine Sache

spricht: der erstere hat gleichsam Sonne und Wind gegen

sich und seine beiden Waffen stören sich gegenseitig: er

verliert den Preis - in den Augen der W a h r h e i t. Dafür

ist freilich der Sieg des zweiten mit seiner einen Waffe

selten ein Sieg nach dem Herzen aller a n d e r n Zuschauer

und macht bei ihnen unbeliebt.

262

T i e f e u n d T r ü b e. - Das Publikum verwechselt

leicht den, welcher im Trüben fischt, mit dem, welcher aus

der Tiefe schöpft.

263

A n F r e u n d u n d F e i n d s e i n e E i t e l k e i t d e m o n s t r i e r e n.

- Mancher mißhandelt aus Eitelkeit

selbst seine Freunde, wenn Zeugen zugegen sind, denen

er sein Übergewicht deutlich machen will: und andere übertreiben

den Wert ihrer Feinde, um mit Stolz darauf hinzuweisen,

daß sie solcher Feinde wert sind.

264

A b k ü h l u n g. - Die Erhitzung des Herzens ist gewöhnlich

mit der Krankheit von Kopf und Urteil verbunden.

Wem für einige Zeit an der Gesundheit des

letzteren gelegen ist, der muß also wissen, was er abzukühlen

hat: unbesorgt für die Zukunft seines Herzens!

Denn ist man überhaupt der Erwärmung fähig, so wird

man auch wieder warm werden und seinen Sommer haben

müssen.

265

Z u r M i s c h u n g d e r G e f ü h l e. - Gegen die Wissenschaft

empfinden Frauen und selbstsüchtige Künstler

etwas, das aus Neid und Sentimentalität zusammengesetzt ist.

266

W e n n d i e G e f a h r a m g r ö ß t e n i s t. - Man

bricht das Bein selten, solange man im Leben mühsam aufwärts

steigt - aber wenn man anfängt, es sich leicht zu

machen und die bequemen Wege zu wählen.

267

N i c h t z u z e i t i g. - Man muß sich in acht nehmen,

nicht zu zeitig scharf zu werden, - weil man zugleich

damit zu zeitig dünn wird.

268

F r e u d e a m W i d e r s p e n s t i g e n. - Der gute Erzieher

kennt Fälle, wo er stolz darauf ist, daß sein Zögling

w i d e r ihn sich selber treu bleibt: da nämlich, wo

der Jüngling den Mann nicht verstehen darf oder zu

seinem Schaden verstehen würde.

269

V e r s u c h d e r E h r l i c h k e i t. - Jünglinge, die ehrlicher

werden wollen als sie waren, suchen sich einen anerkannt

Ehrlichen zum Opfer, das sie zuerst anfallen,

indem sie sich zu seiner Höhe hinaufzuschimpfen suchen

- mit dem Hintergedanken, daß dieser erste Versuch

jedenfalls ungefährlich sei; denn gerade jener dürfe die

Unverschämtheit des Ehrlichen nicht züchtigen.

270

D a s e w i g e K i n d. - Wir meinen, das Märchen und

das Spiel gehöre zur Kindheit: wir Kurzsichtigen! Als

ob wir in irgend einem Lebensalter ohne Märchen und

Spiel leben möchten! Wir meinen's und empfinden's freilich

anders, aber gerade dies spricht dafür, daß es dasselbe

ist - denn auch das Kind empfindet das Spiel als seine

Arbeit und das Märchen als seine Wahrheit. Die Kürze

des Lebens sollte uns vor dem pedantischen Scheiden der

Lebensalter bewahren - als ob jedes etwas Neues brächte

-, und ein Dichter einmal den Menschen von zweihundert

Jahren, den, der wirklich ohne Märchen und Spiel lebt,

vorführen.

271

J e d e P h i l o s o p h i e i s t P h i l o s o p h i e e i n e s

L e b e n s a l t e r s. - Das Lebensalter, in dem ein Philosoph

seine Lehre fand, klingt aus ihr heraus, er kann es

nicht verhüten, so erhaben er sich auch über Zeit und

Stunde fühlen mag. So bleibt Schopenhauers Philosophie

das Spiegelbild der hitzigen und schwermütigen J u g e n d

- es ist keine Denkweise für ältere Menschen; so erinnert

Platos Philosophie an die mittlern dreißiger Jahre, wo

ein kalter und ein heißer Strom aufeinander zuzubrausen

pflegen, so daß Staub und zarte Wölkchen und, unter günstigen

Umständen und Sonnenblicken, ein bezauberndes

Regenbogenbild entsteht.

272

V o m G e i s t e d e r F r a u e n. - Die geistige Kraft

einer Frau wird am besten dadurch bewiesen, daß sie aus

Liebe zu einem Manne und dessen Geiste ihren eigenen

zum Opfer bringt und daß trotzdem ihr auf dem neuen,

ihrer Natur ursprünglich fremden Gebiete, wohin die Sinnesart

des Mannes sie drängt, s o f o r t e i n z w e i t e r

G e i s t nachwächst.

273

E r h ö h u n g u n d E r n i e d r i g u n g i m G e s c h l e c h t l i c h e n.

- Der Sturm der Begierde reißt

den Mann mitunter in eine Höhe hinauf, wo alle Begierde

schweigt: dort wo er wirklich l i e b t und noch mehr in

einem besseren Sein als besserem Wollen lebt. Und wiederum

steigt ein gutes Weib häufig aus wahrer Liebe bis hinab

zur Begierde und e r n i e d r i g t sich dabei vor sich selber.

Namentlich das letztere gehört zu dem herzbewegendsten,

was die Vorstellung einer guten Ehe mit sich zu bringen

vermag.

274

D a s W e i b e r f ü l l t, d e r M a n n v e r h e i ß t. -

Durch das Weib zeigt die Natur, womit sie bis jetzt bei

ihrer Arbeit am Menschenbilde fertig wurde; durch den

Mann zeigt sie, was sie dabei zu überwinden hatte, aber

auch, was sie noch alles mit dem Menschen v o r h a t. -

Das vollkommene Weib jeder Zeit ist der Müßiggang des

Schöpfers an jedem siebenten Tage der Kultur, das Ausruhen

des Künstlers in seinem Werke.

275

U m p f l a n z u n g. - Hat man seinen Geist verwendet,

um über die Maßlosigkeit der Affekte Herr zu werden,

so geschieht es vielleicht mit dem leidigen Erfolge, daß man

die Maßlosigkeit auf den Geist überträgt und fürderhin

im Denken und Erkennen-wollen ausschweift.

276

D a s L a c h e n a l s V e r r ä t e r e i. - Wie und wann

eine Frau lacht, das ist ein Merkmal ihrer Bildung: aber

im Klange des Lachens enthüllt sich ihre Natur, bei sehr

gebildeten Frauen vielleicht sogar der letzte unlösbare

Rest ihrer Natur, - Deshalb wird der Menschenprüfer

sagen wie Horaz aber aus verschiedenem Grunde: ridete

puellae.

277

A u s d e r S e e l e d e r J ü n g l i n g e. - Jünglinge

wechseln in bezug auf dieselbe Person mit Hingebung und

Unverschämtheit, ab: weil sie im Grunde nur sich in

dem andern verehren und verachten, und zwischen beiden

Empfindungen in bezug auf sich selber hin und her taumeln

müssen, solange sie noch nicht in der Erfahrung das

Maß ihres Wollens und Könnens gefunden haben.

278

Z u r V e r b e s s e r u n g d e r W e l t. - Wenn man den

Unzufriedenen, Schwarzgalligen und Murrköpfen die Fortpflanzung

verwehrte, so könnte man schon die Erde

in einen Garten des Glücks verzaubern. - Dieser Satz

gehört in eine praktische Philosophie für das weibliche

Geschlecht.

279

S e i n e m G e f ü h l e n i c h t m i ß t r a u e n. - Die

frauenhafte Wendung, man solle seinem Gefühle nicht

mißtrauen, bedeutet nicht viel mehr als: man solle essen,

was einem gut schmeckt. Dies mag auch, namentlich für

maßvolle Naturen, eine gute Alltagsregel sein. Andere

Naturen müssen aber nach einem anderen Satze leben: "du

mußt nicht nur mit dem Munde, sondern auch mit dem

Kopfe essen, damit dich nicht die Naschhaftigkeit des Mundes

zugrunde richte."

280

G r a u s a m e r E i n f a l l d e r L i e b e. - Jede große

Liebe bringt den grausamen Gedanken mit sich, den Gegenstand

der Liebe zu töten, damit er ein für allemal dem

frevelhaften Spiele des Wechsels entrückt sei: denn vor

dem Wechsel graut der Liebe mehr als vor der Vernichtung.

281

T ü r e n. - Das Kind sieht ebenso wie der Mann in

allem, was erlebt, erlernt wird, Türen: aber jenem sind

es Z u g ä n g e, diesem immer nur D u r c h g ä n g e.

282

M i t l e i d i g e F r a u e n. - Das Mitleiden der Frauen,

welches geschwätzig ist, trägt das Bett des Kranken auf

offnen Markt.

283

F r ü h z e i t i g e s V e r d i e n s t. - Wer jung schon

sich ein Verdienst erwirbt, verlernt gewöhnlich dabei die

Scheu vor dem Alter und dem Älteren, und schließt sich

damit, zu seinem größten Nachteile, von der Gesellschaft

der Reifen, Reife Gebenden aus: so daß er trotz frühzeitigerem

Verdienste länger als andre grün, zudringlich und

knabenhaft bleibt.

284

B a u s c h - u n d B o g e n - S e e l e n. - Die Frauen und

die Künstler meinen, daß, wo man ihnen nicht widerspreche,

man nicht widersprechen könne; Verehrung in

zehn Punkten und stillschweigende Nichtbilligung in anderen

zehn scheint ihnen nebeneinander unmöglich, weil sie

Bausch- und Bogen-Seelen haben.

285

J u n g e T a l e n t e. - In Hinsicht auf junge Talente

muß man streng nach der Goetheschen Maxime verfahren,

daß man oft dem Irrtume nicht schaden dürfe, um der

Wahrheit nicht zu schaden. Ihr Zustand ist gleich den

Krankheiten der Schwangerschaft und bringt seltsame

Gelüste mit sich: welche man ihnen, so gut es gehen will,

befriedigen und nachsehen sollte, um der Frucht willen,

die man von ihnen hofft. Freilich muß man, als Krankenwärter

dieser wunderlichen Kranken, die schwere Kunst

der freiwilligen SeIbst-Demütigung verstehen.

286

E k e l a n d e r W a h r h e i t. - Die Frauen sind so

geartet, daß alle Wahrheit (in bezug auf Mann, Liebe,

Kind, Gesellschaft, Lebensziel) ihnen Ekel macht - und

daß sie sich an jedem zu rächen suchen, welcher ihnen das

Auge öffnet.

287

D i e Q u e l l e d e r g r o ß e n L i e b e. - Woher die

plötzlichen Leidenschaften eines Mannes für ein Weib entstehen,

die tiefen, innerlichen? Aus Sinnlichkeit allein am

wenigsten: aber wenn der Mann Schwäche, Hilfsbedürftigkeit

und zugleich Übermut in einem Wesen zusammen

findet, so geht etwas in ihm vor, wie wenn seine Seele

überwallen wollte: er ist im selben Augenblick gerührt

und beleidigt. Auf diesem Punkte entspringt die Quelle

der großen Liebe.

288

R e i n l i c h k e i t. - Man soll den Sinn für Reinlichkeit

im Kinde bis zur Leidenschaft entfachen: später erhebt

er sich, in immer neuen Verwandlungen, fast zu jeder

Tugend hinauf und erscheint zuletzt, als Kompensation

alles Talents, wie eine Lichtfülle von Reinheit, Mäßigkeit,

Milde, Charakter - Glück in sich tragend, Glück um sich

verbreitend.

289

Von eitlen alten Männern. - Der Tiefsinn

gehört der Jugend, der Klarsinn dem Alter zu: wenn

trotzdem alte Männer mitunter in der Art der Tiefsinnigen

reden und schreiben, so tun sie es aus Eitelkeit, in

dem Glauben, daß sie damit den Reiz des Jugendlichen,

Schwärmerischen, Werdenden, Ahnungs- und Hoffnungsvollen

annehmen.

290

B e n u t z u n g d e s N e u e n. - Männer benutzen Neu-Erlerntes

oder -Erlebtes fürderhin als Pflugschar, vielleicht

auch als Waffe: aber Weiber machen sofort daraus einen

Putz für sich zurecht.

291

R e c h t h a b e n b e i d e n z w e i G e s c h l e c h t e r n.

- Gibt man einem Weibe zu, daß es recht habe, so

kann es sich nicht versagen, erst noch die Ferse triumphierend

auf den Nacken des Unterworfenen zu setzen, - es

muß den Sieg auskosten; während Mann gegen Mann sich

in solchem Falle gewöhnlich des Rechthabens schämt. Dafür

ist der Mann an das Siegen gewöhnt, das Weib erlebt

damit eine Ausnahme.

292

E n t s a g u n g i m W i l l e n z u r S c h ö n h e i t. -

Um schön zu werden, darf ein Weib nicht für hübsch

gelten wollen: das heißt, es muß in neunundneunzig Fällen,

wo es gefallen könnte, es verschmähen und hintertreiben

zu gefallen, um einmal das Entzücken dessen einzuernten,

dessen Seelenpforte groß genug ist, um Großes

aufzunehmen.

293

U n b e g r e i f l i c h, u n a u s s t e h l i c h. - Ein Jüngling

kann nicht begreifen, daß ein Älterer seine Entzückungen,

Gefühls-Morgenröten, Gedanken-Wendungen,

und -Aufschwünge auch einmal durchlebt habe: es beleidigt

ihn schon zu denken, daß sie zweimal existiert hätten, -

aber ganz feindselig stimmt es ihn zu hören, daß,

um f r u c h t b a r zu werden, er jene Blüten verlieren,

ihren Duft entbehren müsse.

294

P a r t e i m i t d e r M i e n e d e r D u l d e r i n. - Jede

Partei, die sich die Miene der Dulderin zu geben weiß,

zieht die Herzen der Gutmütigen zu sich hinüber und gewinnt

dadurch selber die Miene der Gutmütigkeit - zu

ihrem größten Vorteil.

295

B e h a u p t e n s i c h e r e r a l s b e w e i s e n. - Eine

Behauptung wirkt stärker als ein Argument, wenigstens

bei der Mehrzahl der Menschen: denn das Argument

weckt Mißtrauen. Deshalb suchen die Volksredner die

Argumente ihrer Partei durch Behauptungen zu sichern.

296

D i e b e s t e n H e h l e r. - Alle regelmäßig Erfolgreichen

besitzen eine tiefe Verschlagenheit darin, ihre Fehler

und Schwächen immer nur als anscheinende Stärken

zum Vorschein zu bringen; weshalb sie dieselben ungewöhnlich

gut und deutlich kennen müssen.

297

V o n Z e i t z u Z e i t. - Er setzte sich in das Stadttor

und sagte zu einem, der hindurchging, dies eben sei

das Stadttor. Jener entgegnete, es sei das eine Wahrheit,

aber man dürfe nicht zuviel recht haben, wenn man

Dank dafür haben wolle. O, antwortete er, ich will auch

keinen Dank; aber von Zeit zu Zeit ist es doch sehr angenehm,

nicht nur recht zu haben, sondern auch recht zu

behalten.

298

D i e T u g e n d i s t n i c h t v o n d e n D e u t s c h e n

e r f u n d e n. - Goethes Vornehmheit und Neidlosigkeit,

Beethovens edle einsiedlerische Resignation, Mozarts Anmut

und Grazie des Herzens, Händels unbeugsame Männlichkeit

und Freiheit unter dem Gesetz, Bachs getrostes

und verklärtes Innenleben, welches nicht einmal nötig hat,

auf Glanz und Erfolg zu verzichten, - sind denn dies

d e u t s c h e Eigenschaften? - Wenn aber nicht, so zeigt

es wenigstens, wonach Deutsche streben sollen und was

sie erreichen können.

299

P i a f r a u s o d e r e t w a s a n d e r e s. - Möchte ich

mich irren: aber mich dünkt, im gegenwärtigen Deutschland

werde eine doppelte Art von Heuchelei für jedermann

zur Pflicht des Augenblicks gemacht: man fordert

ein Deutschtum aus reichspolitischer Besorgnis und ein

Christentum aus sozialer Angst, beides aber nur in Worten

und Gebärden und namentlich im Schweigen-können.

Der A n s t r i c h ist es, der jetzt so viel kostet, so hoch

bezahlt wird: die Z u s c h a u e r sind es, derentwegen die

Nation ihr Gesicht in deutsch- und christentümelnde Falten legt.

300

I n w i e f e r n a u c h i m G u t e n d a s H a l b e m e h r

s e i n k a n n a l s d a s G a n z e. - Bei allen Dingen,

die auf Bestand eingerichtet werden und immer den

Dienst vieler Personen erfordern, muß manches w e n i g e r

G u t e zur R e g e l gemacht werden, obschon der

Organisator das Bessere und Schwerere sehr gut kennt:

aber er wird darauf rechnen, daß es nie an Personen fehle,

welche der Regel entsprechen k ö n n e n, - und er weiß,

daß das Mittelgut der Kräfte die Regel ist. - Dies sieht

ein Jüngling selten ein und glaubt dann, als Neuerer,

Wunder wie sehr er im Rechte, und wie seltsam die Blindheit

der anderen sei.

301

D e r P a r t e i m a n n. - Der echte Parteimann lernt

nicht mehr, er erfährt und richtet nur noch: während

Solon, der nie Parteimann war, sondern neben und über

den Parteien oder gegen sie sein Ziel verfolgte, bezeichnenderweise

der Vater jenes schlichten Wortes ist, in welchem

die Gesundheit und Unausschöpflichkeit Athens

beschlossen liegt: "alt werd' ich und immer lern' ich

fort."

302

W a s, n a c h G o e t h e, d e u t s c h i s t. - Es sind

die wahrhaft Unerträglichen, von denen man selbst das

Gute nicht annehmen mag, welche F r e i h e i t d e r G e s i n n u n g

haben, aber nicht merken, daß es ihnen an G e s c h m a c k s -

und G e i s t e s - F r e i h e i t fehlt. Gerade

dies ist aber, nach Goethes wohlerwogenem Urteil, d e u t s c h.

- Seine Stimme und sein Beispiel weisen darauf hin, daß

der Deutsche m e h r s e i n müsse als ein Deutscher, wenn

er den andern Nationen nützlich, ja nur erträglich werden

wolle - und i n w e l c h e r R i c h t u n g er bestrebt sein

solle, über sich und außer sich hinauszugehen.

303

W a n n e s n o t t u t, s t e h e n z u b l e i b e n. - Wenn

die Massen zu wüten beginnen und die Vernunft sich verdunkelt,

tut man gut, sofern man der Gesundheit seiner

Seele nicht ganz sicher ist, unter einen Torweg unterzutreten

und nach dem Wetter auszuschauen.

304

U m s t u r z g e i s t e r u n d B e s i t z g e i s t e r. - Das

einzige Mittel gegen den Sozialismus, das noch in eurer

Macht steht, ist: ihn nicht herauszufordern, das heißt

selber mäßig und genügsam leben, die Schaustellung

jeder Üppigkeit nach Kräften verhindern und dem Staate

zu Hilfe kommen, wenn er alles Überflüssige und Luxusähnliche

empfindlich mit Steuern belegt. Ihr wollt dies

Mittel nicht? Dann, ihr reichen Bürgerlichen, die ihr euch

"liberal" nennt, gesteht es euch nur zu, eure eigne Herzensgesinnung

ist es, welche ihr in den Sozialisten so

furchtbar und bedrohlich findet, in euch selber aber als

unvermeidlich gelten laßt, wie als ob sie dort etwas anderes

wäre. Hättet ihr, so wie ihr seid, euer V e r m ö g e n

und die Sorge um dessen Erhaltung nicht, diese eure Gesinnung

würde euch zu Sozialisten machen: nur der Besitz

unterscheidet zwischen euch und ihnen. Euch müßt ihr

zuerst besiegen, wenn ihr irgendwie über die Gegner

eures Wohlstandes siegen wollt. - Und wäre jener Wohlstand

nur wirklich Wohlbefinden! Er wäre nicht so äußerlich

und neidherausfordernd, er wäre mitteilender, wohlwollender,

ausgleichender, nachhelfender. Aber das Unechte

und Schauspielerische eurer Lebensfreuden, welche

mehr im Gefühl des Gegensatzes (daß andere sie nicht

haben und euch beneiden) als im Gefühle der Kraft-Erfüllung

und Kraft-Erhöhung liegen - eure Wohnungen,

Kleider, Wagen, Schauläden, Gaumen- und Tafel-Erfordernisse,

eure lärmende Opern- und Musikbegeisterung,

endlich eure Frauen, geformt und gebildet, aber aus unedlem

Metall, vergoldet, aber ohne Goldklang, als Schaustücke

von euch gewählt, als Schaustücke sich selber gebend:

- das sind die giftträgerischen Verbreiter jener

Volkskrankheit, welche als sozialistische Herzenskrätze

sich jetzt immer schneller der Masse mitteilt, aber in

e u c h ihren ersten Sitz und Brüteherd hat. Und wer

hielte diese Pest jetzt noch auf? -

305

T a k t i k d e r P a r t e i e n. - Wenn eine Partei

merkt, daß ein bisher Zugehöriger aus einem unbedingten

Anhänger ein bedingter geworden ist, so erträgt sie dies

so wenig, daß sie durch allerlei Aufreizungen und Kränkungen

versucht, jenen zum entschiedenen Abfall zu bringen

und zum Gegner zu machen: denn sie hat den Argwohn,

daß die Absicht, in ihrem Glauben etwas R e l a t i v -Wertvolles

zu sehen, das ein Für und Wider, ein

Abwägen und Ausscheiden zuläßt, ihr gefährlicher sei als

ein Gegnertum in Bausch und Bogen.

306

Z u r S t ä r k u n g v o n P a r t e i e n. - Wer eine Partei

innerlich stärken will, biete ihr Gelegentlich, um ersichtlich

u n g e r e c h t behandelt werden zu müssen; dadurch

sammelt sie ein Kapital guten Gewissens, das ihr

vielleicht bis dahin fehlte.

307

F ü r s e i n e V e r g a n g e n h e i t s o r g e n. - Weil

die Menschen eigentlich nur alles Alt-Begründete, Langsam-Gewordene

achten, so muß der, welcher nach seinem Tode

fortleben will, nicht nur für Nachkommenschaft, sondern

noch mehr für eine V e r g a n g e n h e i t sorgen: weshalb

Tyrannen jeder Art (auch tyrannenhafte Künstler und

Politiker) der Geschichte gern Gewalt antun, damit diese

als Vorbereitung und Stufenleiter zu ihnen hin erscheine.

308

P a r t e i - S c h r i f t s t e l l e r. - Der Paukenschlag,

mit welchem sich junge Schriftsteller im Dienste einer

Partei so wohl gefallen klingt dem, welcher nicht zur

Partei gehört, wie Kettengerassel und erweckt eher Mitleiden

als Bewunderung.

309

G e g e n s i c h P a r t e i e r g r e i f e n. - Unsere Anhänger

vergeben es uns nie, wenn wir gegen uns selbst

Partei ergreifen: denn dies heißt, in ihren Augen, nicht

nur ihre Liebe zurückweisen, sondern auch ihren Verstand

bloßstellen.

310

G e f a h r i m R e i c h t u m. - Nur wer G e i s t hat,

sollte B e s i t z haben: sonst ist der Besitz g e m e i n g e f ä h r l i c h.

Der Besitzende nämlich, der von der freien

Zeit, welche der Besitz ihm gewähren könnte, keinen Gebrauch

zu machen versteht, wird immer f o r t f a h r e n, nach

Besitz zu streben: dieses Streben wird seine Unterhaltung,

seine Kriegslist im Kampf mit der Langeweile sein. So entsteht

zuletzt, aus mäßigem Besitz, welcher dem Geistigen

genügen würde, der eigentliche Reichtum: und zwar als

das gleißende Ergebnis geistiger Unselbständigkeit und

Armut. Nur e r s c h e i n t er eben ganz anders, als seine

armselige Abkunft erwarten läßt, weil er sich mit Bildung

und Kunst maskieren kann: er kann eben die Maske k a u f e n.

Dadurch erweckt er Neid bei den Ärmeren und Ungebildeten -

welche im Grunde immer die Bildung beneiden

und in der Maske nicht die Maske sehen - und

bereitet allmählich eine soziale Umwälzung vor: denn vergoldete

Roheit und schauspielerisches Sich-Blähen im angeblichen

"Genusse der Kultur" gibt jenen den Gedanken

ein "es liegt nur am Gelde", - während allerdings e t w a s

am Gelde liegt, aber v i e l m e h r a m G e i s t e.

311

F r e u d e i m G e b i e t e n u n d G e h o r c h e n. -

Das Gebieten macht Freude wie das Gehorchen, ersteres

wenn es noch nicht zur Gewohnheit geworden ist, letzteres

aber, wenn es zur Gewohnheit geworden ist. Alte

Diener unter neuen Gebietenden fördern sich gegenseitig

im Freude-machen.

312

E h r g e i z d e s v e r l o r n e n P o s t e n s. - Es gibt

einen Ehrgeiz des verlornen Postens, welcher eine Partei

dahin drängt, sich in eine äußerste Gefahr zu begeben.

313

W a n n E s e l n o t t u n. - Man wird die Menge

nicht eher zum Hosianna-rufen bringen, bis man auf einem

Esel in die Stadt einreitet.

314

P a r t e i - S i t t e. - Eine jede Partei versucht, das Bedeutende,

das außer ihr gewachsen ist, als unbedeutend

darzustellen; gelingt es ihr aber nicht, so feindet sie es

um so bitterer an, je vortrefflicher es ist.

315

L e e r - w e r d e n. - Von dem, der sich den Ereignissen

hingibt, bleibt immer weniger übrig. Große Politiker

können deshalb ganz leere Menschen werden und doch

einmal voll und reich gewesen sein.

316

E r w ü n s c h t e F e i n d e. - Die sozialistischen Regungen

sind den dynastischen Regierungen jetzt immer

noch eher angenehm als furchteinflößend, weil sie durch

dieselben R e c h t u n d S c h w e r t zu Ausnahme-Maßregeln

in die Hände bekommen, mit denen sie ihre eigentlichen

Schreckgestalten, die Demokraten und Anti-Dynasten,

treffen können. - Zu allem, was solche Regierungen

öffentlich hassen, haben sie jetzt eine heimliche Zuneigung

und Innigkeit: sie müssen ihre Seele verschleiern.

317

D e r B e s i t z b e s i t z t. - Nur bis zu einem gewissen

Grade macht der Besitz den Menschen unabhängig,

freier; eine Stufe weiter - und der Besitz wird zum

Herrn, der Besitzer zum Sklaven: als welcher ihm seine

Zeit, sein Nachdenken zum Opfer bringen muß und sich

fürderhin zu einem Verkehr verpflichtet, an einen Ort

angenagelt, einem Staate einverleibt fühlt - alles vielleicht

wider sein innerlichstes und wesentlichstes Bedürfnis.

318

V o n d e r H e r r s c h a f t d e r W i s s e n d e n. -

Es ist leicht, zum Spotten leicht, das Muster zur Wahl

einer gesetzgebenden Körperschaft aufzustellen. Zuerst

hätten die Redlichen und Vertrauenswürdigen eines Landes,

welche zugleich irgendworin Meister und Sachkenner

sind, sich auszuscheiden, durch gegenseitige Auswitterung

und Anerkennung: aus ihnen wiederum müßten

sich, in engerer Wahl, die in jeder Einzelart Sachverständigen

und Wissenden ersten Ranges auswählen, gleichfalls

durch gegenseitige Anerkennung und Gewährleistung.

Bestünde aus ihnen die gesetzgebende Körperschaft,

so müßten endlich, für jeden einzelnen Fall, nur die

Stimmen und Urteile der speziellsten Sachverständigen

entscheiden und die Ehrenhaftigkeit a l l e r übrigen groß

genug und einfach zur Sache des Anstandes geworden

sein, die Abstimmung dabei auch nur jenen zu überlassen:

so daß im strengsten Sinne das Gesetz aus dem

Verstande der Verständigsten hervorginge. - Jetzt stimmen

Parteien ab: und bei jeder Abstimmung muß es Hunderte

von beschämten Gewissen geben - die der Schlecht-Unterrichteten,

Urteils-Unfähigen, die der Nachsprechenden,

Nachgezogenen, Fortgerissenen. Nichts erniedrigt die

Würde jedes neuen Gesetzes so, als dieses anklebende

Schamrot der Unredlichkeit, zu der jede Partei-Abstimmung

zwingt. Aber, wie gesagt, es ist leicht, zum Spotten

leicht, so etwas aufzustellen: keine Macht der Welt

ist jetzt stark genug, das Bessere zu verwirklichen, - es

sei denn, daß der Glaube an die höchste N ü t z l i c h k e i t

d e r W i s s e n s c h a f t u n d d e r W i s s e n d e n

endlich auch dem Böswilligsten einleuchte und dem jetzt

herrschenden Glauben an die Zahl vorgezogen werde.

Im Sinne dieser Zukunft sei unsere Losung: "Mehr Ehrfurcht

vor dem Wissenden! Und nieder mit allen Parteien!"

319

V o m " V o l k e d e r D e n k e r " ( o d e r d e s s c h l e c h t e n

D e n k e n s ). - Das Undeutliche, Schwebende, Ahnungsvolle,

Elementarische, Intuitive - um für unklare

Dinge auch unklare Namen zu wählen -, was man dem

deutschen Wesen nachsagt, wäre, wenn es tatsächlich noch

bestünde, ein Beweis, daß seine Kultur um viele Schritte

zurückgeblieben und noch immer von Bann und Luft

des Mittelalters umschlossen wäre. - Freilich liegen in

einer solchen Zurückgebliebenheit auch einige Vorteile:

die Deutschen wären mit diesen Eigenschaften - wenn

sie dieselben, nochmals gesagt, jetzt noch besitzen sollten

- zu einigen Dingen, und namentlich zum Verständnis

einiger Dinge befähigt, zu welchen andere Nationen

alle Kraft verloren haben. Und sicher geht viel verloren,

wenn der M a n g e l a n V e r n u n f t - das heißt

eben das Gemeinsame in jenen Eigenschaften - verloren

geht; aber hier gibt es auch keine Einbuße ohne den

höchsten Gegengewinn, so daß jeder Grund zum Jammern

fehlt, vorausgesetzt, daß man nicht wie Kinder und

Leckerhafte die Früchte aller Jahreszeiten zugleich genießen

will.

320

E u l e n n a c h A t h e n. - Die Regierungen der

großen Staaten haben zwei Mittel in den Händen, das

Volk von sich abhängig zu erhalten, in Furcht und Gehorsam:

ein gröberes, das Heer, ein feineres, die Schule.

Mit Hilfe des ersteren bringen sie den E h r g e i z der

höheren und die K r a f t der niederen Schichten, soweit

beide tätigen und rüstigen Männern mittlerer und minderer

Begabung zu eigen zu sein pflegen, auf ihre Seite; mit

Hilfe des andern Mittels gewinnen sie die b e g a b t e Armut,

namentlich die geistig-anspruchsvolle Halbarmut der

mittleren Stände für sich. Sie machen vor allem aus den

Lehrern allen Grades einen unwillkürlich nach "oben"

hin blickenden geistigen Hofstaat: indem sie der Privatschule

und gar der ganz und gar mißliebigen Einzelerziehung

Stein über Stein in den Weg legen, sichern sie

sich die Verfügung über eine sehr bedeutende Anzahl von

Lehrstellen, auf welche sich nun fortwährend eine gewiß

fünfmal größere Anzahl von hungrig und unterwürfig

blickenden Augen richten, als je Befriedigung finden können.

Diese Stellungen dürfen ihren Mann aber nur k ä r g l i c h

nähren: dann unterhält sich in ihm der Fieberdurst

nach B e f ö r d e r u n g und schließt ihn noch enger

an die Absichten der Regierung an. Denn eine mäßige

Unzufriedenheit zu pflegen ist immer vorteilhafter als

Zufriedenheit, die Mutter des Mutes, die Großmutter des

Freisinns und des Übermutes. Vermittels dieses leiblich

und geistig im Zaume gehaltenen Lehrertums wird nun,

so gut es gehen will, alle Jugend des Landes auf eine

gewisse, dem Staate nützliche und zweckmäßig abgestufte

Bildungshöhe gehoben: vor allem aber wird jene Gesinnung

fast unvermerkt auf die unreifen und ehrsüchtigen

Geister aller Stände übertragen, daß nur eine vom Staate

anerkannte und; abgestempelte Lebensrichtung sofort g e s e l l s c h a f t l i c h e

Auszeichnung mit sich führt. Die

Wirkung dieses Glaubens an Staats-Prüfungen und -Titel

geht so weit, daß selbst unabhängig gebliebenen, durch

Handel oder Handwerk emporgestiegenen Männern so

lange ein Stachel der Unbefriedigung in der Brust bleibt,

bis auch ihre Stellung durch eine begnadigende Verleihung

von Rang und Orden von oben her bemerkt und anerkannt

ist, - bis man "sich sehen lassen kann". Endlich

verknüpft der Staat alle jene hundert und aber hundert

ihm zugehörigen Beamtungen und Erwerbsposten mit der

V e r p f l i c h t u n g, durch die Staatsschulen sich bilden

und abzeichnen zu lassen, wenn man je in diese Pforten

eingehen wolle: Ehre bei der Gesellschaft, Brot für sich,

Ermöglichung einer Familie, Schutz von oben her, Gemeingefühl

der gemeinsam Gebildeten - dies alles bildet

ein Netz von Hoffnungen, in welches jeder junge

Mann hineinläuft: woher sollte ihm denn das Mißtrauen

angeweht sein! Ist zu guter Letzt gar noch bei jedermann

die Verpflichtung, einige Jahre S o l d a t zu sein, nach

Ablauf weniger Generationen, zu einer gedankenlosen

Gewohnheit und Voraussetzung geworden, auf welche

hin man frühzeitig den Plan seines Lebens zurechtschneidet:

so kann der Staat auch noch den Meistergriff wagen,

Schule und Heer, Begabung, Ehrgeiz und Kraft durch

Vorteile i n e i n a n d e r zu flechten, das heißt den h ö h e r

B e g a b t e n und G e b i l d e t e n durch günstigere Bedingungen

zum Heere zu locken und mit dem Soldatengeiste

des freudigen Gehorsams zu erfüllen: so daß er

vielleicht dauernd zur Fahne schwört und durch seine

Begabung ihr einen neuen, immer glänzenderen Ruf verschafft.

- Dann fehlt nichts weiter als Gelegenheit zu

großen Kriegen: und dafür sorgen, von Berufs wegen,

also in aller U n s c h u l d, die Diplomaten, samt Zeitungen

und Börsen: denn das "Volk", als Soldatenvolk, hat

bei Kriegen immer ein gutes Gewissen, man braucht es ihm

nicht erst zu machen.

321

D i e P r e s s e. - Erwägt man, wie auch jetzt noch

alle großen politischen Vorgänge sich heimlich und verhüllt

auf das Theater schleichen, wie sie von unbedeutenden

Ereignissen verdeckt werden und in ihrer Nähe klein

erscheinen, wie sie erst lange nach ihrem Geschehen ihre

tiefen Einwirkungen zeigen und den Boden nachzittern

lassen, - welche Bedeutung kann man da der Presse zugestehn,

wie sie jetzt ist, mit ihrem täglichen Aufwand

von Lunge, um zu schreien, zu übertäuben, zu erregen, zu

erschrecken, - ist sie mehr als der p e r m a n e n t e

b l i n d e Lärm, der die Ohren und Sinne nach einer falschen

Richtung ablenkt?

322

N a c h e i n e m g r o ß e n E r e i g n i s. - Ein Volk

und Mensch, dessen Seele bei einem großen Ereignis zutage

gekommen ist, fühlt gewöhnlich darauf das Bedürfnis

nach einer K i n d e r e i oder R o h e i t, ebenso aus

Scham als um sich zu erholen.

323

G u t d e u t s c h s e i n h e i ß t s i c h e n t d e u t s c h e n.

- Das, worin man die nationalen Unterschiede

findet, ist viel mehr, als man bis jetzt eingesehen hat,

nur der Unterschied verschiedener K u l t u r s t u f e n und

zum geringsten Teile etwas Bleibendes (und auch dies nicht

in einem strengen Sinne). Deshalb ist alles Argumentieren

aus dem National-Charakter so wenig verpflichtend

für den, welcher an der U m s c h a f f u n g der Überzeugungen,

das heißt an der Kultur arbeitet. Erwägt man

zum Beispiel, was alles schon deutsch g e w e s e n i s t, so

wird man die theoretische Frage: was i s t deutsch? sofort

durch die Gegenfrage verbessern: "was ist j e t z t deutsch?"

- und jeder g u t e Deutsche wird sie praktisch, gerade

durch Überwindung seiner deutschen Eigenschaften, lösen.

Wenn nämlich ein Volk vorwärts geht und wächst, so

sprengt es jedesmal den Gürtel, der ihm bis dahin sein

n a t i o n a l e s Ansehen gab; bleibt es stehen, verkümmert

es, so schließt sich ein neuer Gürtel um seine Seele; die

immer härter werdende Kruste baut gleichsam ein Gefängnis

herum, dessen Mauern immer wachsen. Hat ein

Volk also sehr viel Festes, so ist dies ein Beweis, daß

es versteinern will und ganz und gar M o n u m e n t werden

möchte: wie es von einem bestimmten Zeitpunkte an

das Ägyptertum war. Der also, welcher den Deutschen

wohlwill, mag für seinen Teil zusehen, wie er immer mehr

aus dem, was deutsch ist, hinauswachse. D i e W e n d u n g

z u m U n d e u t s c h e n ist deshalb immer das Kennzeichen

der Tüchtigen unseres Volkes gewesen.

324

A u s l ä n d e r e i e n. - Ein Ausländer, der in Deutschland

reiste, mißfiel und gefiel durch einige Behauptungen,

je nach den Gegenden, in denen er sich aufhielt.

Alle Schwaben, die Geist haben, - pflegte er zu sagen

- sind kokett. - Die anderen Schwaben aber meinten

noch immer, Uhland sei ein Dichter und Goethe unmoralisch

gewesen. - Das Beste an den deutschen Romanen,

welche jetzt berühmt würden, sei, daß man sie nicht zu

lesen brauche: man kenne sie schon. - Der Berliner erscheine

gutmütiger als der Süddeutsche, denn er sei allzusehr

spottlustig und vertrage deshalb Spott: was Süddeutschen

nicht begegne. - Der Geist der Deutschen

werde durch ihr Bier und ihre Zeitungen niedergehalten:

er empfehle ihnen Tee und Pamphlete, zur Kur natürlich.

- Man sehe sich, so riet er, doch die verschiedenen

Völker des altgewordenen Europa daraufhin an, wie ein

jedes eine bestimmte Eigenschaft des Alters besonders

gut zur Schau trägt, zum Vergnügen für die, welche vor

dieser großen Bühne sitzen: wie die Franzosen das Kluge

und Liebenswürdige des Alters, die Engländer das Erfahrene

und Zurückhaltende, die Italiener das Unschuldige

und Unbefangene mit Glück vertreten. Sollten denn

die anderen Masken des Alters fehlen? Wo ist der hochmütige

Alte? Wo der herrschsüchtige Alte? Wo der

habsüchtige Alte? - Die gefährlichste Gegend in

Deutschland sei Sachsen und Thüringen: nirgends gäbe

es mehr geistige Rührigkeit und Menschenkenntnis, nebst

Freigeisterei, und alles sei so bescheiden durch die häßliche

Sprache und die eifrige Dienstbeflissenheit dieser

Bevölkerung versteckt, daß man kaum merke, hier mit

den geistigen Feldwebeln Deutschlands und seinen Lehrmeistern

in Gutem und Schlimmem zu tun zu haben. -

Der Hochmut der Norddeutschen werde durch ihren Hang,

zu gehorchen, der der Süddeutschen durch ihren Hang,

sich's bequem zu machen, in Schranken gehalten. - Es

schiene ihm, daß die deutschen Männer in ihren Frauen

ungeschickte, aber sehr von sich überzeugte Hausfrauen

hätten: sie redeten so beharrlich gut von sich, daß sie

fast die Welt und jedenfalls ihre Männer von der eigens

deutschen Hausfrauen-Tugend überzeugt hätten. - Wenn

sich dann das Gespräch auf Deutschlands Politik nach

außen und innen wendete, so pflegte er zu erzählen -

er nannte es: verraten -, das Deutschlands größter

Staatsmann nicht an große Staatsmänner glaube. - Die

Zukunft der Deutschen fand er bedroht und bedrohlich:

denn sie hätten verlernt, sich zu f r e u e n (was die Italiener

so gut verstünden), aber sich durch das große Hazardspiel

von Kriegen und dynastischen Revolutionen an

die E m o t i o n g e w ö h n t, folglich würden sie eines

Tages die Emeute haben. Denn dies sei die stärkste Emotion,

welche ein Volk sich verschaffen könne. - Der

deutsche Sozialist sei eben deshalb am gefährlichsten, weil

ihn keine b e s t i m m t e Not treibe; sein Leiden sei, nicht

zu wissen, was er wolle, so werde er, wenn er auch viel

erreiche, doch noch im Genusse vor Begierde verschmachten,

ganz wie Faust, aber vermutlich wie ein sehr pöbelhafter

Faust. "Den F a u s t - T e u f e l nämlich", rief er

zuletzt, "von dem die gebildeten Deutschen so geplagt

wurden, hat Bismarck ihnen ausgetrieben: nun ist der

Teufel aber in die Säue gefahren und schlimmer als je

vorher!"

325

M e i n u n g e n. - Die meisten Menschen sind nichts

und gelten nichts, bis sie sich in allgemeine Überzeugungen

und öffentliche Meinungen eingekleidet haben - nach

der Schneider-Philosophie: Kleider machen Leute. Von

den Ausnahme-Menschen aber muß es heißen: e r s t d e r

T r ä g e r m a c h t d i e T r a c h t; hier hören die Meinungen

auf, öffentlich zu sein, und werden etwas anderes

als Masken, Putz und Verkleidung.

326

Z w e i A r t e n d e r N ü c h t e r n h e i t. - Um Nüchternheit

aus Erschöpfung des Geistes nicht mit Nüchternheit

aus Mäßigung zu verwechseln, muß man darauf acht

haben, daß die erstere übellaunig, die andere frohmütig ist.

327

V e r f ä l s c h u n g d e r F r e u d e. - Keinen Tag

länger eine Sache gut heißen, als sie uns gut scheint, und

vor allem: k e i n e n T a g f r ü h e r - das ist das einzige

Mittel, sich die F r e u d e echt zu erhalten: die sonst allzu

leicht fade und faul im Geschmacke wird und jetzt für

ganze Schichten des Volkes zu den verfälschten Lebensmitteln gehört.

328

D e r T u g e n d - B o c k. - Beim Allerbesten, was

einer tut, suchen die, welche ihm wohlwollen, aber seiner

Tat nicht gewachsen sind, schleunigst einen Bock, um ihn

zu schlachten, wähnend, es sei der Sündenbock - aber

es ist der Tugend-Bock.

329

S o u v e r ä n i t ä t. - Auch das Schlechte ehren und

sich zu ihm bekennen, wenn es einem g e f ä l l t, und keinen

Begriff davon haben, wie man sich seines Gefallens

schämen könne, ist das Merkmal der Souveränität, im

großen und kleinen.

330

D e r W i r k e n d e e i n P h a n t o m, k e i n e W i r k l i c h k e i t.

- Der bedeutende Mensch lernt allmählich,

daß er, s o f e r n er w i r k t, ein P h a n t o m in den Köpfen

anderer ist, und gerät vielleicht in die feine Seelenqual,

sich zu fragen, ob er das Phantom von sich zum B e s t e n

seiner Mitmenschen nicht aufrechterhalten müsse.

331

N e h m e n u n d g e b e n. - Wenn man einem das Geringste

weg (oder vorweg) genommen hat, so ist er blind

dafür, daß man ihm viel Größeres, ja das Größte gegeben hat.

332

D e r g u t e A c k e r. - Alles Abweisen und Negieren

zeigt einen Mangel an Fruchtbarkeit an: im Grunde,

wenn wir nur gutes Ackerland wären, dürften wir nichts

unbenutzt umkommen lassen und in jedem Dinge, Ereignisse

und Menschen willkommenen Dünger, Regen oder

Sonnenschein sehen.

333

V e r k e h r a l s G e n u ß. - Hält sich einer, mit entsagendem

Sinne, absichtlich in der Einsamkeit, so kann er

sich dadurch den Verkehr mit Menschen, selten genossen,

zum Leckerbissen machen.

334

Ö f f e n t l i c h z u l e i d e n v e r s t e h e n. - Man

muß sein Unglück affichieren und von Zeit zu Zeit hörbar

seufzen, sichtbar ungeduldig sein: denn ließe man die

andern merken, wie sicher und glücklich in sich man trotz

Schmerz und Entbehrung ist, wie neidisch und böswillig

würde man sie machen! - Aber wir müssen Sorge dafür

tragen, daß wir unsre Mitmenschen nicht verschlechtern;

überdies würden sie uns in jenem Falle harte Steuern

auferlegen, und unser ö f f e n t l i c h e s L e i d e n ist

jedenfalls auch unser p r i v a t e r V o r t e i l.

335

W ä r m e i n d e n H ö h e n. - Auf den Höhen ist es

wärmer, als man in den Tälern meint, namentlich im

Winter. Der Denker weiß, was alles dies Gleichnis besagt.

336

D a s G u t e w o l l e n, d a s S c h ö n e k ö n n e n. -

Es genügt nicht, das G u t e zu üben, man muß es gewollt

haben und, nach dem Wort des Dichters, die Gottheit in

seinen W i l l e n aufnehmen. Aber das S c h ö n e darf man

nicht wollen, man muß es können, in Unschuld und

Blindheit, ohne alle Neubegier der Psyche. Wer seine Laterne

anzündet, um vollkommene Menschen zu finden, der

achte auf dies Merkmal: es sind die, welche immer um

des Guten willen handeln und immer dabei das Schöne

erreichen, ohne daran zu denken. Viele der Besseren und

Edleren bleiben nämlich, aus Unvermögen und Mangel

der schönen Seele, mit allem ihrem guten Willen und

ihren guten Werken, unerquicklich und häßlich anzusehen;

sie stoßen zurück und schaden selbst der Tugend durch

das widrige Gewand, welches ihr schlechter Geschmack

derselben anlegt.

337

G e f a h r d e r E n t s a g e n d e n. - Man muß sich

hüten, sein Leben auf einen zu schmalen Grund von Begehrlichkeit

zu gründen: denn wenn man den Freuden

entsagt, welche Stellungen, Ehren, Genossenschaften, Wolllüste,

Bequemlichkeiten, Künste mit sich bringen, so kann

ein Tag kommen, wo man merkt, statt der W e i s h e i t,

durch diese Verzichtleistung den L e b e n s - Ü b e r d r u ß

zum Nachbarn erlangt zu haben.

338

L e t z t e M e i n u n g ü b e r M e i n u n g e n. - Entweder

verstecke man seine Meinungen, oder man verstecke

sich hinter seine Meinungen. Wer es anders macht, der

kennt den Lauf der Welt nicht oder gehört zum Orden der

heiligen Tollkühnheit.

339

" G a u d e a m u s i g i t u r. " - Die Freude muß auch

für die sittliche Natur des Menschen auferbauende und

ausheilende Kräfte enthalten: wie käme es sonst, daß

unsere Seele, sobald sie im Sonnenschein der Freude ruht,

sich unwillkürlich gelobt "gut sein!" "Vollkommen werden!"

und daß dabei ein Vorgefühl der Vollkommenheit,

gleich einem seligen Schauder, sie erfaßt?

340

A n e i n e n G e l o b t e n. - Solange man dich lobt,

glaube nur immer, daß du noch nicht auf deiner eignen

Bahn, sondern auf der eines andern bist.

341

D e n M e i s t e r l i e b e n. - Anders liebt der Gesell,

anders der Meister den Meister.

342

A l l z u s c h ö n e s u n d M e n s c h l i c h e s. - "Die

Natur ist zu schön für dich armen Sterblichen" - so empfindet

man nicht selten, aber ein paarmal, bei einem innigen

Anschauen alles Menschlichen, seiner Fülle, Kraft,

Zartheit, Verflochtenheit, war es mir zumute, als ob ich

sagen müßte, in aller Demut: "auch der M e n s c h ist

zu schön für den betrachtenden Menschen!" - und zwar

nicht etwa nur der moralische Mensch, sondern jeder.

343

B e w e g l i c h e H a b e u n d G r u n d b e s i t z. -

Wenn einen das Leben einmal recht räuberhaft behandelt

hat, und an Ehren, Freuden, Anhang, Gesundheit, Besitz

aller Art nahm, was es nehmen konnte, so entdeckt man

vielleicht hinterdrein, nach dem ersten Schrecken, daß man

r e i c h e r ist als zuvor. Denn jetzt erst weiß man, was

einem so zu eigen ist, daß keine Räuberhand daran zu

rühren vermag; so geht man vielleicht aus aller Plünderung

und Verwirrung mit der Vornehmheit eines großen

Grundbesitzers hervor.

344

U n f r e i w i l l i g e I d e a l f i g u r e n. - Das peinlichste

Gefühl, das es gibt, ist, zu entdecken, daß man

immer für etwas Höheres genommen wird, als man ist.

Denn man muß sich dabei eingestehen: irgend etwas an dir

ist Lug und Trug, dein Wort, dein Ausdruck, dein Auge,

deine Handlung - und dieses trügerische Etwas ist so

notwendig wie deine sonstige Ehrlichkeit, hebt aber deren

Wirkung und Wert fortwährend auf.

345

I d e a l i s t u n d L ü g n e r. - Man soll sich von dem

schönsten Vermögen - dem, die Dinge ins Ideal zu

heben - nicht tyrannisieren lassen: sonst trennt sich

eines Tages die Wahrheit von uns mit dem bösen Wort

"du Lügner von Grund aus, was habe ich mit dir zu

schaffen?"

346

M i ß v e r s t a n d e n w e r d e n. - Wenn man als

Ganzes mißverstanden wird, so ist es unmöglich, ein einzelnes

Mißverstandenwerden von Grund aus zu heben.

Dies muß man einsehen, um nicht überflüssige Kraft in

seiner Verteidigung zu verschwenden.

347

D e r W a s s e r t r i n k e r s p r i c h t. - Trinke deinen

Wein nur weiter, der dich dein Leben lang gelabt hat, -

was geht es dich an, daß ich ein Wassertrinker sein muß?

Sind Wein und Wasser nicht friedfertige brüderliche Elemente,

die ohne Vorwurf beieinander wohnen?

348

A u s d e m L a n d e d e r M e n s c h e n f r e s s e r. -

In der Einsamkeit frißt sich der Einsame selbst auf, in der

Vielsamkeit fressen ihn die vielen. Nun wähle.

349

I m G e f r i e r p u n k t d e s W i l l e n s. - "Endlich

einmal kommt sie doch, jene Stunde, die dich in die goldene

Wolke der Schmerzlosigkeit einhüllen wird: wo die

Seele ihre eigene Müdigkeit genießt und glücklich im geduldigen

Spiele mit ihrer Geduld den Wellen eines Sees

gleicht, die an einem ruhigen Sommertage, im Widerglanze

eines buntgefärbten Abendhimmels, am Ufer schlürfen,

schlürfen und wieder stille sind - ohne Ende, ohne

Zweck, ohne Sättigung, ohne Bedürfnis, - ganz Ruhe,

die sich am Wechsel freut, ganz Zurückebben und Einfluten

in den Pulsschlag der Natur." Dies ist Empfindung

und Rede aller Kranken: erreichen sie aber jene Stunden,

so kommt, nach kurzem Genusse, die Langeweile. Diese

aber ist der Tauwind für den eingefrornen Willen: er erwacht,

bewegt sich und zeugt wieder Wunsch auf Wunsch.

- Wünschen ist ein Anzeichen von Genesung oder Besserung.

350

D a s v e r l e u g n e t e I d e a l. - Ausnahmsweise

kommt es vor, daß einer das Höchste erst dann erreicht,

wenn er sein Ideal verleugnet: denn dies Ideal trieb ihn

bisher zu heftig an, so daß er in der Mitte der jedesmaligen

Bahn außer Atem kam und stehenbleiben mußte.

351

V e r r ä t e r i s c h e N e i g u n g. - Man beachte es

als Merkmal eines neidischen, aber höher strebenden Menschen,

wenn er sich von dem Gedanken angezogen fühlt,

daß es dem Vortrefflichen gegenüber nur e i n e Rettung

gibt: Liebe.

352

T r e p p e n - G l ü c k. - Wie der Witz mancher Menschen

nicht mit der Gelegenheit gleichen Schritt hält, so

daß die Gelegenheit schon durch die Türe hindurch ist,

während der Witz noch auf der Treppe steht: so gibt es

bei anderen eine Art von Treppen-Glück, welches zu langsam

läuft, um der schnellfüßigen Zeit immer zur Seite zu

sein: das Beste, was sie von einem Erlebnis, einer ganzen

Lebensstrecke zu genießen bekommen, fällt ihnen erst

lange Zeit hinterher zu, oft nur als ein schwacher, gewürzter

Duft, welcher Sehnsucht erweckt und Trauer -

als ob es möglich gewesen wäre - irgendwann - in diesem

Element sich recht satt zu trinken: nun aber ist es zu

spät.

353

W ü r m e r. - Es spricht nicht gegen die Reife eines

Geistes, daß er einige Würmer hat.

354

D e r s i e g r e i c h e S i t z. Eine gute Haltung zu

Pferd stiehlt dem Gegner den Mut, dem Zuschauer das

Herz, - wozu erst noch angreifen? Sitze wie einer, der

gesiegt hat!

355

G e f a h r i n d e r B e w u n d e r u n g. - Man kann

aus allzu großer Bewunderung für fremde Tugenden den

Sinn für seine eignen und, durch Mangel an Übung, zuletzt

diese selbst verlieren, ohne die fremden dafür zum

Ersatz zu erhalten.

356

N u t z e n d e r K r ä n k l i c h k e i t. - Wer oft

krank ist, hat nicht nur einen viel größeren Genuß am

Gesundsein, wegen seines häufigen Gesundwerdens: sondern

auch einen höchst geschärften Sinn für Gesundes und

Krankhaftes in Werken und Handlungen, eigenen und

fremden: so daß zum Beispiel gerade die kränklichen

Schriftsteller - und darunter sind leider fast alle großen

- in ihren Schriften einen viel sichreren und gleichmäßigeren

Ton der Gesundheit zu haben pflegen, weil

sie besser als die körperlich Robusten sich auf die Philosophie

der seelischen Gesundheit und Genesung und ihre

Lehrmeister: Vormittag, Sonnenschein, Wald und Wasserquelle,

verstehen.

357

U n t r e u e, B e d i n g u n g d e r M e i s t e r s c h a f t.

- Es hilft nichts: jeder Meister hat nur e i n e n Schüler

- und der wird ihm untreu - denn er ist zur Meisterschaft

auch bestimmt.

358

N i e u m s o n s t. - Im Gebirge der Wahrheit kletterst

du nie umsonst: entweder du kommst schon heute weiter

hinauf oder du übst deine Kräfte, um morgen höher steigen

zu können.

359

V o r g r a u e n F e n s t e r s c h e i b e n. - Ist denn

das, was ihr durch dies Fenster von der Welt seht, so

schön, daß ihr durchaus durch kein anderes Fenster mehr

blicken wollt - ja selbst andere davon abzuhalten den

Versuch macht?

360

A n z e i c h e n s t a r k e r W a n d l u n g e n. - Es ist

ein Zeichen, wenn man von lange Vergessenen oder Toten

träumt, daß man eine starke Wandlung in sich durchlebt

hat und daß der Boden, auf dem man lebt, völlig umgegraben

worden ist: da stehen die Toten auf, und unser

Altertum wird Neutum.

361

A r z n e i d e r S e e l e. - Still-liegen und Wenig-denken

ist das wohlfeilste Arzneimittel für alle Krankheiten

der Seele und wird, bei gutem Willen, von Stunde

zu Stunde seines Gebrauchs angenehmer.

362

Z u r R a n g o r d n u n g d e r G e i s t e r. - Es ordnet

dich tief unter jenen, daß du die Ausnahmen festzustellen

suchst, jener aber die Regel.

363

D e r F a t a l i s t. - Du m u ß t an das Fatum glauben,

- dazu kann die Wissenschaft dich zwingen. Was

dann aus diesem Glauben bei dir herauswächst - Feigheit,

Ergebung oder Großartigkeit und Freimut -, das legt

Zeugnis von dem Erdreich ab, in welches jenes Samenkorn

gestreut wurde, nicht aber vom Samenkorn selbst - denn

aus ihm kann alles und jedes werden.

364

G r u n d v i e l e r V e r d r i e ß l i c h k e i t. - Wer im

Leben das Schöne dem Nützlichen vorzieht, wird sich

gewiß zuletzt, wie das Kind, welches Zuckerwerk dem

Brote vorzieht, den Magen verderben und sehr verdrießlich

in die Welt sehen.

365

Ü b e r m a ß a l s H e i l m i t t e l. - Man kann sich

seine eigne Begabung dadurch wieder schmackhaft machen,

daß man längere Zeit die entgegengesetzte übermäßig verehrt

und genießt. - Das Übermaß als Heilmittel zu gebrauchen

ist einer der feineren Griffe in der Lebenskunst.

366

" W o l l e e i n S e l b s t. " - Die tätigen, erfolgreichen

Naturen handeln nicht nach dem Spruche "kenne dich

selbst", sondern wie als ob ihnen der Befehl vorschwebte:

w o l l e ein Selbst, so w i r s t du ein Selbst. - Das

Schicksal scheint ihnen immer noch die Wahl gelassen zu

haben; während die Untätigen und Beschaulichen darüber

nachsinnen, wie sie jenes eine Mal, beim Eintritt ins Leben,

gewählt h a b e n.

367

W o m ö g l i c h o h n e A n h a n g l e b e n. - Wie

wenig Anhänger zu bedeuten haben, begreift man erst,

wenn man aufgehört hat, der Anhänger seiner Anhänger

zu sein.

368

S i c h v e r d u n k e l n. - Man muß sich zu verdunkeln

verstehen, um die Mückenschwärme allzu lästiger Bewunderer

loszuwerden.

369

L a n g e w e i l e. - Es gibt eine Langeweile der feinsten

und gebildetsten Köpfe, denen das Beste, was die

Erde bietet, schal geworden ist: gewöhnt daran, ausgesuchte

und immer ausgesuchtere Kost zu essen und vor

der gröberen sich zu ekeln, sind sie in G e f a h r Hungers zu

sterben - denn des Allerbesten ist nur wenig da, und

mitunter ist es unzugänglich oder steinhart geworden, so

daß es auch gute Zähne nicht mehr beißen können.

370

D i e G e f a h r i n d e r B e w u n d e r u n g. - Die

Bewunderung einer Eigenschaft oder Kunst kann so stark

sein, daß sie uns abhält, nach ihrem Besitz zu streben.

371

W a s m a n v o n d e r K u n s t w i l l. - Der eine will

vermittels der Kunst sich seines Wesens freuen, der andere

will mit ihrer Hilfe zeitweilig über sein Wesen hinaus,

von ihm weg. Nach beiden Bedürfnissen gibt es eine doppelte

Art von Kunst und Künstlern.

372

A b f a l l. - Wer von uns abfällt, beleidigt damit vielleicht

nicht uns, aber sicherlich unsere Anhänger.

373

N a c h d e m T o d e. - Wir finden es gewöhnlich erst

lange nach dem Tode eines Menschen unbegreiflich, daß

er fehlt: bei ganz großen Menschen oft erst nach Jahrzehnten.

Wer ehrlich ist, meint bei einem Todesfalle gewöhnlich,

daß eigentlich nicht viel fehle und daß der

feierliche Leichenredner ein Heuchler sei. Erst die Not

lehrt das Nötig-sein eines einzelnen, und das rechte Epitaph

ist ein später Seufzer.

374

I m H a d e s l a s s e n. - Viele Dinge muß man im

Hades halbbewußten Fühlens lassen und nicht aus ihrem

Schatten-Dasein erlösen wollen, sonst werden sie, als Gedanke

und Wort, unsere dämonischen Herren und verlangen

grausam nach unsrem Blut.

375

N ä h e d e s B e t t l e r t u m s. - Auch der reichste

Geist hat gelegentlich den Schlüssel zu der Kammer verloren,

in der seine aufgespeicherten Schätze ruhen, und ist

dann dem Ärmsten gleich, der betteln muß, um nur zu leben.

376

Ketten-Denker. - Einem, der viel gedacht hat,

erscheint jeder neue Gedanke, den er hört oder liest, sofort

in Gestalt einer Kette.

377

M i t l e i d. - In der vergoldeten Scheide des Mitleidens

steckt mitunter der Dolch des Neides.

378

W a s i s t G e n i e ? - Ein hohes Ziel u n d die Mittel

dazu wollen.

379

E i t e l k e i t d e r K ä m p f e r. - Wer keine Hoffnung

hat, in einem Kampfe zu siegen, oder ersichtlich

unterlegen ist, will um so mehr, daß die Art seines Kämpfens

bewundert werde.

380

D a s p h i l o s o p h i s c h e L e b e n w i r d m i ß g e d e u t e t.

- In dem Augenblicke, wo jemand anfängt mit

der Philosophie Ernst zu machen, glaubt alle Welt das

Gegenteil davon.

381

N a c h a h m u n g. - Das Schlechte gewinnt durch

die Nachahmung an Ansehen, das Gute verliert dabei -

namentlich in der Kunst.

382

L e t z t e L e h r e d e r H i s t o r i e. - "Ach, daß ich

damals gelebt hätte!" - das ist die Rede törichter und

spielerischer Menschen. Vielmehr wird man, bei jedem

Stück Geschichte, das man e r n s t l i c h betrachtet hat,

und sei es das gelobteste Land der Vergangenheit, zuletzt

ausrufen: "nur nicht dahin wieder zurück! Der Geist

jener Zeit würde mit der Last von hundert Atmosphären

auf dich drücken, des Guten und Schönen an ihr würdest

du dich nicht erfreuen, ihr Schlimmes nicht verdauen

können." - Zuverlässig wird die Nachwelt ebenso über

unsere Zeit urteilen: sie sei unausstehlich, das Leben in

ihr unlebebar gewesen. - Und doch hält es jeder in

seiner Zeit aus? - Ja, und zwar deshalb, weil der Geist

seiner Zeit nicht nur a u f ihm liegt, sondern auch in

ihm ist. Der Geist der Zeit leistet sich selber Widerstand,

trägt sich selber.

383

G r o ß h e i t a l s M a s k e. - Mit Großheit des Benehmens

erbittert man seine Feinde, mit Neid, den man

merken läßt, versöhnt man sie sich beinahe: denn der

Neid vergleicht, setzt gleich, er ist eine unfreiwillige und

stöhnende Art von Bescheidenheit. - Ob wohl hier und

da, des erwähnten Vorteils halber, der Neid als Maske

vorgenommen worden ist, von solchen, welche nicht neidisch

waren? Vielleicht; sicherlich aber wird Großheit des

Benehmens oft als Maske des Neides gebraucht, von Ehrgeizigen,

welche lieber Nachteile erleiden und ihre Feinde

erbittern wollen als merken lassen, daß sie sich innerlich

ihnen gleichsetzen.

384

U n v e r z e i h l i c h. - Du hast ihm eine Gelegenheit

gegeben, Größe des Charakters zu zeigen, und er hat

sie nicht benutzt. Das wird er dir nie verzeihen.

385

G e g e n - S ä t z e. - Das Greisenhafteste, was je über

den Menschen gedacht worden ist, steckt in dem berühmten

Satze "das Ich ist immer hassenswert"; das Kindlichste

in dem noch berühmteren "liebe deinen Nächsten,

wie dich selbst". - Bei dem einen hat die Menschenkenntnis

aufgehört, bei dem andern noch gar nicht angefangen.

386

D a s f e h l e n d e O h r. - "Man gehört noch zum

Pöbel, solange man immer auf andere die Schuld schiebt;

man ist auf der Bahn der Weisheit, wenn man immer nur

sich selber verantwortlich macht; aber der Weise findet niemanden

schuldig, weder sich noch andere." - Wer sagt

dies? - Epiktet, vor achtzehnhundert Jahren. - Man

hat es gehört, aber vergessen. - Nein, man hat es nicht

gehört und nicht vergessen: nicht jedes Ding vergißt sich.

Aber man hatte das Ohr nicht dafür, das Ohr Epiktets. -

So hat er es also sich selber ins Ohr gesagt? - So ist es:

Weisheit ist das Gezischel des Einsamen mit sich auf vollem

Markte.

387

F e h l e r d e s S t a n d p u n k t e s, n i c h t d e s A u g e s.

- Man steht sich selber immer einige Schritte zu

nah; und dem Nächsten immer einige Schritte zu fern.

So kommt es, daß man ihn zu sehr in Bausch und Bogen

beurteilt und sich selber zu sehr nach einzelnen gelegentlichen

unbeträchtlichen Zügen und Vorkommnissen.

388

D i e I g n o r a n z i n W a f f e n. - Wie leicht nehmen

wir es, ob ein andrer von einer Sache weiß oder nicht

weiß, - während er vielleicht schon bei der Vorstellung

Blut schwitzt, daß man ihn hierin für unwissend halte.

Ja, es gibt ausgesuchte Narren, welche immer mit einem

vollen Köcher von Bannflüchen und Machtsprüchen einhergehen,

bereit, jeden niederzuschießen, der merken läßt,

es gebe Dinge, worin ihr Urteil nicht in Betracht komme.

389

A m T r i n k t i s c h d e r E r f a h r u n g. - Personen,

welche aus angeborner Mäßigkeit jedes Glas halb

ausgetrunken stehen lassen, wollen nicht zugeben, daß

jedes Ding in der Welt seine Neige und Hefe habe.

390

S i n g v ö g e l. - Die Anhänger eines großen Mannes

pflegen sich zu blenden, um sein Lob besser singen zu

können.

391

N i c h t g e w a c h s e n. - Das Gute mißfällt uns,

wenn wir ihm nicht gewachsen sind.

392

D i e R e g e l a l s M u t t e r o d e r a l s K i n d. -

Ein anderer Zustand ist der, welcher die Regel gebiert,

ein andrer der, welchen die Regel gebiert.

393

K o m ö d i e. - Wir ernten mitunter Liebe und Ehre

für Taten oder Werke, welche wir längst wie eine Haut

von uns abgestreift haben: da werden wir leicht verführt,

die Komödianten unserer eigenen Vergangenheit zu

machen und das alte Fell noch einmal über die Schultern

zu werfen - und nicht nur aus Eitelkeit, sondern auch

aus Wohlwollen gegen unsere Bewunderer.

394

F e h l e r d e r B i o g r a p h e n. - Die kleine Kraft,

welche not tut, einen Kahn in den Strom hineinzustoßen,

soll nicht mit der Kraft dieses Stromes, der ihn fürderhin

trägt, verwechselt werden: aber es geschieht fast in allen

Biographien.

395

N i c h t z u t e u e r k a u f e n. - Was man zu teuer

kauft, verwendet man gewöhnlich auch noch schlecht, weil

ohne Liebe und mit peinlicher Erinnerung - und so hat

man einen doppelten Nachteil davon.

396

W e l c h e P h i l o s o p h i e i m m e r d e r G e s e l l s c h a f t

n o t t u t. - Der Pfeiler der gesellschaftlichen

Ordnung ruht auf dem Grunde, daß ein jeder auf das, was

er ist, tut und erstrebt, auf seine Gesundheit oder Krankheit,

seine Armut oder Wohlstand, seine Ehre oder Unansehnlichkeit,

mit Heiterkeit hinblickt und dabei empfindet

" i c h t a u s c h e d o c h m i t k e i n e m ". - Wer

an der Ordnung der Gesellschaft bauen will, möge nur

immer diese Philosophie der heiteren Tauschablehnung

und Neidlosigkeit in die Herzen einpflanzen.

397

A n z e i c h e n d e r v o r n e h m e n S e e l e. - Eine

vornehme Seele ist die nicht, welche der höchsten Aufschwünge

fähig ist, sondern jene, welche sich wenig erhebt

und wenig fällt, aber i m m e r in einer freieren

durchleuchteten Luft und Höhe wohnt.

398

D a s G r o ß e u n d s e i n B e t r a c h t e r. - Die

beste Wirkung des Großen ist, daß es dem Betrachter ein

vergrößerndes und abrundendes Auge einsetzt.

399

S i c h g e n ü g e n l a s s e n. - Die erlangte Reife des

Verstandes bekundet sich darin, daß man dorthin, wo

seltene Blumen unter den spitzigsten Dornenhecken der

Erkenntnis stehen, nicht mehr geht und sich an Garten,

Wald, Wiese und Ackerfeld genügen läßt, in Anbetracht,

wie das Leben für das Seltene und Außergewöhnliche

zu kurz ist.

400

V o r t e i l i n d e r E n t b e h r u n g. - Wer immerdar

in der Wärme und Fülle des Herzens und gleichsam

in der Sommerluft der Seele lebt, kann sich jenes schauerliche

Entzücken nicht vorstellen, welches winterlichere Naturen

ergreift, die ausnahmsweise von den Strahlen der

Liebe und dem lauen Anhauche eines sonnigen Februartages

berührt werden.

401

R e z e p t f ü r d e n D u l d e r. - Dir wird die Last

des Lebens zu schwer? - So mußt du die Last deines

Lebens vermehren. Wenn der Dulder endlich nach dem

Flusse Lethe dürstet und sucht, - so muß er zum H e l d e n

werden, um ihn gewiß zu finden.

402

D e r R i c h t e r. - Wer jemandes Ideal geschaut hat,

ist dessen unerbittlicher Richter und gleichsam sein böses

Gewissen.

403

N u t z e n d e r g r o ß e n E n t s a g u n g. - Das

Nützlichste an der großen Entsagung ist, daß sie uns jenen

Tugendstolz mitteilt, vermöge dessen wir von da an leicht

viele kleine Entsagungen von uns erlangen.

404

W i e d i e P f l i c h t G l a n z b e k o m m t. - Das

Mittel, um deine eherne Pflicht im Auge von jedermann in

Gold zu verwandeln, heißt: halte immer etwas mehr als

du versprichst.

405

G e b e t z u M e n s c h e n. - "Vergib uns unsere Tugenden"

- so soll man zu Menschen beten.

406

S c h a f f e n d e u n d G e n i e ß e n d e. - Jeder Genießende

meint, dem Baume habe es an der Frucht gelegen;

aber ihm lag am Samen. - Hierin besteht der Unterschied

zwischen allen Schaffenden und Genießenden.

407

D e r R u h m a l l e r G r o ß e n. - Was ist am Genie

gelegen, wenn es nicht seinem Betrachter und Verehrer

solche Freiheit und Höhe des Gefühls mitteilt, daß er des

Genies nicht mehr bedarf! - S i c h ü b e r f l ü s s i g

m a c h e n - das ist der Ruhm aller Großen.

408

D i e H a d e s f a h r t. - Auch ich bin in der Unterwelt

gewesen wie Odysseus, und werde es noch öfter

sein; und nicht nur Hammel habe ich geopfert, um mit

einigen Toten reden zu können, sondern des eignen Blutes

nicht geschont. Vier Paare waren es, welche sich mir,

dem Opfernden, nicht versagten: Epikur und Montaigne,

Goethe und Spinoza, Plato und Rousseau, Pascal und

Schopenhauer. Mit diesen muß ich mich auseinandersetzen,

wenn ich lange allein gewandert bin, von ihnen

will ich mir Recht und Unrecht geben lassen, ihnen will

ich zuhören, wenn sie sich dabei selber untereinander recht

und unrecht geben. Was ich auch nur sage, beschließe,

für mich und andere ausdenke: auf jene acht hefte ich

die Augen und sehe die ihrigen auf mich geheftet. -

Mögen die Lebenden es mir verzeihen, wenn s i e mir

mitunter wie die Schatten vorkommen, so verblichen und

verdrießlich, so unruhig und ach! so lüstern nach Leben:

während jene mir dann so lebendig scheinen, als ob sie

nun, n a c h dem Tode, nimmermehr lebensmüde werden

könnten. A u f d i e e w i g e L e b e n d i g k e i t aber

kommt es an: was ist am "ewigen Leben" und überhaupt

am Leben gelegen!